DAB+: 21 Bewerber wollen in 7 polnischen Städten senden

Veröffentlicht am 05. Aug. 2019 von unter Weltweit

Hauptmarkt in Krakau (Bild: ©Marek Schirmer)Maximal 84 Plätze in sieben DAB+ Multiplexen waren in Polen zu belegen, für 54 Plätze reichten die Kandidaten eine Bewerbung ein. Das Interesse für kleinere Städte fällt gering aus, die Metropolen sind begehrt. Nur für alle 12 Plätze in dem Multiplex in Tschenstochau meldeten sich ausreichend Bewerber. Die Entscheidung welche Programme einziehen dürfen, fällt der Landesrat für Rundfunk und Fernsehen (KRRiT) erst nach den Sommerferien. Ein genaues Datum ist noch nicht bekannt.

Das Digitalradio DAB+ fristet bis jetzt ein Nischen-Dasein in Polen. In 17 Regionen strahlt das öffentlich-rechtliche Polskie Radio seine Programme in einem Multiplex aus. Kommerzielle Anbieter haben bis jetzt DAB+ nur getestet. Mit der ersten Ausschreibung digitaler Kapazitäten wendete sich am 20. Mai der Landesrat das erste Mal an kommerzielle Anbieter. Am 19. Juli wurden alle Bewerber bekanntgegeben.

Polskie Radio

Mit 1,7 Millionen Einwohnern und bereits über 20 Programmen auf UKW ist Warschau der am meisten umkämpfte Radiomarkt in Polen. Eine freie UKW-Frequenz in der Landeshauptstadt zu ergattern gelang zuletzt im August 2018 dem Anbieter Radio WNET, nachdem ein kommerzielles Kinderradio seine Frequenz zurückgab. Auf eine freie Stadtfrequenz in dem 404.000 Einwohner zählenden Stettin bewarben sich im Juli dieses Jahres 12 Kandidaten. Einige Ausschreibungen der polnischen Landesmedienanstalt sind so konkret beschrieben, dass nur bestimmte Anbieter daran teilnehmen können, z.B. nur religiöse Programme oder die Programme einer bestimmten ethnischen Minderheit. Es verwundert also nicht, dass für Ausschreibungen für Vollprogramme in Großstädten die Liste der Bewerber schnell zweistellig wird, wie im Fall einer 400 Watt Stadtfrequenz in dem 200.000 Einwohner zählenden Radom (südlich von Warschau), für die es 17 Bewerber gab.

Screenshot von LG Stylus 2, dem einzigen Smartphone mit einem eingebauten DAB+-Empfänger.

Screenshot von LG Stylus 2, dem einzigen Smartphone mit einem eingebauten DAB+-Empfänger.

DAB+ könnte eine Entspannung auf dem polnischen Radiomarkt bringen. Alle könnten endlich da senden, wo sie wollen. Wäre da nicht das Problem der fehlenden Radioempfänger. Die großen kommerziellen Anbieter wollen kein Lehrgeld zahlen. Weder die zu der deutschen Bauer Media Group gehörende erfolgreichste Radiogruppe RMF, noch die Spartenprogramme des ewigen zweiten in der Rangliste „Radio Zet“ (Gazeta Wyborcza/George Soros) oder andere auf UKW überregional agierenden Anbieter haben sich um einen DAB+ Platz beworben.

Polen: Bewerber für 7 neue DAB+ Multiplexe

Zwölf Anbieter wollen in den DAB+ Multiplex in dem polnischen Wallfahrtsort Tschenstochau einziehen, gefolgt von Warschau mit zehn Kandidaten und Posen und Kattowitz mit jeweils neun. Für die kleineren Städte mit weniger als 203.000 Einwohnern Thorn und Rzeszów meldeten sich gerade mal fünf Bewerber, in Tarnow sogar nur vier.

Die Kandidaten

„Sichere Reise“

In allen Multiplexen möchte die Stiftung „Emanico Arcus“ ein Programm mit dem Titel „Sichere Reise“ ausstrahlen. Zu den Stiftungszielen gehören u.a. die Unterstützung von Familien in schwierigen Situationen und Bildungsziele, wie die Aktivierung von Menschen für das Arbeitsleben (s. Quelle).

Die Stiftung war seit dem Jahr 2015 an dem Lokalradio „Radio Hobby“ in Legionów nördlich von Warschau beteiligt, verlor die Lizenz nach einem längeren Rechtstreit mit der Landesmedienanstalt. Zuerst konnte das Lokalradio die Konzessionsgebühren nicht bezahlen. Die Pleite konnte durch den Einstieg der Stiftung „Emanico Arcus“ abgewendet werden, sie übernahm die Mehrheit der Anteil an Radio Hobby und einen Vertrag zur Programmübernahme des russischen Propagandasenders Radio Sputnik. Täglich eine Stunde wurden die Hörer direkt aus Moskau mit der Stimme Kremls versorgt. Bei TVN24 gab Piotr Fogler, der damalige Geschäftsführer von Radio Hobby zu, dass 1/5 der Einnahmen durch die Programmübernehme des russischen Propagandasenders erzielt werden (vgl. Quelle). Die Stiftung „Emanico Arcus“ hat sich bereits für UKW-Frequenzen beworben, ist aber unterlegen. DAB+ ist ein neuer Versuch auf dem Radiomarkt zurückzukehren. 

„Radio Profeto“

.. ist ein römisch-katholischer Sender aus Stadniki in Kleinpolen, südlich von Krakau. Im August 2016 erhielt die Stiftung Profeto.pl die Konzession für einen 100 Watt-Sender in Skomielna Biała. Die Dehonianer sind eine Gemeinschaft der Herz-Jesu-Priester die auf den französischen Ordensgründer Léon Gustave Dehon zurückzuführen ist. Neben Stadniki unterhält der Sender auch ein Studio in Warschau. Christliche Musik, Gebete und Gottesdienste dominieren das Programm. 

Open FM

… ist einer der erfolgversprechendste Kandidat auf einen Platz in allen sieben lokalen DAB+ Multiplexen. Der Internetradioanbieter unterhält bereits – je nach Jahreszeit – 150 bis 160 Webradios. In DAB+ wird es nur ein Hörfunkprogramm mit Nachrichten und Berichten geben. Besitzer von Open FM ist die in Warschau börsennotierte Aktiengesellschaft „Wirtualna Polska“, die im letzten Jahr Einnahmen in Höhe von 126 Mio. Euro erzielte und mit 17,7 Mio. Euro ihren Gewinn um 90 % gegenüber dem Vorjahr steigern konnte (s. Quelle).

Die Mediengruppe „Wirtualna Polska“ hat im Mai 2015 die Radioportale OpenFM und PolskaStacja.pl für ein Million Euro übernommen. (Logo: Wirtualna Polska)

Die Mediengruppe „Wirtualna Polska“ hat im Mai 2015 die Radioportale OpenFM und PolskaStacja.pl für ein Million Euro übernommen. (Logo: Wirtualna Polska)

Im gleichen Zeitraum erreichte ihr Fernsehprojekt „Telewizja WP“ den Break-Even-Punkt. Leszek Bogdanowicz, Marek Borzestowski und Jacek Kawalec starteten im Jahr 1995 ein Internetportal an der Technische Universität Danzig. Ein Internetseitenkatalog wurde zur Suchmaschine ausgebaut, es folgten weitere Dienste, wie kostenlose E-Mail-Adressen und die Entwicklung, Übernahme von und Fusion mit anderen Internetportalen. Mehr zu den Zielen von „Wirtualna Polska“ im Absatz Einschätzung. 

Muzo.fm
In sechs Regionen möchte die Aktiengesellschaft Cyfrowy Polsat ihr Hörfunkprogramm „muzo.fm“ ausstrahlen. Im neun Städten ist das Programm bereits auf UKW zu empfangen. Muzo.fm ersetze 2014 das Programm von Radio PIN, das polnische Akronym stand für „Geld und Moderne”. Die Hörer bekommen bei muzo.fm alternative Pop- und Rockmusik geboten. Polsat-Eigentümer Zygmunt Solorz-Żak weicht seit zehn Jahren nicht vom Platz zwei der Liste der 100 reichsten Polen des Wochenmagazins Wprost. Mit 2,1 Milliarden Euro verfestigte sich sein Platz an dieser Stelle. Vielen Polen ist er als Fernsehmogul durch den TV-Sender Polsat seit 1992 bekannt. Solorz-Żak besitzt eine eigene Bank, zwei Mobilfunknetze, er besitzt eine Konzession für ein landesweites DVB-T-Netzwerk, das nur in den Metropolen ausgebaut wurde, auch der Kabelanschlussanbieter Netia gehört zu seinem Portfolio. Weniger bekannt ist sein Engagement im Bereich Elektrizität und im Immobilienbereich.

Technische Reichweite von muzo.fmMega Radio, Disco Radio und Radio Nuta
Im Beskidenvorland an der Grenze zwischen Polen, Slowakei und Tschechien sind diese drei Programme beheimatet, sie entstehen bei Radio Bielsko, dem Lokalradio für Bielsko-Biała. Alle drei Programme werden im Rahmen von technischen Versuchsausstrahlungen vom Berg Szyndzielnia in Bielsko-Biała auf dem Kanal 5B und in Breslau auf dem Kanal 11A, sowie im lokalen Kabelnetz ausgestrahlt. MEGA Radio wird zusätzlich im Rahmen einer Testausstrahlung des Multiplexes der Diözese Tarnow vom Berg Prehyba in den Sandezer Beskiden (Westkarpaten) ausgestrahlt. 

Der Miteigentümer von Radio Bielsko Jerzy Handzlik glaubt, dass die Festlegung der Programme auf ein bestimmtes Format verfrüht sei. Sinnvoller sei es zum jetzigen Zeitpunkt den Markt zu beobachten und auf die Bedürfnisse der Hörer zu reagieren. Noch wisse man nicht, welche Zielgruppe sich neue Empfänger kaufen werde. Werden es Liebhaber von Disco Polo sein, der polnischen Variante von Euro Disco Musik oder eher Liebhaber von klassischer Musik, das wisse man heute nicht. Die Beschreibung genauer Pläne hält er für Kaffeesatzleserei. Eins ist klar, er möchte unbedingt dabei sein. 

Lokale Kandidaten 

Vierzehn Anbieter bewerben sich nur um einen Platz in einem oder zwei lokalen Multiplexen. Radio EXPRESS FM das sein Verbreitungsgebiet um die Städte Kattowitz und Tschenstochau erweitern möchte, gehört ebenfalls Jerzy Handzlik, dem auch Radio Bielsko, Mega Radio, Disco Radio und Radio Nuta gehören. Das Programm entsteht in Bielsko-Biała und wird in Ober Lazisk bei Kattowitz ausgestrahlt.

Technische Reichweitensteigerung durch DAB+

Unter den 14 Sendern sind vier katholische Programmveranstalter, reine Internetradioprogramme, wie Radio Imperium, das einem lokalen Kabelnetzbetreiber gehört. Einige Lokalradios wollen ihre technische Reichweite erhöhen, Radio Leliwa, Trendy Radio und Wasze Radio FM sind bereits auf UKW zu empfangen und erschließen mit DAB+ die nächstgelegene Großstadt. Kolor 103 FM aus Warschau, Radio Fon und Twoja Polska Stacja aus Tschenstochau bewerben sich um einen DAB+ Platz in den Städten, wo sie bereits auf UKW zu empfangen sind. 

 

Eine Einschätzung

RADIOSZENE bat auch die Bewerber um eine Einschätzung der Situation in Polen. 

Dariusz Piekarski, Programmdirektor und Geschäftsführer von Wasze Radio FM wenige Sekunden nach dem Sendestart am 30. März 2017, kurz nach 18 Uhr.

Dariusz Piekarski, Programmdirektor und Geschäftsführer von Wasze Radio FM wenige Sekunden nach dem Sendestart am 30. März 2017, kurz nach 18 Uhr.

„Die Bewerbung für DAB+ war – trotz allen Anscheins – eine der schwersten unserer Entscheidungen.“ teilte uns Dariusz Piekarski, Geschäftsführer von „Wasze Radio FM“ aus der Nähe von Posen mit. Und weiter: „Wir ergriffen sie während einer Atmosphäre, in der DAB+ allgegenwärtigen kritisiert wird, eine klare gesetzlichen Regelung fehle und jegliche Unterstützung durch den polnischen Staat für Programmveranstalter unterbleibe. Wir bewarben uns, um unsere Anwesenheit in einem elitären Kreis der professionellen lizenzierten Programmveranstalter in der Hauptstadt der Region Großpolen zu unterstreichen, die ihr Programm über traditionelle Empfänger ohne zusätzliche Kosten für die Hörer terrestrisch anbieten.“

Wasze Radio FM wurde auf UKW jeglicher Entwicklungschancen beraubt, denn es ist fast unmöglich noch Frequenzen für die Großstädte zu finden. Dazu Dariusz Piekarski: “Wenn eine Frequenz gefunden wird, steht diese nicht unbedingt für ein Lokalradio wie das unsere zur Verfügung. Die letzten für Großstädte gefundenen Frequenzen wurden so ausgeschrieben, dass nur ein Spartenprogramm mit gesellschaftspolitischen Themen sich bewerben konnte. Wir besitzen eine Konzession für ein Vollprogramm und konnte deshalb an der Ausschreibung nicht teilnehmen. Die Bewerbung von „Wasze Radia FM“ wäre aus formellen Gründen abgelehnt worden.“

Ein Schwergewicht ist im Vergleich zu dem Lokalsender Wasze Radia FM die Internetplattform Open FM der börsennotierten Aktiengesellschaft Wirtualna Polska. Je nach Jahreszeit betreibt sie bis zu 160 Spartenkanäle im Internet und führt eine genaue Analyse der Hörerpräferenzen in den verschiedenen Regionen durch. 

Joanna Skwarna, Direktorin für Kommunikations-, Bezahl- und Werbeprodukte bei Wirtualna Polska (Foto: WP)

Joanna Skwarna, Direktorin für Kommunikations-, Bezahl- und Werbeprodukte bei Wirtualna Polska (Foto: WP)

Joanna Skwarna, stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Bereich Pay-Content bei Wirtualna Polska Media: „Wir planen einen linearen Radiokanal mit Musik, dass sich an ein breites Publikum richtet. Der Kanal wird kreiert in Anlehnung an unser Know-how, dass wir bei der Produktion eines der beliebtesten Internetradio-Produkte Polens erworben haben. Das Rahmenprogramm wird u.a. Musikstrecken beinhalten, die an bereits existierenden Spartenkanäle anknüpfen. Lokale und landesweite Nachrichten, sowie Sendungen der Journalisten und Mitarbeiter unserer Mediengruppe runden das Angebot ab“.

Auf unsere Frage ob eine Rentabilitätsschwelle mit einem DAB+ Programm überhaupt erreicht werden kann, antwortete Skwarna: „Neue Lösungen werden im Anfangsstadium gelegentlich skeptisch vom Markt betrachtet. Wir glauben jedoch an die Entwicklung dieser Technologie, wir sehen das Potential und die neue Qualität von DAB+, sowie vor allem die Chance die Hörer mit einem attraktiven Programmangebot erreichen zu können. Wir beobachten andere Länder in Europa und sehen, dass DAB+ dort sich dynamische entwickelt, deshalb nehmen wir an, dass ebenfalls in Polen eine solche Lösung in ein paar Jahren zum Standard werden kann.“

Joanna Skwarna setzt auf die neue Richtlinie der EU, die den Einbau von digitalen Empfängern in neue Autos ab 2020 vorschreibt: „Ich weiß nicht, ob die Hörer bewusst neue Radioempfänger kaufen werden, aber ein Teil von Ihnen wird sich ein neues Auto kaufen oder leasen, das mit DAB+ ausgestattet sein wird. Möglicherweise werden DAB+ Empfänger in andere Geräte eingebaut werden, wie Fernseher oder Set-Top-Boxen und ähnliche.“

Logo: ©Wasze Radio FM

Logo: ©Wasze Radio FM

Soviel Glaube an DAB+ in einem Land in dem DAB+ einfach vor sich hindümpelt ist bewundernswert. Die Gründe sieht Piekarski von Wasze Radio FM im fehlenden Angebot „Ein Problem stellt ein unvollständiges Angebot dar. Bis auf einige wenige technische Versuchsausstrahlungen in wenigen Regionen werden in Polen aktuell nur die öffentlich-rechtlichen Programme in DAB+ übertragen.“

Ihm fehlen genauere Analysen wie weit DAB+ bereits angenommen wurde. Auch Joanna Skwarna bemängelt den geringen Netzausbau: „In Polen ist DAB+ immer noch nicht landesweit zu empfangen. Technologien haben es an sich, dass häufig ihre breite Anwendung erst in dem richtigen Moment kommt. Ähnlich kann es ebenfalls mit DAB+ sein, mit den Änderungen der gesetzlichen Lage und einem dynamisch wachsenden Markt z.B. für neue Autos, kann DAB+ zu einer Alternative für FM werden.“

Sendeantenne über dem Hauptsitz von RMF FM (Bild: © Marek Schirmer)

Sendeantenne über dem Hauptsitz von RMF FM (Bild: © Marek Schirmer)

Nicht nur der Privatfunk will in Polen in DAB+ einsteigen, auch das öffentlich-rechtliche Polskie Radio wird noch in diesem Jahr sein Netz ausbauen. Nach vier Jahren Stillstand startet nun auch Polen in Sachen DAB+ durch, über die genauen Ausbaupläne hat RADIOSZENE an dieser Stelle berichtet.

Zum Titelbild: Der Hauptmarkt in Krakau (Polen) mit der Tuchhalle (rechts) und der Marienbasilika (links), in der Mitte ein Denkmal für den Schriftsteller Adam Mickiewicz (Bild: ©Marek Schirmer)

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