MA-Spezial: Qualität gewinnt

Veröffentlicht am 09. Mrz. 2011 von unter Bitter Lemmer

BitterLemmer_MA_bigWenn man es einmal böse formuliert (und warum sollte man nicht), dann haben die immer zahlreicheren Radiohörer Arroganz abgestraft. Sender, die sich mehr um die Kungelei mit dem politischen Umfeld kümmern als um ihre Hörer, sehen in der 1. MA dieses Jahres die Quittung. Und offenbar sind es vor allem junge Hörer, die besonders kritisch hinhören.

Das gilt im Kleinen wie im Großen. Im größten Bundesland NRW haben praktisch alle verloren, teils ordentlich. Gegen den Bundestrend sank dort auch die Gesamtzahl der Radiohörer. Über die Ursachen lässt sich trefflich spekulieren, aber es ist nicht sehr weit hergeholt, den Einfluss des Internets und seiner Radioangebote dafür geltend zu machen. Bisher war Nordrhein-Westfalen in Radiodingen ja so etwas wie das Tal der Ahnungslosen mit seiner Monokultur aus WDR und Radio NRW. Da sieht man den Dortmunder oder Kölner Media-Markt-Kunden schon staunen, wenn er zu Hause sein Wifi-Webradio einschaltet und hört, dass Radio auch ganz anders klingen kann als ein Gremiensender aus der heimischen Provinz.

Auch andere Dickschiffe gaben Hörer ab. Etwa RPR, FFH oder Antenne Bayern, deren Erfolg schon immer zu einem gewissen Anteil auf ihrer grandiosen Frequenzausstattung beruhte und die von daher nie wirklich etwas zu fürchten haben. Ein schönes Beispiel für ein reines Funktionärsradio ist auch das Berliner Radio Paradiso. Während der letzten MA-Umfrageperiode entfachte es aufgrund seines Lizenzentzugs eine beispiellose Zeitungskampagne mit Unterstützung der evangelischen Kirche und zahlreicher Promis. Trotzdem sank die Reichweite von schlecht auf sehr schlecht. Wie es scheint, besitzen Hörer heutzutage eine so gute Medienkompetenz, dass sie überflüssige Programme auch so behandeln. Und wie es scheint, bildet die neue Machart der MA die Stimmung besser ab als die vorherige.

Genug gegrantelt, der Rest ist höchst erfreulich für die Landschaft. Die Zahl der Hörer hat insgesamt ordentlich zugelegt und sich zudem verjüngt. Und sieht man hin, wer davon am meisten profitiert, dann freut man sich. Es sind die, die sich auf ihre Hörer und ihr Programm konzentrieren und nicht auf medienpolitische Nebenschauplätze. Etwa die Energy-Sender, die sich nach viel Auf und Ab offenbar gefunden haben; oder die Regiocast-Gruppe, die den Absturz ihrer einstigen Erfolgsstationen rs2 und Berliner Rundfunk gestoppt hat; oder die RTL-Gruppe, die in Berlin hübsch konsequent ihre Reichweiten ausbaut. Sogar das Sorgenkind RTL Sachsen hat diesmal ordentlich zugelegt.

Mein persönlicher Favorit ist freilich Radio Hamburg. Die Zuwachsrate ist mit 8,8 Prozent natürlich nicht die höchste, aber sie ist die bemerkenswerteste, weil sie aus einer hervorragenden eine noch hervorragendere Quote macht. Kein anderer Ballungsraumsender in Deutschland erreicht auch nur annähernd die jetzt 219.000 Hörer pro Stunde, die Radio Hamburg erreicht. Dieser Sender ist wirklich ein Phänomen. Seit gefühlt 100 Jahren steht er an der Spitze der Sender in der Hansestadt, mit der immer gleichen (funktionierenden) Strategie, dem alterslosen Morgenmann John Ment und einer Beständigkeit, zu der auch beständige Innovation in Programm, Marketing oder Webaktivität gehört.

Schmankerl am Rande: Bei den zehn bis 13-Jährigen fuhr Radio Hamburg sogar ein Plus von 73 Prozent ein.

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

Tags: ,

 

Kommentar hinterlassen

Archivierte Kommentare

  1. drfaust

    09. Mrz. 2011

    Lieber Autor,

    mit Qualität kennen Sie offensichtlich sich aus, versäumen es aber, zumindest ansatzweise Ihre eigenen Maßstäbe offen zu legen. Müssen Sie auch nicht, es wird auch so deutlich, dass Sie ein Verfechter der Schwarmintelligenz sind. Mehr Hörer = Qualität. Ist klar, klingt logisch.

    Nun ist das alles schön und gut: aber dass gerade der Referenzsender der 10- bis 13-Jährigen (man schreib das übrigens mit zwei Bindestrichen, nur soviel zur Orthografie) zur Ikone hochstilisiert wird, wirft dann doch eine Frage auf: Liegt es am ausgeprägten Qualitätsbewusstsein der Zielgruppe? Weiß man ja, in dieser Frage sind die 10- bis 13-Jährigen allen anderen weit voraus.

    Womit wir beim Stichwort “Medienkompetenz” wären. Mit der ist es ja bekanntlich nicht weit her. Da sind Sie ganz anderer Meinung, ich weiß, denn

    “offenbar sind es vor allem junge Hörer, die besonders kritisch hinhören.”

    Für dieses tadellose Hörerverhalten ist der “alterslose(n) Morgenmann John Ment” genau die richtige Adresse. So wie bei ihn hat sich kritisches Hinhören wohl selten gelohnt und einen schlüssigeren Beweis für die Qualitätsthese kann man somit gar nicht mehr finden.

    Aber nun mal ganz ehrlich: Im Grunde ist Ihnen das Radio doch peipegal, da es doch überwiegend von “Radiofritzen” gemacht wird, die statt guter Laune lieber politische Propaganda verbreiten
    (siehe http://www.radioszene.de/?p=21448).

    Und als Qualitäts-Journalist ist man schließlich doch auch irgendwie Jurist, ja mehr noch, einfach jederzeit fähig, über Dinge dieser Welt zur urteilen. Etwa über zu Guttenberg:

    “Mit einem Betrug im strafrechtlichen Sinn hat seine Plagiatsarbeit nun wirklich nichts zu tun.” (ibidem)

    Fast scheint es, als habe da ein Journalist seine Lektion gelernt. Denn Vorverurteilungen sind, weiß man ja, eine ziemlich böse Sache. Und hier kommt nun das glatte Gegenteil: der Vorfreispruch – noch relativ neu im Gewerbe, aber durchaus ausbaufähig.

    Leider ist damit aber auch schon alles gesagt: über die Welt, das persönliche Rechtsverständnis, die Qualität der Medien im Allgemeinen und über den freien Journalisten im Speziellen.