Themenfindung 2018 im Radio

Veröffentlicht am 13. Apr. 2018 von unter Standpunkte

Michael Mennicken über Themenfindung 2018 im RadioWenn der Riecher des CvDs nicht mehr reicht:
Themenfindung 2018 muss Hörer-bezogen passieren

„Despacito“ von Luis Fonsi – 40% Prozent Ablehnung und raus aus dem Programm. Wenn es um unsere Musik geht, wissen wir Titel-genau, was unsere Hörer wollen und was nicht. Ganz anders ist das bei den Inhalten im Programm, also den Teilen, für die (viel) Geld investiert wird und an denen viele Arbeitsplätze hängen.

Es läuft doch…

Das inhaltliche Themenspektrum in vielen – nicht nur privaten – Radiosendern hat sich seit Jahren kaum geändert. Es gibt eine Reihe ernsterer Themen – häufig gerne in die Nachrichten verschoben – und dazu viel Buntes, Service, Gewinnspiele etc.. Die generellen Nutzungszahlen des Radios suggerieren dabei, der Hörer mag diesen Mix (- noch?). Doch das ist im Grunde auch schon alles, was wir an Informationen zu einzelnen Programmteilen haben – einen Gesamtüberblick. Natürlich „gönnen“ sich Sender vereinzelt auch zusätzliche, qualitative Analysen, allerdings meist erst wenn die Quoten schon „im freien Sturzflug“ sind.

…auch mit wenig Analyse.

Wir wissen auch nicht, ob unseren Hörern überhaupt der große Unfall mit Verkehrsbehinderungen, die neuesten Entscheidungen auf Stadt-, Region-, Landes-Ebene oder die neuesten Verlautbarungen des US-Präsidenten interessieren. Oder wollen sie eher weniger Nachrichten hören, weil sie ja das Meiste schon online gelesen haben? Und wünschen sie sich stattdessen vielleicht mehr Einschätzungen und Orientierung bei den Themen? Die meist nur halbjährlichen Programmauswertungen sind für solche Fragen zu grob. Bislang aber reichte das – die Nutzungszahlen des Mediums Radio sind weiterhin stabil.

Aber da ändert sich was…

„Alexa – spiel’ ein anderen Radiosender, spiel’ …“ So könnte es demnächst häufiger lauten. Denn intelligente Lautsprecher ermöglichen das schnelle Zappen ohne Aufwand. Gefällt mir der Musiktitel oder ein Inhalt im linearen Programm nicht mehr, kann ich in Sekunden – ohne mich zuhause aus meinem Sessel zu bewegen – ein anderes Programm auswählen. Das Äquivalent fürs Auto ist auch schon auf dem Markt. „Chris“ heißt das Gadget, dass von sich selbst sagt, es möchte der digitale Beifahrer werden.

Wie “Chris” funktioniert, zeigt dieses Video:

…und das bedeutet?

Der einzelne Sendeplatz, das einzelne Thema gewinnt immens an Bedeutung. Die Zeiten des fröhlichen „Ach, das versendet sich“ sind endgültig vorbei. Denn spätestens in den anbrechenden Boom-Zeiten von Alexa und Co, in den Zeiten immer umfassender, auch inhaltlicher Streaming-Angeboten bei Spotify und Konsorten versendet sich nichts mehr. Jeder einzelne Sendeplatz und jedes einzelne Thema muss die Hörer reizen, sonst heißt es vom bequemen Sofa aus: „Alexa spiel einen anderen Sender, spiel…“. Das bedeutet aber auch, Radiosender müssen stärker auf ihre Hörer hören.

„Andere“ wissen mehr…

Die Print-Kollegen machen das schon – bei ihnen ist der inhaltliche Leserinteressen-Nebel deutlich durchsichtiger geworden. Sie haben Instrumente entwickelt, mit denen sie identifizieren können, was ihre Leser gerne lesen wollen. Der Traffic-Report früher bzw. die verfeinerte Aussagekraft z.B. per Article Score (eingesetzt bei Welt aktuell), zeigen den Blattmachern, welche Themen die Leser bewegen – in Echtzeit. Entsprechend zielgenau können sie ihre Online-Angebote ausrichten. Die Rheinische Post geht sogar noch einen Schritt weiter: Sie sucht proaktiv u.a. über Social Media Plattformen, welche Themen im Verbreitungsgebiet Gesprächsstoff sind. Listening-Center heißt das Ohr ins Netz, dass den Lesern auf die Tastatur schaut und damit registriert, welche Themen spannend sind. (Hier erläutern Chefredakteur Michael Bröcker und der Projektleiter des Listening Centers Daniel Fiene bei den Frankfurter Tagen des Online Journalismus 2017 das Projekt) 

…und machen damit Audio –

Eine besondere Dynamik bekommt diese Entwicklung über Podcasts. Zunehmend entdecken die Print-Kollegen neben Video vor allem Audio als Verbreitungskanal für ihre Inhalte. So präsentiert die Süddeutsche Zeitung täglich z. B. den Podcast „Das Thema“, bei Spiegel-Online sind u. a. die Podcasts „Stimmenfang“ und „Hörweite“ regelmäßig zu hören und auch bei der Rheinischen Post in Düsseldorf gibt es direkt eine Palette von Podcasts. Ihr Chefredakteur Michael Bröcker findet Audio richtig gut und sagt: „Audio ist das Medium der mobilen Generation.“

– eine Gefahr?

Ja – dieser Trend wird gefährlich für klassische Radiosender, wenn die oben beschriebene Themenoptimierung auf die Podcast-Produktion trifft. Dann entsteht ein optimiertes Audioangebot, dass (sehr) genau auf eine Zielgruppe und/oder ein Verbreitungsgebiet zugeschnitten ist. Wohlmöglich ist es sogar wesentlich näher an den Interessen der Hörer als das klassische Radio. Fatal – viele, vornehmlich Privatsender lassen den „Podcast-Zug“ an sich vorbeirauschen.

Die Chance für`s Radio…

…heißt Facebook (und mit Abstrichen vor allem in Bezug auf die Größe der Community andere Social Media Plattformen). Ja, Facebook – die Plattform, die aktuell sicherlich in manchen Punkten zu Recht im Gegenwind steht, aber 1. kommen wir als Medien nach wie vor kaum um Facebook rum, 2. sind viele der geäußerten Kritikpunkte auch differenzierter zu sehen (siehe dazu diesen sehr aufschlussreichen Text von Dennis Horn) und 3. haben wir uns alle mühsam Communities auf Facebook aufgebaut und die gilt es besser zu nutzen. Denn Facebook kann nicht nur prima als Gewinnspielplattform (Achtung Newsfeed-Veränderungen) und Aktionsplakatwand genutzt werden, sondern vor allem auch als Themengradmesser. Ein ernstes Thema, ein gutes Teaserbild und eine knackige Frage an die Community – schon ist sie eröffnet, die Thementestphase. Wie viele Likes kassiert das Thema bei Facebook, wie oft wird es geteilt und wie kommentieren es unsere Nutzer. Nahezu in Echtzeit bekommen wir dann Ergebnisse zu unserer inhaltlichen Arbeit.

…mit vielen Pluspunkten

Das „Themen-Barometer Facebook“ hilft dabei, gleich drei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen:

  1. Wir bekommen Rückmeldungen auf unsere Themen.
  2. Aus den Kommentaren lassen sich ggfs. neue Themen generieren.
  3. Wir arbeiten an einer besseren Perfomance bei Facebook gerade vor dem Hintergrund der 2018 geplanten Veränderungen.

Facebook wünscht sich mehr relevante und lokale Themen auf seiner Plattform, zudem sollen mehr Interaktionen zwischen den Nutzern stattfinden. Das Posten und Diskutieren über ernste Themen kann also nicht nur Ergebnisse für unsere Themenauswahl bieten, sondern auch unser Ranking positiv beeinflussen. Und solltet Ihr die Facebook-Aktivitäten etwas intensiver analysieren wollen, diese Tools helfen dabei. Einen Versuch wäre es wert oder? Auch mit diesem Facebook…

 


Michael Mennicken (Bild: privat)

Michael Mennicken ist Gründer und Geschäftsführer der FM Online Factory, dem ersten Online Kaufhaus für Radioinhalte. Zudem lehrt er als Dozent für Medienthemen an verschiedenen Hochschulen. Vorher war er Chefredakteur u.a. von Antenne Düsseldorf.

 

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