App-Schock aus Cupertino

Veröffentlicht am 24. Nov. 2010 von unter Bitter Lemmer

Vorschnelle Urteile können in die Irre führen. Die Ankündigung von Apple, Radio-Apps in Zukunft viel restriktiver zu behandeln als bisher, mag zunächst in die gewohnten Raster von Zensur und Machtmissbrauch fallen. Möglicherweise liegt der Fall aber anders.

Dass Apple keine offene Plattform ist, die jedermann gehört und bei der jeder mitreden kann, ist allgemein bekannt. Dass eine Firma nach Belieben entscheiden darf, welche Ware sie ins Regal legt und welche nicht, ist ebenfalls keine neue Erkenntnis. Dass auch Apple das Recht hat, das Inventar von Zeit zu Zeit zu straffen, dürfte ebenfalls außer Rede stehen.

Jetzt trifft es also die Radio-Apps. Manch einer vermutet, Steve Jobs habe etwas gegen das Medium Radio. Sehe Radios vielleicht als Konkurrenz zu seinem Musik-Download-Geschäft. Sollte das stimmen, dann hätten die Radios, die jetzt so aufgeregt auf die künftigen Einschränkungen für Radio-Apps reagieren, ein viel größeres Problem als sie glauben.

Denn dann wären Radioprogramme nichts anderes als eine weitere Abspiel-Station für Musikproduzenten. Eine von vielen, neben iTunes, Amazon, Hugendubel, Dussmann und sonstigen Vertriebskanälen. Wenn es allein um die Musik ginge, dann hätten Radios keine eigenen originären Inhalte mehr, für die sich das Einschalten lohnte.

Schaut man genauer, was sich hinter dem Großteil von Radio-Apps verbirgt, schärft sich das Bild weiter. Bei vielen handelt es sich im Prinzip um immer dieselben Apps, die identische Features aufweisen und im wesentlichen nur unterschiedliche Namen und Label tragen. Es handelt sich um Baukastenware, die Radiosender billig einkaufen können und als Promotion-Tool verwenden.

Möglicherweise ist es das, was Steve Jobs an der Vielzahl von Radio-Apps stört: Dass sie sich so ähneln. Dass auch die Streams, die man mit ihnen empfängt, sich alle so ähneln. Es ist im Prinzip dieselbe Debatte, die wir außerhalb des Apple-App-Stores auch schon seit Jahren führen. Der Unterschied hier ist nur, dass die Plattform eben nicht der Allgemeinheit gehört, sondern der Firma Apple. Und wenn die glaubt, zu viele ähnliche Angebote seien schlecht fürs Geschäft, dann wäre es möglicherweise angebracht, diesen Gedanken ernst zu nehmen. Denn Apple ist ja gerade deshalb so erfolgreich, weil es einen eigenständigen Weg geht und unverwechselbar ist.

Der App-Store ist ebenso wie das Internet ein globaler und für jedermann zugänglicher Vertriebsweg. Das ist ein fundamentaler Unterschied zur traditionellen Radio-Verbreitung, die an lokale Sendefrequenzen gebunden ist. Es mag ja noch angehen, dass die Lokalradios in NRW und in Bayern alle ähnliche Musik spielen, weil jeder sein exklusives Sendegebiet hat, aber die Sache sieht ganz anders aus, wenn all diese Sender im App-Store oder im Internet gegeneinander antreten und dann eben nicht mehr die geographischen Koordinaten ihres Sendemastes in die Waagschale werfen können. Und jetzt, wo Radiosender in großer Zahl noch vergleichbarer werden als früher, fällt etwas Entscheidendes noch stärker auf als früher: Der überwiegende Teil der Programme ist nicht selber produziert, sondern Dutzendware, die an jeder Ecke zu hören ist. Die Nachrichten stammen aus zentralen Zulieferredaktionen, die Musik aus den Tonstudios der großen Plattenfirmen. Und das bisschen Moderation dazwischen reicht als wirkliches Unterscheidungsmerkmal keinesfalls.

Wirklich sinnvoll ist ein Radioangebot, wenn es Bedürfnisse stillt, um die sich sonst niemand kümmert. Radio ist traditionell überall auf der Welt ein meist lokales Medium – weil es so einfach ist, wenig kostet, schnell verbreitet werden kann und wie ein Gesprächspartner funktioniert. Diese Erkenntnis ist uralt, aber sie gehört nicht zur Praxis der deutschen Landschaft, vor allem, weil die Lizenzpolitik falsche Marktbedingungen diktiert.

Vielleicht wirkt der App-Schock am Ende sogar heilsam – wenn er nämlich in den Stationen die Frage aufwirft, wofür sie stehen und wie sie ihre Identität und Einmaligkeit finden.

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

Tags: , , ,

 

Kommentar hinterlassen