Tim Renner: „Um Euer Geschäftsmodell zu retten, müsst Ihr es mit neuen Ideen selbst angreifen“

Veröffentlicht am 04. Jul. 2019 von unter Musik

Die weltweite Musikwirtschaft bleibt auf Erfolgskurs. Gerade wurde bekannt, dass der US-amerikanische Musikkonsum im ersten Halbjahr 2019 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erneut zweistellig gewachsen ist (15,7 Prozent). Auch die Vinyl-Verkäufe konnten um fast 10 Prozent zulegen, die Zahl der verkauften physischen Alben sank dagegen im ersten Halbjahr um 15,1 Prozent. Treiber der Entwicklung waren Audio- und Videostreams, wobei die Videoabrufe schneller zulegten. 

Ein anhaltender Trend, der den Musikschaffenden weltweit nach vielen Jahren der Depression deutlichen Rückenwind verleiht. Wenngleich der Boom sich ungleich verteilt und noch nicht in allen Musikmärkten mit voller Wucht angekommen ist – wie beispielsweise in Deutschland. Hierzulande gestaltet sich der Wachstumsprozess zäher. Ein maßgeblicher Grund ist die weiterhin traditionell starke Nachfrage der Deutschen nach physischen Tonträgern, die offensichtlich eine (noch) intensivere Nutzung von Streaming-Diensten bislang erschwert. Dennoch deutet laut der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) alles darauf hin, dass Streaming im Jahr 2021 auch in Deutschland für mehr als drei Viertel der Gesamtumsätze verantwortlich sein wird (77%).

Tim Renner (Bild: Motor.de)

Tim Renner (Bild: Motor.de)

Der frühere Universal Music-Chef Tim Renner hatte bereits mit dem Aufkommen erster digitaler Musikdienste auf die Chancen für die Branche hingewiesen. Während sich damals die Labels und ihre Standesorganisationen noch mit (den seinerzeit nicht legalen) Tauschbörsen wie Napster herumschlugen, skizzierte der umtriebige Musikmanager bereits Ideen für einschlägige Vermarktungsmodelle. Renner sollte Recht behalten, allerdings vergingen fast zwei lange Jahrzehnte, bis sich die Musikwirtschaft nach einer harten Durststrecke wieder mit kommerziell wirklich erfolgreichen Angeboten zurückmelden konnte. Vielleicht hätten die damaligen Entscheider in den internationalen Zentralen der Musikkonzerne besser auf vorwärtsgewandte Querdenker wie Tim Renner gehört und damit ihre Milliardenverluste in Folge der digitalen Transformation frühzeitiger verhindert. Manager eben, die wie er frühzeitig vom gewohnten Trampelpfad des Mainstreams abbiegen, um auch im eigentlich nicht Machbaren eine Chance zu suchen. 

 

„Hintergrund und Wohlfühlfläche, das kann der Algorithmus jedem einzelnen besser servieren, als eine Radiostation den Massen“

 

Aufgewachsen in Berlin und später Hamburg, verschrieb sich der junge Renner zunächst dem Musikjournalismus, betrieb ein Fanzine, schrieb für Stadtmagazine – und gestaltete für den Norddeutschen Rundfunk eine experimentelle Radioshow. 1986 dann der Wechsel in die Musikwirtschaft zum damaligen Polydor-Label, unter dessen Dach er als Spezialist für progressive Musik schon bald für erste Erfolge  sorgte. 1994 gründete Renner innerhalb des Mutterkonzerns PolyGram das Kulturlabel Motor Music – für das er Künstler und Bands wie Rammstein, Element Of Crime oder Phillip Boa entdeckte. Und Charts-Erfolge auch ganz ohne flankierende Promotionunterstützung durch Radio und Fernsehen erzielte. 1998 wurde Tim Renner zum Geschäftsführer des PolyGram-Folgeunternehmens Universal Music Deutschland berufen, für das er den Umzug des Firmensitzes von Hamburg in die Bundeshauptstadt vollzog.

2004 verließ Renner Universal Music und baute die Firmengruppe Motor Entertainment auf, zu der ein Musikverlag mit Label (Motor Music), eine Booking Agentur für das Tourgeschäft („Motor Tours“) sowie ein Management (zum Beispiel für Polarkreis 18) gehört. Bis 2011 hielt er als Gesellschafter eine Beteiligung am von ihm mit gegründeten Radiosender Motor FM, die er nach dessen Umfirmierung in FluxFM jedoch aufgab. 

Tim Renner ist langjähriger Dozent im Studiengang Musikbusiness der Popakademie Baden-Württemberg und erhielt dort 2009 die Ernennung zum Professor. Unter dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, wurde Renner am 28. April 2014 Kulturstaatssekretär des Landes Berlin. Bei der Bundestagswahl 2017 bewarb er sich als Kandidat der SPD in Charlottenburg-Wilmersdorf erfolglos um ein Abgeordnetenmandat für den Deutschen Bundestag. 

 

„Das erste was man in der Musikwirtschaft lernt ist, niemals den Gewinner eines Talent-Wettbewerbs unter Vertrag zu nehmen, denn dieser ist ein Kompromiss. Interessant wird es ab Platz zwei“

 

RADIOSZENE Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Tim Renner über seine Beziehung zum Radio und die derzeitige Lage im Musikmarkt.

RADIOSZENE: Herr Renner, bis zu Ihrem Eintritt in der Musikwirtschaft Mitte der 1980er-Jahre waren Sie als Journalist tätig, schrieben Kolumnen – und gestalteten eine Show beim NDR. Wer hat Sie für das Radio entdeckt, welche Art Sendung haben Sie dort gestaltet?

Tim Renner (Bild: RADIOSZENE)

Tim Renner (Bild: RADIOSZENE)

Tim Renner: Entdeckt hat mich Klaus Wellershaus vom Norddeutschen Rundfunk. Als Teenager hatte ich eine Zeitschrift auf Cassette namens „Festival der guten Taten“ herausgebracht. Berichtet wurde darauf über Musiker aus der deutschen Undergroundszene wie Einstürzende Neubauten und andere. Klaus hatte diese MC käuflich erworben und fragte mich, ob ich das Format nicht als Radiosendung beim NDR umsetzen wolle. Das lehnte ich prompt ab, denn schließlich war mein Magazin ein unabhängiges Format. Zusammen entwickelten wir stattdessen mit „Musik zur Lage der Nation“ eine neue, zweistündige Show. Monatlich sprach ich mit Korrespondenten aus unterschiedlichen Städten über die musikalische Entwicklung dort, präsentierte Bands und Musiker die häufig noch gar nichts veröffentlicht hatten. Das war so eine Art analoges Soundcloud mit prominenten Co-Moderatoren – unser Mann in München war zum Beispiel Christoph Schlingensief

RADIOSZENE: Welche Musik und Radiosender haben Sie in jungen Jahren geprägt?

Tim Renner: Entscheidend war für mich John Peel und seine Show auf BFBS. Er berichtete besser und tiefer über den deutschen Independent Underground als so mancher regionale Radiosender. BFBS war nur leider kaum in Hamburg- Poppenbüttel zu empfangen. Die Sendung lief ab 23.00 und so fand mich meine Mutter nachts mit einer Wurfantenne auf einem Schrank liegend – denn nur so hatte man vernünftigen Empfang.

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio heute für Sie?

Tim Renner: Ich lebe im Radioschlaraffenland. Dadurch, dass sich beim rbb radioeins und Fritz getraut haben jenseits des klassischen Mainstreams zu senden, haben sie den Markt für mutigere Formate wie Flux FM, aber auch für andere geöffnet. Dennoch findet Radio bei uns nur noch im Auto statt. Dann tobt der Kampf mit den Töchtern, welche Station eingeschaltet wird …

RADIOSZENE: Schon zu Ihrer Zeit als Chef des Kreativ-Labels Motor Music haben Sie den zu geringen Einsatz von progressivem und lokalen Repertoire im Radio kritisiert. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe für diese Zurückhaltung? Unterschätzen die Radiomacher hier die Hörer …?

Tim Renner (Bild: Medienboard)

Tim Renner (Bild: Medienboard)

Tim Renner: Das erste, was man in der Musikwirtschaft lernt, ist, niemals den Gewinner eines Talent-Wettbewerbs unter Vertrag zu nehmen, denn dieser ist ein Kompromiss. Interessant wird es ab Platz zwei. Musik, die verkauft und Publikum bindet, polarisiert. Radio wird jedoch meistens im genau gegensätzlichen Gedanken programmiert. Das Programm soll nicht weiter stören, auch im Hintergrund funktionieren. Die sogenannte Musikforschung und die Media-Analyse unterstützen diese Logik. In Zeiten der Digitalisierung ist das aber tödlich. Hintergrund und Wohlfühlfläche, das kann der Algorithmus jedem einzelnen besser servieren, als eine Radiostation den Massen. Entweder finden Radiostationen zu einer Identität mit klaren Ecken und Kanten zurück ober sie machen sich mittelfristig überflüssig.

 

„Sollte Radio jetzt den Dreh bekommen und eine echte humane Alternative zur Beschallung durch künstliche Intelligenz werden, wird es wieder ein ganz entscheidender Partner für die Musikwirtschaft werden“

 

RADIOSZENE: Wie sehen Sie heute generell das Verhältnis zwischen Radio und Musikwirtschaft?

Tim Renner: Früher sagte man in vielen Radiostationen  „Wir spielen Hits, wir machen keine“ – somit wurde das Radio für die Musikindustrie zunehmend vernachlässigbar. Sollte es jetzt den Dreh bekommen und eine echte humane Alternative zur Beschallung durch künstliche Intelligenz werden, wird es wieder ein ganz entscheidender Partner werden.

RADIOSZENE: Was macht Ihrer Meinung nach das Radio heute besser, was missfällt Ihnen?

Tim Renner: Radio hat die Angst vor der deutschen Sprache verloren. Vor Jahren galt noch, Deutsch sei der Moderation und der Werbung vorbehalten. Was mich nach wie vor ärgert ist aber, dass viele öffentlich-rechtliche Stationen ihren Auftrag noch nicht verstanden haben. Die Verfassung verpflichtet sie zur Vielfalt und die vermisst man auf vielen ihrer Haupt- und Jugendsender. Das ist doppelt gefährlich: schließt öffentlich-rechtlich nicht die Angebotslücken, wird der Bürger auf Dauer die Gebühren in Frage stellen und marschiert das Staatsradio nicht voran, wird die werbefinanzierte Konkurrenz sich potentiell nicht aus der zuvor beschriebenen Mainstream-Falle trauen.

RADIOSZENE: Als damaliger Chef des Musikkonzerns Universal Music hatten Sie sich bereits im frühen Stadium der Digitalisierung für eine Öffnung der Branche für die sinnvolle Nutzung der neuen Möglichkeiten ausgesprochen. Nach einer langen Periode mit stark rückläufigen Umsätzen im Musikgeschäft scheinen sich die Streaming-Dienste als zentrale Proficenter für die Musikschaffenden zu etablieren. Warum aber hinkt der deutsche Markt der internationalen Entwicklung – wie beispielsweise in den USA oder Großbritannien – so deutlich hinterher?

Tim Renner: Weltweit steigt seit vier Jahren der Musikmarkt stark an. Im letzten Jahr um sensationelle 9,7 Prozent. Die Branche hat bereits 79 Prozent des Umsatzes des Jahres 2001 erreicht – das war ihr historisch erfolgreichstes Jahr. Die Profitabilität dürfte sogar höher sein als damals, denn ihr fallen ja Grenzkosten wie Herstellung, Lagerung, Vertrieb und so weiter weg und die GEMA zahlt auch nicht mehr die Plattenfirma, sondern die jeweilige Plattform. Deutschland und Japan sind die einzigen Märkte die dem Trend hinterher laufen und kein oder rückläufiges Wachstum zeigen. Das ist dem Festhalten am Tonträger geschuldet. Deutschland bindet zum Beispiel die Charts und somit früher auch die unsägliche „Echo“- Preisverleihung an Umsätze und somit an Tonträger. Dadurch liegt der Fokus von Marketing und Kommunikation auf dem physischen Abverkauf, also dem sterbenden Format. Strafverschärfend kommt hinzu, dass die GEMA Ewigkeiten braucht, sich mit den Portalen über Vergütungssummen zu einigen. Der so genannte YouTube-Deal von 2016 betraf alle Streamingplattformen. Spotify und Co.  waren zuvor aber schon sieben Jahre aktiv – jedoch mit angezogener Handbremse, da ohne GEMA-Deal!

 

„Was mich nach wie  vor ärgert ist aber, dass viele öffentlich-rechtliche Stationen ihren Auftrag noch nicht verstanden haben“

 

RADIOSZENE: Offenbar kommt der Aufwind durch den Streaming-Markt nicht bei allen Teilnehmern im Musikgeschäft an. So klagen viele Musiker oder Autoren – namentlich ab der „zweiten Liga“ abwärts – über zu geringe Einkünfte, die ihnen die Streamingdienste zugestehen. Diese Entwicklung sei für sie, so die Musikschaffenden, in Zusammenspiel mit einer Verschärfung der Lage im Livegeschäft – etwa durch Wegfall von Spielstätten und hohe Saalmieten – von existentieller Bedeutung. Führt dieses Ungleichgewicht langfristig nicht zu einer Zweiklassengesellschaft, an deren Ende eine Verarmung der kulturellen Vielfalt steht?

Tim Renner: Wenn die Branche wächst, aber bei den Musikern zu wenig ankommt, dann liegt das an den Deals der Künstler mit den Plattenfirmen. Analoge Verträge können nicht bei digitaler Auswertung funktionieren. Deshalb haben große Künstler wie Rammstein längst reine Labelservice-, oder wie die Tote Hosen und Co. Vertriebsverträge mit den Major Labels. Zunehmend agieren auch kleinere Künstler so. Die Schallplattenfirmen müssen sich als Bank und Dienstleister neu definieren. Die BMG geht da bereits als Vorbild voran, aber auch die anderen Majors bewegen sich.

RADIOSZENE: Durch den Digitalisierungsprozess hat sich für Musikkonsumenten das Angebot an neuer verfügbarer Musik auf ein Höchstniveau gesteigert. Allerdings fehlen heute zur Orientierung Filter zur Einordnung. Instanzen, für die früher unter anderem die Labels zuständig waren. Ist dies nicht auch eine große Chance für Radiosender hier mit vermehrten (Musik-)redaktionellen Inhalten und einschlägigen Empfehlungen aktiv zu werden?

Tim Renner: Wenn Plattenfirmen zunehmend zu Dienstleitern werden, fällt die Funktion als Filter weg. Beim Streaming ist eine humane Selektion nur noch bei manchen Playlisten gegeben. Genau das ist die Chance des Radios. Stellt Eure Computer aus – die Konkurrenz vom Streaming hat die besseren! Setzt auf Persönlichkeiten und deren Wissen und Geschmack. Ermöglicht ihnen Kanäle auf den Streaming-Portalen und verlängert diese als Radioshows und Podcasts. So wird meiner Meinung nach ein Schuh draus!

Ray Cokes bei FluxFM im Studio (Bild: Denise van Deesen)

Ray Cokes bei FluxFM im Studio (Bild: Denise van Deesen)

RADIOSZENE: Nach Ihrer Zeit bei Universal waren Sie maßgeblich auch am Aufbau des Berliner Radiosenders Motor FM beteiligt, ein Programm, dessen Markenkern die progressive Popkultur und ein sehr hörbarer Anteil an gepflegtem Musikjournalismus bildete. Benötigen wir in der Breite nicht zwingend mehr solcher Formate?

Tim Renner: Motor FM – oder heute FluxFM, widmen sich liebevoll und kompetent einer Nische. Das ist glaubwürdig und ergänzt die sonst Streamig-basierten Hörgewohnheiten ihrer Zielgruppe. Gefährlich finde ich auf Dauer lediglich den Fokus auf die Alternative Nische. Hören die Menschen heute wirklich noch Musik in Nischen, oder ist es nicht mehr eine Haltung? Diese Haltung gilt es meiner Meinung nach zu treffen, um die perfekte Ergänzung zum Streaming-basierten Hören darzustellen.

 

„Hören die Menschen heute wirklich noch Musik in Nischen, oder ist es nicht mehr eine Haltung? Diese Haltung gilt es meiner Meinung nach zu treffen, um die perfekte Ergänzung zum Streaming-basierten Hören darzustellen“

 

RADIOSZENE: Angenommen Sie dürfen heute erneut eine Radiosendung frei nach Ihren eigenen Vorstellung gestalten, wie würde sich diese anhören?

Tim Renner: Ein wenig wie der YouTube Kanal Colors aus Berlin wahrscheinlich. Bewusst wirbt dieser mit „No genre, all colors“ – die Musikauswahl ist eine innovative, hat eine klare Haltung. Der Kanal mit 3,4 Millionen Abonnenten bereits einen höheren Reach als so mancher Sender.

RADIOSZENE: Das Musikgeschäft haben Sie auch nach dem Ausscheiden bei Universal nicht verlassen, bauten anschließend Motor Entertainment auf. Von 2014 bis 2016 waren Sie in Berlin Staatssekretär für Kultur. Auf welchen Ebenen sind Sie heute aktiv?

Tim Renner: Zum einen bin ich noch immer zusammen mit meiner Frau Besitzer von Motor Entertainment und dort auch beratend tätig, zum anderen kümmere ich mich mit einer neuen Firma um politische Kommunikation und bin als Advisor in manchen Themen am Start.

RADIOSZENE: Welchen Rat für die Zukunft geben Sie den Verantwortlichen bei Musikwirtschaft und Radio?

Tim Renner: Um Euer Geschäftsmodell zu retten, müsst Ihr es mit neuen Ideen selbst angreifen bevor andere es tun …

 

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