Falk Schacht: „Deutschrap gibt hier den Ton an“

Veröffentlicht am 09. Jun. 2021 von unter Musik

Falk Schacht (Bild: ©Zauberdame)

Im zweiten Teil des Interviews mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich spricht Falk Schacht heute über das Selbstverständnis der Rapmusik und die noch komplizierte Beziehung zum Radio.

Falk Schacht kennt als Topexperte die Gründe für den Erfolg deutscher und internationaler Rapmusik. Seit 25 Jahren beobachtet der Journalist und Berater die Szene mit Fokus auf die urbanen Jugendkulturen. 

“RTL News“, die “Heute Nachrichten“, die “Aktuelle Stunde“ im WDR, Vox, ZDF, Glamour, Zeit, Spiegel, Hannoversche Allgemeine Zeitung oder (im Hörfunk) der Deutschlandfunk, WDR Cosmo, YouFM, MDR Sputnik, FM4, FluxFM, 1Live sowie Agenturen wie Jung von Matt, OMRockstars und andere nutzen seine Expertise, wenn ein Kommentar oder die Einschätzung eines HipHop-Insiders gebraucht werden.

Schacht ist dabei auf nahezu allen journalistischen Feldern präsent. Er schreibt Kolumnen und Artikel, macht Interviews vor und hinter der Kamera für seine eigenen Formate wie “Frag Falk”, wo er Fragen von HipHop-Fans und prominenten Gästen wie Hubertus Heil, Sasha oder Jan Delay zur HipHop-Kultur beantwortet. 

Im Hörfunk moderiert Falk Schacht seit rund drei Jahren die “NJOY Soundfiles HipHop” mit DJ Mad und seit vier Jahren produziert er für BR PULS den “Schacht & Wasabi Deutschrap-Podcast“. 


RADIOSZENE: Wie sehen Sie die Zukunft der ursprünglichen Idee von Rap, also die Wut bestimmte Lebensumstände lautstark anzuprangern? Musikalisch wenig weiterentwickelt drehen sich viele Texte immer um die gleichen Themen wie Aggression gegen den Staat beziehungsweise die Polizei, die Verherrlichung von Drogen, Posen, präpotente Phantasien, sexistische (und auch rassistische) Äußerungen. Teilweise sogar in identischem Wortlaut. Führen diese ständigen Wiederholungen nicht irgendwann zu Ermüdungserscheinungen bei den Fans?

Falk Schacht: Lassen sie uns diese Frage bitte einmal andersherum betrachten. Wenn in Musik und Kunst seit Dekaden Probleme der Gesellschaft angesprochen werden und diese Probleme nicht gelöst werden, führt das dann zu Ermüdungserscheinungen bei den Menschen?

Falk Schacht (Bild: ©Sandra Müller)

Falk Schacht (Bild: ©Sandra Müller)

Natürlich, je älter man wird, desto mehr richtet man sich in seinem Privatleben ein und versucht es möglichst dort angenehm zu gestalten. Junge Menschen hingegen sind nicht müde, sie sehen diese Probleme und sprechen sie dann sehr lautstark an. Vor allem, wenn sie bemerken, dass die Generationen vor ihnen dieselben Probleme hatten, aber sie nicht lösen konnten. Dann wird man so richtig sauer und aggressiv. Und im zweitbesten Falle entsteht Kunst daraus.

Ich kann Ihnen tausende Rap-Songs zeigen aus den letzten 40 Jahren, deren Texte traurigerweise Probleme beschreiben, die bis heute exakt so bestehen wie vor 40 Jahren und länger.

Oder noch mal anders betrachtet: Rockmusik hatte in seinem Kern auch immer den Anspruch gegen den tausendjährigen Muff im Elternhaus und unter den Talaren anzutreten. Wenn die Gesellschaft mehr netten Rap möchte kann sie jederzeit dafür sorgen, indem sie dort für nette Verhältnisse sorgt, wo es bisher nicht nett ist. Und wo das genau ist wo es nicht nett ist, das sagt Ihnen Strassenrap.

Die Verhältnisse sind ja nicht schlecht, weil ein bestimmter Teil der Rapmusik aggressiv ist. Sondern ein bestimmter Teil von Rapmusik ist aggressiv, weil die Verhältnisse schlecht sind. Rapmusik kann ein Anzeiger sein für nicht gelöste gesellschaftliche Ungerechtigkeiten.

RADIOSZENE: Stützen Sie die These, dass die Texte des Genres generell gemäßigter geworden sind? Immer häufiger geht es hier mehr um Beziehungs- oder kleine Alltagsprobleme … speziell bei den immer zahlreicher werdenden Rapperinnen …

Falk Schacht: Es gibt alle Formen von Rapmusik und auch alle Textformen. Wenn in den Charts vermehrt Songs hochsteigen mit bestimmten Thematiken, dann ist das ja ein Ausdruck der Bedürfnisse der Hörer. Dieselben Rapper*innen mit solchen Texten haben aber auch definitiv andere Texteinhalte im Angebot.

RADIOSZENE: Glauben Sie, dass die angesprochenen Rapperinnen die Szene auf Dauer nachhaltig beeinflussen und neue Fans begeistern werden?

Falk Schacht: Definitiv. Aufgrund des oben beschriebenen Paradigmenwechsel, der gerade stattfindet, werden jetzt jede Menge an rappenden Frauen sichtbar. Und natürlich werden damit auch ihre Themen sichtbar und der Diskurs wandelt sich, weil diese neuen Perspektiven Einzug halten und eine Aufwertung dadurch erfahren. Rapmusik war und ist immer der Kanal über den sich die bisher nicht Gehörten ihr Gehör verschaffen können. Das ist die treibende und wandelnde Kraft dieser Kultur.

 

„Teile der Rapszene werden sich erst langsam darüber bewusst, dass ihre pure Existenz bereits politisch ist“

 

RADIOSZENE: Wie politisch ist die Deutschrapszene? Nicht nur im Sinne von Anprangern und purer Provokation, sondern auch bei der kreativen, nachdenklichen Aufarbeitung von politischen Themen?

Falk Schacht: Teile der Rapszene werden sich erst langsam darüber bewusst, dass ihre pure Existenz bereits politisch ist. Selbst wenn sie meinen keine politischen Raps zu machen, so ist es am Ende doch immer politisch, weil die Kunst nun mal geprägt ist vom Leben der Künstler*innen. Es hat aber auch in den letzten Jahren die Menge an direkten politischen Aussagen in Texten zugenommen.

Allerdings sehen die meisten Rapper*innen auch, dass der politische Wandel in Deutschland sehr lange braucht. Sich ausschließlich auf politischen Rap zu konzentrieren, erscheint den meisten nicht zielführend genug. Der Mindstate ist erst mal sich selber aus den negativen Verhältnissen herauszuholen bevor man versucht diese zu ändern.

Falk Schacht (Bild: ©Sandra Müller)

Falk Schacht (Bild: ©Sandra Müller)

Hinzu kommt auch Folgendes: Rapper*innen sind sehr gute Beobachter und können fantastisch problematische Verhältnisse beschreiben – das ist das Wesen von Gangsta- oder Strassenrap. Die Analyse hingegen ist nicht immer die stärkste, wird aber gerne von einem Publikum mit eingefordert. Das ist allerdings nicht fair.

Wir würden es als Patient*innen auch seltsam finden, wenn der Arzt nach der Schilderung unserer Krankheitssymptome plötzlich verlangen würde, dass wir ihm auch gleich noch die Therapie empfehlen sollen.

RADIOSZENE: Ein zentrales Problem der heutigen Zeit ist die Klimakrise, für deren Bewältigung sich Millionen junger Menschen über bemerkenswerte Aktionen engagieren. Wie aktiv prangert hier die deutsche Rapszene dieses zentrale Zukunftsthema an? Oder sendet man hier durch omnipräsente Textzeilen, in denen Rapper das Cruisen und Posen in Luxuskarossen als nachahmenswertes Stilmittel kultivierten, nicht sogar die falschen Signale?

Falk Schacht: Rapper*innen die in finanziell benachteiligten Familien ihr Leben starten, bekommen in den westlichen Gesellschaften natürlich den ganzen Tag über alle Kanäle ihre „Minderwertigkeit“ gezeigt. Sie begreifen sehr schnell, dass sie tatsächlich weniger WERT sind. Deshalb entsteht ein gesteigertes Bedürfnis den finanziellen Aufstieg auch ALLEN zu beweisen. „Set her ich habe es geschafft.“ Deshalb ist es erst mal sehr verständlich, dass in einem Land mit solch einer Autobauer-Tradition und in dem jedes Jahr eine Million SUVs von Familien gekauft werden, auch Rapper*innen starke Lust haben den anderen zu zeigen dass sie dazu gehören. Das Posen ist also System-bedingt und sagt sehr viel darüber aus, welcher Druck in unserer Gesellschaft erzeugt wird um „dazuzugehören“. 

Der Klimawandel als Thema selbst ist noch sehr wenig vorhanden im deutschen Rap. Aber auch hier ist es so, warum verlangt man gerade von Rapper*innen die Lösung von gesellschaftlichen Problemen? Am Ende des Tages sind es Musiker*innen und nicht Politiker*innen. Sie entscheiden nicht, dass Deutschland das letzte Land in Europa ist, in dem es kein Tempolimit gibt. Sie schauen nicht weg, wenn Software entwickelt wird, die Abgasuntersuchungen manipuliert, sie besteuern kein Benzin, bauen keine Elektro-Ladestationen. Sie sorgen nicht für Rahmenbedingungen, die 100.000 Jobs im Solar- und Windenergie-Sektor kosten, um 20.000 Bergarbeiter zu retten, noch lassen sie Massentierhaltung zu. Wer sagt, dass Rapper*innen ihre Verantwortung wahrnehmen müssen die Dinge in Deutschland zum Besseren zu verändern, der muss auch sagen, dass Politiker*innen endlich gute Musik machen sollen.

RADIOSZENE: Zumindest nach außen hin pflegen Deutschrapper gerne ihr Bad Boys-Image. Regelmäßig duellieren sich einige Protagonisten in der Öffentlichkeit oder vor Gericht, bedrohen sich oder stürmen auch schon mal die Büros von Labelbossen. Immer wieder werden Künstler der Szene in die Nähe krimineller Clans gerückt. Klischee oder Wirklichkeit?

Falk Schacht: Es gibt solche Verbindungen definitiv, das ist ja auch mehrfach gerichtlich festgehalten worden. Aber seien Sie sicher, jeder der die Wahl hätte mit oder ohne diesen so genannten “Schutz” agieren zu können, würde sich dagegen entscheiden.

Falk Schacht InViva con Agua - Hamburg Towers - Dunk 4 Water and Soul Benefizspiel in der Edel-Optics Arena Hamburg 2019 (Bild: Falk Schacht)

Falk Schacht InViva con Agua – Hamburg Towers – Dunk 4 Water and Soul Benefizspiel in der Edel-Optics Arena Hamburg 2019 (Bild: Falk Schacht)

Strassenrapper wollen raus aus den Verhältnissen in denen sie sich befinden. Wenn sie dort gerne bleiben würden, dann würden sie nicht Reime suchen und diese auf Musik packen. Um dann damit legales Geld zu verdienen, Arbeitsplätze zu schaffen vom Studio Engineer, Video Regisseur zum Anwalt und Steuerberater um dann am Ende mit ihren Steuern auch die Schule zu bezahlen auf die auch ihre Kinder gehen.

Fragen sie mal Rapper*innen was sie sich für ihr Leben wünschen mit Mitte 30. Sie werden erstaunt sein wie bürgerlich die Wünsche ausfallen: Haus, Partner*in, Kinder. Die Unterschiede bei den Wünschen zwischen einem Bausparer und einem Strassenrapper liegen nur in der Größe des gewünschten Wohnobjektes. Aber das ist auch nur eine Überkompensation und damit erneut Anzeiger der schwierigen Verhältnisse aus denen oft gestartet werden muss.

 

„Fragen Sie mal Rapper*innen was sie sich für ihr Leben wünschen mit Mitte 30. Sie werden erstaunt sein wie bürgerlich die Wünsche sind: Haus, Partner*in, Kinder“

 

RADIOSZENE: Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Rapmusikszene?

Falk Schacht: Gerade der Teil von Deutschrap der nicht im medialen Spotlight steht, obwohl er es könnte, weil er weniger Aufsehen erregend ist wie Gangsta und Strassenrap, hat seine wichtigste Spielfläche verloren … das Live-Geschäft.

Zum einen brachte es das dringend benötigte Geld zum Bezahlen der Miete, Festivals waren aber auch ein Fokus um sich ein neues Publikum zu erspielen. Dies fehlt sehr stark und hat konkrete Auswirkungen, so dass es in diesem Bereich vielen Musikern schwerer fällt ihrer Kunst nachzugehen und zu wachsen.

Und das sind auch die Rapkünstler*innen, die von den Medien nicht beachtet und nicht gefördert werden. Zum Beispiel liegt hier genau eine Möglichkeit von uns Medienschaffenden dem Rap eine Sichtbarkeit zu verleihen der nicht Strassen- oder Gangstarap ist. Wer anderen Rap möchte, muss sich auch am Wandel und der Entwicklung beteiligen in dem er den Rap fördert, den er  sehen möchte.

Anders formuliert, es gibt längst den Rap, den sich Radiomacher wünschen. Sie sehen ihn nur nicht und denken, der Rap den sie sehen sei alles was existiert. Das ist falsch!

RADIOSZENE: Wie haben Sie eigentlich persönlich zur Rap- und HipHop-Musik gefunden? Welche Künstler haben Sie beeinflusst?

Falk Schacht: In meinem Elternhaus lief während der Kindheit nur Funk, Soul, Disco und Jazz. Ich bin mit BFBS und Tommy Vance aufgewachsen, später kam dann Tim Westwood dazu, Marius #1 und Andre Langenfeld. Beeinflussen tun mich aber immer alle Künstler*innen. Ich kann mir genauso viel aus einem Grandmaster Flash ziehen wie aus einen Travis Scott. Ich liebe und beschäftige mich mit allen Zeitaltern der HipHop-Kultur und darüber hinaus auch mit allen anderen Musikgenres und den Wechselwirkungen zwischen Kultur und Gesellschaft. Es kann der neueste Release eines Sludge-Drummers aus Ungarn sein, der seine Krautrock-Einflüsse mit Industrial und EBM-Klängen verarbeitet, oder Future Bass-Experimente im Halftime Sektor von Synthwave Produzenten. Oder auch wie sich der Rhythmus irischer Folkmusik über Blues zu Swing und Jive entwickelt und sich später in Rock’n‘Roll verwandelt. Das ist alles extrem spannend und beeinflussend für mich.

RADIOSZENE: Bei BR PULS produzieren Sie als „Peter Scholl-Latour des deutschen HipHop“ gemeinsam mit Jule Wasabi den wöchentlichen Deutschrap-Podcast “Schacht & Wasabi”  und zusammen mit DJ Mad gestalten sie die “N-JOY Soundfiles HipHop“. Worum geht es in diesen Formaten?

Falk Schacht: (Lacht) Da ich Herrn Scholl-Latour immer sehr geschätzt habe, schmeichelte mir der Vergleich der Redaktion natürlich, wobei es wohl auch darum ging zu verdeutlichen, dass ich doppelt so alt bin wie meine Kollegin im Podcast. “Schacht & Wasabi“ ist ein Wochenrückblick, bei dem wir uns die wichtigsten Deutschrap-Ereignisse der Woche vornehmen und analysieren. Einmal aus einer jungen und weiblichen Sicht, und einmal aus der älteren und männlichen Sichtweise. In dem Format halten wir das Gleichgewicht und konzentrieren uns nicht nur auf Straßen- und Gangstarap, sondern beachten auch die Künstler*innen, die weniger provokant arbeiten seit jetzt über 220 Folgen. Wenn es möglich ist mache ich für BR Puls auch Interviews (Schacht & Wasabi – der Deutschrap Podcast).

Die “Soundfiles HipHop“ sind eine Radiosendung, die DJ Mad und ich für das junge Radio N-JOY produzieren und bei der wir immer Rapper*innen als Gäste zum Interview haben. Auch hier achten wir auf Diversität um die gesamte Szene sichtbar zu machen und nicht nur einen Ausschnitt. In der zweiten Stunde gibt es dann immer ein DJ Mixtape von DJ Mad, in dem alle Kinder der HipHop-Kultur ihren Platz finden können. Denn HipHop ist eine eklektische Kultur. Daneben arbeite ich an vielen weiteren freien Projekten und mache auch Interviews für die “Backspin“, das “Diffus Magazin“ und andere (Soundfiles HipHop mit DJ Mad).

 

„Man hat bei Apple, Amazon und Deezer begriffen, dass man im deutschen Markt in Zukunft nur dann mitspielen kann, wenn man in dem Sektor Deutschrap und HipHop konkurrenzfähig ist, weil da das Wachstumspotential liegt“

 

RADIOSZENE: Nach welchen Kriterien suchen Sie die Musik aus? Wo liegen hier die Grenzen, wo endet bei den Texten beispielsweise die „künstlerische Freiheit“?

Falk Schacht: Künstler, die sich rassistische, sexistische und homo-wie-transphobe Inhalte auf die Fahne geschrieben haben, finden nicht statt. Eigentlich recht simpel.

RADIOSZENE: Im deutschen Radio tut Rap sich weiter schwer. Selbst „junge Formate“ verfügen lediglich über geringe Anteile, argumentieren, dass das Genre nur bei einer vergleichsweise spitzen Hörergruppe ankommt. Ist Rap also eher ein „Fremdkörper“ im Radio oder schwingt hier auch die Angst vor unbequemen Texten mit? Die Musik ist ja – siehe oben – doch durchaus mehrheitsfähig …

Falk Schacht: Lassen Sie uns einen Blick auf Spotify werfen und schauen wie die das Thema angehen. Spotify hatte für das Thema Rap einen globalen Playlistenchef mit Team in den USA sitzen – ganz logisch, weil es das Mutterland der HipHop-Kultur ist. Aber im Jahr 2016 wurde in den internen Statistiken klar, dass die Dynamik was Deutschrap betrifft so extrem ist, dass man nicht adäquat aus den USA heraus darauf reagieren konnte.

Es war klar, dass man vor Ort Knowledge und Expertise brauchte, um das Potential voll auszuschöpfen. Deswegen hat man sich im selben Jahr dazu entschieden, Geld zu investieren und speziell für den deutschen Markt den ersten Rap-Playlistenchef neben dem US Rap-Playlistenchef zu etablieren.

Ich möchte noch mal extra herausheben, welche Bedeutung diese Erkenntnis hat, zu der man da bei Spotify intern kam. Der deutsche U30-Markt wird so stark von Deutschrap getrieben, dass Spotify als weltweit agierendes Aktienunternehmen darin seine Wachstumschance erkannte, die es bis dahin so in keinem anderen Land gesehen hatte. Und wir sprechen nicht nur davon Playlisten zu schaffen. Wir sprechen davon Beziehungen mit den entsprechenden Labels und Rapper*innen aufzubauen und zu pflegen sowie gemeinsame Projekte zu starten. Also im Markt aktiv als Spieler zu agieren.

Eröffnung der IFA Berlin 2019: Falk Schachts Keynote für Harman/JBL

Der daraus resultierende Wachstumserfolg für Spotify in Deutschland, sowie der daraus resultierende Erfolg für Deutschrap hat einen so enormen Druck im deutschen Streamingmarkt verursacht, dass sowohl Apple, Deezer als auch Amazon in den letzten 24 Monaten darauf reagierten, indem sie auch Geld investierten und Stellen für Teams geschaffen haben, in denen Menschen mit HipHop-Expertise arbeiten. Sie haben im Grunde HipHop- Redaktionen geschaffen. So wie es auch Jazz-Redakteure bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gibt. 

Man hat also bei Apple, Amazon und Deezer begriffen, dass man im deutschen Markt in Zukunft nur dann mitspielen kann, wenn man in dem Sektor Deutschrap und HipHop konkurrenzfähig ist, weil da das Wachstumspotential liegt. Und das ist im Grunde die oben erwähnte Analyse vom “Reeperbahn Festival“. HipHop-Kultur transformiert Pop-Kultur und damit letztendlich auch die Kulturwirtschaft – also auch Streaming und Radio. Und genau das sehen wir ja auch in der ARD/ZDF – Massenkommunikations-Studie 2020. Das ist die Abbruchkante von der Sandra Müller hier zurecht spricht.  

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Die 12 Prozent Musiknutzung über Youtube gehört für mich zu den 44 Prozent Musik- Streaming dazu. In der Zeit wo man Musik auf Youtube streamt hört man auch kein Radio.

Und diese 56 Prozent der U30-Jährigen machen Spotify auch deshalb zum Marktführer im Streamingsektor, weil man dort 2016 verstanden hat wie die Dynamiken in der deutschen Jugendkultur sind – und man dann den Mut hatte zu handeln und Geld zu investieren in Deutschrap. Jetzt sind also bereits 56 Prozent der U30-Jährigen weg vom klassischen Radio hin zum Streaming. Und die werden auch nicht mehr zurückkommen, wenn man nicht aktiv wird. Denn Spotify wird mit Youtube, Amazon und Apple um diese Hörer kämpfen.

Die entscheidende Frage ist doch, warum können Unternehmen wie Apple, Spotify,  Amazon und Youtube etwas, was die deutschen Radios nicht können? Darüber müssen wir reden!

Radio hat nur eine Chance für die Zukunft – mutig auf diesen Strukturwandel zu reagieren: Der U30-Generation hinterher zu gehen und auf den Wandel des Nutzungsverhaltens sinnvoll zu reagieren. Sowohl technologisch als auch inhaltlich.

Vor allem inhaltlich sehe ich beim Radio traditionell immer noch die Stärken. Kuration, Einordnung, Auseinandersetzen mit Inhalten und Berichten. Aber dazu braucht man die richtigen Leute und Budgets und den Mut etwas zu tun, statt in Schönheit zu sterben.

 

„HipHop-Kultur transformiert Pop-Kultur und damit letztendlich auch die Kulturwirtschaft – also auch Streaming und Radio” 

 

RADIOSZENE: Öffnet sich gerade die Schere zwischen der Ursprungsidee von Rap und dem Rap/HipHop vieler Songs von heute, die musikalisch wie textlich ganz offensichtlich in Richtung Pop/Mainstream zielen – und bei denen klar rein kommerzielle Ziele im Vordergrund stehen? Wie wird diese Spreizung in der Szene diskutiert?

Falk Schacht: HipHop ist eine self empowerment Kultur und die Gedankengänge sind wie folgt: Wenn ich für die Gemeinschaft keinen schnellen Wandel bringen kann, weil zu viele über mir auf der Bremse stehen und keinen Wandel zulassen, dann verschwende ich keine Zeit damit gegen diese bremsenden Kräfte anzukämpfen sondern ich werde sie umschiffen und erst mal mich selber retten. Die eigenen Verhältnisse kann man schneller ändern als das System. Man ermächtigt sich damit selbst, um unabhängig zu sein von den vorherrschenden Strukturen.

Aber, das Umschiffen von dem ich spreche, das Ausmanövrieren der Gatekeeper, passiert sehr schnell. In einem Roundtable-Dialog bei Jung von Matt über HipHop und Brands spachen wir über die Fallstricke beim Marketing mit HipHop. Da erkläre ich [circa ab der Mitte des Videos], das man zwar die HipHop-Kultur ignorieren kann, aber die HipHop- Karawane macht es dann eben selber – und zieht weiter. Das disruptive DIY-Element der HipHop-Kultur sollte man niemals unterschätzen. 

Jung von Matt Roundtable – HipHop x Brands – Rap und Marketing:

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RADIOSZENE: Haben Sie eine Vision in welche Richtung sich Rap und HipHop in den nächsten Jahren entwickeln werden?

Falk Schacht: Es wird alles noch größer und noch diverser. HipHop ist jetzt die führende Popkultur der Welt, so wie es einst mal Rock war. Wir haben in Deutschland Ü40-Jährige die mit HipHop aufgewachsen sind. Wir haben also inzwischen diverse Generationen von HipHoppern bis ins Kindergartenalter runter. Die Künstler*innen, die in 15 Jahren in den Charts stehen werden, hören jetzt Rapmusik zum Beispiel von Deine Freunde, Dikka oder anderen kindgerechten Rap, der für sie produziert wird.

Sie wachsen mit Rap auf, weil ihre Eltern bereits mit Rap aufwuchsen. HipHop zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche und wird deshalb alles transformieren. Und irgendwann wird es eine Kanzler*in geben die mit Rap aufgewachsen ist.

Hier geht es zu Teil 1 des Interviews mit Falk Schacht

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