Von Flutwellen und Radiowellen

Veröffentlicht am 04. Jan. 2005 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Am Tag nach dem Tsunami saßen Männer im Hafen von Phuket in Straßencafés und genossen ihre Pausenzeit. Rings umher lagen Trümmer. Die Stimmung war entspannt. Die Thais, sagte ein Fernsehreporter, seien Gemütsmenschen. Mag sein. Mag andererseits auch sein, daß die Männer ihren Kaffee nicht des Gemüts wegen tranken, sondern weil sie müde waren und weitere Leichen zu beseitigen hatten.

Am Morgen des zweiten Weihnachtsfeiertages rumpelte der Meeresboden westlich und nahe der Insel Sumatra, am östlichen Ende des Indischen Ozeans. Auf einer gewaltigen Fläche sackte der Grund um zehn Meter in die Tiefe. Oben grub sich ein riesiges Loch in die Wasseroberfläche, das sich konzentrisch als gewalttätige Welle ausbreitete. Je nach Entfernung dauerte es Minuten oder Stunden, bis die Welle auf flaches Wasser traf, sich dort auftürmte und dann das Land einrannte. Die Küste Sumatras war zuerst dran, dann die Westseite des südlichen Thailand, die mittendrin liegenden Andamanen- und Nikobaren-Inseln, das südasiatische Festland, die Insel Ceylon und die Malediven. Richtung Westen war die Entfernung etwas größer, aber als die Welle dort nach einigen Stunden auf Afrika schlug, tat sie immer noch weh.

Gleich nach den ersten Verwüstungen lief die globale Medienmaschine an. Britische, amerikanische und französische Sender und Agenturen vermeldeten zunächst zusammenhanglos lokale Katastrophenberichte, die sie dann sehr schnell in einen Zusammenhang verdichteten.

In Deutschland war Sonntag, zweiter Weihnachtsfeiertag. Die Besatzungen von Radios, Fernsehen und dpa verdauten ihre Gänsekeulen. Träge nahm die geneigte Fachöffentlichkeit Kenntnis von einer gewissen Flut, die am Ende der Welt ein paar Küsten benetzt haben sollte. Wir Deutschen neigen ja eher selten dazu, die Dinge überhastet anzugehen. Erstmal in Ruhe alles wirken lassen, bloß keine unbestätigten Gerüchte verbreiten, und wer weiß: Vielleicht ist ja alles nicht so schlimm.

Montag war dann medial der eigentliche Tag 1. Kurz vor Ende des gesetzlichen Ladenschlusses, hatte sich alles geändert. Es gab nur noch ein Thema. Sogar die Wahl in der Ukraine, die planmäßig auf der Tagesordnung gestanden hätte, schaffte es nur noch auf die Zwei. Schon nach ein paar Stunden offenbarte sich ein Dilemma, das sich in den nächsten Tagen noch verstärken sollte: Wie die Nachrichten beginnen? Wie die unüberschaubare Masse an Einzelmeldungen sortieren? Und so waren es viele, die den einfachsten Weg gingen und erstmal abzählten: 3.000 Opfer, 3500, 4.000, und alle zusammen…

Der populärste Politiker unseres Landes bewahrte dabei Ruhe. Wie dankbar haben wir alle seine fixe Idee aufgegriffen, daß uns Deutsche das im Grunde nicht viel anginge, denn es gäbe ja keine Hinweise auf deutsche Opfer. Da sei die deutsche Grundtugend davor, die der einstige Kulturrevolutionär Fischer bestens inhaliert hat: Er sandte Experten in die Region, auf das sie dort in typischer beamtiger Verwaltungsmanier Konsulate verstärkten und Büros eröffneten. Was die Chronisten ehrfürchtig in ihre Blöcke schrieben und in ihre Mikrofone sprachen. Was für ein zauberhaftes Wort: Experte! Echte Experten! Gar ministerielle Experten! Solche, die erstmal Büros eröffnen, klar, was sonst? Experte – wofür eigentlich? Gibt’s in Deutschland neuerdings Experten für Tsunami-zerschlagene Paradiese mit höllisch vielen Toten?

Tag 2. Die thailändischen und sonstigen Gemütsmenschen trugen die Ärmel noch immer hochgekrempelt. Das Wasser war wieder abgezogen und hatte viel mitgenommen, was man gern im Trockenen bewahrt hätte. Die in die Katastrophe entsandten Reporter (Fernsehen, Zeitung, Öffentlich-Rechtlich) entdeckten Khao Lak, eine Strandlandschaft in Thailand, in der das Chaos zu sehen und detailliert zu begreifen war. Jetzt war endgültig Schluß mit der netten Vision, man sei Zuschauer, der mit kribbeliger Gänsehaut einen Gruselfilm im TV glotzte. Plötzlich war klar, daß die tausenden deutschen Urlauber, von denen niemand eine Spur gefunden hatte, wohl doch nicht von liebenswürdigen Aliens mal kurz auf einen Ausflug gebeamt worden waren, sondern tot im Schlamm lagen. Tot wie Thais und Inder, Franzosen und Schweden.

Tag 3. Politik-Deutschland schlief weiter, was Mediendeutschland nicht besonders auffiel – sei es, daß man eh nichts anderes gewohnt ist, sei es, daß die Obrigkeit stets Recht zu haben geruht. Des Herrn Fischers Amt tat die unübersehbaren Fakten erstmal pikiert als Gerücht ab, dem man aber immerhin nachgehen werde. Die Bravheit der Medienarbeiter ließ sie sogar darüber hinwegsehen, daß darin eigentlich eine Beleidigung lag, Denn es überschlugen sich die Reportagen, die Aussagen der Hoteldirektoren, die amtlichen Bestätigungen der Thais, daß es hunderte Urlauber hinweggerafft habe. Mindestens. Und der Herr Minister nannte das „Gerüchte“. Haben wir das auch so empfunden, als wir das sendeten? Tatsächlich klang das Amtsgerede von den Gerüchten, das gerade noch ehrfuchtsvoll auf die Sender geklaubt worden war, plötzlich hohl und lächerlich. Derart hohl und lächerlich, daß der populärste Politiker Deutschlands und oberste Urheber dieser Lächerlichkeit um sein Ansehen zu fürchten hatte. Und siehe da: Bedeutungsschwanger räumte er in der Mitte des Tages 3 eine „dreistellige Zahl“ an deutschen Toten auf Thailands Stränden ein. Vom Blatt abgelesen, damit ihm kein Fehler unterlaufe, statt der dreistelligen er vielleicht von einer vierstelligen Zahl rede, das Gesicht in sorgenvolle Knitterfalten gelegt, grad so, als verlese er eine weltverbessernde Predigt vor der UNO-Vollversammlung. Und großzügig sei man ja auch, die „Soforthilfe“ sei doch verdoppelt worden. Laut: Verdoppelt. Und leise: Auf 2 Millionen Euro. Wie er das sagte, klang es gerade so, als habe er sein persönliches Konto geplündert. Dabei war es ja Steuerzahlers Konto, der ob der Großzügigkeit des populärsten Ministers aller Deutschen wohl ehrfurchtsvoll erschauern sollte. Hier wäre es an den Medienschaffenden gewesen, die schnelle Spendabilität solcher Länder wie Irland, Norwegen oder auch den (zu Unrecht kritisierten) USA zu erwähnen. Aber das taten nur wenige. Hätte ja auch arm ausgesehen, vielleicht nicht staatstragend genug. Immerhin wußte der Minister zu verkünden, es könne bedrückend werden. Wer hätte das gedacht!

Tag 4. Um 10 wurde der Krisenstab zur Chefsache. Nach vier Stunden Chefsache wußte der Kanzler Bescheid. Alle läuft super, der Krisenstab sei Spitze. Mediendeutschland war weiter und stellte die Kanzlerworte zusammenhanglos neben die anderslautenden eigenen Erkenntnisse. Im Fernsehen meldete sich ein Urlauber, der auf die Seite der freiwilligen Helfer gewechselt war und klagte, es lägen so viele Verletzte herum, es finde sich bloß niemand, der sie operieren könne. Dpa hatte am Morgen noch gemeldet, das legendäre MedEvac-Flugzeug der Bundeswehr sei in Phuket gelandet. Doch niemand fand es dort. Dpa meldete dann, die Ankunft verzögere sich noch ein bißchen. Wer beim Verteidigungsministerium anrief, der erfuhr, die Piloten hätten ihre gesetzlich festgelegte Dienstdauer in Abu Dabi erreicht und müßten erstmal pausierten. Darum komme der Spitalsflieger erst in der Nacht am Einsatzort an. Umso erstaunlicher, als der Kanzler kurz darauf verkündete, der Flieger sei schon eingetroffen. Wie bitte? Was denn nun? Zwei Anrufe klärten die Lage: Der Kanzler war im Chaos versunken, und das Presseamt bat um Verzeihung. Tag 4 war dann der Tag, an dem die Flaggen auf Halbmast sanken und die Soforthilfe auf konkurrenzfähige 20 Millionen verzehnfacht wurde. Was macht wohl so ein Krisenstab? Er gewinnt Erkenntnisse, die Mediendeutschland bereits hatte. Nur langsamer.

Was hat das jetzt mit uns und mit dem Radio zu tun?

Eine Menge, oder gibt es irgendwo einen Sender, der das Ereignis nicht in dieser oder jener Art on Air hatte?

Von der Vorstellung, irgendein Hörer könne sich jetzt ausdrücklich dazu entschieden haben, wegen der Südasien-Berichterstattung den eigenen Sender einzuschalten, sollten wir uns freilich verabschieden – wenn wir denn überhaupt so etwas geglaubt haben sollten. Das gilt vor allem die meisten Privatradios – deshalb, weil dort der alltägliche Schwerpunkt eben nicht auf den Nachrichten und Informationsteilen liegt, sondern auf Musik und Unterhaltung. Für die Sender ist das eine einfache Rechnung. Information – das ist eben so – kostet verhältnismäßig viel Geld. Sie kostet außerdem eine Menge an Aufwand. Information ist in Deutschland historisch bedingt immer noch eine öffentlich-rechtliche Domäne. Das zeigen auch die fehlgeschlagenen Versuche, in Berlin private Nachrichten- oder Informationsradios zu gründen. Die Dominanz der Staatssender mit ihren unerschöpflichen finanziellen und personellen Ressourcen ist zu erdrückend. Sie zwingt die Privatsender dazu, sich Domänen vorzunehmen, die bei geringerem Aufwand mehr Ertrag versprechen.

Das hat natürlich Folgen. Ein Sender, der für Spaß und große Gewinne bekannt ist, der ist eben nicht auf Nachrichten spezialisiert.

Wer’s nicht glaubt: Vielerorts herrscht noch immer der Glaube, die Nennung einiger Ortsmarken an allen möglichen passenden und unpassenden Stellen schaffe wenigstens lokale Kompetenz. Das ist ja auch nicht falsch. Aber es ist arg oberflächlich. Manchen Beratern ist das klar. Sie raten ihren Sendern, aktuelle Ereignisse, die sich nicht als Gaginspiration ausbeuten lassen, einfach links liegen zu lassen. Ne Meldung in den Nachrichten – und gut damit. Wer mehr wissen will, der wechselt eh die Welle und kommt – hoffentlich – zurück, wenn sich die Flut verzogen hat. Warum den Hörern mit halbgaren Infohäppchen klarmachen, daß man sich bemüht, aber leider schlicht nicht mithalten kann mit den dicken Infoschiffen der ARD?

Und dennoch – seit einiger Zeit kursiert in etlichen Sendern das Zauberwort von der Info- und Nachrichtenkompetenz. Die Überlegung dahinter mag folgende sein: Wer sich aus der Tagesaktualität zu sehr heraushält, der hält auch einen Teil seiner gewünschten Zielgruppe heraus. Zudem wirkt die Erkenntnis beunruhigend, daß aktuelle Information für einen immer größeren Teil der Bevölkerung offenbar immer wichtiger wird.

Nachrichten und Informationen haben aber leider ein paar Nachteile. Während sich Musik wunderbar testen läßt, geht das mit Nachrichten nicht so einfach. Es wäre ja absurd, zuerst ein Callout in die Landschaft zu jagen und nachzufragen, ob der Hörer gern mehr über die Tsunami-Katastrophe hören möchte, um dann die getesteten Beiträge zu liefern. Nachrichtenleute (und Programmchefs) müssen – da führt kein Weg dran vorbei – Bauchgefühl und Allgemeinwissen strapazieren, um ungestützt schnelle Entscheidungen zu fällen. Außerdem ist der Wirkungsmechanismus etwas ungewohnt: Bei der Musik wünscht und erwartet der Normalmensch etwas, was er mag und folglich kennt – sonst würde er es nicht mögen. Geht es um Nachrichten, dann erwartet er Neuigkeiten – also etwas, was er nicht kennt, was freilich aus einer irgendwie vertrauten Umgebung stammen muß. Im Falle der Flut ist die vertraute Umgebung der Reisekatalog – wären einige der Katastrophenländer nicht bekannte Urlaubsziele, wäre das Thema ein kleineres. Hier zählt die Emotion des Publikums, nicht der Verstand. Wäre das anders, dann wäre auch die Ukraine ein Thema für den ARD-Brennpunkt gewesen – konsequenterweise mit der ganzen Geschichte von Macht, Intrige, Mord, Giftmischerei und Korruption. Eigentlich eine hammerharte Geschichte, aber leider nicht im gefühligen Fokus der Mehrheit.

Wer jetzt bessere Informationsimages einfordert, der möge auch folgendes bedenken: Private Radiosender sind da stark, wo sie investiert haben. Geld ging und geht in: Unterhaltsame Moderatoren, teure Promotions, Musikforschung, ausgefeilte Infrastruktur, Technik und Software für Produktion, on-Air-Promotion, T&C und Moderation. Sehr viel weniger Geld ging und geht in: Nachrichtenpersonal, Redaktionssysteme, Korrespondenten, eigene Quellen. Die wichtigsten Mitarbeiter der Sender sind in der Regel von Status und Geld – in dieser Reihenfolge: Der GF, der PD, der Morgen-Moderator, der on-Air-Promotion-Chef (on-Air-Promotion und Morgen-Jock können auch mal umgekehrt dastehen). Der Nachrichtenchef läuft praktisch überall unter Pflicht, nicht als Kür.

Insofern bekommen Privatradios das, was sie selbst geschaffen haben – den Nachteil eingeschlossen, manchmal einfach nicht im Zentrum des Geschehens zu stehen. Das muß kein Nachteil sein, aber es ist möglicherweise einer der Gründe für die beklagte Marginalisierung des Mediums.

Wie wäre es, wenn die Sender, die jetzt viel über Informationskompetenz nachdenken und die „Mitte“ wirklich halten wollen, sich stärker um das Fundament bemühen, das dafür nötig ist? Sich einmal klarmachen, was sie dafür wirklich benötigen (die Rufa sicher nicht), sich gern auch gruppenweise zusammenschließen (ein bißchen Konkurrenz schadet schließlich auch nicht), und bei der nächsten Flut die ersten sind, die fähige Korrespondenten vor Ort haben?

Allen ein erfolgreiches Jahr 2005 – mit dem Vorsatz, das Radio stärker zu machen.


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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