Serial Podcast: That’s me calling the Taliban

Veröffentlicht am 13. Dez. 2015 von unter Deutschland

Die Podcast-Reihe „Serial“ ist ein Erfolgs­mo­dell und Beweis dafür, dass anspruchs­vol­ler Radio­jour­na­lis­mus durch­aus Mas­sen begeis­tern kann. Deut­schen Hör­fun­kern fällt es bis­lang aller­dings schwer, das US-Vorbild für den hei­mi­schen Markt zu adaptieren.

Von Horst Müller

Logo zur 2. Staf­fel von Serial (Bild: Serial Podcast)

Logo zur 2. Staf­fel von Serial (Bild: Serial Podcast)

Seit Don­ners­tag steht die erste Folge der zwei­ten „Serial“-Staffel zum Down­load bereit. Dies­mal beschäf­ti­gen sich die Radio-Journalistin Sarah Koe­nig und ihr Team mit dem Fall des US-Soldaten Bowe Berg­dahl, der im Jahr 2009 ein US-Camp in Afgha­nis­tan ver­las­sen hatte und anschlie­ßend in die Hände der Tali­ban gefal­len war. Fast fünf Jahre spä­ter wurde Berg­dahl im Mai 2014 gegen fünf Häft­linge aus Guan­tá­namo aus­ge­tauscht. Die Frei­las­sung des US-Soldaten hat­ten die Tali­ban sei­ner­zeit zu Propaganda-Zwecken im Video fest­ge­hal­ten und bei YouTube ein­ge­stellt, wo es noch heute nach­zu­se­hen ist.

Szene von der Frei­las­sung des US-Soladaten Bowe Berg­dahl (Screen­shot aus einem Taliban-Video bei YouTube)

Szene von der Frei­las­sung des US-Soladaten Bowe Berg­dahl (Screen­shot aus einem Taliban-Video bei YouTube)

Sarah Koe­nig hat dies­mal also ein Thema von weit­rei­chen­der poli­ti­scher Dimen­sion auf­ge­grif­fen und damit erneut brei­tes Inter­esse geweckt. Wegen mil­lio­nen­fa­cher Zugriffe soll das Web­por­tal von Serial am Ver­öf­fent­li­chungs­tag über Stun­den zusam­men­ge­bro­chen sein, berich­ten Spie­gel Online und andere. Bei App­les iTu­nes steht die Audio-Dokumentationsreihe ohne­hin auf Platz 1 der Podcast-Charts – nicht nur welt­weit, son­dern auch bei den Deut­schen Down­loads. Bereits die 12 Fol­gen der ers­ten Staf­fel, die im ver­gan­ge­nen Jahr zwi­schen Anfang Okto­ber und Mitte Dezem­ber wöchent­lich ins Netz gestellt wur­den, sol­len min­des­tens 70 Mil­lio­nen Mal abge­ru­fen wor­den sein. Damit ist Serial mit gro­ßem Abstand der erfolg­reichste Pod­cast aller Zeiten.

Sarah Koe­nig im März 2015 (Bild: CC BY-SA 4.0 | Uploa­ded by Kzirkel)

Sarah Koe­nig im März 2015 (Bild: CC BY-SA 4.0 | Uploa­ded by Kzirkel)

Im ver­gan­ge­nen Jahr hatte sich die Radio-Journalistin Sarah Koe­nig an die jour­na­lis­ti­sche Auf­ar­bei­tung des Mor­des an der in Süd­ko­rea gebo­re­nen Stu­den­tin Hae Min Lee bege­ben. Die Lei­che der 18jährigen war im Februar 1999 in einem Park in Bal­ti­more auf­ge­fun­den wor­den. Kurz dar­auf wurde ihr Ex-Freund Adnan Masud Syed fest­ge­nom­men und im Jahr 2000 wegen Mor­des zu lebens­lan­ger Haft ver­ur­teilt. Aller­dings blie­ben erheb­li­che Zwei­fel an der Schuld des jun­gen Man­nes, die durch Sarah Koe­nigs prä­zise geführte Recher­chen wei­ter bestärkt wur­den. Die Jour­na­lis­tin konnte zwar in ihrer Reihe die Wahr­heit nicht ans Licht beför­dern, erreichte schließ­lich jedoch eine Wie­der­auf­nahme – nicht nur poli­zei­li­cher Ermitt­lun­gen, son­dern des Straf­ver­fah­rens vor Gericht.

Serial-Persiflage in der TV-Show „Satur­day Night Live“ (Bild: Screen­shot YouTube)

Serial-Persiflage in der TV-Show „Satur­day Night Live“ (Bild: Screen­shot YouTube)

Der Erfolg von Serial, einem Able­ger der Radio-Dokumentationsreihe „This Ame­ri­can Life“, führte inzwi­schen welt­weit zu Nach­ah­mun­gen – oder zumin­dest zu Ver­su­chen, das Kon­zept von Sarah Koe­nig zu adap­tie­ren. In Deutsch­land gab’s bis­lang drei Anläufe in öffentlich-rechtlichen Pro­gram­men, mit Hilfe des kon­zep­tio­nel­len Ansat­zes von Serial Inter­esse für moderne Hörfunk-Dokumentationen zu wecken:

Mehr als ein Mord | Deutsch­land­ra­dio Kul­turDer 20-jährige Asyl­be­wer­ber Kha­led Idris Bahray über­lebt die Flucht aus Eri­trea. Vier Monate nach sei­ner Ankunft wird er im Januar 2015 in Dres­den ermor­det. Der Fall hat die Jour­na­lis­tin Jenni Roth nicht los­ge­las­sen. Vor dem Hin­ter­grund des Pro­zess­be­ginns am 31. August geht sie in acht Fol­gen in den Sen­dun­gen Breit­band und Echt­zeit auf Spu­ren­su­che (Ori­gi­nal­text Deutsch­land­ra­dio Kul­tur). Zur Beglei­tung der Reihe gibt’s eine auf­wen­dig pro­du­zierte Multimedia-Reportage, über die die im Radio aus­ge­strahl­ten Fol­gen auch wei­ter­hin abruf­bar sind.

Wer hat Burak erschos­sen? | RBB radio­einsIm April 2012 ist Burak Bek­tas mit Freun­den in Berlin-Neukölln unter­wegs, als er auf offe­ner Straße erschos­sen wird. Der Täter bleibt uner­kannt, die Hin­ter­gründe bis heute rät­sel­haft, die poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen ohne Ergeb­nis…(Ori­gi­nal­text radio­eins). Die neun Fol­gen der Serie lie­fen zwi­schen dem 15. Okto­ber und 10. Dezem­ber die­ses Jah­res im Radio und kön­nen über das Web­por­tal des RBB nach­ge­hört werden.

NDR 2 – Täter unbe­kannt. Unge­klärte Ver­bre­chen im Nor­denAm 10. August 2000 ver­schwin­det Inka Könt­ges. Die 29-jährige Frau will mit dem Fahr­rad durch die Eilen­riede, den Stadt­wald von Han­no­ver, zu ihrer Arbeits­stelle an der Medi­zi­ni­schen Hoch­schule fah­ren. Seit­dem fehlt von ihr jede Spur (Ori­gi­nal­text NDR). Neben aus­führ­li­chen Hin­wei­sen auf dem eige­nen Web­por­tal, wurde ergän­zend auch eine Multimedia-Doku ins Netz gestellt. Die acht – zwi­schen dem 29. Sep­tem­ber und 24. Novem­ber bei NDR 2 aus­ge­strahl­ten – Fol­gen ste­hen zum Nach­hö­ren und als Pod­cast zum Down­load zur Verfügung.

Das NDR-Projekt „Täter unbe­kannt“ weist dabei die größ­ten Ähnlich­kei­ten mit dem ame­ri­ka­ni­schen Vor­bild Serial auf. Redak­teu­rin Anouk Scholl­ähn, die gemein­sam mit ihrem Kol­le­gen Tho­mas Zieg­ler mona­te­lang für die Reihe recher­chiert hatte, bemüht sich dabei, die Texte im Stil von Sarah Koe­nig ein­zu­spre­chen. Wie auch die Serial-Produzenten kom­men die NDR-Redakteure ohne Sound­ef­fekte sowie mit spar­sam ein­ge­setz­ter Musik aus. Am Ende gelang es sogar den bei­den NDR-Redakteuren, die Poli­zei Han­no­ver davon zu über­zeu­gen, die Ermitt­lun­gen in dem längst abge­schlos­sen Fall der ver­schol­le­nen Inka Könt­ges wie­der aufzunehmen.

In NDR 2 „Täter unbe­kannt“ wurde über acht Fol­gen der Fall der im Jahr 2000 ver­schol­le­nen Inka Könt­ges aus Han­no­ver auf­ge­rollt (Bild: NDR)

In NDR 2 „Täter unbe­kannt“ wurde über acht Fol­gen der Fall der im Jahr 2000 ver­schol­le­nen Inka Könt­ges aus Han­no­ver auf­ge­rollt (Bild: NDR)

Trotz die­ses klei­nen Achtungs-Erfolges konn­ten die deut­schen Serial-Nachahmer bis­lang nicht ein­mal ent­fernt an den Erfolg des ame­ri­ka­ni­schen Vor­bilds anknüp­fen. Dafür gibt es sicher­lich meh­rere Gründe: Die deut­schen Radio­ma­cher wuss­ten offen­sicht­lich nicht so recht, wie sie mit ihren ver­meint­li­chen Expe­ri­men­ten umge­hen soll­ten. Bei NDR 2 bei­spiels­weise, dem mas­sen­po­pu­lä­ren Pro­gramm für gleich vier Bun­des­län­der im Nor­den, wurde „Täter unbe­kannt“ erst nach den 19-Uhr-Nachrichten ein­ge­setzt, dem­nach in einer Radio-Randzeit. Ins­be­son­dere gelang es den Social Media-Redakteuren der öffentlich-rechtlichen Sen­der nicht, die jour­na­lis­ti­sche Auf­ar­bei­tung der Fälle von Inka Könt­gens, Burak Bek­tas und Idris Bahray als The­men bei  Face­book, Twit­ter oder anderswo im Netz zu plat­zie­ren. Auch in ande­ren Medien wurde von den Ermitt­lun­gen der Radio­re­dak­teure kaum Notiz genommen.

Der bis­lang aus­ge­blie­bene Erfolg der deut­schen Serial-Adaptionen ist aber auch ein deut­li­cher Hin­weis dar­auf, dass Radio-Journalismus in der öffent­li­chen Dis­kus­sion hier­zu­lande kaum noch ernst genom­men wird. Die Frage ist berech­tigt: Wann hat es denn zum letz­ten Mal eine „Radio-Geschichte“ in die Schlag­zei­len ande­rer Medien geschafft? In den USA gelingt das gerade wie­der ein­mal Sarah Koe­nig allein mit der Ankün­di­gung für die zweite Epi­sode der aktu­el­len Serial-Staffel. Gegen Ende der ers­ten Folge spielt sie einen kur­zen Aus­schnitt aus einem kräch­zen­den Tele­fon­ge­spräch ein und erklärt dazu: „That’s me cal­ling the Tali­ban“.

 

Dieser Artikel von Horst Müller erschien zuerst auf blogmedien.

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