Rainer Nitschke: „Von sturen Spartenprogrammen hab ich nie viel gehalten“

Veröffentlicht am 12. Nov. 2020 von unter Deutschland

Im Rahmen unserer Serie „Radiolegenden“ kommt heute mit Rainer Nitschke wohl einer der dienstältesten, noch aktiven, Radiomacher zu Wort. Von seinem ersten Engagement in 1967 bei Radio Luxemburg bis heute als Moderator und Programmgestalter beim bundesweiten Schwarzwaldradio ist der Langstreckler seit nunmehr 53 Jahre in Dienste des Radios unterwegs.

Rainer Nitschke (Autogrammkarte Radio Luxemburg)

Rainer Nitschke (Autogrammkarte Radio Luxemburg)

1969 wechselte Nitschke zum damaligen Süddeutschen Rundfunk. Sendungen wie „Gut aufgelegt“, „Leicht und beschwingt“ oder „Im Auto unterwegs“ und die ARD-Nachtsendung brachten ihm den Beinamen „Die Stimme des Südens“ ein. Es folgten Engagements beim  Bayerischen Rundfunk  und  bei  Radio Bremen. Seinem  schwäbischen  Haussender blieb der gebürtige Stuttgarter aber immer treu verbunden. Als Redakteur und Moderator war Nitschke für die Programme  SDR1SDR3  und  S4 Baden-Württemberg verantwortlich und arbeitete bis zum 25. Februar 2012 bei SWR4 Baden-Württemberg. Von 1985 bis Juli 2016 war Rainer Nitschke zudem 31 Jahre Moderator bei WDR4.

In den 1980er-Jahren hatte Nitschke sein Fernsehdebüt im ZDF-Ferienprogramm. Im SWF-Fernsehen moderierte er unter anderem 1983 das damals beliebte Schülerquiz „Die sechs Siebeng’scheiten“.


Im Interview mit RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich spricht Rainer Nitschke über seine lange Karriere beim Radio.

RADIOSZENE: Herr Nitschke, wie sind Sie damals zum Radio gekommen? Wer war Ihr Entdecker?

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Rainer Nitschke: Zum Radio kam ich mit 20 Jahren, zu Radio Luxemburg, das damals Ende der 60er Jahre der erfolgreichste Radiosender Europas war. Die Idee, mich dort zu bewerben, hatte die Schauspielerin Ursula Herking, die den damaligen Chef des deutschen Programms gut kannte und die meinte, meine Stimme sei da schon verwertbar. Ich bekam 1967 eine Einladung zum Sender und Helmut Stoldt, so hieß der Chef, nahm mich ins Studio und testete mit zwei Ansagen meine Stimme und meine Art am Mikrofon. Daraufhin bekam ich einen Vertrag als Moderator und Musikredakteur und zog nach Luxemburg. Für mich eine tolle Sache, ich hatte als 14jährigen immer Radio Luxemburg gehört auf der Mittelwelle oder Kurzwelle und war ein absoluter Fan von Camillo Felgen, der, als er mich als Kollegen kennenlernte, mich sehr unterstützte.

RADIOSZENE: Welche Musik, Musiker und Radiosender haben Sie in jungen Jahren geprägt?

Rainer Nitschke: Ich war immer musikalisch nach allen Seiten offen, mochte gerne Popmusik, Schlager aber auch Jazz und Klassik. Für meine Radiotätigkeit eine gute Vorrausetzung.

 

„Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, Menschen Freude zu machen und dazu gibt es im Radio die meisten Möglichkeiten“

 

RADIOSZENE: Ihre erste Station in Deutschland war der damalige Süddeutsche Rundfunk, wo Sie rasch zu einer der beliebtesten Moderatoren wurden. Immer wieder haben Sie aber auch bei anderen Sendern moderiert. War dies einfach die Lust Neues auszuprobieren? 

Rainer Nitschke: Im damaligen Süddeutschen Rundfunk wurde ich ein Jahr nach meiner Tätigkeit in Luxemburg als freier Mitarbeiter beschäftigt, als Moderator und Musikredakteur – was damals höchst selten war in dieser Kombination. Aber der Musikchef Wolfram Röhrig war der Meinung, meine Musikambition sei ausreichend für redaktionelle Aufgaben. Durch den „ARD Nachtexpress“, den ich damals übernehmen durfte, lernten mich auch Verantwortliche anderer ARD-Sender kennen. Und so kamen Angebote von Radio Bremen, wo ich sehr gerne mit Karlheinz Calenberg gearbeitet habe. Er holte mich später für die „Sonntagsausgabe“ auf der Radio Bremen 1 Hansawelle und danach für den „Bremer Kaffeepott“. 

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Auch über das Angebot von Dietmar Kindler vom WDR habe ich mich gefreut, ich konnte so beim WDR als Musikredakteur und Moderator im „Pavillon“ einsteigen. Beim Westdeutschen Rundfunk arbeitete ich immerhin 31 Jahre „nebenbei“.

RADIOSZENE: Und doch blieb der Süddeutsche Rundfunk beziehungsweise der Südwestrundfunk Ihr „Haussender“ …

Rainer Nitschke: …mein Heimatsender war immer der SDR/SWR, hier moderierte ich auch aktuelle Magazine und Unterhaltungssendungen und konnte mich mit allen Ideen einbringen. Auch beim Bayerischen Rundfunk hatte ich zu tun, mitunter war es nicht einfach, alle Termine unter einen Hut zu bekommen …

RADIOSZENE: Sie traten meist als Moderator in Erscheinung, kam für Sie nie eine Tätigkeit als Programmverantwortlicher oder Musikchef in Frage?

Rainer Nitschke: Ich war immer gerne freiberuflich tätig, weil ich nur so neben meiner SDR-Tätigkeit auch andere spannende Dinge tun konnte. Das Fernsehen ließ schließlich ja nicht lange auf sich warten. Aber auch als Freiberufler hatte ich programmverantwortliche Aufgaben wie die Entwicklung von Sendestrecken auch mit journalistischen Inhalten. Allerdings selbstverständlich immer unter der Leitung des Chefredakteurs. Ein paar Mal wollte man mich fest anstellen, das scheiterte allerdings an den unterschiedlichen Tätigkeiten, die ich zu erledigen hatte. Und so blieb es beim Status des Freien Mitarbeiters.

RADIOSZENE: Während Ihrer Zeit beim Radio haben Sie zahllose Künstler interviewt. Gibt es so etwas wie das Gespräch Ihres Lebens, also ein Interview, das Ihnen ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Rainer Nitschke: Ich hatte in Stuttgart eine Sendung mit dem Titel „Zu Gast“, in der ich Persönlichkeiten aus allen Bereichen im Gespräch hatte. Weltstars wie Harry Belafonte oder Gilbert Bécaud, aber auch Politiker wie Hans-Jochen Vogel, Heiner Geißler sowie die baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger und Lothar Späth, der übrigens sehr häufig mein Gast im Studio war.

Außerdem hatte ich Interviews mit Filmschauspielern wie Curd Jürgens und Liselotte Pulver, mit Stars wie Freddy Quinn, Caterina Valente oder Udo Jürgens, aber auch Begegnungen mit Zarah Leander und TV-Größen wie Prof. Bernhard Grzimek und Prof. Heinz Haber. Ein „Interview meines Lebens“ gab es nicht … dafür war ich aber mit einigen meiner Gäste dann auch privat gut bekannt.

 

„Das Radio – zumindest das Öffentlich-Rechtliche – hat die Pflicht, ein breites Musikspektrum zu bieten, das heißt, zu versuchen, alle Geschmacksrichtungen zu spiegeln“

 

RADIOSZENE: Welche Alben stehen heute in Ihrem Plattenregal griffbereit weit vorne?

Rainer Nitschke: Spezielle Lieblingsalben habe ich nicht, aber ein paar Platten, die mich die vielen Jahre meiner Tätigkeit im Rundfunk begleitet haben und die ich nicht missen möchte. 

RADIOSZENE: Lange Zeit haben die Moderatoren auch die Musik und Themen ihrer Sendungen ausgesucht. Heute ist das eher die Ausnahme. Sollte man – zumindest bei einigen Wellen und Sendestrecken – nicht wieder mehr Persönlichkeiten mit Musikkompetenz am Mikrofon aufbauen und den Machern mehr freie Hand bei der Musikauswahl geben?

Rainer Nitschke: Die Tätigkeit als Musikredakteur beinhaltete auch, dass ich für große Kollegen wie Fred Metzler Sendungen zusammenstellen durfte. Dies habe ich mit großer Freude gemacht, vor allem, wenn der Moderator damit zufrieden war und sich mit der Musikauswahl wohl fühlte.

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Rainer Nitschke (Bild: Privatarchiv)

Ich hatte das Glück, bei allen Sendern, die mich engagiert haben, immer ein sehr breit gefächertes Musikangebot liefern zu können. Von sturen Spartenprogrammen hab ich nie viel gehalten. Ich fand es als wichtig, Musiksendungen für jeden Musikgeschmack zu erstellen. Die Toleranz auch Titeln gegenüber, die man nicht so mochte, war bei den Hörern insofern ausgeprägt, weil sie wussten, gleich wird ihr Geschmack wieder zufrieden gestellt. Fernab jeglicher „Besttester“, dafür Musikprogramme, die originell waren und gleichzeitig populär.

RADIOSZENE: Muss sich das Radio – auch wegen der immer härter werdenden Konkurrenz durch beispielsweise die Streaming-Dienste – nicht wieder stärker als Musikempfehlungsmedium zu positionieren?

Rainer Nitschke: Das Radio – zumindest das Öffentlich-Rechtliche – hat die Pflicht, ein breites Musikspektrum zu bieten, das heißt, zu versuchen, alle Geschmacksrichtungen zu spiegeln. So gesehen war es durchaus möglich, auch spannende Newcomer zu präsentieren. Leider wird gerade im deutschsprachigen Sektor alles immer etwas oberflächlicher. Man versucht, ohne Not, wie ich meine, nur noch „bestgetestete“ Musik anzubieten. Was die Sendungen teilweise sehr langweilig macht und die Musikproduzenten nicht ermutigt, sich auf die Suche nach besonderen Talenten zu machen. Schade.

RADIOSZENE: Heute moderieren Sie beim Digitalsender Schwarzwaldradio eine wöchentliche Sendung. Was erwartet die Hörer in dieser Show?

Rainer Nitschke: Nachdem ich beim WDR sozusagen „in Rente“ ging, beim SWR noch ein paar Jahre früher, nahm ich 2016 das Angebot vom Schwarzwaldradio sehr gerne an. Denn dort haben wir ein Musikangebot, das sich durch Vielfalt sehr stark von anderen Sendern, die sich der Popmusik verschrieben haben, unterscheidet. Ich sehe es als spannende Aufgabe, mit meiner Sonntagsendung die Menschen zu erfreuen, die mich teilweise von den früheren Sendern kennen und die Spaß haben an dem breiten Spektrum, das ich hier bieten kann. In dieser Sendung „Nitschke am Sonntag“ finden sich Hits und Superoldies genauso, wie ausgefallene Songs von früher, an die man sich gerne erinnert. 

RADIOSZENE: Während Ihrer Radiozeit haben Sie überwiegend bei öffentlich-rechtlichen Sendern gearbeitet. Wo sehen Sie heute die Unterschiede zum Privatfunk?

Rainer Nitschke: Für mich gibt es in meiner Sendung keinen Unterschied zwischen Privatradio und meinen früheren Sendungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Wichtig ist es, ein Programm anzubieten, bei dem die Hörer das Gefühl haben, ernst genommen zu werden und nicht irgendwelchen Formaten ausgesetzt zu sein.

 

„Radio bedeutet für mich seriöse Information, verantwortungsvollen Umgang mit den Hörern und deren Bedürfnissen und natürlich auch spannende und entspannende Unterhaltung“

 

RADIOSZENE: Der für immer unvergessen bleibende Moment während Ihrer Radiozeit?

Rainer Nitschke (Bild: Schwarzwaldradio)

Rainer Nitschke (Bild: Schwarzwaldradio)

Rainer Nitschke: Ich habe unzählige beste Erinnerungen an meine Arbeit in diversen Radiosendern, aber auch beim Fernsehen und als Journalist bei diversen Printmedien, so dass es schwer fällt, einen Moment speziell hervorzuheben. 

Eine Sendung ist mir allerdings noch in bester Erinnerung – ich war in der Nacht des Mauerfalls 1989 verantwortlich für die ARD Nacht. Dies war ein bewegender Moment, weil niemand wusste, wie das ablaufen würde. Ich arbeitete damals eng zusammen mit den Kollegen des SFB, die mit Beiträgen die Szenen schilderten.

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio für generell Sie?

Rainer Nitschke: Radio bedeutet für mich seriöse Information, verantwortungsvollen Umgang mit den Hörern und deren Bedürfnissen und natürlich auch spannende und entspannende Unterhaltung. Der mentale Austausch mit den Hörern war für mich das Wichtigste … das ist auch heute noch so.

RADIOSZENE: Was macht das Radio heute besser, was würden Sie ändern?

Rainer Nitschke: Was ich mir vom Radio wünsche: Den Mut, Persönlichkeiten heranzubilden. Den jungen Leuten, die die Leidenschaft für dieses Medium in sich spüren, wünsche ich den Mut, sich selbst einzubringen, auch wenn diverse Medienberater das weniger gerne haben. Es ist ein sehr befriedigendes Gefühl, Menschen Freude zu machen und dazu gibt es im Radio die meisten Möglichkeiten. 

Das Radio wird bleiben, in welchem Verbreitungsweg auch immer, denn es hat die wesentliche Aufgabe, Menschen zu informieren, ein Begleiter der Menschen zu sein und ihnen in vielen Punkten auch Hilfe und Orientierung zu bieten. Auch hier gibt es viele Beispiele, wie man das am besten tun kann.

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