David Banks: „Es wird schwieriger Titel ‚bekannt‘ zu spielen“

Veröffentlicht am 14. Aug. 2019 von unter Musik

Der rheinland-pfälzische Hörfunksender RPR1. war in den 1980er-Jahren eine der ersten landesweiten Privatradiowellen in Deutschland. Genau gesagt gingen am 30. April 1986 zunächst vier eigenständige Anbietergemeinschaften auf Sendung, aus denen nach einer Neuausschreibung dann RPR1. Anfang der 90er Jahre als finale Hörfunkmarke im Südwesten hervorging. Seitdem behauptet das Programm seine starke Position im Land – trotz stetig gewachsener Konkurrenz durch die Programme des Südwestrundfunks sowie privater Angebote wie bigFM, die Stationen der AntenneGruppe, Rockland Radio oder Antenne Mainz. Nicht zu vergessen die traditionell starke Nutzung der rheinland-pfälzischen Hörer von einstrahlenden Randsendern – unter anderem aus dem Rhein-Main-Gebiet, dem Rhein-Neckar-Raum, dem Saarland oder Luxemburg.

MusicMaster

RADIOSZENE-Mitarbeiter Michael Schmich sprach mit Musikchef David Banks über die RPR1. Musik und die Veränderungen innerhalb der Musikwelt.


RADIOSZENE: Herr Banks, wie sind Sie zum Hörfunk gekommen? 

David Banks (Bild:© RPR1)

David Banks (Bild:© RPR1)

David Banks: Bei RPR1. kann ich mich als den Prototyp des Quereinsteigers bezeichnen. Als ausgebildeter Jurist war ich nie in meinem erlernten Metier tätig, sondern habe mich schon während des Studiums mit verschiedenen  Musikdienstleistungen selbstständig gemacht. Gemeinsam mit meinem Geschäftspartner betreibe ich ein Tonstudio, eine Künstleragentur und eine DJ Schule in Mannheim. Als DJ toure ich außerdem seit fast 20 Jahren durch Europa.

Bis zu meinem Einstieg bei RPR1. und bigFM 2012 im Bereich Showcontent Mixshows hatte ich – abgesehen vom (Hoch)schul-Radio – keine Berührungspunkte mit der Arbeit beim Radio. Seit 2017 bin ich mittlerweile als Musikredakteur für RPR1. tätig.

 

„Natürlich versuchen wir immer die Balance zu finden zwischen dem, was nachweislich eine hohe Akzeptanz genießt, möglicherweise aber vorhersehbar wirkt und Songs, die beim Hörer den ‚Aha-Effekt‘ erzeugen, ohne typische ‚Besttester‘ zu sein“

 

RADIOSZENE: Welche Tätigkeitsfelder umfasst Ihr heutiges Aufgabengebiet?

David Banks: Als „Doppelspitze“ teile ich mir die Aufgaben und Verantwortung in der Musikredaktion mit meinem Kollegen Tom Kredel, seines Zeichens selbst langjähriger, überaus erfahrener Radiomacher. Dabei ergänzen sich unsere Fähigkeiten und Assets hervorragend. Durch meine Tätigkeit in der deutschen Musiklandschaft als Produzent und Agent, habe ich Kontakte knüpfen können, die für uns bei Aufbau und Pflege der Beziehungen zu Industrie und Künstlern (abseits der üblichen Arbeit mit Promotern) sehr von Vorteil sind und die wir aktiv nutzen. Diesem Aufgabengebiet wollen wir wieder mehr Beachtung schenken.

Meine Beobachtungen und Erfahrungen als DJ und Popmusikproduzent  bringe ich insbesondere bei der Marktanalyse mit ein. Wir wollen dabei immer am musikalischen Puls der Zeit operieren und neueste Strömungen frühzeitig aufgreifen und für uns bewerten.

Natürlich ist nicht zuletzt auch die tägliche Arbeit der Musikplanung und internen und externen Kommunikation, Teil meiner Tätigkeit bei RPR1. Flache Hierarchien und die breite Verteilung der Aufgaben sind für uns, als kleine Musikredaktion, für ein effizientes Arbeiten unerlässlich.

RADIOSZENE: In Rheinland-Pfalz stehen Sie hauptsächlich in Konkurrenz mit den Programmen des Südwestrundfunks sowie den lokalen Formaten von Antenne Rheinland-Pfalz. Wie grenzen Sie sich bei der Musikausrichtung von Ihren Mitbewerbern ab?

David Banks: Letztlich werden diese Frage die Hörer zu bewerten haben. Natürlich versuchen wir immer die Balance zu finden zwischen dem, was nachweislich eine hohe Akzeptanz genießt, möglicherweise aber vorhersehbar wirkt und Songs, die beim Hörer den „Aha-Effekt“ erzeugen, ohne typische „Besttester“ zu sein. Durch unsere schrittweise Vergrößerung der aktuellen Rotation sind wir in der Lage, abwechslungsreicher und interessanter zu klingen als je zuvor. Uns gelingt es meines Erachtens sehr gut unseren Hörern aller demographischen Gruppen eine gute Mischung aus dem aktuell  angesagten Sound und der „erlebten Musik“ ihrer Jugend zu bieten. Dazu fragen wir uns ständig: „Was möchte unser Hörer jetzt in diesem Moment hören“ und nicht so sehr „Was wollen WIR das unser Hörer jetzt hört“.  Tendenziell ist unsere Soundästhetik in der Gesamtheit moderner als noch vor einigen Jahren. Damit waren wir zuletzt am Markt mit Sicherheit Vorreiter.

RPR1-Newsroom (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

RPR1-Newsroom (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

RADIOSZENE: Welche Musik liegt bei den Hörern von RPR1. derzeit besonders im Trend?

David Banks: Nach wie vor liegen poplastige und melodiöse elektronische Beats hoch im Kurs. Die jungen Singer/Songwriter und Popstimmen sind gerne genommen. Der Einfluss lateinamerikanischer und spanischer (spanischsprachiger) Musik nimmt nach wie vor deutlich zu. Spannend hierbei: War bis vor einigen Jahren „Latino Musik“ vor allem ein Sommerthema, so ist mittlerweile die Nachfrage, wenn auch je nach Jahreszeit unterschiedlich ausgeprägt, das gesamte Jahr über ungebrochen. Entsprechend haben auch viele Produktionen Anleihen exakt dieser Stilrichtungen, ohne explizit  „Latino Song“ zu sein.

 

„Der Einfluss lateinamerikanischer und spanischsprachiger Musik nimmt nach wie vor deutlich zu“

 

RADIOSZENE: Einige vergleichbare Programme verzichten bereits ganz auf Titel der 1980er- und 1990er-Jahre. Oder haben deren Anteil drastisch reduziert. Welchen Stellenwert haben die Hits aus diesen Dekaden noch im Programm von RPR1.?

David Banks: Wir halten die 80er und 90er für unerlässlich. Gerade in unserem sehr modern anmutenden Hauptprogramm braucht es einen „Gegenpol“, insbesondere auch, um eine entsprechende Trennschärfe zum Jugendradio zu haben. Auch für das wichtige Gedankenspiel der oben angesprochenen erlebten Musik braucht das abwechslungsreiche Musikprogramm diese älteren Dekaden. Die frühen 2000er alleine bieten hierfür nicht genug Material, der komplette Verzicht macht das Programm zu vorhersehbar und gleichgerichtet.

Im Übrigen zeigt auch unsere Marktforschung, dass besagte Dekaden auch beim altersmäßig unteren Rand der Zielgruppe durchaus nachgefragt und verlangt werden. Es kommt dabei, wie bei der gesamten Planung, auf die Wahl der richtigen Titel an, ebenso auf eine ständige Überwachung und Bearbeitung des Kataloges. Es bringt meiner Meinung nach nichts, an einem Titel festzuhalten, nur weil er seinerzeit ein guter „Radiosong“ war, oder musikalisch diesem oder jenem Kriterium entspricht. Vielmehr soll er beim Hörer wirklich eine starke Wirkung erzeugen, weil er in dessen Leben eine gewichtige Rolle gespielt hat. Anders ausgedrückt: Wir spielen keinen 80er/90er um die jeweilige Planungsposition besetzt zu haben, sondern, um dem Hörer ein Stück Erinnerung zu geben. Vor allem an diesen Kriterien messen und bescheiden wir die Titel der beiden Kategorien.

RADIOSZENE: Die Bedeutung von Musiktests ist bei vielen Sendern enorm. Wie sehr beeinflusst die Musikforschung Ihre Arbeit, wie viel Bauchgefühl steckt in Ihren Playlist-Entscheidungen?

David Banks: Die Frage der Fragen für jede Redaktion. Musikforschung ist nach wie vor einer der wichtigen Pfeiler unserer Arbeit, wir halten sie aber nicht für den „Brennenden Busch“. Dazu sind Marktbeobachtung, der Blick auf die Blogsphere und nicht zuletzt auch persönliche Erfahrung und Bauchgefühl zu wichtig. Nicht zuletzt die Samplerate der jeweiligen Abfragen und die deutlich gesunkene Halbwertszeit einzelner Titel macht eine dauerhaft aussagekräftige Bewertung einzig auf Grund von Musiktests immer schwieriger.

RADIOSZENE: Welche weiteren Instrumente geben Orientierungshilfe bei der Sichtung neuer Trends und Songs? Streaming-Charts, Top 100? Oder …?

David Banks: Streamingcharts, die Releasekataloge der Streamingplattformen und auch Verkaufscharts spielen eine große Rolle. Durch meine Tätigkeit als DJ habe ich außerdem Zugang zu einigen internationalen Promotionpools, die neueste Trends teilweise deutlich vor Eintritt in die „Konsumentencharts“ abbilden. Es wird generell immer wichtiger, ein Auge und Ohr in der Blogsphere zu haben, auch hier sind die besagten Pools durchaus hilfreich. Schließlich ist auch der persönliche Austausch mit Kollegen in der Industrie ist unerlässlich. Hat sich ein Trend erst zur Spruchreife entwickelt, darf man durchaus auf seine Beständigkeit hoffen.

RPR1-Redaktion (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

RPR1-Redaktion (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

RADIOSZENE: Generell hat sich durch das Internet die Musik in den letzten Jahren stark verändert. Auch die Strukturen der Musikfirmen sind andere geworden. Wie sehr hat sich damit auch die Arbeitsweise in der Musikredaktion verändert? Ist sie unter anderem auch durch die sich immer schneller drehenden Veröffentlichungszyklen schwieriger geworden?

David Banks: Ganz klar, Internet und Streaming verändert alles. Ebenso wie Musikfirmen deutlich Single-basierter arbeiten als noch vor 15 Jahren, stellen die neuen Zyklen auch Redaktionen vor Herausforderungen. Es wird tatsächlich schwieriger Titel „bekannt“ zu spielen. Die Herausforderung liegt darin, neue Titel nicht zu lange in den Topkategorien zu belassen, beziehungsweise schneller denn je zu erkennen, wenn diese es nicht schaffen, sich am Markt durchzusetzen. In der Folge sinkt auch die Verweildauer der Titel in der Rotation.

 

„Es wird tatsächlich schwieriger Titel ‚bekannt‘ zu spielen“

 

RADIOSZENE: Wie bewerten Sie das derzeitige Angebot am Musikmarkt? Zumindest quantitativ, so ist zu hören, hat es noch nie so viel neu veröffentlichte Musik gegeben wie heute … lässt sich das auch von der Qualität behaupten?

David Banks: Ob es quantitativ tatsächlich mehr Musik gibt, kann ich nicht sagen, es stimmt jedoch, dass, neuer Vertriebswege sei Dank, der Zugang zu neuer Musik erheblich leichter ist und damit mehr neue Musik denn je auf den Markt drängt.

Die Frage nach der Qualität ist dabei wohl so alt wie das Musikgeschäft selbst. Zum einen ist es meines Erachtens schwer, einen allgemeingültigen, objektiven Maßstab für die Qualität von Musik zu definieren. Wer sollte diesen vorgeben? Was sollen die Parameter sein? Zum anderen denke ich, bringt uns eine Qualitätsdiskussion á la „früher war alles besser“ nicht weiter, verwechselt sie doch häufig persönlichen Gusto mit tatsächlicher Qualität. Nach vielen Jahren der Tätigkeit als Musikschaffender kann ich sagen: Musik wird heute noch mit der gleichen Sorgfalt hergestellt wie früher, starkes Songwriting gibt es auch heute noch ebenso wie vor 20 Jahren und gute Künstler, die ihr Handwerk beherrschen, sind längst nicht ausgestorben. Sicher hat sich der Produktions- und Verarbeitungsprozess deutlich gewandelt, auch hier greift die Digitalisierung voll, dennoch gilt nach wie vor: „Ein guter Song ist ein guter Song“. 

Dass durch den Druck und die Fülle mit der neue Musik auf den Markt schwemmt, nicht jeder Song ein Hit (objektiv wie subjektiv) sein kann, ist selbstredend. Das war aber auch vor 10, 20 oder 30 Jahren nicht der Fall. Die Herausforderung für uns als Redaktion besteht heute mehr als je zuvor darin, die wirklich starken Titel zu erkennen und herauszufiltern.

RADIOSZENE: Welche Bedeutung haben Newcomern und Neuheiten im Programm von RPR1.?

David Banks: Wir werden Newcomern immer eine Chance geben und versuchen, so gut das möglich ist, bei der Bewertung von Titeln den Namen und die Bekanntheit des jeweiligen Künstlers auszublenden, um so wirklich nur die Musik zu bewerten. Sicher sind die Ed Sheerans und Katy Perrys dieser Welt häufig gesetzt mit Neuerscheinungen. Aber wir versuchen dennoch konsequent neue Titel auch von unbekannten Interpreten abzubilden. Daher haben wir uns auch für eine tägliche Neuvorstellung im Programm entschieden, die zu festen Benchmarks 3-4 Mal am Tag läuft. Unsere Neuheiten-Kategorie fragen wir stündlich mit 1 bis 2 Positionen ab. Hier haben wir auch eine harte Grenze an maximalen Einsätzen innerhalb der Neu-Kategorie definiert. Spätestens beim Erreichen der Plays entscheiden wir, wie weiter mit dem Titel verfahren werden soll. Er verlässt dann aber auf jeden Fall die Kategorie, um Platz für andere Songs zu machen.

RPR1. Event (Bild: ©RPR1./Boris Korpak)

RPR1. Event (Bild: ©RPR1./Boris Korpak)

RADIOSZENE: Und deutschsprachige Musik? Wie gespalten sind Ihre Hörer gegenüber dieser Sparte?

David Banks: Es verwundert mich seit Beginn meiner Arbeit im Musikgeschäft, was für ein Problem Deutschland, – als einer der fünf größten Musikabsatzmärkte weltweit – mit seinen einheimischen Künstlern hat. Ich bin kein Befürworter einer staatlichen Quote, würde mir aber auf breiter Ebene etwas mehr Bewusstsein für den heimischen Markt (NICHT nur Absatzmarkt) wünschen. 

Unsere Hörer stehen dem Thema deutschsprachiger Musik durchaus positiv gegenüber. Vor allem Popmusiker wie Max Giesinger, Revolverheld und natürlich das „Landeskind“ Mark Forster sind überaus beliebt. Die jungen Themen wie Deutschrap finden keinen Anklang, sind aber per se auch nicht relevant für uns. Auffällig ist, dass insbesondere männliche Interpreten hoch im Kurs stehen. Die weiblichen Kolleginnen tun sich dabei leider häufig schwerer. 

Wir sehen es als unseren Auftrag, deutscher (nicht nur deutschsprachiger) Musik eine Plattform zu bieten und haben daher schon vor einigen Jahren unser Format „Liedergut“ ins Leben gerufen (sonntags 18.00 bis 21.00 Uhr). Hier können wir Musik aus dem deutschsprachigen Raum abbilden und dabei durchaus die Grenzen unseres musikalischen Formats weit auslegen. Newcomer bekommen ebenso ihren Platz wie Nischengenres, die im Tagesprogramm eher nicht stattfinden könnten. Insbesondere ist uns dabei wichtig, die Künstler und deren Musik zu beleuchten, deswegen arbeiten wir bei Liedergut sehr häufig mit Interviews und sonstigen Tönen. Mit Audrey Hannah haben wir dabei eine sehr charmante und engagierte Moderatorin; perfekt, um unseren Hörern deutsche Musik nahezubringen.

 

„Es verwundert mich seit Beginn meiner Arbeit im Musikgeschäft, was für ein Problem Deutschland mit seinen einheimischen Künstlern hat“

 

RADIOSZENE: In der Nacht haben Sie bereits seit längerer Zeit eine Lounge-Strecke eingerichtet. Ein bewusster Gegenpol zum sonstigen Musikprogramm?

David Banks: Ganz klar wollten wir einen Gegenpol schaffen zu unserem dynamischen, frischen Musikprogramm. Wir möchten dem Hörer die Chance geben, die Nacht als solche genießen zu können. Interessant ist hierbei, dass auch das Feedback von Berufskraftfahrern sehr positiv ausfällt und uns darin bestärkt, diese Richtung weiter zu verfolgen.

Der Sound lässt sich am besten als „Klangteppich“ aus Ambient, Muzak und New Age beschreiben. Elektronische Beats kombiniert mit relaxten Melodien, wie man sie auch am berühmten „Café del Mar“ auf Ibiza zu hören bekommt.

RADIOSZENE: Wie wichtig sind für RPR1. musikredaktionelle Inhalte und die Musik Specials am Abend?

David Banks: Wir legen großen Wert darauf, vor allem am Abend die musikalische Bandbreite unseres Senders abzubilden. Von Hard Rock und Metal (donnerstags  22.00 bis 24.00 Uhr, „Rocker vom Hocker“ mit Sven Hieronymus) über DJ-Mixe für die Party (samstags ab 20.00 Uhr „RPR1.Tanzbar“), bis hin zu den Klassikern der Musikgeschichte (sonntags ab 21.00 Uhr, „Classics“ mit Bob Murawka), versuchen wir unseren Hörern ein breites Angebot an Musik Specials auf wöchentlicher Basis zu geben. 

Daneben setzen wir auch immer themenbezogene Musik-Highlights, die wir an ausgewählten Tagen durch das gesamte Tagesprogramm ziehen (zum Beispiel „MADONNAstag“, „Osterhitmarathon“, „Summer Song Special“). Diese „Special Interest“ Themen geben uns die Chance unsere musikalischen Grenzen auszuloten und dem Hörer zu zeigen, dass er mit einem Großteil seiner musikalischen Interessen bei RPR1. gut aufgehoben ist.

RPR1. VIP-Zelt (Bild: ©RPR1./Boris Korpak)

RPR1. VIP-Zelt (Bild: ©RPR1./Boris Korpak)

RADIOSZENE: RPR1. bietet den Hörern zusätzlich eine große Breite an Spartenstreams im Internet – von Volksmusik bis Yoga Sounds. Nach welchen Kriterien haben Sie dieses Angebot aufgebaut, wie sehr wird es genutzt?

David Banks: Wir sind stolz auf unser Playlisten-Angebot und arbeiten ständig daran, es weiter zu optimieren. Für den Aufbau waren neben SEO-Gesichtspunkten, natürlich auch Marktanalyse, vor allem im Bereich der Streamingdienste ausschlaggebend und sind es noch. An diesen Kriterien messen wir unsere Streams konstant. Weniger als man vermuten möchte, spielte für den Auf- und Ausbau der Angebote reines musikalisches Fachwissen eine Rolle, zumindest nicht im ersten Zugriff. Vielmehr sollte man unsere Webstreams als „Schnittstelle“ zwischen Musikredakton und Onlineredaktion sehen. Für die inhaltliche Redaktion und Überarbeitung der Streams wiederum gelten die gleichen Maßgaben uns Ansätze wie für die Redaktion unserer On-Air Kategorien.

Generell sind wir sehr zufrieden mit der Entwicklung unserer Userzahlen, haben in Q4-2019 der MA-IP-Audio unser bislang bestes Ergebnis erzielt und unsere Erwartungen sogar deutlich übertroffen. Natürlich bemerken wir nach wie vor einen starken Zusammenhang zwischen unserem Simulcast und den Web Only-Angeboten, glücklicherweise verzeichnen wir in beiden Bereichen kontinuierlich Zuwächse.

RADIOSZENE: Streaming spielt in den Strategien der Musikwirtschaft eine dominierende Rolle. Die digitalen Formate haben heute die CD und Schallplatte als meist genutzte Formate bereits deutlich hinter sich gelassen. Immer mehr Songproduktionen sind auf die Vermarktungsprozesse der Streamingdienste angepasst. Bei den Veröffentlichungsterminen neuer Songs heißt es oft: Spotify first. Wie schmeckt Ihnen diese Entwicklung?

David Banks: Wie jede technische Neuerung bringt die Erfolgsgeschichte der Streamingdienste einiges an Herausforderungen, aber auch Chancen mit sich. Ähnlich wie Plattenfirmen und Künstler ihre Vertriebsstrategien anpassen müssen, um weiterhin profitabel arbeiten zu können, müssen auch wir als Radioschaffende Wege finden, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Insbesondere im Bereich der Personalisierung von Musik und dem On-Demand Charakter, können wir mit Spotify und Konsorten nicht mithalten. Das schmeckt mir selbstverständlich nicht. Umso wichtiger ist es, wie schon gesagt, den Hörer und seinen Geschmack in den Vordergrund zu stellen und diesen bestmöglich abzubilden.

Den Vorteil, den ich (heute noch) bei Radio sehe, ist zum einen der regionalisierte Service und Unterhaltungsfaktor. Beides können Streamingangebote in dieser Form bislang nicht abdecken. Natürlich wird sich der Kampf um Hörer weiter verschärfen, vor allem um solche, die sich ihr musikalisches Programm nicht von Algorithmen erstellen lassen wollen, oder zu bequem sind, eigene Playlists zu erstellen.

RADIOSZENE: Einige Sender experimentieren bereits mit personalisierten Playlists. Ist dies auch für Sie eine denkbare Zukunftsperspektive?

David Banks: Eine Frage, die wir intensiv diskutieren. Ich persönlich halte die Idee der (jedenfalls teilweisen) personalisierten Playlist für durchaus zukunftsfähig, kann sie doch helfen, die Lücke zum Streamingwettbewerb diesbezüglich zu verringern. Letztlich hängt die Durchsetzbarkeit wie so oft davon ab, ob der potentielle Mehrwert, die aufzuwendenden Ressourcen (technisch, finanziell, personell) rechtfertigt. Diese spannende Diskussion müssen Marktstrategen führen, aus musikplanerischer Sicht jedenfalls sehe ich gute Chancen.

 

„Der globale, digitale Zugang zur Musik, verändert das Hörverhalten, er verändert die Voraussetzungen und Ergebnisse der Marktforschung und er verändert zwingend die Herangehensweise in der Planung“

 

RADIOSZENE: Welche Herausforderungen müssen sich Ihrer Meinung nach die Musikredaktionen der Radiosender  in einer rasant wachsenden digitalen Welt in Zukunft stellen, um überlebensfähig zu bleiben?

David Banks: Zunächst: Radio wird immer einen gewissen Stellenwert und seinen Platz am Markt haben, dieser festen Überzeugung bin ich.

Wir können uns heute, vor allem in der Musikredaktion, aber nicht mehr erlauben, abgeschottet vom Rest der Welt vor uns hin zu planen und dabei alleine auf die alten Mechanismen zu vertrauen. Der globale, digitale Zugang zur Musik, verändert das Hörverhalten, er verändert die Voraussetzungen und Ergebnisse der Marktforschung und er verändert zwingend die Herangehensweise in der Planung.

RPR1-Sendezentrale (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

RPR1-Sendezentrale (Bild: ©RPR1./Thommy Mardo)

Mehr denn je muss der Hörer mit seinen Belangen im Mittelpunkt stehen. Dies muss sich in der Planung niederschlagen. In Zeiten, in denen sich jedermann mit einem stabilen Internetzugang seine eigene Playliste erstellen kann, müssen wir als Redaktion mehr denn je versuchen, ihm diese Arbeit abzunehmen. Wir müssen so nahe wie irgend möglich an die „Personalisierung der Playliste“  herankommen.

Bei der Findung und Bewertung von Information muss uns klar sein, dass „traditionelle“ Marktforschungsinstrumente wie Musiktests, fraglos weiterhin von großer Bedeutung, dennoch  heute anders zu betrachten sind, als noch vor 10 oder 15 Jahren. Nicht zuletzt müssen wir frühzeitig und intensiv unser Angebot im Web vorantreiben. Meines Erachtens gilt das umso mehr für Sendegebiete mit erheblichen Overspills, wie dem unseren.

Vor allem als AC dürfen wir nicht den Fehler machen zu glauben, dass uns diese Entwicklung weniger berühren wird, als beispielsweise die CHR Formate. Auch das ältere Publikum macht mehr und mehr von der Digitalisierung Gebrauch und stellt ähnliche Anforderungen an die entsprechenden Medien.

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