Radiolegende und Pop Shop-Gründer Walther Krause gestorben

Veröffentlicht am 22. Okt. 2018 von unter Deutschland

Nachruf von Michael Schmich zum Tode von „Pop Shop“-Gründer Walther Krause

Das Leben schreibt bisweilen bizarre Drehbücher: während am 6. Oktober der ehemalige SWF3-Wellenchef Peter Stockinger in Stuttgart mit alten Weggefährten seinen 80. Geburtstag aus dem September nachfeierte, verstarb in Berlin am gleichen Tag mit Walther Krause sein Vorgänger im Alter von 81 Jahren. Krause war während seiner beruflichen Karriere ein begnadeter Radio-Innovator und gilt als Erfinder des „SWF Pop Shops“. Seine Aufbauarbeit sowie der grandiose Publikumszuspruch für den „Pop Shop“ bildeten die entscheidende Grundlage für die späteren Erfolge von SWF3 beziehungsweise anschließend SWR3.

Walther Krause und das Pop Shop-Team 1970 (Bild: Privatarchiv Frank Laufenberg)

Walther Krause und das Pop Shop-Team 1970 (Bild: Privatarchiv Frank Laufenberg)

Walther Krause ist am 7. Januar in Frankfurt an der Oder geboren, nach dem Krieg als Flüchtling in Bad Homburg vor der Höhe gestrandet, wo sein Vater später als Pfarrer wirkte. Bereits während des Studiums der Musikwissenschaft arbeitete er für den Hessischen Rundfunk, 1965 für kurze Zeit beim Saarländischen Rundfunk, schließlich führte sein Weg zum damaligen Südwestfunk nach Baden-Baden.

In der Programmwelt der damaligen Zeit spielten Pop- und Rockmusik im Radio eine völlig untergeordnete Rolle, die Beat-Ära war nahezu spurlos an den Programmmachern vorbeigegangen, die bevorzugten Musikfarben der U-Musikwellen waren damals deutsche Schlager und internationale Evergreens, gemixt mit dezenter Instrumentalmusik der Marke Mantovani oder Tanzmusik der Sender-eigenen Orchester. Alles schön brav und gediegen, ganz im Sinne der Musikabteilungsleitungen der Anstalten, die seinerzeit nahezu ausschließlich mit ehrenwerten studierten Musikern besetzt waren. Die Jugendlichen der damaligen Zeit hörten in der Regel kein Radio oder schalteten, wenn es die Antennenleistung hergab, Radio Luxemburg beziehungsweise die in Deutschland stationierten alliierten Militärsender BFBS oder AFN ein.

Im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen Ende der 1960-Jahre und mit dem Siegeszug der Pop- und Rockmusik setzte sich dann endlich bei den ersten ARD-Sendern die Erkenntnis durch, nun gezielt auch junge Menschen am Sendegeschehen teilhaben zu lassen. Der riesige Publikumserfolg des „Beat-Clubs“ im Radio Bremen-TV hatte den oberen Hörfunkverantwortlichen hier dringlichen Handlungsbedarf signalisiert.

Eine Vorreiterroller beim Aufbau junger Angebote nahm damals der Südwestfunk mit seinem „Pop Shop“ ein. Die Wurzeln des Formats lagen in der Sendung „Stars und Hits“, die gegen Ende der 1960er-Jahre jeden Samstag als Hitparade im ersten Hörfunkprogramm des SWF lief. Sie wurde von Walther Krause begründet und moderiert, der den damaligen SWF-Hörfunkdirektor Manfred Häberlen von einem neuen Konzept überzeugte, der sogenannten „Selbstfahrersendung“. Der seinerzeit 31-jährige Krause hatte zuvor in den USA hospitiert und sah bei verschiedenen Radiostationen, wie ein einzelner Mensch als Redakteur, Moderator und Techniker in Personalunion arbeitete. Gegen anfängliche Widerstände der SWF-Technik führte er Ende 1968 mit großem Erfolg die „Stars-und-Hits“-Hitparade ein. Daraufhin entwickelte Häberlen die Idee, auf der dritten UKW-Senderkette (welche seit dem Sendestart am 3. August 1964 in der Hauptsache für mehrsprachige Gastarbeiterprogramme diente) ein Format speziell für die junge Generation zu etablieren. Häberlen beauftragte Krause 1969 damit, diese Aufgabe zu übernehmen. So wurde daraus ab dem 1. Januar 1970 der „Pop Shop“.

Pop Shop-Team 1970 mit Frank Laufenberg, Walther Krause, Karlheinz Kögel und Guido Schneider (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

Pop Shop-Team 1970 mit Frank Laufenberg, Walther Krause, Karlheinz Kögel und Guido Schneider (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

„Pop Shop“ bestand genau genommen aus einer Programmfolge von Sendungen mit diversen Einzelnamen (wie „Openhouse“, „Facts und Platten“ oder „Antihits aus Deutschland“). Der Schwerpunkt lag bei viel Popmusik mit ausführlichen Informationen über die Bands, Interpreten und Interviews, dazu deutsche und internationale Hitparaden. In der ersten Zeit wurden die „Popshopler“ im eigenen Kollegenkreis noch mitleidig belächelt, aber schon sehr bald etablierte sich das Format als eine der populärsten Sendeschienen im deutschen Hörfunk der 1970er-Jahre.

Walther Krause hatte bereits damals ein waches Auge für Talente und Perlen aus der in diesen Jahren heftig pulsierenden Musikszene – so entdeckte er beispielsweise schon Ende der 1960er-Jahre als erster Programmmacher im deutschen Radio die Band Santana oder den völlig unbekannten jungen Liedermacher Reinhard Mey.

Walther Krause und Frank Laufenberg 1973 (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

Walther Krause und Frank Laufenberg 1973 (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

Seine Mitarbeiter suchte er gelegentlich gerne auch über unkonventionelle Wege. So fragte der „Pop Shop“-Programmchef den damaligen Senderbetreuer des Plattenlabels Electrola, Frank Laufenberg, der mit einem Künstler zum Promotion-Termin beim Sender weilte, nach seinen Eindrücken zum gerade absolvierten Interview. Nach Laufbergs Kritik an der Gesprächsführung des Moderators entgegnete Krause: „Dann machen Sie es besser“ – und warb den später führenden deutschen Radiomusikexperten von seinem Job bei der Musikfirma ab. Nach zwei Probewochen war Laufenberg fester Bestandteil im Team. Walther Krause entdeckte über die Jahre eine große Zahl weiterer beliebter Moderatorenpersönlichkeiten – wie Elke Heidenreich, Karlheinz Kögel, Hans-Jürgen Kliebenstein, Bernd Mohrhoff, den späteren Schweizer Radiopionier Christian Heeb, Country-Experte Walter Fuchs oder Hans Meiser, dem er allerdings irgendwann den Rat gab: „Herr Meiser, bei mir wird das nichts, Sie wären im Fernsehen besser aufgehoben“ – womit er auch hier richtig lag. Meiser wird ihm das ob seiner späteren Erfolge beim TV nachgesehen haben.

Der „Pop Shop“ hatte in Sachen Musikkompetenz schon bald die Lufthoheit im Sendegebiet übernommen. Die jungen Wilden waren neugierig, spürten täglich neue Trends und Künstler auf – von Smokie bis Genesis, blickten aber bewusst auch über den Tellerrand der Mainstreams hinweg. Über alles, was musikalisch interessant war, wurde berichtet – eine Tradition, die auch im heutigen SWR3-Programm weiter intensivst gepflegt wird. Die Vorstellungen der „Pop Shop“-DJs von neuen Platten und Bands waren Kaufbefehle für die Hörerschaft.

Walther Krause entdeckte bereits Anfang der 1970er-Jahre die hohe hörerbindende Wirkung von Radiokonzerten und Events, worauf der „Pop Shop“ schon bald mit regelmäßigen Vor-Ort-Veranstaltungen im Sendegebiet präsent war – vorzugsweise mit deutschen Newcomern wie Udo Lindenberg oder Otto Waalkes.

Walther Krause und Frank Laufenberg 1973 (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

Walther Krause und Frank Laufenberg 1973 (Bild: ©Privatarchiv Frank Laufenberg)

Die Aufgabe des Architekten und Baumeisters des „Pop Shops“ war zu dieser Zeit indes nicht ohne Stolpersteine: einerseits sollte ein modernes, dem Zeitgeist gerechtes junges Format entstehen, ohne jedoch vom Weg der eng gesteckten öffentlich-rechtlichen Grundsätze und Tugenden abzuweichen. Ein in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre nicht gerade einfacher Balanceakt, bei dem Walther Krause und das gewöhnungsbedürftige Treiben seiner rebellischen Jung-Radiomacher im „Unterhaltungskomplex“ (wo man die Abteilung etwas separiert untergebracht hatte) hausintern gelegentlich unter besonderer Beobachtung standen.

Ungeachtet davon führte Krause seine Abteilung weiter unaufgeregt mit langer Leine, forderte und förderte Ideen – „Traumziele der Jugendlichen“? Prima, wer fährt? Ab nach Marrakesch – aber bitteschön nur zurück mit einer wirklich runden Reportage. Eine Sendung mit Rockmusik und eher wenig besinnlicher Moderation am Heiligabend? Hmm, bislang ein Sakrileg .. aber ok, versuchen wir! Unter der Regie des „Pop Shop“-Chefs entstanden zahlreiche, (bis dahin) beispiellose neue Sendeformen. Gelegentlich auch Inhalte, die die Normen der damaligen Zeit überschritten. Aber alle von Krause abgenickt – und notfalls konsequent mit breitem Kreuz gegen Kritik von Außen verteidigt. Umgekehrt schickte er seine Mitarbeiter vor, wenn es galt Preise in Empfang zu nehmen, die das „Pop Shop“-Team regelmäßig für seine Programmleistungen erhielt. Walther Krause blieb ein bescheidener Mensch, die ganz große Bühne war eher nicht sein Ding.

Peter Stockinger (Bild: ©SWR)

Peter Stockinger (Bild: ©SWR)

Am 1. Januar 1975 wurde der „Pop Shop“ als Abendschiene in die neugegründete Servicewelle SWF3 integriert, deren Leitung Peter Stockinger, als Chef der Abteilung SWF3/Schlussredaktion, übernahm.

1978 wechselte Walther Krause als Hauptabteilungsleiter U-Musik zum Deutschlandfunk nach Köln. Wie sich Krause erinnerte, hatte sein Vorgänger während dessen Amtszeit Blas- und Marschtönen eindeutig den Vorzug vor der von ihm wenig geliebten „Studentenmusik“ eingeräumt – und zur Bekräftigung seiner programmlichen Vorstellungen Miniaturkanonen auf seinem Schreibtisch in Stellung gebracht, „um notfalls auf die Studenten zu schießen“. 10 Jahre nach 1968. Wieder musste Walther Krause reformieren, wenn auch nicht mehr so umfassend wie beim SWF. Und wieder griffen seine Korrekturen, nach Vollzug stand der Deutschlandfunk mit neuentwickelten Jazz- und Popformaten bei den Hörerzahlen deutlich besser da als vor der Reform. Während seiner Zeit beim DLF hat Krause viel experimentiert und angeschoben – wie etwa die Sendung „Zwischentöne“, die bis heute jeden Sonntagnachmittag mit einem bekannten Gast und dessen eigener Musikauswahl noch immer auf Sendung ist. Ende 1995 ging Walther Krause in Ruhestand.

Walther Krause hat vor allem bei seinem Wirken beim Südwestfunk tiefe Spuren hinterlassen. Sein größter Verdienst war, die seinerzeit vom Hörfunk nahezu ausgegrenzte junge Generation mit mutigen und innovativen Konzepten dauerhaft ans Radio zu binden. Sprichwörtlich nach dem Motto seiner Sendung „Openhouse“ hat Krause die Fenster aufgesperrt und frischen Wind durch die vormals angestaubten SWF-Sendestudios auf der beschaulichen Baden-Badener Funkhöhe ziehen lassen – ein Lufthauch, der auch heute noch im Programm der Erfolgswelle SWR3 zu spüren ist. Gleichzeitig erinnert die werktägliche „PopShop“-Show auf SWR3 – ganz im Sinne Krauses mit vielen neuen Songs und Informationen vom Musikmarkt – an ihren Gründervater, der sich in seinen Sendungen gerne mit den Worten verabschiedete: „Danke fürs Zuhören und bye-bye, ihr Walther Krause“.

Ausschnitt aus der Burda November 1970 über das SWF 3-Programm “Pop-Shop”:

 

 

 

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