Volker Rebell: „Radio ist für mich ein wunderbares Medium“

Veröffentlicht am 05. Jun. 2019 von unter Musik

Es gibt Menschen, deren Multitasking-Begabungen einfach bewundernswert sind. Wie etwa die im beruflichen Werdegang des in Offenbach am Main geborenen Volker Rebell. Nach bestandenem Abitur und einem Maschinenbaustudium an der Staatlichen Ingenieurschule Frankfurt (mit Abschluss als Diplom-Ingenieur) startete der junge Rebell dann richtig durch: Übernahme des elterlichen Werkzeug-Produktions-Betriebes als Geschäftsführer schon im Alter von 22 Jahren, daneben Musiker, Schauspieler, Kabarettist, Musikproduzent, Buchautor (mit Werken über die Beatles oder Frank Zappa), rühriger Musikkritiker bei der Frankfurter Rundschau, Auftritte als Storyteller und und und. Sein vollständiger, imposanter Lebenslauf würde hier die Grenzen dieses Textes sprengen, ist aber auf seiner „Rebellischen Webseite“ detailliert nachzulesen.

Volker Rebell bei Heine-Rezitation (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell bei Heine-Rezitation (Bild: ©Volker Rebell)

Über die Grenzen Hessens hinaus ist Volker Rebell bis heute allerdings als einer der fachkundigsten Musikspezialisten des Hessischen Rundfunks (hr) in Erinnerung. Bereits in 1970 war er erstmals mit seiner besonderen Moderationsform und Musikauswahl auf Sendung. Es folgte eine Vielzahl an Sendeformaten, die Rebell für den hr bis zu seinem Weggang vom Funkhaus an der Bertramstraße Ende 2008 mit viel Weitblick und Herzblut entwickelt und gestaltet hat. Wobei er sich schon früh für die Musik neben den Trampelpfaden des Mainstream interessierte, die Welt der Charts waren weniger sein Ding. Als Musiker hat man eben naturgemäß einen anderen Blickwinkel auf die Musikwelt, entdeckt da mal eher die besonderen Produktionen – und kann diese Wahl den Hörern auch nachvollziehbarer vermitteln.

Volker Rebell und Werner Reinke (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell und Werner Reinke (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell gehörte mit Musikexperten wie Werner Reinke, Jörg Eckrich, Martin Hecht, Rainer Maria Ehrhardt – aber auch Thomas Koschwitz, Klaus Walter und Lidia Antonini zu den Persönlichkeiten, die (jede/r auf jeweils ihre/seine Weise) HR3 über Jahrzehnte als anerkanntes Musikradio prägten. Heute ist Rebell regelmäßig beim Einschaltsender ByteFM zu hören, verfügt – ganz Self-made-man – mit Radio Rebell inzwischen auch über eine eigene Audioplattform, auf der er via Podcasts zahlreiche hörenswerte Beiträge zum Nachhören bereitstellt. 


RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Volker Rebell über seine Beziehung zur Musik und die lange Zeit beim Radio.

 

„Die Bilder, die das Radiohören im Kopf erzeugt, die Empfindungen, die beim Zuhören entstehen, sind einzigartig und haben viel bis alles mit der eigenen Innenwelt zu tun“

 

RADIOSZENE: Herr Rebell, wie sind Sie zum Radio gestoßen, wer hat Sie für das Medium entdeckt?

Volker Rebell: Durch die Beatband (The Cheats), die ich 1963 infolge meiner Begeisterung für die Beatles gegründet hatte, war ich mit der lokalen Jugendmusikszene gut vernetzt. Nachdem die Band mit eigenen (von mir verfassten) deutschsprachigen Songs die Endausscheidung des nationalen „Deutschen Beatband-Wettbewerb“ 1965 gewonnen hatte, öffneten sich weitere Türen. Wir befreundeten uns mit dem Frankfurter Soziologen/Liedermacher- und Folk-Duo Christopher & Michael, ein damals recht erfolgreiches Sänger- und Songschreiber-Duo, das sich mit ersten Übersetzungen von Dylan-Songs hervortat und eigene poetische Protestlieder veröffentlichte, bei CBS unter Vertrag stand und von Lippmann & Rau gefördert wurde.

Volker Rebell (ganz links) bei The Cheats 1964 (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell (ganz links) bei The Cheats 1964 (Bild: ©Volker Rebell)

Christopher Sommerkorn, die eine Hälfte des Duos, kam 1969 zum Hessischen Rundfunk und suchte für die Musikredaktion der Abteilung Unterhaltung im Hörfunk junge, gleichgesinnte Mitarbeiter aus der Jugendmusikszene. Er bot mir – zunächst probeweise – wöchentlich eine Stundensendung zur Gestaltung nach eigenem Gusto an. Obwohl ich keinerlei Radioerfahrung hatte, geschweige denn eine journalistische Ausbildung vorweisen konnte, kamen meine ersten Sendungen bei den Hörern und auch hr-intern gut an, so dass ich plötzlich einen festen wöchentlichen Sendeplatz hatte und von Anfang an musikthematisch machen durfte, was ich wollte. Was für ein Privileg, eigene Themen mit eigener Musikauswahl und Moderation präsentieren zu können.

RADIOSZENE: Sie hatten vor Ihrem Einstieg beim Radio bereits Erfahrungen als Musiker. Wichtig für Ihre Zeit beim Hörfunk?

Volker Rebell: Ja, das war enorm wichtig. Als aktiver Musiker hatte ich Ahnung sowohl von Musiktheorie als auch -praxis. Als Teil der Jugend-Musikszene war ich über die aktuellen Musiktrends informiert, kannte die angesagten Gruppen und Solisten und hatte mir auch Rüstzeug zugelegt, um Musik qualitativ beurteilen zu können. Es gab damals nur wenige Radiomoderatoren, die über Musik inhaltlich profund reden und reflektieren konnten und in der Lage waren, eine eigene kritische Meinung zu Musikphänomenen zu äußern. In unserer Beatband war ich der Sprecher, der die Ansagen übernahm und hatte insofern zumindest Mikrofon-Erfahrung. Und weil wir in den sechziger Jahren an jedem Wochenende in einem Saalbau oder einer Turnhalle mit der Band spielten, hatte ich ein relativ großes Repertoire an Songs musikalisch „erarbeitet“.

Volker Rebell bei HR3 (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell bei HR3 (Bild: ©Volker Rebell)

Mein aktiver Versuch, die musikalische Entwicklung vor allem der Beatles nachzuvollziehen, schulte mein musiktheoretisches Wissen enorm. Die Herausforderung, jede ihrer Singles, die ja inhaltlich oftmals einen Quantensprung in ihrer wachsenden Komplexität darstellten, spieltechnisch begreifen und analysieren zu wollen, förderte mein Verständnis von Musik mehr als viele Jahre Musikunterricht in der Schule. Dieses Wissen und musikalische Knowhow, das ich mir durch die Beschäftigung mit der Songkunst der Beatles und anderer kompetenter Gruppen und Solisten erwerben konnte, ermöglichte es mir (bis heute), meine Meinung über Form, Inhalt und Qualität von Musikveröffentlichungen darlegen und begründen zu können. So wurde ich im Fach Musikjournalismus und Musikmoderation im Radio nur durch die eigene Musiker-Erfahrung und durch die inhaltliche Beschäftigung mit großer Popkunst ausgebildet.

RADIOSZENE: Welche Musik und welche Sender haben Sie in frühen Jahren geprägt?

Volker Rebell: Wie gesagt, anfänglich in Zeiten der Pubertät waren es die Beatles, die mich euphorisierten. In der Kindheit war ich von Kirchenmusik, speziell der Orgelmusik von Bach tief beeindruckt. Auch Klaviermusik von Chopin und die „Kleine Nachtmusik“ von Mozart begeisterten mich in sehr jungen Jahren. Als Heranwachsender in den sechziger Jahren waren meine Helden (deren Songs wir in der Band nachspielten) –  neben den Beatles – The Searchers, The Yardbirds, The Small Faces, The Kinks, The Who, The Byrds, Simon and Garfunkel, später Procol Harum, Jimi Hendrix, Blood Sweat & Tears, Chicago, Crosby Stills Nash & Young, Frank Zappa und viele andere. In den siebziger Jahren kamen die Singer/Songwriter hinzu, der Jazzrock, Fusion, Artrock, Funk, Progressive Rock und so weiter.

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

In den frühen sechziger Jahren gab es Popmusik im Radio vornehmlich über Radio Luxemburg (nur am späten Abend über MW mit schlechtem Empfang) und den AFN in Frankfurt zu hören. Ab 1965 war der „Beatclub“ eine wichtige Quelle der Information. Auch die hr-Fernsehsendung „Beat Beat Beat“ gehörte ab 1966 zu den Favoriten.

 

„Das öffentlich-rechtliche Radio hat fatalerweise den inhaltlichen, kritischen Musikjournalismus mehr oder weniger abgeschafft oder in Programmnischen zu später Stunde versteckt“

 

RADIOSZENE: Beim Hessischen Rundfunk haben Sie eine Vielzahl von Sendungen gestaltet und moderiert. Von der legendären Sendung „R-u-m-m-s“ bis zu „Volkers Kramladen“ beziehungsweise „hr3 Rebell“. Eigentlich immer mit Musik, die von Ihnen einem „roten Faden“ folgend zusammengestellt war – und selten stromlinienförmig dem  jeweiligen Hitparadenzeitgeist entsprach. Thematisch wurden die Sendungen durch ein übergeordnetes Thema geleitet. Eine Form von Radio die immer seltener wird. Fehlen dem Hörfunk dafür der Mut, die Ideen oder die Moderatoren?

Volker Rebell: Ganz sicher fehlen weder die Ideen und Moderatoren noch die Hörer, die sich für thematisch gestaltete Musiksendungen interessieren. Das öffentlich-rechtliche Radio hat fatalerweise den inhaltlichen, kritischen Musikjournalismus mehr oder weniger abgeschafft oder in Programmnischen zu später Stunde versteckt. Musik wird im Tagesprogramm vornehmlich als Klangtapete, Hintergrundberieselung und austauschbare Überbrückung zwischen Kurzbeiträgen, Werbung und Nachrichten eingesetzt und nicht mehr als Kunstform gesehen, der mit Respekt und aufgeschlossenem Interesse zu begegnen wäre. Das formatierte Mainstream-Radio begreift sich nur noch als Begleitmedium im Alltag, als Servicewelle und Nebenbei-Angebot. Statt die Kultur des Zuhörens zu fördern, wird das oberflächliche Nebenbei-Hören zum Standard erhoben, was bei Vielen letztlich zum Weghören respektive Abschalten führt.

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

Gerade in Zeiten, in denen es immer wichtiger wird, zwischen Kulturen, Religionen, aber auch zwischen den sozialen Schichten zu vermitteln und Konflikte zu entschärfen, bekommt das „Zuhören-können” eine entscheidende Bedeutung. Man darf doch nicht die Hör-Bildung gänzlich vernachlässigen oder ins Internet abschieben, nur um die Quote hochzutreiben. Wenn es so weitergeht, steht zu befürchten, dass das einstige Hör-Medium Radio erst das Zuhören und dann sich selbst abschafft.

RADIOSZENE: Wie wichtig war für Sie, immer Herr über die Musikgestaltung Ihrer Sendungen zu sein?

Volker Rebell: Weil ich im hr nur für ein Autoren-Radio, also nur für selbst gestaltete Sendungen mit eigenem Musikprogramm zur Verfügung stehen wollte, habe ich mich in der modernen Radio-Realität, in der eine Themenredaktion, Tagesredaktion und Musikredaktion bestimmt, was über den Sender geht, selbst ins Abseits manövriert. 

Aber anders geht es für mich nicht. Ich bin viel zu sehr musikbegeistert und habe viel zu viele eindeutige, klare Vorstellungen, welche Musik warum im Radio vorgestellt werden sollte, dass ich als Präsentator im Radio auf Dauer unmöglich Musik vermitteln könnte, die nur als Transportvehikel für das Prinzip der Durchhörbarkeit dient und zum oberflächlichen Nebenbeihören animieren soll. Dazu sind mir gute Musikstücke zu schade.

Ein Großteil der Freude am Ausarbeiten von Radiosendungen war und ist, Musik, zu der ich selbst Bezug habe, die mich berührt, begeistert oder irritiert, selbst auswählen zu können und dazu meine Gedanken und Gefühle äußern und mitteilen zu können.

RADIOSZENE: Sie haben nach Lehre und Abitur ein Maschinenbau-Studium abgeschlossen, sinddiplomierter Ingenieur und leiteten schon früh die elterliche Firma, die Werkzeuge herstellte. Radio war somit eher der Zweitberuf. Wie haben Sie Geschäftsleitung und Radio-machen zeitlich unter einen Hut gebracht, wie sehr half diese Unabhängigkeit bei Ihrer Tätigkeit beim Sender?

Volker Rebell bei hr3 (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell bei hr3 (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell: Finanziell vom Radio als Arbeitgeber nicht abhängig gewesen zu sein und insbesondere vom Wohl und Wehe der Radiochefs, das bedeutete für mich eine große Freiheit. Ich konnte mit erhobenem Haupt in jede Sitzung rein und wieder raus gehen. Ich musste nicht um einen Sendeeinsatz katzbuckeln oder in einem Sendeformat moderieren, das mir inhaltlich ein Graus war. Andere Kollegen, die vielleicht eine Familie zu ernähren oder ein Haus abzubezahlen hatten und dies nur aus ihren Radio-Einkünften bestreiten konnten, hatten diese Wahl und Freiheit nicht. Durch meine Firma war ich finanziell völlig unabhängig und in keiner Weise erpressbar oder unter Druck zu setzen. Hätte ein Chef gesagt, meine Mitarbeit sei nicht mehr erwünscht, wäre das in finanzieller Hinsicht für mich kein Verlust gewesen. Auf der anderen Seite waren die Radiosendungen mehr als nur ein Ausgleich zu meinem ungeliebten Job in der ererbten Werkzeugfabrik. Musik war mein Ding, nicht die Herstellung und der Verkauf von Präzisionsgewindeschneidwerkzeugen und -Lehren – was das Geschäftsfeld der vom Vater gegründeten Firma war. Weil mein älterer Bruder, der die Firma übernehmen sollte, ausgefallen war, wurde ich in die Nachfolge gedrängt, sehr zu meiner Unfreude. Schon in den sechziger Jahren, als ich die Werkzeugmacherlehre und das anschließende Maschinenbaustudium durchzustehen hatte, war die Musik, die Beatband und ein Jugendkabarett, in dem ich mich engagierte, meine Gegenwelt und eine Art Lebenselixier, um die ungeliebte Technikausbildung aushalten zu können. Dieses „Doppelleben“ hat sich dann nach 1969 fortgesetzt: tagsüber musste ich mich mit Firma und Gewindetechnik beschäftigen, abends durfte ich meiner Neigung Musik und Radio nachgehen. Der Firmenjob hat mich ernährt, die Musik und das Radio haben meine Seele genährt.

Die Werkzeugfirma habe ich übrigens 2015 in andere Hände übergeben. Im Werkstattgebäude betreibe ich inzwischen, nach langen aufwändigen Umbauarbeiten, eine Konzertbühne und Galerie. Die Konzerte der eingeladenen Künstler schneide ich. Außerdem führe ich Interviews mit den Künstlern für spätere Radiosendungen.

 

„Finanziell vom Radio als Arbeitgeber nicht abhängig gewesen zu sein und insbesondere vom Wohl und Wehe der Radiochefs, das bedeutete für mich eine große Freiheit“

 

RADIOSZENE: Welche Alben stehen heute weit vorne in Ihrem privaten Musikregal?

Volker Rebell: Aus alter Zeit sind es noch immer die Beatles-Alben, Artrock-Alben etwa von Gentle Giant, viele Alben von Frank Zappa, viele von Singer/Songwritern wie Joni Mitchell, James Taylor, John Martyn, Leonard Cohen, Peter Gabriel, Sting, einzelne Platten von Folk-, Blues-, Jazz-, Ambient- und Weltmusik-Künstlern, einige Alben von verschiedenen Akustikgitarristen und Alben von Künstlern, die in meiner Konzertbühne aufgetreten sind, oder noch auftreten werden: Martin Kolbe, Mani Neumeier, Goitse,  Dark Blue Orchestra, Michael Sagmeister, Marcus Eaton, The Outside Track, Zelia Fonseca, Siyou’n’Hell, Biber Herrmann, Sally Barker, The Fitzgeralds, Kick La Luna, The Fretless. Aktuell höre und schätze ich gerade Brad Mehldau: „Finding Gabriel“.

hr3-Clubtour Deutsche Rock-Helden auf hr3-Tour 2006: (vlnr:) Ali Neander (Rodgau Monotones), Anne Haigis, Andreas Neubauer, VR, Hellmut Hattler (Kraan), Mani Neumeier (Guru Guru). (Bild: ©Volker Rebell)

hr3-Clubtour Deutsche Rock-Helden auf hr3-Tour 2006: (vlnr:) Ali Neander (Rodgau Monotones), Anne Haigis, Andreas Neubauer, VR, Hellmut Hattler (Kraan), Mani Neumeier (Guru Guru). (Bild: ©Volker Rebell)

RADIOSZENE: Sie haben früher selbst Platten produziert, kennen die Musikszene seit vielen Jahren. Wie sehr hat sich das Musikgeschäft zum Guten, wie zum Schlechten gewandelt?

Volker Rebell: Die Platten, die ich produziert habe, waren immer Nischen-Produktionen, nie am Massenmarkt orientiert. Das Hitparadengeschäft und die entsprechende Musik hat mich eigentlich nie sonderlich interessiert – außer in den seltenen Fällen, wenn anspruchsvolle, originelle Musik in die Charts kam (was übrigens nur einer Band in der Popgeschichte über einen Zeitraum von fünf Jahren kontinuierlich gelang: den Beatles zwischen 1965 und 69).

Durch das Internet hat sich die Musikszene drastisch verändert. Zum Positiven, weil jetzt jeder Musiker potenziell die Möglichkeit hat, ohne Plattenfirma das interessierte Publikum zu erreichen und sich selbst zu vermarkten. Zum Negativen: weil Musik im Grunde keinen Wert mehr hat. Musikproduktionen werden nach wie vor konsumiert, doch kaum jemand will dafür noch bezahlen. Die Künstler, Komponisten, Autoren, Produzenten gehen leer aus. Vom Plattenverkauf können nur noch die ganz Großen der Branche leben.

RADIOSZENE: Welche neue Musik und Künstler haben Sie zuletzt beeindruckt?

Volker Rebell: Neben – siehe oben – Brad Mehldau (Album: „Finding Gabriel“), das Duo ZeMe aus Lettland (Album „Visuma Vizosa Tumsa“), Avishai Cohen (Album „Arvoles“),  Hazmat Modine (Album „Box Of Breath“), Martin Tingvall (Album „The Rocket“), Derya Yildirim & Grup Simsek (Album „Kar Yagar“), Gong (Album „The Universe Also Collapsed“), Esperanza Spalding (Album „12 little spells“), Weyes Blood (Album „Titanic Rising“) und andere.

RADIOSZENE: Seit einigen Jahren moderieren Sie beim Musikradio ByteFM. Ein Programm mit zahlreichen, gut gemachten Autorensendungen – gestaltet auch von ehemaligen Kollegen. Wenn man so will, die zwölfte öffentlich-rechtliche Anstalt in Deutschland. Mit welchem Konzept sind Sie dort zu hören?

Volker Rebell: Das wäre schön, wenn ByteFM in den Programmverbund einer öffentlich rechtlichen Anstalt integriert würde. Doch das ist nicht der Fall und leider auch nicht absehbar. Das Programm von ByteFM lebt im Grunde von der freiwilligen Selbstausbeutung seiner Macher. Die Autoren der Sendungen arbeiten ehrenamtlich. 

ByteFM-Bunker (Bild:© Marius Magaard)

ByteFM-Bunker (Bild:© Marius Magaard)

Meine Sendung in ByteFM heißt „Kramladen“ nach meiner langjährigen Spezialsendung und Personality Show „Volkers Kramladen“ in hr3. Dies sagt schon einiges aus. Über all die Jahre hat sich meine Herangehensweise an Musik und wie ich versuche, mich dem Ausdruck und der Botschaft der Musik inhaltlich anzunähern, gleichzeitig meine Eindrücke in Worte zu fassen und mitzuteilen, dies alles hat sich im Grunde kaum verändert. Insofern setze ich mit meinen Sendungen für ByteFM das fort, was mir schon seit den Anfängen meiner Radiomitarbeit im Hessischen Rundfunk immer wichtig war, Musik als künstlerische Äußerung von Emotion und Intellekt zu verstehen und meine subjektiven Erkenntnisse zu beschreiben und weiterzugeben. Und wenn mich Musik, die meiner Ansicht nach besonders gelungen ist, wirklich begeistert, was gar nicht so selten vorkommt, dann freue ich mich, wenn ich diese Begeisterung mit Gleichgesinnten teilen kann. 

RADIOSZENE: Ihr prägendstes Ereignis beim Radio? 

Volker Rebell: Es gab für mich nicht das eine prägende Ereignis. Es war vor allem die Kontinuität im Austausch mit Kollegen, der vielfältige Kontakt mit Künstlern in Interviews und bei improvisierten Live-Konzerten im Sendestudio, die ständige Beschäftigung mit oftmals großartigen Popmusik-Kunstwerken und das überwiegend freundliche und zustimmende Feedback von Hörern. Besonders intensiv blieben mir zwei Begegnungen und Interviews mit Frank Zappa in den siebziger Jahre in Erinnerung. Sein unbedingtes Engagement für seine künstlerische Arbeit, seine geradezu grenzenlose Hingabe für seine musikalische Kreativität, einhergehend mit einer selbstgewählten Isolation, dies alles hat mich einerseits total fasziniert und hat mir andererseits auch zu denken gegeben.

Volker Rebell bei Woodstock-Revue in Hanau (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell bei Woodstock-Revue in Hanau (Bild: ©Volker Rebell)

RADIOSZENE: Mit welchen Gefühlen sehen Sie die heutige Radiowelt? Was machen die Kollegen heute besser, was stört Sie?

Volker Rebell: Weil ich eine inhaltliche Beschäftigung und kritische Auseinandersetzung mit Musik in normalen Radiosendungen vermisse, und weil das begrenzte Musik-Repertoire in den Rotationsprogrammen mich wenig erfreut, höre ich kaum noch Mainstream-Radio. Deshalb, und weil ich viel Zeit mit meiner eigenen Konzertbühne – der Rebell(i)schen Studiobühne & Galerie – verbringe, außerdem neben den Sendungen für ByteFM mein eigenes Webradio (radio-rebell.de) aufbaue, des Weiteren an Buchmanuskripten schreibe und noch einige andere Interessen habe, kann ich nicht beurteilen, was Radiokollegen im öffentlich-rechtlichen Radio heute besser machen. Dafür höre ich zu wenig Popradio. Was mich stört, habe ich schon gesagt.

 

„Statt die Kultur des Zuhörens zu fördern, wird das oberflächliche Nebenbei-Hören zum Standard erhoben, was bei Vielen letztlich zum Weghören respektive Abschalten führt“

 

RADIOSZENE: Was bedeutet Radio generell für Sie?

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell (Bild: ©Volker Rebell)

Volker Rebell: Radio ist für mich ein wunderbares Medium. Ich liebe Musik, höre gerne zu und lass mir gerne etwas erzählen – vor allem, wenn es spannend, interessant oder aufschlussreich ist. Im Radio kann ich all das auf anregende Weise erfahren. Und die Bilder, die das Radiohören im Kopf erzeugt, die Empfindungen, die beim Zuhören entstehen, sind einzigartig und haben viel bis alles mit der eigenen Innenwelt zu tun. Intensives, aufmerksames Radiohören von Sendungen, die sich lohnen, öffnet neue Welten, verändert die Wahrnehmung und sensibilisiert das Bewusstsein.

Meine Begeisterung für das Medium Radio zeigt sich auch in der Entwicklung meines eigenen Webradios: www.radio-rebell.de. Auf der gleichnamigen WebSeite finden sich bereits einige ausführliche Interviews als podcast. Das Streaming eigener Radiosendungen wird noch eine Weile auf sich warten lassen, aber es wird kommen.

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