Technik oder Technologie – das ist hier die Frage

Veröffentlicht am 18. Feb. 2019 von unter James Cridland

James Cridland's Radio Future2007 habe ich bei der BBC in London angefangen, in einer Abteilung, die damals unter dem Namen Future Media and Technology firmierte. Und gleich nach meinem Einstand wurde mir eingeschärft, dass es im Hause zwei Arten von Technologie gibt: „Big T“ und „Little T“.

„Big T“ war weniger Technologie, sondern Technik im klassischen Sinne. Technik, die Unsummen von Geld verschlang. Sender, Studiosysteme, Ü-Wagen, Kameras, CD-Player und der ganze Kram. Dem Inschenör ist nix zu schwör.

(Bild: ©BBC)

(Bild: ©BBC)

„Big T“ war innerhalb der BBC fester Bestandteil. Als man seinerzeit in London das Broadcasting House baute, war das größte Büro von Anfang an nicht für die Generaldirektoren, sondern für den Cheftechniker vorgesehen, so sagte man mir hinter vorgehaltener Hand. Und wenn man mit den „Big T“-Leuten abends im Pub zusammensaß, kam nach ein paar Bier meistens heraus, was sie wirklich dachten: Für sie war die BBC ein Unternehmen für Rundfunktechnik, in dem einige Programmgestalter ein und aus gingen, die gnädigerweise diese schöne Technik nutzen durften, solange sie nichts kaputtmachten.

„Little T“ war das, was man Technologie nennt, und war meistens eher klein. Laptops, Websites, Webcams, Perl Scripts, E-Mail-Systeme usw. Und natürlich fiel alles, was irgendwie mit dem Web zu tun hatte, in den Bereich „Little T“.
Diese Trennung war bei vielen Radiosendern und Radiounternehmen relativ üblich, bereitete aber den Leuten, die am Schnittpunkt beider Bereiche arbeiteten, zunehmend Schwierigkeiten.

„Big T“ hat großzügige Budgets, ein hohes Maß an Verantwortung und sehr lange Durchlaufzeiten. Hier fallen Begriffe wie „Versorgungsauftrag“ und „Vorsicht Hochspannung“. „Little T“ hat kleinere Budgets, soll aber gefälligst mit Fortschritten im Online-Bereich Schritt halten. Kein Wunder, dass man dabei mitunter etwas weniger elastisch ist und die Erwartungen nicht immer erfüllen kann. Tatsache ist: Zwischen „Big T“ und „Little T“ herrscht ein Interessenskonflikt.

Nennen wir als Beispiel die Streaming-Infrastruktur eines Radiosenders: Wer ist zuständig? Die Computerleute oder die Ingenieure? Es ist Audio, also fällt es wohl in den Bereich Rundfunktechnik. Aber im Prinzip sind es Computer, die eine Schnittstelle zum Verbraucherinternet schaffen, also „Little T“. Wer macht also was? Die Audiodateien aus dem Playout-System („Big T“) müssen enkodiert und auf den Audio-Server geladen werden („Little T“). Man muss prüfen, welches Studio gerade on air ist („Big T“), um den Webcam-Feed für die Website einzuschalten („Little T“). Es gibt auch Teile der Rundfunkinfrastruktur, in denen „Little T“ und „Big T“ ineinandergreifen. Welche Daten werden zum Beispiel in einen RDS-Encoder oder in das DAB DLS eingespeist?

Früher war die Technikabteilung ein kompliziertes Paralleluniversum, in dem Lötkolben, und Schraubenzieher das Bild prägten. Hier wurden Umlenkrollen bei Cartmaschinen ersetzt, Bandmaschinen und DAT-Recorder mit einem Wirrwarr von Kabeln angeschlossen. Aber das Studio von einst ist Schnee von gestern. Heutzutage stehen dort einige vernetzte Computer und vielleicht noch ein paar andere Geräte, die aber auch nicht unbedingt im eigenen Hause gewartet werden können. Aus der Technikabteilung ist im Wesentlichen eine interne spezialisierte IT-Abteilung geworden.

Die schlaueren Radiounternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und leisten sich inzwischen nur noch eine IT-Abteilung, die an manchen Tagen die Verkaufsdatenbank pflegt und sich am anderen Tag um das Studiosystem kümmert. Vielleicht haben sie noch den einen oder anderen Rundfunktechniker auf der Gehaltsliste (oder auf Honorarbasis), aber IT ist inzwischen tonangebend im ganzen Unternehmen. Nach meiner Erfahrung gehören Technik und Technologie inzwischen zusammen, wenn man effizient arbeiten und neue Wege gehen will.

Falls es bei euch immer noch eine eigene Technik- und eine IT-Abteilung gibt, solltet ihr das vielleicht einmal überdenken. Denn wenn „Big T“ und „Little T“ sich zusammentun, kann daraus nur Gutes entstehen.


James Cridland

James Cridland

Der Radio-Futurologe James Cridland spricht auf Radio-Kongressen über die Zukunft des Radios, schreibt regelmäßig für Fachmagazine und berät eine Vielzahl von Radiosendern immer mit dem Ziel, dass Radio auch in Zukunft noch relevant bleibt. Er betreibt den Medieninformationsdienst media.info und hilft bei der Organisation der jährlichen Next Radio conference in Großbritannien. Er veröffentlicht auch podnews.net mit Kurznews aus der Podcast-Welt. Sein wöchentlicher Newsletter (in Englisch) beinhaltet wertvolle Links, News und Meinungen für Radiomacher und kann hier kostenlos bestellt werden: james.crid.land.

 

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