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Radio Caroline – von der anderen Seite aus gesehen

Viele Bücher wurden bereits über Piratensender, die Seesender und speziell Radio Caroline geschrieben. Fast jeder der DJs hat inzwischen ein Buch über jene Zeit geschrieben, mancher wie Bob Lawrence auch einen Schlüsselroman über einen fiktiven Seesender, um direkte Konfrontationen zu vermeiden. Und es gibt natürlich noch die Komödie „The boat that rocked“, die zugunsten des Spaßes dann historisch nicht korrekt ist.

Radio Caroline-Sendeschiff Mi Amigo (Bild: <a href="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/" target="_blank" rel="noopener">CC BY-SA 3.0</a>)
Radio Caroline-Sendeschiff Mi Amigo (Bild: CC BY-SA 3.0)

10c9d2a0f8be46888ec9a8b5d036fcd9Angesichts des langen Zeitabstands kommt inzwischen nun auch manches nicht so Glamouröses zutage, das zuvor verborgen blieb, weil es zu riskant gewesen wäre, darüber zu schreiben; weil es zuvor jahrelang niemand mehr interessierte oder weil man einfach noch so begeistert von jener Zeit war, dass man die Schattenseiten lieber verschwieg.

So lief es auch mit den „sonnigen Wellen aus Südtirol“, die aufgrund der Experimentierfreude der beiden Funkamateure Jo Lüders (DJ7JL) und Jürgen von Wedel (DG3WZ) eine Alternative zu den drögen öffentlich-rechtlichen „Autofahrerwellen“ der 70er boten. Doch es fehlte am Empfang für Nicht-Geeks und damit einer wirtschaftlich ausreichenden Basis, Jo und Jürgen wurden ausgebootet und aggressive Geschäftemacher übernahmen, was schon nach kurzer Zeit in angebohrten und angezündeten Sendecontainern, abgesägten Antennenmasten, angesägten Bremsleitungen und schließlich im durchformatierten Dudelfunk von heute endete. Nach der anfänglichen Begeisterung für die Piraten der Südtiroler Berge und der folgenden großen Enttäuschung wollte nun niemand mehr etwas über diese Zeit hören, geschweige denn lesen und man hätte mit Insider-Geschichten auch riskiert, selbst mit manipulierten Bremsleitungen am Baum zu enden.

Doch der öffentlich-rechtliche Rundfunk verschlimmerte sich noch weit mehr als die Alternativen und ging nun extrem aggressiv gegen die Infrastruktur des wichtiger werdenden Internets vor. Er sieht das Internet als seine exklusive „dritte Programmsäule“, während ihm die für Normalbürger weit wichtigere Nutzung als Telekommunikationsmedium für Millionen anderer Zwecke ein Dorn im Auge ist, ob für Liebesgeflüster, soziale Medien, Online-Käufe oder beruflich. Als man mir so den Zugriff auf Post, EC- und Kreditkarte per einstweiliger Verfügung streitig machte, und damit das weitere journalistische und auch sonstige Arbeiten, schrieb ich dann mehr als 20 Jahre nach den Ereignissen in Südtirol ein Buch über jene Zeit. Einfach, um zu zeigen, dass es auch mal anders ging: Wie der Traum vom flotten Musikradio mal ausgesehen hatte. Und dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nun alle gemachten Fehler der kommerziellen Stationen unnötigerweise mit übernahm.

Inzwischen ist es entgegen aller Prognosen („das hätte ich niemals verlegt, sowas hat keinen Markt“ – so Jahre später Vito von Eichborn, der Alternativ-Verleger jener Tage) und Verrissen (hierfür musste unter anderem der Hund eines Freundes eines Rezensenten als Pseudonym herhalten) ausverkauft und nur noch als wesentlich teurerer Print on Demand-Nachdruck und hoffentlich bald auch als E-Book erhältlich.

Ähnlich hat die australische, in England lebende Lehrerin Lyn Gilbert nun ein Buch über ihre Jugendjahre veröffentlicht, in denen sie sich als Ausländerin und alleinerziehende Mutter und damit in jenen Tagen ohne gesellschaftliche Akzeptanz im Nachtleben Londons eher naiv durchschlug und auch so einiges Pech hatte und in der Folge betrogen, ausgeraubt und fast vergewaltigt wurde. Dabei waren die positiveren Jobs jener Tage, dass sie für Ronan O‘ Rahilly Radio Caroline mit Fleisch und Platten versorgte und ihn bei einem Filmprojekt unterstützte.

Ronan O'Rahilly 1967 in Amsterdam (Bild: Eric Koch / Anefo / CC0)
Ronan O’Rahilly 1967 in Amsterdam (Bild: Eric Koch / Anefo / CC0)

Wie immer bei dem Blick hinter die Kulissen solch unkonventioneller Projekte werden dabei viele Kuriositäten sichtbar und natürlich auch, dass das Arbeiten für Radio Caroline mitunter sehr anstrengend sein konnte und wenig lukrativ war. Und natürlich, dass Ronan O‘ Rahilly sehr chaotisch sein konnte. Alles nicht überraschend für den, der sich mit Radio Caroline schon näher beschäftigt hat, doch auch dann höchst interessant. Und bei aller Kritik ist nicht zu übersehen, dass die Zeit mit Radio Caroline, die Lyn Gilbert damals angesichts der Umstände nicht so positiv sah, im Rückblick zu ihren besten gehört und dieses Buch ganz klar eine Liebeserklärung ist an jene, die es allen Widrigkeiten zum Trotz möglich machten.

Radio Caroline unterstützt Lyn auch heute noch, indem sie darum bittet, ihr Buch möglichst über die Radio Caroline Support Group zu erwerben. Dort ist es allerdings aktuell ausverkauft und für deutsche Leser ist angesichts des Brexits mit Bezahl- und Versandproblematik eine Bestellung im Buchhandel oder bei Amazon & Co. ohnehin sinnvoller. Zudem gibt es inzwischen auch eine günstigere E-Book-Version, bei der die Lieferproblematik entfällt. Nur Englisch sollte man können, wobei es bei genügend Interesse auch eine ins Deutsche übersetzte Version geben könnte.

Buchtipp: Behind the Scenes at Radio Caroline (in the 1970s) von Lyn Gilbert (Bezahlter Link)

Lyn Gilbert: Behind the scenes at Radio Caroline (in the 1970s)
Erscheinungsdatum: 17. März 2023
Taschenbuch, 268 Seiten, ISBN: ‎ 978-1-99993-348-7, Wolloomooloo, 10,81 €
E-Book, ISBN: 978-3-7554-4650-7, Miller E-Books, 3,99 €

Erhältlich auch bei amazon.de (Bezahlter Link)