Thorsten Rother: Es wird wieder viel Geld und Know-how in Programme investiert

Thorsten Rother (Bild: RADIO SALÜ)

In einer weiteren Folge über die „heimlichen Helden“ im deutschen Radio stellen wir heute mit Thorsten Rother, den Programmdirektor von RADIO SALÜ und CLASSIC ROCK RADIO, vor. Rother verantwortet die saarländischen Privatsender seit 1. Mai 2017 und war zuvor Programmchef bei Radio Fantasy in Augsburg. Der gebürtige Hannoveraner ist bereits seit über 25 Jahren in der Radiobranche tätig, in den letzten Jahren vorrangig in den Bereichen Strategische Programmplanung und OnAir Design. Zu seinen weiteren beruflichen Stationen gehören unter anderem Antenne Niedersachen, Antenne Thüringen und Landeswelle Thüringen.

Der seit 1989 sendende saarländische Marktführer RADIO SALÜ behauptet sich seit vielen Jahren erfolgreich gegenüber dem öffentliche-rechtlichen Hauptmitbewerber SR 1 Europawelle sowie den jungen Angeboten 103.7 UNSER DING und bigFM Saarland.


RADIOSZENE sprach mit Thorsten Rother über seine Arbeit und die Veränderungen im Hörfunk- und Musikmarkt.

RADIOSZENE: Wie sind Sie beim Radio gelandet?

Thorsten Rother: HITRADIO N1 in Nürnberg war mein erster Radiokontakt. In der Frankenmetropole durfte ich als Moderator meine ersten Schritte im Rundfunk machen.

RADIOSZENE: Welche Tätigkeitsfelder umfasst ihr Aufgabengebiet?

Thorsten Rother: Als Programmdirektor der saarländischen Radioprogramme RADIO SALÜ und CLASSIC ROCK RADIO ist es meine Aufgabe, die Qualität der Programme so zu gestalten, dass sie auch weiterhin von den Menschen im Saarland sehr gerne gehört werden. Dafür steht mir ein hervorragendes Team aus Radioprofis zur Verfügung, die in den einzelnen Resorts ein hohes Fachwissen vorweisen können und somit ebenfalls ein wichtiger Teil bei der Bewältigung der Herausforderungen von RADIO SALÜ und CLASSIC ROCK RADIO sind.

Thorsten Rother (Bild: RADIO SALÜ)

RADIOSZENE: Welche Bedeutung haben Musik und Musikspezialsendungen bei RADIO SALÜ?

Thorsten Rother: Musik ist weiterhin der Grund, warum Menschen einen Radiosender einschalten. Deswegen ist Musik auch eine tragende Säule für jeden Radiosender. Da Musik allerdings kaum noch Differenzierungen einzelner Formate zulässt, werden die Unterschiede der Programme nicht mehr über die Musik stattfinden können. Noch vor Jahren wäre es unmöglich gewesen, dass Künstler wie Avicii oder Axwell ^ Ingrosso auf Mainstream-AC Programmen Plays erhalten. Heute haben sich die Künstler mit ihren Produktionen so angepasst, dass auch ein Hörer über 30 nicht abgeschreckt wird.

RADIO SALÜ hat die “RADIO SALÜ – Megacharts” und “RADIO SALÜ in the Mix” in seinem Programmschema. Für Musikliebhaber ist ein breites Angebot verschiedener Online-Radiosender oder Playlisten entstanden. Die Zeiten, in denen man für eine Spezialsendung das Radio eingeschaltet hat, sind meiner Meinung nach vorbei.

RADIOSZENE: Wie hat sich der Stellenwert der Musik im Radio im Laufe der Zeit verändert?

Thorsten Rother: Wie schon beschrieben ist Musik heute immer noch wichtig, aber im Zuge der Digitalisierung der Hörer in den Hintergrund geraten. Musik ist heute überall für wenig Geld zu bekommen. Es stellt sich daher eher die Frage, was Musik den Menschen heute noch wert ist?

RADIOSZENE: Kritiker werfen ein, dass in Zeiten des Formatradios die Musikredaktion nur noch wenige Einflussmöglichkeiten auf die Musikabläufe haben. Welchen Einfluss hat die Musikredaktion von RADIO SALÜ?

Thorsten Rother: Es stellt sich doch grundsätzlich die Frage, was man unter „Einfluss“ versteht. Musikredakteure haben einen enormen Einfluss auf die Musikabläufe eines Senders, was sie zu einer wichtigen Institution eines Radiosenders macht. Immerhin steht und fällt mit ihrer Arbeit ein wichtiger Teil des Erfolgs eines Senders. Insofern empfinde ich den Einfluss des Musikredakteurs als ausgesprochen bedeutend.

RADIOSZENE: Welche Musik ist derzeit besonders angesagt – und gibt es bereits einen Trend von Morgen?

Thorsten Rother: Aktuell empfinde ich den Einfluss deutscher Musiker in den Programmen als besonders angesagt. Die Qualität der Songs ist wirklich toll und die Künstler sind Persönlichkeiten, die alle Zielgruppen ansprechen. Bei der Trendvorhersage bin ich stets etwas vorsichtiger. Es gibt Medien wie Youtube, die von heute auf morgen einen Trend auslösen können. Daher denke ich, dass wir uns auf spannende Zeiten freuen dürfen.

Stage Diving bei einem RADIO SALÜ-Konzert (Bild: RADIO SALÜ)

RADIOSZENE: In welcher Form arbeiten Sie mit der Musikwirtschaft zusammen?

Thorsten Rother: Auch RADIO SALÜ arbeitet selbstverständlich in enger Partnerschaft mit der Musikindustrie zusammen. Wir tauschen uns über kommende Musikthemen aus.

RADIOSZENE: Wie sehr haben sich Radio- und Musiklandschaft über die Jahre verändert?

Thorsten Rother: Ich würde sagen, dass sich die Radio- und Musiklandschaft über die Jahre sehr stark und positiv verändert haben. Es wird wieder viel Geld und Know-how in die Programme investiert. Alleine die vielen Online-Produkte der Sender zeigen doch, dass sich die Gattung Radio Gedanken macht, wie sie sich für die Zukunft bestmöglich gegen radioferne Konzerne aufstellen kann. Radio hatte aus meiner Sicht schon immer die große Gabe, sich wie kein anderes Medium auf Veränderungen der Nutzung einzustellen. Das wird auch in Zukunft so bleiben.

Die Musiklandschaft wird sich weiter im Netz und über neue Streaming-Dienste verbreiten. Was zwangsläufig dazu führen wird, dass die Hörerbindung noch stärker über bestehende oder neue Programminhalte erzielt werden sollte.

RADIOSZENE: Zuletzt hatte man den Eindruck, dass sich in den Single-Charts immer mehr Künstler bewegen, die bis vor kurzem völlig unbekannt waren. Täuscht dieser Eindruck und haben es die „großen Namen“ immer schwerer erfolgreich zu sein?

Thorsten Rother: Das sehe ich pragmatisch. Ein großer Name hat nicht mehr als einen Bekanntheitsvorschuss. Wenn aber die Musik der Masse nicht gefällt, dann spielen Namen keine Rolle mehr.

Heute ist es deutlich einfacher, Musik an jedem Ort der Welt zu produzieren. Ich möchte kurz an den Künstler Felix Jaehn erinnern. Der hat den Hit „Cheerleader“ von OMI in seinem Zimmer im Elternhaus produziert. Insofern hat sich auch die Kultur der Musikproduzenten stark verändert, worunter die etablierten Künstler sicher am deutlichsten leiden dürften.

RADIOSZENE: Welche Bedeutung haben die Top 100 generell für Sie? Und an welchen weiteren Quellen orientieren Sie sich bei der Musikauswahl?

Thorsten Rother: Die TOP 100 sind für mich aufgrund von empirischer Markt- & Musikforschung nicht die Quelle, mit denen wir unser Programm bewerten. Ich glaube, dass ein Blick über den Tellerrand der eigenen Forschung hilfreich sein kann, aber für eine Musikplanung sind die TOP 100 nicht valide genug. Wir orientieren uns an den Ergebnissen der Marktforschung, die auf unser Sendegebiet und unserer Zielgruppe ausgelegt ist.

RADIOSZENE: Wie wichtig sind Newcomer und neue Songs für das Programm von RADIO SALÜ?

Thorsten Rother: Ich glaube, dass neue Songs zum Geschmackszyklus eines Hörers dazugehören. Radio hat sich den Nimbus des „Hitmakers“ allerdings längst abgestreift. Daher spielt wirklich neue Musik von ganz neuen Künstlern eine untergeordnete Rolle. Wir spielen für das Saarland die Musik, die von unseren Hörern erwartet wird. Dazu gehört sicher auch ein Anteil an neuer Musik, der jedoch im Vergleich zu den aktuellen Hits deutlicher geringer ist.

RADIOSZENE: Deutsche Musik spielte zuletzt wieder eine wichtigere Rolle. Auch bei RADIO SALÜ?

Thorsten Rother: Selbstverständlich. Deutsche Künstler können sich dem Wettbewerb mit internationalen Künstlern selbstbewusst stellen. Bei uns im Saarland sehen wir eine ungebrochene  Akzeptanz für deutsche Musik.

RADIOSZENE: Wo liegen die Unterschiede zu Ihrem Hauptkonkurrenten SR 1 Europawelle?

Thorsten Rother: Musikalische Unterschiede sind heutzutage bei allen Mainstream-Programmen schwer auszumachen. Wir und SR 1 spielen die aktuellen Hits, gemixt mit den beliebtesten Hits der letzten 30 Jahre. Es ist nicht unser Stil, die inhaltliche Ausrichtung unserer Mitbewerber zu bewerten. Wir können unsere programmliche Strategie als „Saarland first“ beschreiben. Am Ende entscheidet der Hörer mit seiner Wahl des Senders, wo die relevanten Unterschiede liegen.

RADIOSZENE: Bei der zuletzt veröffentlichten MA 2017.II mussten gerade einige junge Formate Hörerverluste hinnehmen. Lag es an der erneut veränderten Methodik oder gehen dem Radio die jungen Hörer von der Fahne?

Thorsten Rother: Die Frage ist eher, wie können wir die jungen Zielgruppen überhaupt noch erreichen? Großteile der Erhebung finden über Festnetz statt. Das macht es schwierig bis unmöglich, eine Generation „Smartphone“ zu erreichen. Damit gewinnen die Wenigen, die noch erreicht werden, eine sehr hohe Gewichtung. Grundsätzlich haben wir einfach in vielen Bundesländern immer weniger junge Leute. Das drückt sich dann selbstverständlich auch in den Ergebnissen der Hörererhebung aus.

Das Internet und soziale Medien sind ohne Zweifel eine weitere Möglichkeit, seine „Freizeit“ zu gestalten. Studien belegen jedoch, dass die Gattung Radio weiterhin einen hohen Stellenwert bei den jungen Zielgruppen hat. Wir sind gut beraten, keine Schuldzuweisungen an andere Medien zu richten sondern sollten weiter versuchen durch gute Programme die jungen Menschen an uns zu binden.

Sendestudio (Bild: RADIO SALÜ)

RADIOSZENE: Was muss RADIO SALÜ beziehungsweise die Gattung allgemein tun, um die jungen Jahrgänge an das Radio zu binden?

Thorsten Rother: Wie schon beschrieben, sollten wir versuchen unsere Hausaufgaben zu machen. Es war schon immer unsere Aufgabe, die Programme so zu gestalten, dass es dem Hörer gefällt. Da halte ich es mit dem Satz: „Den Gästen soll mein Gericht schmecken, nicht dem Koch gefallen!“. RADIO SALÜ konzentriert sich auf die Bedürfnisse seiner Hörer, dazu gehören auch die jungen Zielgruppen.

RADIOSZENE: Zuletzt wurde wieder der Aufbau von Radio Personalities am Mikrofon gefordert. Gibt es in Deutschland tatsächlich zu wenige Moderatoren mit Charisma und zu viele Formatbeschränkungen im Radio?

Thorsten Rother: Gegenfrage. Was verstehen Sie unter Personalities? Sind es die geschätzten Kollegen wie John Ment, Wolfgang Leikermoser oder Arno Müller? Solche Personalities werden Sie nicht finden. Aber Sie können heute Talente entdecken, die sich in 20 Jahren zu genau den Persönlichkeiten entwickeln, die wir vermeintlich jetzt vermissen. Ich möchte nicht glauben, dass wir zu wenige Moderatoren mit Charisma haben. Wenn Sie mal in die Lokalradioszene in Bayern schauen, werden Sie viele dieser gesuchten Menschen finden. Leider sind viele dieser hervorragenden Radiomacher unter dem Radar der großen Sender. Die richtigen Radioverrückten, aus denen eben jene Personalities entwachsen, finden Sie auch heute noch, nur die Suche ist deutlich schwieriger geworden.

RADIOSZENE: Wie gehen Sie mit dem Thema Streaming-Dienste um? In Radiokreisen wird durchaus kontrovers über dieses Thema diskutiert…

Thorsten Rother: Wir sehen, dass die Streaming-Dienstanbieter eine steigende Beliebtheit erfahren. Grundsätzlich stehen wir jeglicher Konkurrenz offen gegenüber. Durch Konkurrenz sind wir selbst gezwungen, unsere Produkte und Angebote besser zu machen.

Die Technologie ist so rasant, dass wahrscheinlich schon in diesem Moment irgendwo auf der Welt ein Mensch sitzt, der auch die Streaming-Angebote revolutionieren kann. Wir werden das Thema weiterhin interessiert verfolgen und bei Bedarf fokussieren.

RADIOSZENE: Nahezu alle Sender verfügen heute über separate Musik-Spartenstreams im Internet. Bei RADIO SALÜ ist das einschlägige Angebot noch nicht ganz so üppig. Wie wichtig sind Webradios für Ihren Sender und die Branche?

Thorsten Rother: Webradios haben aus meiner Sicht die Aufgabe, Hörer an die Marke zu binden. Aus diesem Grund ist ein relativ breites Angebot sicher eine verständliche strategische Maßnahme.

Unsere bestehenden Streams zeigen, dass wir mit unserer Strategie absolut richtig handeln. Für RADIO SALÜ ist es wichtig, eine Balance zwischen Ökonomie und Nutzen zu wahren. Im August wurde der Webstream „Schlagerparty“ in RADIO SALÜ Mallorca-Style geändert. Seit diesem Zeitpunkt konnten wir die Zugriffszahlen deutlich steigern. Das Stream-Angebot von RADIO SALÜ wird auch zukünftig wachsen.

RADIOSZENE: Blicken Sie einmal fünf Jahre in die Zukunft: wie muss dann ein massen-attraktives Programm konkurrenzfähig aufgestellt sein?

Thorsten Rother: Durch relevanten Content aus dem Sendegebiet, mit einem auf die Zielgruppen ausgerichteten Musikmix. Dazu Menschen, die Lust haben, das Radio mit viel Liebe und Detailversessenheit weiterzuführen. Radio ist auch in Zukunft eine Orientierungshilfe für Menschen.

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RADIO SALÜ-Steckbrief

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