Skandale

Veröffentlicht am 01. Feb. 2005 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Skandale sind eine vorzügliche Kategorie. Gäbe es in Nachrichten eine vergleichbare Struktur wie in der Musik, dann wäre die Skandal-Kategorie das Gegenstück zur A-Rotation. Bewährt, getestet, gern genommen. Aber wehe, ein A-Titel funktioniert nicht, läuft und läuft vor sich hin, wird von den Hörern hingebungsvoll gehaßt, und der arme Musikchef merkt’s erst Wochen später im nächsten Callout. Das falsche Thema in der Skandal-Kategorie der Nachrichten hat dieselbe Wirkung. Der Hörer schaltet ab, und da hilft es gar nichts, wenn der Redakteur meint, er habe doch nur aufgetischt, was andere verkocht haben. Der Hörer ist weg, dem ist so was wurscht.

Skandale leben von der Unglaublichkeit eines Vorgangs. Nur, wenn er unglaublich genug ist, taugt er zum wirklichen Skandal-Aufmacher. Nur dann verdient er überhaupt das Prädikat „“Skandal“. Richtig nett ist ein Skandal auch nur dann, wenn er hohen Unterhaltungswert mit möglichst geringem Ernstfallschaden verbindet. Als die Menschen noch gebildet waren, gab es für solche Zwecke den gut inszenierten Theaterskandal. Aber der Wettskandal im deutschen Fußball ist auch nicht schlecht. Ein großartiges Brot-und-Spiele-Thema. Je nach Hörerschaft und persönlicher Vorliebe funktioniert der entweder bierernst oder mit gewisser Leichtigkeit im Tonfall, wie man’s braucht.

Der Wett-Skandal zeigt auch, wie das Verhältnis aus Bekanntem und echter Neuigkeit gemischt sein muß, um optimale Explosivwirkung zu erzielen. Grundsätzlich gilt ja, daß der Bauer nur ißt, was er kennt. Das bekannte im Wettskandal ist: die Bundesliga, die Namen der Vereine und Spieler, der Pokal, der Ball, das Tor, die Schlafmützigkeit und Arroganz der Funktionäre. Man nehme also all diese bekannten Zutaten und mische jetzt das Zündpulver hinzu, das aus dem behäbigen Bundesliga-Teig eine Portion Dynamit zaubert – ein korrupter Schiri, der Spiele gegen Geld verpfeift. Perfekt wär’s gewesen, wenn der Schiri schon vor dem Skandal berühmt gewesen wäre, ersatzweise als Bischof oder Notar ein ehrenhaftes Auskommen gehabt hätte. Die Geschichte war aber gut genug, um auch einen 25jährigen Nobody zum Skandal-Hoyzer zu mendeln. Immerhin ist der Mann ja auch fotogen.

Anders als gut eingespielte A-Titel in der Musik-Rotation haben Skandale eine relativ kurze Lebensdauer. Schon am dritten, vierten Tag zeigen sich erste Ermüdungserscheinungen. Man ertappt sich gelegentlich dabei, absolute Null-Nachrichten aufzuplustern, nach dem Motto: Hauptsache wieder was zum angesagten Skandal gehabt. Ist der Hörer noch ausgehungert, der Skandal noch neu genug, dann geht das vielleicht in Ordnung. Kein Mensch wird übertrieben auf die Details achten. Ist der Skandal schon etwas angeschimmelt, würde er – fragte man ihn in wöchentlichen Callouts ab – vermutlich eine hohe burn-Rate bekommen.

Auch insofern war der Wettskandal ein Geschenk des Himmels – wobei sich die Frage stellt, für wen. Himmlisch war er, weil er jungfräulich und gänzlich unversendet und unverschrieben plötzlich ganz und gar neuartig dastand. Eine Unglaublichkeit, mit der tatsächlich niemand gerechnet hatte und die doch eng mit vertrauten Lebenslagen verknüpft ist. Da lohnte es sich für Herrn und Frau Hörer, mal wieder ganz bewußt einen Sender einzustellen, und zwar den, der der beste ist, wenn es um die Skandalität geht. In diesem Fall könnte das ein sportaffines Radio sein oder ein Sender mit hoher Nachrichten– und Infokompenz. Erstmal blöd also für alle Sender, deren Nachrichten oder – falls vorhanden – Beiträge nach Schülerzeitungsniveau klingen. Das mögen manche Leute lieben, aber Quote bringt es nicht.

Aber auch hier ist dem Herrn Hoyzer nur zu danken. Weil der Fußball eher zur heiteren Disziplin zählt (die wiederum zu den Stärken des Radios gehört, zumal des privaten), könnte das Wett-Thema ganz gut funktioniert haben.

Vorsicht aber vor politischen Skandalen. Die sind meistens großer Mist. Zwei Beispiele seien hier untersucht: Die Raffgier der Politiker, und die NPD in Sachsen.

Politiker gehören traditionell den staatlichen Sendern und den Abo-Zeitungen. „Gehören“ ist hier nicht im Sinne des Eigentumsbegriffs gemeint, sondern in der Wahrnehmung von Zuschauern, Lesern und Hörern. Politiker reden in der Regel im staatlichen Fernsehen und haben grundsätzlich Vorfahrt im staatlichen Radio. Das gilt für raffgierige und korrekte Politiker gleichermaßen, wobei Medien wie Spiegel und Focus in Sachen Raffgier ein starkes Aufdecker-Image erarbeitet haben. Privatsender, die sich in diesem Feld tummeln, sollten wissen, was sie tun. Wenn es ihnen nicht gelingt, Politikerthemen genügend dominant zu besetzen, werden sie kaum gewinnen. Solche Themen zu besetzen erfordert hohen Aufwand an Recherche, Kontaktpflege und Zeit. Man könnte auch sagen: Vergessen wir’s einfach, jedenfalls auf die konventionelle Tour. Wenn wir dagegen den Mut besitzen, rebellischer, frecher und unangepaßter an politische Themen heranzugehen, könnte darin eine Chance liegen. Den eigenen Sender oder die eigenen Nachrichten zur Plattform der Respektlosigkeit gegen die Verstaubtheit und Altbackenheit der Parteienapparate zu profilieren, ist lohnenswert – schon deshalb, weil die Staatsfunker eher auf politisch korrekte Meinung denn auf Fakten setzen.

Kommen wir zur NPD. Was dazu in den letzten Wochen zu lesen, hören und sehen ist, zeigt beispielhaft die Sehnsucht vieler Journalisten nach Geborgenheit in einer dumpf dahintrabenden Herde von Lemmingen. Kein Tag vergeht zur Zeit, daß nicht irgendein Politiker ein neues Rezept verkündet, die Rechtsextremisten zu bekämpfen, kein Tag, ohne solche Rezepte durch die Medien geistern zu sehen, kein Tag, ohne dabei erneut an Unsäglichkeiten der NPD-Auftritte erinnert zu werden. Jedes untaugliche Rezept ist ein neuer Anlaß, das Geschwafel vom „Bomben-Holocaust“ ein weiteres Mal unters Volk zu bringen. Das ist einerseits handwerklich dumm, weil es uns als Sender nichts bringt, und es ist gesellschaftlich schädlich, weil es Gewöhnung an solchen Unsinn schafft.

Als am 27. Januar der 60. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung anbrach, plagten mich – offen gestanden –ungute Gefühle. Mein größter Horror war eine Nachrichtenlage aus Gedenktagsritual mit viel Moral, Geschichtsstunde und Korrektsprech à la Thierse. Als ich am Morgen las, daß Friedmann wegen angeblich brodelndem Antisemitismus an Auswanderung dachte, war ich eigentlich bedient. Den ganzen Tag das senden, was jeder in einer Mischung aus Beklemmung, Scham und Überdruß als Pflicht des Tages zu absolvieren haben sollte – nicht zuletzt unser Publikum? Der Tag wurde trotzdem gut. Rettung kam überraschend aus dem Landtag von NRW. Dort trat der frühere israelische Botschafter Avi Primor auf. Primor sprach davon, daß er kein anderes Volk kenne, das Mahnmale für die eigene Schande auftürmte als das deutsche. Denkmäler für Helden und eigene Glorie, ja: das kenne man aus der ganzen Welt. Aber Mahnmale der eigenen Schande? Nur die Deutschen, so Primor, hätten dazu den Mut und die Demut aufgebracht.

Dankenswerterweise hat uns der stenografische Dienst des nordrhein-westfälischen Landtags diesen Satz als MP3 geschickt (Download s.u.), und der Tag war gerettet: Primors Satz schaffte die Atmosphäre, in der auch Thierse überraschend neu wirkte. Primors Satz fegte die Verbissenheit der Rituale und der aktuellen NPD-Debatte aus den Hirnen. Vermutlich hat Primors Satz schneller und nachhaltiger gegen latente NPD-Sympathien gewirkt als jeder dieser wohlfeilen Standardsätze aus dem deutschen Politiker-Alltag. Da fordern sie von früh bis spät, die NPD müssen politisch bekämpft werden, statt es einfach zu tun, während Herr Primor mit einem Satz, großer Lässigkeit und generöser Haltung eine Schlacht um Köpfe und Stimmungen gewann.

Danke dafür!


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

Kommentar hinterlassen