Wo ist hier der Krach? – Initiative fordert breiteres Musikspektrum bei ARD

Der Hörfunk in Deutschland feiert in diesem Jahr 100. Geburtstag. Im Juli 2023 gab es laut Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e.V. (ag.ma) hierzulande „rund 295 private und 74 öffentlich-rechtliche Radiosender. Außerdem wurden 101 sonstige Sender erfasst.“ Vermutlich sind es sogar einige mehr, da über die Interpretation was überhaupt als „Sender“ gezählt wird (wie beispielsweise Fensterprogramme), unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt. Zur Senderflotte hinzu kommt ein zuletzt stark florierendes Webradioportfolio. 

Aufgrund unserer föderalen Staatsstruktur mit 16 Bundesländern (und ihren jeweils eigenen  Interessenslagen und Möglichkeiten) ist die Zahl der Sendeangebote regional sehr unterschiedlich verteilt. Während in Bayern oder Baden-Württemberg seit Beginn der Privatisierung von Hörfunk von Beginn an zahlreiche Programme zu hören sind, ist deren Zahl – beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern – eher gering. Was sich allerdings mit Einführung digitaler Sendetechniken seit einigen Jahren rapide angleicht.

Alles gut also am Radiostandort Deutschland? Offenbar nicht ganz. Immer wieder kommt Kritik auf an der inhaltlichen Ausrichtung innerhalb Sendelandschaft. Manche Musikrichtungen/-formen seien im Radio nicht oder nur sehr gering präsent. In diesem Zusammenhang hatten in der Vergangenheit Musikverbände sogar Radioquoten für heimische KünstlerInnen gefordert. Wobei sich die Kritik in erster Linie an die öffentlich-rechtliche Adresse richtete.

Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative "Wo ist hier der Krach?" (Bild: © Rosalie Ernst)
Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative „Wo ist hier der Krach?“ (Bild: © Rosalie Ernst)

Ein aktueller Vorstoß kommt unter dem Motto „Wo ist hier der Krach?“ nun von Melanie Gollin und Martin Hommel. Als Musikjournalist*innen, Musikliebhaber*innen und Fans des öffentlich-rechtlichen Rundfunks fühlen sie sich und die Vielfalt der Musiklandschaft  im Angebot der deutschen ÖR-Radios selten bis gar nicht abgebildet. Konkret: „Wir vermissen die nerdigen Musikradios und fragen uns, warum öffentlich-rechtliche Popkultur-Radios in Deutschland so glattgezogen werden?“ Ihre Forderungen belegen Gollin und Hommel mit eigenen Analysen und Befragungen im Ausland, wo das Prinzip „Musikvielfalt“ ihrer Meinung nach ganz offensichtlich homogener umgesetzt wird.

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Melanie Gollin und Martin Hommel über ihre Studie, Musik im Radio sowie Verbesserungswünsche in öffentlich-rechtlichen Programmen.  


„Die öffentlich-rechtlichen Pop- und Jugendwellen klingen zu sehr wie ihre privaten Pendants, zu sehr nach Mainstream-Pop-Musik und spielen nur eine Handvoll immer gleicher Künstler*innen“

RADIOSZENE: Frau Gollin, Herr Hommel, Sie haben laut Ihrer eigenen internationalen Umfrage starke Defizite bei der Berücksichtigung bestimmter Spielarten von Musik innerhalb der öffentlich-rechtlichen Radioprogramme ausgemacht. Welche Genres meinen Sie und auf welcher Basis begründen Sie diese Kritik?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Uns geht es vor allem um Musik abseits des Mainstreams. Die öffentlich-rechtlichen Pop- und Jugendwellen klingen zu sehr wie ihre privaten Pendants, zu sehr nach Mainstream-Pop-Musik und spielen nur eine Handvoll immer gleicher Künstler*innen. Uns fehlt ein breites musikalisches Spektrum. Wollte man das Genre-technisch benennen, könnte man Alternativen Pop, Rock, Rap, Indie, R’n’B, Metal, Elektronik anführen, generell geht es uns aber um alles, was nicht dieser eine bestimmte Major-Sound ist, der gerade die Radios dominiert: Keine Überraschungen, immer gleiche Song- und Soundstrukturen. Dabei spielt es erstmal keine Rolle, ob die Musik bei Major- oder Indie-Labels erscheint. Uns geht es dabei vor allem ums Tagesprogramm, als die Sendestrecken zwischen 6 und 18 Uhr, in denen die meisten Menschen Radio hören.

Wir haben im Ausland mit öffentlich-rechtlichen Sendern gesprochen, die einen anderen Weg gehen, mehr auf alternative Popmusik und lokale Szenen setzen, ausprobieren, mutig sind und damit erfolgreich eine viel größere Bandbreite abbilden und einen immens wichtigen kulturellen Beitrag leisten. 

RADIOSZENE: Wer genau steht hinter Ihrer Initiative „Wo ist hier der Krach“?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Tatsächlich nur wir beide, wir haben aber schon oft mitbekommen, dass das von außen wohl anders aussieht. Das freut uns natürlich in gewisser Weise. Es gibt kein Medium und keine Plattform im Hintergrund, wir sind nicht das Sprachrohr der unabhängigen Musikindustrie oder so etwas. Wir sind Radiohörer*innen, die zufällig Musikjournalist*innen sind. Im Moment überlegen wir, wie unsere Recherchen weitergehen und sind dafür mit verschiedenen Leuten im Gespräch.

RADIOSZENE: In welchen Märkten haben Sie analysiert – und was macht das Ausland hier grundsätzlich besser?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Wir haben mit öffentlich-rechtlichen Radios in Großbritannien, Österreich, Dänemark, Frankreich, Australien und der Ukraine gesprochen. Die Sender haben teilweise sehr unterschiedliche Formatierungen – von durch Ansagen kaum unterbrochenen Playlisten wie bei FIP in Frankreich bis zu klassisch formatierten Sendern wie beispielsweise BBC Radio 6 Music oder FM4 in Österreich. Was diese Sender alle gemeinsam haben, ist der starke Fokus auf ein diverses Musikangebot abseits eines bestimmten Klangkorsetts und Musik aus der lokalen Szene. Und zwar nicht nur am Programmrand oder mal zwischendurch, sondern den ganzen Tag, 24/7. 

Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative "Wo ist hier der Krach?" (Bild: © Rosalie Ernst)
Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative „Wo ist hier der Krach?“ (Bild: © Rosalie Ernst)

Um das mal etwas zu verbildlichen: BBC Radio 6 Musik spielt beispielsweise 19.000 verschiedene Songs aller Genres pro Jahr, bei FIP sind es sogar um die 30.000. FM4 bekennt sich zu einer (freiwilligen) Quote von 40 Prozent mit Musik aus Österreich, Radio Promin in der Ukraine spielt ausschließlich in der Ukraine produzierte Popmusik. Double J in Australien hat sich zur Aufgabe gemacht, weibliche Musikerinnen über 30 in den Programmfokus zu stellen. 

Warum machen die das? Weil die Verantwortlichen wissen, dass man als ÖRR eben Programm für alle machen muss und eine Verantwortung gegenüber der heimischen Kultur hat. Und das heißt eben auch, die Nischen abzudecken, zu schauen, welche Milieus man mit dem Programm noch nicht erreicht (oder droht zu verlieren) und aktiv dort hinein zu senden. Nicht nur einen winzigen Ausschnitt aus der Popkultur eben, sondern individuelle Inhalte und alternative Popmusik. 

„Wir vermissen ein breiteres Klangspektrum, lokale und kleinere Acts und Genres wie Punk, Jazz, Funk, Techno, Metal, Hip-Hop, R’n’B und deren Subgenres. Spannendes, Neues, Schräges, B-Seiten … All das gehört ins Tagesprogramm und auf die Rotationen“

RADIOSZENE: Nun ist „Indie-Musik“ ein dehnbarer Begriff, der bisweilen auch sehr breit interpretiert wird. Definieren Sie doch für uns das Spektrum an Musik, das im öffentlich-rechtlichen Radio Ihrer Meinung nach so offenkundig fehlt?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Der Begriff “Indie-Musik” ist irreführend, wir fordern an keiner Stelle einen Sender für “Indie-Musik”. Interessanterweise verstehen das viele so. Vielmehr müsste man von “alternative” oder, wie bei der BBC, von “beyond mainstream” sprechen. Die Jugendwellen der Anstalten spielen immer mehr Mainstream-Musik. Und selbst Sender wie DLF Kultur oder MDR Kultur, die ein breiteres musikalisches Spektrum bedienen, bewegen sich in engen Soundschranken. 

Wir vermissen ein breiteres Klangspektrum, lokale und kleinere Acts und Genres wie Punk, Jazz, Funk, Techno, Metal, Hip-Hop, R’n’B und deren Subgenres. Spannendes, Neues, Schräges, B-Seiten, eben alles, was den musikalischen Horizont erweitern kann und dabei nicht so klingt wie das, was die ganze letzte Stunde schon lief. All das gehört ins Tagesprogramm und auf die Rotationen. 

Wir sehen auch, dass ein sehr großer Teil der eingesetzten Musik bei den Jugendwellen von Major-Labels kommt. Unter den 50 im August 2023 meistgespielten Songs auf MDR Sputnik kommen zum Beispiel nur fünf von Independent-Labels. Uns geht es nicht darum, die Majors komplett aus den Programmen zu verbannen. Aber wenn das Ungleichgewicht so groß ist, muss die Frage, warum man Rundfunkbeiträge als Tantiemen vor allem an die großen Konzerne und deren internationale Künstler*innen ausschüttet und nicht in den Aufbau der heimischen Szene und kleinere Acts steckt, schon gestellt werden. 

RADIOSZENE: Haben Sie bereits ein Idealbild, mit welchem Programmkonzept ein solcher Sender on air gehen sollte? Welche Rolle spielt hierbei begleitender Musikjournalismus?

Melanie Gollin und Martin Hommel (Bild: © Rosalie Ernst)
Melanie Gollin und Martin Hommel (Bild: © Rosalie Ernst)

Melanie Gollin und Martin Hommel: Geht es darum, die lokalen Szenen zu stärken, könnten die Jugendwellen ihr Musikprogramm wieder öffnen, Programmfenster für lokale Acts nicht nur in die Abend- und Nachtstunden legen und den Einsatz von Mainstream-Musik verringern. Das wäre von heute auf morgen möglich, würde nichts kosten und hätte einen positiven Effekt für die Musiklandschaft im Land und für uns Hörer*innen.

Wir halten aber ein bundesweites öffentlich-rechtliches Musikradio für mindestens genauso wichtig. Da könnte man sich an BBC Radio 6 Music orientieren. Dort laufen wirklich sämtliche Genres im Tagesprogramm und eine Hot-Rotation mit Songs, die zu 90 Prozent von Independent Labels kommen. Zusätzlich pusht der Sender junge, unbekannte britische Acts nicht nur in den Abendstunden. Die stehen gleichwertig neben dem Popmusik-Katalog der letzten 60 Jahre auf der Playlist. Im Grunde passiert dort alles, was man hier von öffentlich-rechtlicher Seite immer mit “funktioniert nicht, hört niemand” abwinkt. 6 Music ist nun aber das meistgehörte digitale Angebot der BBC. Ein breites Musikspektrum, viel lokale Szene, und Personalities am Mikrofon, die Expert*innen auf ihrem Gebiet sind, sich mit der Musik indizieren können, diese selbst auswählen dürfen und eine starke Bindung zu den Hörer*innen aufbauen – allein dafür würde ich als Musik interessierter Mensch doch gern 18 Euro im Monat bezahlen.

Und das würde im Übrigen auch den Streamingdiensten etwas entgegensetzen. Denn musikalisch sind Streamingdienste interessanter als die öffentlich-rechtlichen Radios, da gibt es kein Drumrumreden. Wenn sich Radio zukunftsfähig aufstellen will, dann muss es jetzt seine Stärken ausspielen: Handkuratierte Überraschungen und echte Menschen mit Emotionen und Fachwissen.  Auch Spotify weiß das und hat mit “Spotify DJ” den Versuch gestartet, dieses Gefühl durch eine KI-Stimme nachzuempfinden. Radio also, nur schlechter – bis jetzt.

„Wir hören von Musikredakteur*innen der ÖR-Jugendwellen, die sich bei uns gemeldet haben, immer wieder, dass es die interne Ansage gab, mehr Charts zu spielen“

RADIOSZENE: Gibt es deutsche Programme, die Ihren Vorstellungen nahekommen?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Nein, tatsächlich leistet gerade kein deutsches öffentlich-rechtliches Programm das, was wir uns vorstellen. Es gibt einige Ansätze, wie zum Beispiel BR Puls, die bereits einen guten Job machen, wenn es darum geht, Newcomer*innen vorzustellen. Da fehlt allerdings die Pophistorie und der Sender wird innerhalb des BR auch ziemlich stiefmütterlich behandelt. Wir hören von Musikredakteur*innen der ÖR-Jugendwellen, die sich bei uns gemeldet haben, immer wieder, dass ihr Sender jetzt beschlossen hat, nur noch Hits von vor zehn Jahren zu spielen oder dass es die interne Ansage gab, mehr Charts zu spielen. Es gibt einige private Sender, wie egoFM, FluxFM, ByteFM, die sich sehr alternativ aufstellen. Die haben treue Zuhörer*innen, aber nicht die Power, die ein ÖR dem Thema geben könnte.

Die Pop- und Jugendwellen haben größtenteils jeweilige Fenster für regionale Acts oder alternative Popkultur, doch die werden allein durch ihre Platzierung im Sendeschema von viel weniger Leuten gehört als das Tagesprogramm und durch einen einmaligen Spotplay kann kein*e Künstler*in warmgespielt, kein Song ein Hit werden. Zumal dabei automatisch die Schlussfolgerung “Leute, die sich für Musik interessieren, hören abends und nachts Radio” gezogen wird. Wir interessieren uns auch tagsüber für Musik und dort werden wir nicht abgeholt. Da bleibt uns dann nur die Abwanderung zu Alternativangeboten. Dass ich da von Welle zu Welle schalte, um mir ein vollwertiges Programm aus den kleinen Krümeln an alternativer Musikkultur zusammen zu hören, ist doch auch völlig utopisch. Eher dystopisch.

RADIOSZENE: Als Fazit Ihrer Untersuchung stellen Sie sieben Thesen auf, von denen Sie einige näher erläutern sollten …

a) „Ein Musikradio wäre im Vergleich relativ günstig, und das bei einem USP, den kein anderer ÖR-Radiosender in Deutschland abdeckt“.  – Wie günstig sind vergleichbare Sender im Ausland?

Melanie Gollin und Martin Hommel: BBC 6 Music produziert mit 12 Millionen Pfund pro Jahr. Das ist lächerlich wenig für einen nationalen Sender mit Vollprogramm. DK P6 teilt sich mit der Nachbarstation P8 15 Millionen DKK (2 Millionen Euro). Von einigen der anderen Sender, mit denen wir geredet haben, wissen wir, dass sie mit ähnlichen Budgets arbeiten, aber genaue Zahlen möchten die meisten nicht veröffentlicht sehen. Das ist hier ja genauso, da könnte man über die Transparenz des ÖRR sprechen, aber das führt jetzt vielleicht zu weit.

b) „Hörer*innen von Musikradios sind engagierter und identifizieren sich um ein Vielfaches mehr mit ihrem Radiosender als Hörer*innen normaler Radiosender.“ – Auf welchen Erfahrungen begründen Sie diese These?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Vielleicht ist Ihnen der Begriff ‘Engagement-Rate’ aus dem Social-Media-Bereich bekannt. Eine Person kann 1,5 Mio Follower*innen haben, aber nur 1.000 Story-Views oder 2.000 Likes auf einen Post, während jemand mit nur 9.000 Follower*innen genauso viele Likes und Story-Views haben kann. Soll heißen: Die Zahl der Hörer*innen sagt per se gar nichts über die Bindung dieser zum Radiosender aus. Qualität versus Quantität. Radio wird schon immer und wahrscheinlich auf alle Ewigkeit als Nebenbeimedium bezeichnet, das stimmt allerdings für unterschiedliche Sender in unterschiedlichem Maße. Alle Radiosender, mit denen wir gesprochen haben, sind ständig von Sparmaßnahmen ihrer Sendeanstalten betroffen, doch ihr Publikum hat mit lautstarken Protesten dagegen gehalten. Das liegt an der ernsthaften Auseinandersetzung der Sender mit ihrem Thema und ihrem Publikum. Dass so etwas bei einem Sender passiert, den Leute eh nur nebenbei hören und der komplett austauschbar ist, ist schwer vorstellbar.

Wenn wir mal zurück zum Geld-Aspekt gehen: Bei welcher unserer fiktiven Social-Media-Personen würden Sie eher Werbung schalten? In welchen Sender würden Sie eher investieren? Viele Hörer*innen mit geringer Aufmerksamkeit oder weniger mit höherer Aufmerksamkeit? Wir sehen die Notwendigkeit von beidem, aber aktuell wird eben nur eine Sorte Radio vom ÖR bedient.

„Ein Sender, der viel unterschiedliche Musik spielt, hält die Gemüter offen und entdeckungsfreudig, vielleicht können Hörer*innen dadurch sogar lernen, auch mal einen Song auszuhalten, der nicht zwangsläufig ihr Geschmack ist“

c) „Musikradios sind demokratiefördernd.“ – In welcher Form trägt das Konzept eines Musiksenders zur Förderung von Demokratie bei?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Zum einen geht es eben, wie schon erwähnt, darum, dass ein breites Spektrum an Kultur und Bevölkerung abgebildet werden muss. Zum anderen geht ein Interesse an neuer und vielfältiger Musik meist auch mit einem generellen Interesse an Neuem einher. Viele Dinge, die vor ein paar Jahren noch verlacht wurden, wie zum Beispiel die Klimabewegung oder der erstarkende Feminismus, sind in Nischen gewachsen und dadurch größer geworden. Es ist essentiell wichtig für eine progressive Zukunft, neu zu denken, offen zu bleiben. Ein Sender, der kleine Künstler*innen fördert, sorgt für mehr Vielfalt auf den Bühnen. Ein Sender, der viel unterschiedliche Musik spielt, hält die Gemüter offen und entdeckungsfreudig, vielleicht können Hörer*innen dadurch sogar lernen, auch mal einen Song auszuhalten, der nicht zwangsläufig ihr Geschmack ist. In einer Gesellschaft, in der jede’r daran gewöhnt ist, dass alles nur noch exakt so ist, wie man es sich wünscht, ist das ein wertvoller Skill, den man Menschen nicht abtrainieren sollte. 

d) „Radiosender mit kreativer Handlungsfreiheit steigern die Qualität der Radiolandschaft allgemein.“ Gibt es im Rahmen Ihrer Untersuchungen Beispiele für die angesprochene Entwicklung?

Melanie Gollin und Martin Hommel: DK P6 in Dänemark zum Beispiel hat das sehr schön beschrieben: Dadurch, dass der Sender so klein und vergleichsweise unwichtig in der Senderfamilie ist, können sie Programmaktionen ohne große Hürden ausprobieren und auch neue Talente viel früher als andere direkt ans Mikrofon lassen. Dadurch entstehen neue Impulse, sie sind eine Art Lehrküche und davon profitiert die ganze Sendeanstalt. Diese können dann Programmideen und Songs übernehmen, die gut funktionieren.

RADIOSZENE: Eine nicht zu unterschätzende Hürde stellt in Deutschland das föderale Rundfunksystem dar. Die ARD verbreitet ausschließlich Angebote auf Länderebene, zusätzliche UKW- oder digitale Frequenzen sind für den Senderverbund schwer vorstellbar. Auch weitere Internetradioaktivitäten werden durch die privaten Mitbewerber kritisch beäugt. Haben Sie hier einen Lösungsansatz? Welche Rolle spielt bei Ihren Überlegungen die Regionalität?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Der Lösungsansatz ist wahrscheinlich der, der gerade von allen Seiten gefordert wird: Reformen. Dass die Dinge so sind, wie sie sind, ist ja kein gottgegebenes Naturschauspiel, das hat mal jemand entschieden. Wir könnten also jetzt einfach mal was anderes entscheiden. Ein bundesweiter Sender würde Regionalität nicht ausschließen, das Einhalten eines regionalen Gleichgewichts könnte in den Sendungsstatuten festgelegt werden. 

„Wir wollen natürlich mit den ARD-Sendern sprechen, auch wenn wir schon über Ecken gehört haben, dass die sich von uns nicht die Schuld zuschieben lassen wollen“

RADIOSZENE: Wie hoch schätzen Sie das Potential an Fans, die sich in Deutschland für die von Ihnen im Radio vermisste Musik interessieren? In Österreich erreicht FM4 bei den 14- bis 49-Jährigen einen Marktanteil von 4 Prozent (Anmerkung der Redaktion: innerhalb der Gesamtbevölkerung 2 Prozent). Oder sollten die Öffentlich-Rechtlichen diese gewünschte Ausweitung an Musikbreite generell im Rahmen ihres Programmauftrags – und ohne Quotendruck umsetzen?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Zuerst einmal: Warum sollten wir für diesen von uns imaginierten Sender nur von 14- bis 49-jährigen ausgehen? Ja, das ist die werberelevante Zielgruppe, aber Werbung spielt hier keine Rolle, denn wir reden über den ÖRR. Die Zuschriften, die uns erreicht haben, zogen sich durch alle Altersklassen, warum wird immer davon ausgegangen, dass ältere Menschen keine neue oder andere Musik hören wollen? Die wollen auch nicht alle den ganzen Tag 80er hören. Man wird auch nicht in der Nacht zum 60. Geburtstag auf einmal Klassikhörer*in. Laut ma 2023 hören 52 Millionen Deutsche täglich Radio. 4 Prozent davon sind 2,1 Millionen. Selbst, wenn wir nur von der Hälfte oder einem Drittel davon ausgehen, wäre das ein immenses Publikum für die vergleichsweise geringen Kosten und den Aufwand, die man damit hätte.

Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative "Wo ist hier der Krach?" (Bild: © Rosalie Ernst)
Melanie Gollin und Martin Hommel starten Initiative „Wo ist hier der Krach?“ (Bild: © Rosalie Ernst)

RADIOSZENE: Sind von Ihnen bereits Gespräche mit den ARD-Sendern angedacht? Was sind die nächsten Schritte zur Durchsetzung Ihrer Ideen?

Melanie Gollin und Martin Hommel: Zur Zeit sind wir in der Planung, wie das Projekt weitergeht. Wir werden dazu am 22. September noch ein Panel auf dem Reeperbahn Festival halten und danach in die nächste Runde unserer Recherchen gehen. Dafür wollen wir natürlich mit den ARD-Sendern sprechen, auch wenn wir schon über Ecken gehört haben, dass die sich von uns nicht die Schuld zuschieben lassen wollen. Was uns ziemlich amüsiert, denn erstens wollen wir niemandem die Schuld zu schieben, das geht aus den Texten, die wir für unser Projekt verfasst haben, deutlich hervor. Wir wollen die Gründe für den Status Quo erfahren und produktive Vorschläge ausarbeiten, was an Veränderung im Bereich des Möglichen ist. Zweitens impliziert diese Haltung allerdings, dass sich die Verantwortlichen der Radiosender nicht für „Schuld an”, also verantwortlich für die Musikauswahl ihrer Stationen halten – wer entscheidet dann, was läuft? Das impliziert eine Art höhere Macht, gegen die sie sich nicht wehren können. Höchst mysteriös, wenn Sie uns fragen.


„Wo ist hier der Krach?“ – Was der deutsche öffentlich-rechtliche Rundfunk von anderen Ländern lernen kann.

Am Freitag, den 22.09.2023 diskutieren Martin Joerg Hommel und Melanie Gollin mit Dodo Roščić, Programmleitung von radio FM4, und Florian Nöhbauer, Produktleiter von BR PULS, auf dem Reeperbahn Festival über über die Bedeutung und Machbarkeit von musikalischer Diversität und Nischenangeboten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dabei sprechen sie über unser Projekt „Wo Ist Hier Der Krach?“ und inwiefern sich ihre Kritik umsetzen lassen könnte in Deutschland.

Link zur Webseite: https://woisthierderkrach.de