Warum die Einführung von UKW gescheitert ist

Radio ohne Hörer

„Der UKW-Sender Berlin des NWDR wird am 14. Mai in Betrieb genommen und ein den lokalen Erfordernissen Rechnung tragendes Programm ausstrahlen. Voraussichtlich wird kaum ein Berliner Hörer diesen Sender empfangen, da das gleiche Programm auch über Drahtfunk verbreitet werden soll und daher mit den normalen Rundfunkgeräten abgehört werden kann.“ („UKW-Sender ohne Hörer“, in: Radio-Almanach, H. 18, 30.04.1950, S. 9, zit. nach Wilhelm Herbst: UKW-Entwicklung in Deutschland 1947-1950. Dessau: Funk Verlag Bernhard Hein e.K. 2007, S. 119)

„Mit überwältigendem Erfolg ist der neue Digitalradiostandard DAB+ in Deutschland gestartet. Bundesweit sind 15 digitale Radiosender empfangbar – also für jeden Zuhörer einer.“ (Falk Heunemann: „Neues Radio DAB+. Musik endlich digital erhältlich“, in: Der Stern vom 02.08.2011, abrufbar unter http://www.stern.de/digital/homeentertainment/neues-radio-dab-musik-endlich-digital-erhaeltlich-1712427.html)

„Die Zahl der UKW-Hörer ist vorerst mikroskopisch klein, und auch mit den überraschend aus der Versenkung herausgeholten Drahtfunkhörern, um die sich die Post plötzlich emsig bemüht, ist noch nicht viel Staat zu machen. Zunächst wird mit dem zweiten Programm eine Menge Energie verpufft werden. Das schadet so lange nichts, wie der NWDR nicht in die Selbsttäuschung verfällt, nun brauche er die Mittelwelle nur noch halb so ernst zu nehmen. Auch wenn man optimistisch ist, wird es noch Jahre dauern, bis die Mehrzahl der Hörer für die Ultrakurzwelle hinreichend ausgerüstet ist. Die Mittelwelle wird auch in den nächsten Jahren nicht nur die repräsentative Welle zum Ausland hin, sondern auch die Hauptversorgungswelle der Mehrzahl der Hörer bleiben, und sie muß daher mit ihrem Programm auch weiter im Vordergrund stehen. Keinesfalls darf das zweite Programm dazu verführen, alle Wünsche auf diesen Ausgleich zu verweisen.“ („Gelungener Sprung auf die Ultrakurzwelle“, in: Radio-Almanach, H. 24, 11.06.1950, S. 9, zit. nach Wilhelm Herbst: UKW-Entwicklung in Deutschland 1947-1950. Dessau: Funk Verlag Bernhard Hein e.K. 2007, S. 129)

„Über 200 Millionen Mark haben die Rundfunkgebührenzahler – ohne es zu wissen – für die Entwicklung des Digitalradios ausgegeben. Mindestens noch einmal so viel wurde an öffentlichen Forschungsmitteln vergeben und von der Industrie in die Systementwicklung gesteckt. Seit 1997 wird die Technik nun auch tatsächlich genutzt. Rund 100 digitale Radioprogramme werden hierzulande per Antenne ausgestrahlt. Nur: Gehört werden sie von fast niemandem. Während die Zahl der UKW-Empfänger auf 500 Millionen geschätzt wird, stehen bisher kaum mehr als 10.000 digitale Empfangsgeräte in deutschen Haushalten.“ (Dirk Asendorpf: „Rundfunk mit Text und Bild“, in: Die Zeit 50/2001 (06.12.2001), abrufbar unter http://www.zeit.de/2001/50/Rundfunk_ mit_Text_und_Bild)

„Wie man aber durch Umfrage bei einigen führenden Rundfunkhändlern feststellen kann, ist der Verkauf von UKW-Geräten praktisch noch gänzlich unbedeutend, ja in einigen Städten ziemlich gleich Null. Die Ursache für den verlangsamten Start, der an sich gar nicht zu verwerfen ist, liegt in verschiedenen Umständen begründet:

1. Das Publikum ist vielfach noch nicht genügend informiert. In der An- und Absage der Sender fehlt vielfach der Hinweis auf den oder die UKW-Sender.
2. Der Händler ist noch nicht ausreichend auf UKW vorbereitet. Es fehlen Vorsatzgeräte, Spezial-Antennenmaterial und technisch ausreichend vorgebildete Mitarbeiter.
3. Das Programm der UKW-Sender ist nicht anziehend genug. Auch eine zeitliche Verschiebung des regionalen Senderprogrammes kann nicht genügend Kaufanreiz auslösen. UKW-Sender werden nur mit einem Musikprogramm reizvoll, das die Breitbandüberlegenheit ausnutzt.
4. Kabelübertragungen sollten nur auf geeigneten Spezialkabeln durchgeführt werden, damit keine Höhen und Tiefen verlorengehen.
5. Die angebotenen und vorgeführten Vorsatzgeräte müssen eine wirklich überlegene Wiedergabe gewährleisten. Pendelrückkopplungsempfänger dürfen keine allzu kritische Einstellung aufweisen.
6. UKW-Spezialempfänger sind vielfach noch relativ teuer und daher schwer absetzbar.“ (Dr. Karl Weinrebe: „UKW – Neue Aufgaben für den Radiohandel“, in: Funkschau, H. 9, 01.05.1950, S. 135, zit. nach Wilhelm Herbst: UKW-Entwicklung in Deutschland 1947-1950. Dessau: Funk Verlag Bernhard Hein e.K. 2007, S. 123-124)

„Doch die großen Erwartungen blieben bisher unerfüllt: Trotz jahrelanger Pilotversuche hat Digitalradio in Deutschland derzeit höchstens 5.000 Hörer. Auch aus Kostengründen, denn DAB-Empfang kostet noch über 1.500 Mark. […]

Digitalradio Pro und Contra

Klang in CD-Qualität ist ein Vorteil der neuen Technik. Viele Interessenten scheuen aber die hohen Anschaffungskosten.

PLUS

Exzellenter Klang: Die Digitalisierung garantiert Radiohören in CD-Qualität (auch im Auto).
Kein Rauschen: Störungsfreier Empfang auf allen Kanälen
Mehr Service: Ein Display bietet Informationen vom Wetter bis zu Last-Minute-Reisen – das ist ‚Radiosehen‘.

MINUS

Kein Bedarf: Die Hörer sind mit dem bisherigen UKW-Radio zu-frieden. Das Angebot ist auch kaum bekannt.
Teure Endgeräte: DAB-Radioempfänger sind vielen Interessen-ten noch zu teuer – ab 1.500 Mark.
Hohe Kosten für die Anbieter: Die Privatsender sollen in den nächsten zehn Jahren 500 Mio. Mark investieren.“
(Hans-Peter Canibol: „Hörfunk. ‚Überflüssig und zu teuer'“, in: FOCUS Magazin 35/1998 (24.08.1998), abrufbar unter http://www.focus.de/kultur/medien/hoerfunk-ueberfluessig-und-zu-teuer_aid_173047.html)

„Es hören heute UKW: Mehr als 60 Prozent beim NWDR, 58 Prozent beim Bayerischen Rundfunk, 50 Prozent beim Süddeutschen Rundfunk, zwischen 55 und 60 Prozent beim SWF, zwischen 40 und 50 Prozent beim Hessischen Rundfunk, 40 Prozent bei Radio Bremen und rund 55 Prozent beim Sender Freies Berlin und beim RIAS.
Das bedeutet: Durchschnittlich 50 Prozent der Hörer im Bundesgebiet und in West-Berlin nehmen nicht am UKW-Empfang teil! Eine erstaunlich hohe Zahl. Sie bleibt es auch dann, wenn man die vereinzelt noch bestehenden Versorgungslücken berücksichtigt.“ (Hör zu! 1955, Nr. 12, S. 2)

„Denn die Deutschen – so haben Umfragen gezeigt – wollen die neue Technik nicht. Die ganz große Mehrheit ist mit ihren alten UKW-Radios vollauf zufrieden. Um sie zur Anschaffung neuer Empfangsgeräte zu bewegen, müssen sich die Sender schon etwas einfallen lassen.“
(Dirk Asendorpf: „Rundfunk mit Text und Bild“, in: Die Zeit 50/2001 (06.12.2001), abrufbar unter http://www.zeit.de/2001/50/Rundfunk_mit_Text_und_Bild)

„Die Geschichte von DAB ist ein Lehrstück einer verpatzten Markteinführung. Eigentlich verwunderlich, haben sich doch andere Digital-Produkte wie CD oder DVD am Markt fast von allein durchgesetzt. Doch hatten diese handfeste Vorteile zu bieten […].
Dagegen kommen die Vorteile von DAB gegenüber dem analogen FM-UKW eher den Programmanbietern als den Hörern zugute: Es wird weniger Bandbreite und deutlich weniger Leistung zur Übertragung desselben Programminhalts benötigt. Der Hörer dagegen braucht als Erstes ein weiteres teures Gerät, das man ihm wohl nur mit neuen, interessanten Programmen schmackhaft machen kann.“ (Wolf-Dieter Roth: „Digitalradio: Die Japaner überholen rechts“, in: Der Spiegel vom 23.08.2001, abrufbar unter http://www.spiegel.de/ netzwelt/tech/0,1518,151670,00.html)

„Das überraschende Ergebnis einer Hörerumfrage im Bereich des Süddeutschen Rundfunks liegt vor. Es besagt: Die Hälfte der Besitzer von Geräten mit UKW-Teil nutzen diesen Teil ihrer Empfänger nicht aus. Sie ziehen den Mittelwellenempfang vor.
Von rund 1,1 Millionen Teilnehmern im SDR-Bereich besitzen etwa 550.000 Hörer Geräte, mit denen sie UKW-Programme empfangen können.
Bringt man diese Zahl in Beziehung zum Umfrage-Ergebnis, so ergibt sich: Rund 260.000 Teilnehmer im SDR-Bereich sind ‚UKW-unlustig‘, also ein Viertel der Gesamthörerzahl. Das ist – sieben Jahre nach Einführung des neuen Wellenbereichs – tatsächlich eine Überraschung, wenn auch keine angenehme.“ (Hör zu! 1956, Nr. 23, S. 2)

„Was dem Erfolg von DAB+ entgegensteht: Der gute, alte UKW-Hörfunk bleibt dem Publikum erhalten, vermutlich bis 2025. Und wer Radio digital hören will, wird schon jetzt von vielen Sendern per Livestream im Internet bedient.“
(Jürgen Overkott: „DAB+ – Ära der Digitalradios startet leise“, in: Der Westen vom 01.08.2011, abrufbar unter http://www.derwesten.de/panorama/dab-aera-der-digitalradios-startet-leise-id4925882.html)

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