Worauf Sender bei Audio-Angeboten im Netz achten sollten

Veröffentlicht am 04. Dez. 2014 von unter Standpunkte

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Hören, was man will. Es könnte so einfach sein!

10 Wünsche einer Podcast/On demand-Radiohörerin.

Von Sandra Müller

Ich habe noch nie so viel Radio gehört wie heute. Und das ganz ohne Radio. Denn fast alles, was ich höre, höre ich via Smartphone – als Podcast oder Audio on demand. Schließlich ist nichts herrlicher als zu hören, WAS ich will, WANN ich will. Dem Internet sei Dank.

Und doch machen viele Sender es einem verdammt schwer. Und ich rede jetzt nicht mal von versteckten Abonnements und Feeds oder wenig Audio-tauglichen Mediatheken, in denen man Hörbares oft erst gar nicht findet. Vielmehr leidet man selbst dann, wenn man die Podcasts schon als Abonnement bestellt hat oder Audios dank Empfehlungen im Internet gefunden hat. Denn viele der Angebote sind unvollständig und unpraktisch. Viele sind unbequem zu nutzen. Und oft kommt es mir vor, als hätten die, die die Audios einstellen, sie selber noch nie aufgerufen. Ich jedenfalls hätte da einige ganz banale Wünsche und Anregungen:

1. Macht aussagekräftige, kurze Titel. Denkt in Überschriften.

Wer Podcasts auf sein Smartphone abonniert, bekommt dort nur kurze Titel angezeigt – meist nur um die 40 Zeichen lang. Das ist wenig. Sehr wenig. Aber eben entscheidend. Denn als Abonnentin scrolle ich durch die Liste der angebotenen Beiträge und reagiere im Zweifel auf diese Titel. Wie auf Überschriften in der Zeitung.

Worum geht es? Aus diesen Titeln kaum zu erkennen.

Worum geht es? Aus diesen Titeln kaum zu erkennen.

Schade deshalb, dass viele dieser Podcast-Überschriften überflüssige statt packende Infos bieten. Beispiel WDR5: Dort tragen fast alle Podcast-Folgen den Titel der jeweiligen Sendereihe. Zum Beispiel „WDR5 Neugier genügt – das Feature“. Vom eigentlichen Titel sehe ich dagegen jeweils nur Bruchstücke – das eben was nach dem Doppelpunkt noch Platz hatte: „Reisere…“, „Der Duft…“, „Der Ka…“

Das ist wenig ansprechend und genau genommen Platzverschwendung. Denn wie die Sendereihe heißt, die ich abonniert habe, weiß ich. Es steht im Smartphone oben drüber.

Ebenfalls ärgerlich: Titel, die zwar kurz aber wenig aussagekräftig sind. Oder was soll mir ein Titel wie „Rückkehr nach Knokke“ sagen? Oder „Die Stadt als ‘Badi’“? Genau: Nichts. Neugierig macht da allenfalls die Rätselhaftigkeit. Aber die nutzt sich schnell ab. Schließlich warten Dutzende Abonnements in meinem Smartphone.

2. Sagt mir, was genau ich da hören kann. Macht Inhaltsangaben.

Besonders ärgerlich sind kryptische Titel, wenn sie nicht mal in der Inhaltsangabe genauer erklärt werden.

Handy-Screenshot - Podcastangebot SWR2 Feature: Wer wissen will, worum es geht, muss reinhören. Umständlich.

Wer wissen will, worum es geht, muss reinhören. Umständlich.

Beispiel: Das SWR2-Feature „Rückkehr nach Knokke“. Wer auf die Inhaltsangabe klickt, liest: „Eine Erfahrung aus dritter Hand. Von Jochen Wobser und Oliver Kobold.“

Schön, aber soll mich das jetzt wirklich animieren eine 55-Minuten-Feature anzuklicken? Eher nicht. Schade drum.

3. Stellt alles rein, was läuft. Keine Lücken. Keine Auslassungen bitte.

Als Podcast-Abonnentin „bestelle“ ich mir Sendungen auf mein Smartphone, deren Themen mir gefallen, deren Machart ich schätze, deren Längen sich gut in meine Alltagsroutinen einbauen lassen. Ich höre manche Sendungen also generell gern und immer wieder. Üblicherweise bin ich als Abonnentin also Stammhörerin.

Besonders ärgerlich finde ich es deshalb, wenn einzelne Ausgaben einer Sendung dann NICHT in meinem Abonnement auftauchen.

Beispiel: „SWR2 Tandem“. Auf dem Sendeplatz lief dieses Jahr eine der besten Radioreihen der Republik: die Serie „Kids“ Nur: Ich als Abonnentin hab sie nicht bekommen. Oder na ja: Nur die ersten beiden Folgen. Auf weitere hab ich vergeblich gewartet. Erst auf Rückfrage hieß es: Man dürfe keine weiteren Folgen einstellen aus rechtlichen Gründen. „Kids“ war also vom Abonnement ausgenommen. Wahnsinn eigentlich. Wenn man bedenkt, dass damit ausgerechnet ein radiophones Meisterwerk nicht in die Podcast-Verbreitung ging.

4. Nicht streamen. Downloads anbieten. Und bitte mobil.

Zugegeben: Die „Kids“ hatten eine wundervolle eigene Internetpräsenz. Mit schönen Bildern und scrollbarer Oberfläche. Dort waren und sind alle Folgen nachhörbar. Anfangs allerdings nur im Stream. Also ohne Möglichkeit, die Stücke runterzuladen. Und genau das ist unpraktisch.

Denn Radio/Audios hören ist eine extrem mobile Sache. (Nicht nur) Ich höre viel im Auto, im Zug, auf dem Weg zu Fuß zur Arbeit. Was nützt mir also eine Seite, auf der ich die Folgen nur online aufrufen kann? Nichts.
Erst recht, wenn das Angebot, wie in diesem Fall, nicht auf dem Smartphone funktioniert! Die Seite ist dort nämlich nicht navigierbar. Es gibt keine mobile Version. Und selbst mit viel Mühe, ist es mir nicht gelungen, die Audios im Smartphone anzuklicken.

www.kidsberlinkreuzberg.de – Tolle Seite. Schöne Bilder. Aber die Audios sind mobil nicht abrufbar. Schade.

www.kidsberlinkreuzberg.de – Tolle Seite. Schöne Bilder. Aber die Audios sind mobil nicht abrufbar. Schade.

Im Klartext heißt das: Wer die „Kids“ unabhängig vom Sendetermin hören wollte, musste das lange am Rechner oder via Laptop tun. Mir kommt das vor wie ein 5-Sterne-Koch, der seine Gäste zwingt, das Vorzeigemenü am Stehtisch einzunehmen.

5. Helft mir, Euch weiterzuempfehlen! Mit punktgenauen Links + Share-Optionen

Gute Reportage hören, ist eine begeisternde Sache. Und nichts macht mehr Freude, als Hörenswertes weiterzuempfehlen. Via Facebook, Twitter, Mail und Blog. Dankenswerterweise werden die Links dazu in den meisten Podcast-Abonnements auf dem Smartphone schon mitgeliefert. Audios im Netz sind dagegen oft schwer weiterzuempfehlen. Der Grund: Schlechte Verlinkung und fehlende Share-Buttons.

Beispiel „Kids“: Wer Folge 1 anklickt, hört die zwar direkt auf der Seite. Der Seitenlink oben bleibt aber unverändert. Wer genau diese Folge empfehlen will, muss also erst noch weiterklicken, um den passenden Direktlink aufzurufen. Außerdem gibt’s es nirgends Share-Buttons für Facebook, Twitter oder um einen Link weiterzumailen. Dabei ließen sich auf die Art vermutlich mehr Hörer gewinnen als durch den Hinweis auf Sendetermine am Ende der Seite.

6. Bitte keine Sendungstermine, Intros, Outros. Vor allem bei kurzen Formen.

Jingles, Bumper, Stinger, Intro, Outros, Claims und Abbinder. Im linearen Programm ist das eine herrliche Sache. Sie funktionieren als Hinhörer, markieren wichtige Programmpunkte und sagen mir als Hörerin: „Jetzt! Deine Lieblingsserie. ‘Zeiglers wunderbare Welt des Fußball.’“

Doch was im linearen Programm strukturiert, stört beim Podcast-Hören. Schließlich höre ich oft mehrere Folgen hintereinander. Das ewig gleiche Intro und die ewig gleiche Abschlussinfo nerven dann. Denn Zeiglers Fußballwelt endet alle zweieinhalb Minuten mit: „Das war Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs. Noch mehr Zeigler gibt’s online. Bremen vier.“ Danke. Ich weiß schon.

Überhaupt halte ich Hinweise auf lineare Sendeplätze in Podcasts für überflüssig. Ich höre ja eben grade NICHT linear, weil ich selbstbestimmt hören will. Und meist, weil ich zum eigentlichen Sendetermin keine Zeit habe. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass irgendein Podcast-Abonnent jemals das „echte“ lineare Programm eingeschaltet hat, weil ihm Podcast der Termin genannt wird. So oder so täte es für meinen Geschmack ein schriftlicher Hinweis in der Inhaltsbeschreibung.

7. Bietet das große Ganze, aber auch die Einzelteile! Strukturiert Eure Audios.

Viele Sender stellen ganze Sendungen als Podcasts zur Verfügung. Also nicht nur lange, monothematische Features und Reportagen, sondern auch Magazine, die im Normalfall aus mehreren Einzelbeiträgen bestehen und von einem/r Moderator/in präsentiert werden. Insgesamt sind diese Sendungen dann oft 30, 40, 50 Minuten lang.

Grundsätzlich ist das kein Problem. Aber was, wenn mich als Podcast-Abonnentin nur einer der Beiträge in der Sendung interessiert?

Screenshot - hr2 Der Tag zum Nachhören im Netz: Ganz oder gar nicht. Eine Stunden-Sendung am Stück ohne Kapitelmarken. Selbstbestimmt hören geht anders.

Eine Stunden-Sendung am Stück ohne Kapitelmarken. Selbstbestimmt hören geht anders.

Beispiel: “hr2 Der Tag” eine monothematische Sendung, die verschiedene Aspekte einer Sache beleuchtet. Sehr vielfältig in der Darstellungsform. Und zugegeben: In ihrer Gesamtheit oft gut komponiert.

Dennoch: Vielleicht interessiert mich in der Schwerpunktsendung über Flüchtlinge vor allem das Interview mit dem Vertreter der Hilfsorganisation, aber nicht so sehr die Reportage aus einer Asylunterkunft in Bayern. Also, warum kann ich nicht gezielt ansteuern, was ich hören will? Das genau ist doch der Sinn des nicht-linearen Angebots. Das genau erwarte ich als Podcast-und-On-demand-Hörerin: Ich will selbst bestimmen, was ich wann höre.

Ich hätte deshalb gern eindeutige Inhaltsangaben und wenn möglich Kapitelmarken. Und am liebsten hätte ich diese Kapitel zusätzlich als einzeln klickbare Audios. Denn scrollen in einem 50-Minuten Audio ist mühsam.
Und ja: Einzelne Teile lassen sich auch besser weiterempfehlen. Motto: „DIE Reportage musst Du Dir anhören. Link anbei.“ Kein Sender sollte sich dies Art Werbung entgehen lassen.

8. Lasst mich wissen, wer da spricht.

Es gibt Leute, die haben Lieblingsregisseure, Lieblingsschauspieler, Lieblingsmusiker. Gut. Aber ich habe Lieblingsradiomacher. Und deshalb nervt es mich, wenn ich auf Audios stoße, von denen ich nicht weiß, wer sie gemacht hat. Vor allem, wenn Stücke richtig gut sind, möchte ich wissen, wem ich das zu verdanken habe.

Beispiel: Marko Rösseler. Dessen WDR-Zeitzeichen höre ich selbst dann, wenn mich das Thema gar nicht interessiert. Ganz einfach, weil er jedes Thema zum Hinhörer macht. Deshalb: Podcast- und Audio-Angebote ohne Autorennennung? Niemals. Danke.

9. Gebt mir die beste Qualität.

Schon mal eine großartige Feature-Produktion mit Musik, Sound, Atmo über Kopfhörer gehört? Nein? Ich schon. Denn wer Podcasts via Smartphone lauscht, hört meistens so: Mit Stöpsel im Ohr im Zug. Oder mit Kopfhörer auf dem Sofa. Beides ein intensives Hörerlebnis.

Doch das ist sofort dahin, wenn der Podcast mal wieder mit nur 128kBit/s eingestellt wurde. Selbst das ARD-Radiofeature bietet Downloads mit dieser mauen Bitrate an. Wie schade! Schließlich können viele Hörer inzwischen längst auch große Dateien ohne Probleme runterladen. Für den ganzen Hörgenuss. In der Fernsehmediathek bekomme ich doch schließlich auch HD geboten und nicht bloß Videoqualität.

10. Sagt mir doch, wie lang das Teil ist!

Audio on demand hören ist nicht viel anders als selbstbestimmt lesen: Ich studiere Überschriften und Einleitungen, um rauszufinden, ob mich ein Thema interessiert.

screenshot - DRadioWissen Audio on Demand: Und wie lange dauert das jetzt noch? Leider zeigen viele Player keine Längen an.

Und wie lange dauert das jetzt noch? Leider zeigen viele Player keine Längen an.

Und ich weiß gern, BEVOR ich mich auf Weiteres einlasse, wie lange das wohl dauern wird. Bei Texten erkenne ich das auf einen Blick: Ich kann ungefähr einschätzen, wie lange ich für drei Seiten Spiegel oder drei Spalten Lokalblatt brauche. Bei Audios dagegen fehlen diese Angaben oft. Und das ist ärgerlich.

Denn wenn mein Bus in zehn Minuten am Ziel ist, ist ein 50 Minüter einfach nicht mein Ding. Und das möchte ich gern wissen, BEVOR ich das Audio anklicke. Und zwar eindeutig, als Zahl. Und am besten mit jederzeit sichtbarem Rückwärtszähler. Ein nur vager grüner Balken beim Abspielen – wie bei DRadioWissen – hilft mir da nicht weiter.

Oder kurz gesagt: Hört Euer eigenes Programm mal eine Woche lang nur über Podcasts und klickt Euch durch Audio-Angebote im Netz – unbedingt auch via Smartphone. Vermutlich kommt Ihr ebenfalls auf (mindestens) zehn Verbesserungsmöglichkeiten. Lasst mich wissen, welche!

(Teaserbild: © dolgachov / 123RF Stock Photo)

 

Sandra Müller (Bild: Thomas Giger)

Sandra Müller (Bild: Thomas Giger)

Sandra Müller ist frei schaffende Hörfunkerin. Sie lebt in Tübingen und arbeitet als Redakteurin, Moderatorin und Reporterin überwiegend für den “Südwestrundfunk“. Sie ist Mitbegründerin der Initiative “fair radio“, die sich für mehr Glaubwürdigkeit im Hörfunk einsetzt, und Mit-Organisatorin der Tutzinger Radiotage. Sie unterrichtet unter anderem an der Universität Tübingen und beim Lernradio der Hochschule für Musik in Karlsruhe. 2011 erschien ihr Buch “Radio machen“. Seitdem bloggt sich auch unter www.radio-machen.de.  [/color-box]

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