Nur Gewinner? Gut möglich!

Veröffentlicht am 10. Mrz. 2010 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer MA SpezialNicht irritieren lassen. Die Zuwächse der Radiosender in Deutschland sind nicht ganz so hoch, wie die Zahlen der MA Radio 2010/I es scheinen lassen. Es gibt zwar tatsächlich ungewöhnlich viele Gewinner, aber es gibt auch Reichweitenverlierer, deren Zahlen erstmal anders aussehen.

Die Sender Kiss (+6,9%), BB-Radio (+7,1%) oder  Fritz (+7,6%) sind solche Verlierer. In Berlin kann sich nämlich nur Gewinner nennen, wer mehr als 9 Prozent zugelegt hat. Wie das? Sehr einfach: Die AG.MA hat für diese MA erstmals nicht nur deutsche Staatsbürger nach ihren Hörgewohnheiten befragt, sondern alle deutschsprechenden Menschen, die sie ans Telefon bekommen hat, also auch solche mit ausländischen Pässen. In Berlin mit seinem hohen Ausländeranteil wuchs das Hörervolk damit um 9 Prozent. Gewinner sind in Berlin demnach Sender wie rs2 (+15%),  Spreeradio (+70%) oder der Berliner Rundfunk (+16,7%). Der Zuwachs von 104.6 RTL von 31,1%. RTL verdient eine besondere Erwähnung: RTL gilt seit vielen Jahren als meistgehörter Sender unter Berlins Türken. Bisher war das für die MA-Zahlen ohne Belang, jetzt zählt es.

In Brandenburg dagegen, wo nicht nur dem Klischee nach eher weniger Ausländer leben, wuchs das Hörervolk dementsprechend auch nur um 2,1 Prozent. Die Zuwachszahlen sind also annähernd mit der letzten MA vergleichbar. In der kleinen Rest-DDR zeichnet sich jetzt übrigens ein schönes Kopf-an-Kopf-Rennen um die Spitze ab. BB-Radio hat mit 23,8 Prozent Zuwachs eine Reichweite von 151.000 Hörern erobert, während die Noch-Nummer 1 Antenne vom öffentlich-rechtlichen RBB 3,0 Prozent verlor und bei 159.000 Hörern landete.

Es gibt auch unaufgeregte Länder, in denen die Zahlen bereinigt so sind, wie sie eigentlich immer sind. Etwa Niedersachsen. Dank neuer Grundgesamtheit hat die Hörerbasis um 4,1 Prozent zugelegt. ffn machte mit seinem Plus von 2,5 Prozent also ein leichtes Minus, die Antenne mit ihrem Minus von 2,1 Prozent ein größeres Minus. In NRW kamen 6,7 Prozent Neuhörer dazu, so dass das Plus der Lokalradios von 5,9 Prozent tatsächlich ein kleiner Verlust ist. Die starken Zuwächse bei WDR2 und Einslive sind etwas mysteriös, weil Verluste anderer Sender in passender Dimension nicht zu sehen sind. In Bayern mit seinen 5,6 Prozent neuen Radiobürgern gewann wie üblich die Antenne dazu, während die Programme des BR mehr oder weniger ihre Anteile hielten und die Lokalradios wiederum verloren, diesmal wohl aber eher moderat.

Die vielen Pluszeichen dieser MA relativieren sich also stark, wenn man den Länder-Filter über die Zahlen legt und Reichweiten- und Radiovolk-Zuwachs vergleicht. Alles andere wäre auch außerirdisch. Radio ist nun mal ein sogenannter reifer Markt mit voller Sättigung. Marktanteile erobert nur, wer sie anderen wegnimmt. Fürs Geschäft werden die neuen Zahlen trotzdem gut sein. Denn bisher konnten die Sender ihre Reichweiten bei Zuwanderern ohne deutschen Pass nicht zu Werbegeld machen. Jetzt können sie das. Eine gute Nachricht im Werbekrisenjahr 2010.

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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Archivierte Kommentare

  1. CL

    10. Mrz. 2010

    Ich sehe das eher als statistische Frage. Dass 104.6 RTL von Berliner Türken viel gehört wird ist seit Jahren bekannt. Individueller Musikgeschmack oder sonstige Präferenzen sind eh nicht sehr relevant, weil jedermann ja eh nur einschalten kann, was im Äther zu empfangen ist. Bis zu einem gewissen Grad geht es im Radio ja auch nicht um eindeutschen, sondern eher um ein-angelsachsisieren. Musik (wie Film, Soft- und Hardware) sind ja inzwischen eher global. Übrigens sitze ich gerade an einer Tabelle, die die statistische Vergleichbarkeit der MAs für alle Sender ermöglicht.

  2. Inge Seibel

    10. Mrz. 2010

    Alles in allem ist es ja doch ein positiver Text geworden ;-).
    Ich bezweifle allerdings den (Trug)schluss: “In Berlin kann sich nämlich nur Gewinner nennen, wer mehr als 9 Prozent zugelegt hat”. (Zitat)
    Damit implizierst Du, dass die “neuen Radiobürger ausländischer nicht EU-Herkunft” in Sachen Musikgeschmack, Hörgewohnheiten und Wortpräferenzen automatisch genauso ticken müssten, wie die deutschen und EU-Mitbürger. Multikulti lässt sich doch nicht einfach “eindeutschen” und 1:1 in der MA umsetzen. Oder liege ich da falsch?
    Gruß
    Inge