Christiane Falk: “Dass sich nur wenige ARD-Sender trauen, Rockmusik zu spielen, ist traurig”

Veröffentlicht am 08. Mai. 2018 von unter Musik

Christiane Falk, Jahrgang 1976, war schon als Kind musikverrückt. Mit sieben Jahren gab´s zu Weihnachten die erträumte Hammondorgel, mit acht verdiente sie sich ihre erste Stereoanlage, indem sie monatlich die Keller der Nachbarn ausmistete und den Plunder auf dem Flohmarkt verkaufte. Später studierte sie in Freiburg Germanistik, Anglistik und Volkskunde und arbeitete ab 1997 als Moderatorin, Musikreporterin und Redakteurin beim SWR-Jugendradio DASDING (Sendung “Lautstark“), SWR3, SWR2 und 1LIVE.

2002 erhielt Christiane Falk den Kurt-Magnus-Preis für überdurchschnittliche Leistungen im Hörfunkjournalismus. 2016 wurde sie vom Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) für ihren besonderen Einsatz um mehr Vielfalt im öffentlich-rechtlichen Radio mit der „Indieaxt“ ausgezeichnet.


RADIOSZENE sprach mit der Christiane Falk über ihre Karriere sowie den derzeitigen Status von Rockmusik im deutschen Radio.

Christiane Falk (Bild: privat)

Christiane Falk (Bild: privat)

RADIOSZENE: Frau Falk, Sie gelten als die Expertin für Rockmusik im deutschen Radio. Wie sind Sie zum Hörfunk gekommen?

Christiane Falk: Ich schreibe bereits seit dem Teenageralter für die Tageszeitung „Badisches Tagblatt“ über Musik. Während der Schulzeit sollte ich drei Tage an einer Arbeitsstätte meiner Wahl hospitieren, das war in meinem Fall das damalige Programm SWF3. Dort hatte man aber kein Interesse an diesen Schnuppertagen, weshalb ich dann eben zur Zeitung gegangen bin. Mit SWF3 kam ich Ende 1996 in Berührung, als ich ohne mein Wissen im Zimmer von Musikchef Klaus Bleicher saß und ein Interview mit der schwedischen Sängerin Neneh Cherry für das „Badische Tagblatt“ führte. Über Umwege erfuhr ich, dass er das Gespräch mit der Künstlerin sehr gut fand. Als ein paar Wochen später durchsickerte, dass der SWF ein Jugendradio plante, schickte ich eine Bewerbung und wurde von Herrn Bleicher und Gerold Hug zum Gespräch eingeladen. Mir wurden 100 Musiktitel vorgespielt, ich kannte 97 und habe begründet, warum ich den einen in einem Jugendradio sehen würde und den anderen nicht. Das Gespräch lief erfolgreich – und wenige Wochen später begann ich parallel zu meinem Studium beim SWF-Hörfunk.

RADIOSZENE: Wie verlief dann Ihre weitere Laufbahn beim SWR-Radio?

Christiane Falk: Von 1997 bis 2016 war ich beim Jugendprogramm DASDING in zahlreichen Funktionen im Einsatz. Meine Gitarrenrocksendung „Lautstark“ habe ich 17 Jahre jeden Dienstag moderiert, die Literatursendung „Schriftsteller“ monatlich, wochentags eine interaktive Multimediashow und dazu die Vormittagsstrecke. Ich habe die Nachrichten beim UKW-Start von DASDING verlesen und war lange Jahre auch Chef vom Dienst. Für SWF3, später SWR3, war ich zudem ab 1997 als  Reporterin, davon viele Jahre auch ganz speziell als Musikreporterin weltweit im Einsatz. Ich durfte für Events oft nach London oder auch mal nach Madrid und Mailand reisen – ab und an auch in die USA, besonders häufig aber nach Köln und Berlin. Überall dort habe ich Bands und Musiker getroffen. Zudem war ich auf vielen Außenveranstaltungen dabei, beispielsweise bei Festivals wie Rock am Ring oder dem Southside Festival, bei denen ich auch auf den Bühnen Bands angesagt und teilweise auch interviewt habe. In der Senderzentrale Baden-Baden wurde ich als Redakteurin für den Abend, den Nachmittag und für die aktuelle Sendung am Mittag eingesetzt – also alles in allem ein bunt gemischtes Betätigungsfeld. Ein oder zwei Jahre habe ich auch bei SWR 2 den „Dschungel“ moderiert, eine Sendung mit kulturellen Inhalten, zu der ich die Musik zwischen Klassik, Weltmusik, Jazz und Pop selbst zusammenstellen durfte.

 

„2015 habe ich die Kündigung bekommen, was aber nicht am mangelnden Erfolg meiner Sendung lag“

 

RADIOSZENE: Mitte der 2000er haben Sie SWR3 verlassen …

Christiane Falk: 2004 habe ich erkannt, dass SWR3, mein Hauptarbeitsgeber, eine Richtung eingeschlagen hatte, die mir nicht mehr so lag, um auf Dauer glücklich zu bleiben. Die Musikfarbe des Programms hatte sich stark hin zum reinen Mainstream-Pop gewandelt. Ich wollte zudem moderieren, SWR3 wollte lieber, dass ich Reporterin bleibe. Also habe ich eine Bewerbung an den WDR, also den direkten Konkurrenten geschickt, weil ich die Inhalte von 1LIVE super fand und die damalige Ausrichtung meinem persönlichen Musikgeschmack sowie meiner Art im Umgang mit den Hörern einfach besser lag.< Beim WDR-Jugendradio habe ich dann im Sommer 2004 angefangen, bin bis 2015 geblieben, ehe viele ältere Moderatoren – nach und nach – „gegangen“ wurden. Mit der Begründung „1LIVE sei schließlich ein Jugendsender – und da müsste man dann auch irgendwann die Moderatoren erneuern“.

Ein Jahr später habe ich auch von DASDING die Kündigung bekommen, was nicht  am mangelnden Erfolg meiner Sendung lag. „DASDING Lautstark“ kam bis zum Ende sehr gut an. Aber auch da hieß es, „Du bist jetzt zu alt und zudem wolle man keine Sendung mehr für Gitarrenmusik im Programm haben, weil es nicht zum Rest des Programms passe“.

Christiane-Falk gemeinsamen mit den Beatsteaks beim Auflegen (Bild: privat)

Christiane-Falk gemeinsamen mit den Beatsteaks beim Auflegen (Bild: privat)

RADIOSZENE: Nun sind Sie bei radioeins in Berlin gelandet …

Christiane Falk: Seit 2017 bin ich nun fester Bestandteil im Moderatorenteam von radioeins, also wieder bei einer ARD-Anstalt. Ich war bislang immer bei ARD-Sendern, habe zuvor auch beim NDR-Jugendradio N-JOY eine Zeitlang eine Gitarrenrocksendung moderiert.

Bei radioeins moderiere ich zum einen eine erwachsenere Version von „Lautstark“, die Sendung heißt nun „Laut und Kantig“ (jeden Montag 21.00 bis 23.00 Uhr). Konsequenterweise habe ich die dazugehörige Gitarrenrock-Partyreihe aus DASDING-Zeiten, bei der ich seit 2003 in diversen Städten wie Stuttgart, Mannheim, Mainz oder Karlsruhe auflege, ebenfalls in „Laut und Kantig“ umbenannt.

Alle zwei Wochen moderiere ich zudem von Montag bis Donnerstag zwischen 13.00 und 16.00 Uhr auf radioeins die Nachmittagsstrecke. Wir haben viele Musikgäste, von großen Stars bis hin zu Newcomern, Menschen aus der Theater-, Kino- oder auch Kunstszene berichten von ihren Projekten, wir unterstützen Musiker aus Berlin und Brandenburg. Dies ist Popkultur-Radio, wie es mich auch privat interessiert. Radioeins ist in Deutschland ohne Frage der Sender für Erwachsene, der bekannt dafür ist, sehr viel Musik fernab des Mainstream zu spielen, beziehungsweise sich nicht so einschränken zu lassen wie andere ARD-Anstalten.

Christiane Falk gemeinsam mit der Band Wolf Alice (Bild: privat)

Christiane Falk gemeinsam mit der Band Wolf Alice (Bild: privat)

RADIOSZENE: So war die Veränderung weg von den Jugendradios hin zu radioeins also eine konsequente Entwicklung?

Christiane Falk: Viele Bands und Musiker, mit denen ich über die Jahre zu tun hatte, sagten nach meinen Kündigungen bei 1LIVE und DASDING: „Es sollte doch wohl klar sein, dass Du als nächstes zu radioeins gehst, da passt Du hin.“ Es ist schön zu wissen, dass Bands auch spüren, wofür man steht. Dass man auch bei Sendern wie 1LIVE, der sehr groß ist oder in einem kleineren wie DASDING eben nicht nur den Mainstream bedienen möchte, sondern dass man ein anderes Verständnis von Radio hat und dafür brennt, Nischen zu schaffen und zu besetzen.

Ich wusste natürlich, dass es bei 1LIVE und auch bei DASDING irgendwann enden würde und hab mir in den letzten Jahren durchaus Gedanken darüber gemacht, wohin ich wollte. Radioeins war tatsächlich der einzige deutsche Sender in Deutschland, der das verkörpert, was ich am Hörfunk liebe. Durch die Radiolandschaft von Deutschland zu fahren, ist wirklich schrecklich. Ich fahre eigentlich fast immer mit selbstgebrannten CDs oder einem Stick, wenn ich weiss, dass ich durch Sendegebiete komme, wo man eben nicht Sender wie radioeins hören kann. Das Programm legt in Wort und Musik eine Selbstverständlichkeit an den Tag, die ich schätze und die sich hörbar von anderen ARD-Sendern unterscheidet. Hier muss nicht betont werden, was gut ist. Man muss nicht sagen, dass man der lustigste Sender ist, den besten Verkehrsservice hat oder irgendwas in der Art. Dort arbeiten authentische, gute Journalisten, es wird auf qualitativ hochwertige Musik Wert gelegt und die Hörerschaft wird ernst und für voll genommen. Ich liebe Musik im Allgemeinen und der Sender bietet jeden Abend und auch am Tag Nischen. Man lernt Neues kennen, hört nicht die durchgenudelten Hits, die auf den meisten anderen Wellen laufen. Nicht dass auf Hits bei radioeins verzichtet wird, aber es ist genug Raum für anderes: Elektro, moderne Klassik, Singer/Songwritertum, Indiepop, Dancemusik, Rock und vieles mehr.

 

„Dass nur wenige Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch Platz für Rockmusik machen, ist traurig“

 

RADIOSZENE: Beschreiben Sie uns doch aus Ihrer Sicht die Definition von Alternative- oder Indie-Rock. Wo liegt eigentlich die Grenze zu Rock?

Christiane Falk:Man sollte Alternative, Indie oder Rock an sich nicht zu eng definieren. Ich fasse es mal so zusammen: In meiner Sendung „Laut und Kantig“ spiele ich Gitarrenrockmusik, Indie, Punk, Post-Punk, Alternative, auch mal klassischen Hard Rock, Grunge, Stonerrock, Shoegaze, Post-Hardcore, Alternative und noch einige andere Subgenres. Es erschwert, eine Band ganz speziell in dieses oder jenes Genre zu packen. Indierock ist heute im allgemeinen Verständnis etwas komplett anderes als in den 1980ern oder 1990ern. Die Pixies sind eine Indierockband im klassischen Sinne. Heute hören Menschen ohnehin viel stärker unterschiedlichere Sounds als in früheren Jahren. In den 1980ern und auch 1990ern waren es Bands, die auch auf Independent Labels unter Vertrag waren. Heute gibt es vermeintliche Indiegruppen auch bei den ganz großen Plattenfirmen, also stellt sich zunächst die Frage, was bedeutet denn Indie in dem Zusammenhang? Ist es eine Musikrichtung oder eine Einordnung, wo man, sagen wir mal, unter Vertrag steht. Also, ist es noch Indie, wenn eine große Plattenfirma wie Universal, Sony Music oder Warner Music diese Musik veröffentlicht?

Was ist eine klassische Alternative Rockband? Puh, das fällt mir besonders schwer, weil heute Alternative Rock eigentlich meist furchtbar weich gespült ist, das war in den 1990ern noch nicht zwingend der Fall. Manche Leute würden sagen Nickelback als Alternative Rockband einstufen, das mag auch irgendwo stimmen, aber vor allem ist Nickelback eine Rockband, die unbedingt großen Erfolg haben und in den Charts weit oben stehen möchte – und deswegen sehr gefällige Gitarrenmusik spielt. Zumindest was die Singles anbelangt, die im Radio laufen. Ich möchte gar nicht kritisieren, wie sie ihre Karriere gestaltet haben, das war höchst professionell. Wenn sie in die Charts wollen, dann machen sie genau das Richtige, aber das ist halt irgendwie nicht das, wofür Alternative eigentlich mal stand.

Christiane Falk (Bild: privat)

Christiane Falk (Bild: privat)

RADIOSZENE: Welche Gruppen und Sub-Genres liegen bei den Hörern aktuell bevorzugt im Trend?

Christiane Falk: Eine Gruppe wie Linkin Park, deren Sänger Chester Bennington seit letztem Jahr nicht mehr lebt, ist, war eine unglaublich beliebte Band. Sie wurde am Anfang des Jahrtausends mit Nu Metal Sounds bekannt und hat sich zu einer kommerziellen Popband entwickelt. Was sie auf ihrem letzten Album produzierte, hat nicht im Entferntesten etwas mit Rockmusik zu tun. Das kam bei vielen alten Fans nicht so gut an, ist aber dafür vielleicht bei anderen Musikhörern beliebt, die eben etwas Seichteres hören möchten. Metallica, AC/DC, Rammstein, Die Ärzte, Die Toten Hosen, Iron Maiden und einige mehr sind immer erfolgreich. Einige britische Bands wie Bloc Party, Franz Ferdinand, Maximo Park, Arctic Monkeys und noch einige mehr haben fantastische Debütalben produziert, aber fast keine dieser Gruppen konnte das qualitative und erfolgstechnische Level halten. Dann gibt es zeitlose Bands wie zum Beispiel Slowdive, eine Shoegaze-Rockband aus Großbritannien, die weit über 20 Jahre pausierte und dann im vergangenen Jahr ein Album veröffentlicht hat, das unglaublich gut und auch erfolgreich ist. Die Band klingt nicht altbacken, sondern immer noch relevant. Bands wie Biffy Clyro haben 15 Jahre gebraucht, um die großen Hallen zu bespielen und in den Charts weit oben dabei zu sein. Sie haben viele Jahre vielleicht keine innovative, aber durchaus spannende und auch unbequeme, emotional bewegende Rockmusik gespielt, Momentan klingen sie dagegen sehr gefällig. Mir gegenüber haben sie gesagt, sie wollen das so. Eine Band hat ja auch im Laufe so vieler Jahre das Recht sich zu verändern. Wenn sie persönlich zugänglichere Songs wirklich lieber mögen, dann sollen sie genau diese herauszubringen.

RADIOSZENE: Welche neuen stilistischen Entwicklungen sind derzeit in der Rockmusik erkennbar?

Christiane Falk:Es gibt Bands, die springen auf Trends auf und packen elektronische oder irgendwelche Sounds da rein, die sich dann bei anderen Genres anlehnen. Wahrscheinlich wäre es derzeit das Beste, könnte man Rock mit Trap Rap kombinieren (lacht). Ich hatte das Glück, noch keinen Versuch davon hören zu müssen.

Viel wichtiger ist es, den Radiohörern die Bands vorzustellen, die an Musik fernab von Trends und kommerzieller Ausrichtung arbeiten. Die gilt es zu unterstützen. Nehmen wir einmal eine deutsche Band wie Die Nerven, die aus der Stuttgarter Umgebung kommt. Drei junge Herren, die schon mehrere Alben veröffentlicht haben – und kompromisslos ihre Idee von Rockmusik verfolgen. Da sind Friends Of Gas aus München mit einer Sängerin, die anders singt und formuliert als andere. Ein Formation, die einen durchaus brachialen und sperrigen Gitarrensound spielt. Und die natürlich nicht vor 80.000 auftreten, die aber in den Clubs präsent ist, wo das Leben pulsiert, in die die Menschen hingehen, weil sie Bock haben, sich nicht nur berieseln zu lassen. Und diese Art von Bands haben die Besucher bestenfalls in Spezialsendungen wie „Laut und Kantig“ entdeckt. Es sollte wie bei einem Strauch im Garten funktionieren. Den nehmen noch nicht viele wahr, wenn er da nur nackt steht. Sie gehen dran vorbei. Aber wenn sich jemand drum kümmert, dann wächst er, es bilden sich Blätter und Blüten. Und am Ende trägt er Früchte. Eine gute Band zu sein reicht alleine nicht. Daher ist es wichtig, dass es Radiosender gibt, die sich darum kümmern, denn sie haben ein anderes Potential als Spotify und Co, wo man vielleicht Bands und Lieder entdecken kann, aber eben nur durch Listen. Ins Radio kann man Gruppen einladen und über sie berichten, die Musiker können sich vorstellen, man erfährt etwas über ihre Inspiration, auch über ihre Tour, die sie vielleicht schon morgen in die Stadt bringt, in der man wohnt. Im Radio sollte es, auch wenn das ein blöder Begriff ist, menscheln. Das ist die Stärke von Radio, und nicht, dass man den Tipps von Beratern folgt, die Radiosendern ihre Individualität nehmen und alle gleichschalten. Mir ist schon klar, dass die großen ARD-Sender durch private Sender Konkurrenz erfahren, die früher nicht da war. Aber sie sollten sich ihrer Stärken bewusst machen und nicht davon abrücken. Neben dem Hörfunk bedarf es zudem weiterhin kleineren Clubs und Hallen, um Musik zu feiern und zu entdecken. Die Leute müssen davon erfahren, sonst rennen alle irgendwann nur noch in durchkommerzialisierten Mehrzweckhallen, die genauso schlechtes Fast Food anbieten wie dass sie seelenlose Musiker buchen.

 

„Im Radio sollte es menscheln – und nicht, dass man den Tipps von Beratern folgt, die Radiosendern ihre Individualität nehmen und alle gleichschalten“

 

RADIOSZENE: Wie entwickeln sich die Absatzzahlen und das Konzertgeschäft?

Christiane Falk:Das Tourgeschäft ist auf jeden Fall ein ganz wichtiges, selbst für die ganz Großen der Szene. Auf Tour machst du mittlerweile dein Geld, nicht mehr durch den Tonträgerverkauf – außer bei ganz wenigen Künstlern. Viele Bands sind heute fast nonstop auf Tour, nehmen das Geld ein, was früher über Plattenverkäufe erzielt wurde. Gutes Merchandise hilft ebenfalls, Geld zu verdienen. Sind die Leute auf Konzerten, decken sie sich als Erinnerung gerne noch mit einem T-Shirt, einer Schallplatte oder einem Beutel mit Bandlogo ein.

RADIOSZENE: Beflügelt das Streaming-Model auch die Einnahmen der Künstler aus der zweiten und dritten Reihe?

Christiane Falk: Streaming hilft und schadet. Streaming ist perfekt, um Bands zu entdecken. Einige meiner Freunde sagen: „Nein, wir kaufen keine Platten mehr, wir streamen“. Das ist ja auch ihr gutes Recht, es wird schließlich angeboten. Aber super finde ich, wenn diese Nutzer dann auch sagen: „Wir sorgen dafür, dass die Bands trotzdem etwas verdienen, indem wir zu den Konzerten gehen“. Heute wird also ein bisschen umgedacht. Ich glaube aber nicht, dass jemand, nur weil er einigermaßen oft gestreamt wird, dann aus der zweiten oder dritten Reihe super schnell nach oben schiesst. Dazu bedarf es auch immer einer entsprechenden Marketing-Unterstützung sowie einiger weiterer Treiber.

RADIOSZENE: Und wie verläuft die Entwicklung der deutschen Alternative Szene?

Christiane Falk:  gibt es hier supergute Bands. Gerade im Stuttgarter Umfeld passiert am meisten durch einen jungen Typen, der auch Frontmann der Gruppe Die Nerven und All diese Gewalt ist. Dieser Max Rieger hat bereits viele andere tolle Bands produziert. Meine Empfehlungen wären: Peter Muffin, Human Abfall, Karies, Wolf Mountains und Levin Goes Lightly. In Berlin halte ich LeVent für die beste noch eher unbekannte Band, deren Mitglieder sind alle seit Jahrzehnten in der Musikszene aktiv. Als LeVent haben sie aber erst im letzten Jahr ein Album veröffentlicht, dessen Songs sie live nochmal viel intensiver und beeindruckender umsetzen. Auch im deutschen Post-Hardcore passiert viel Gutes. Da gibt es richtig erfolgreiche Bands wie zum Beispiel Fjørt. Und, wir haben durchaus auch mutige junge deutsche Künstler, die sich ein bisschen fernab von Indiebands bewegen, die sich schon etabliert haben wie zum Beispiel Kettcar oder natürlich auch Tocotronic. Da fällt mir als erstes Drangsal ein, ein Musiker Mitte 20 aus der Pfalz. Er bringt in wenigen Tagen sein zweites Album „Zores“ heraus, auf dem er sich stilistisch stark gewandelt hat. Sein Debüt mit vom New Wave der 1980er Jahre geprägten Postpunk und Indierock kam bereits super an, jetzt hat er sich dazu entschieden, statt Englisch hauptsächlich auf Deutsch zu singen und viel mehr zarte Popmelodien einfliessen zu lassen. Das ist durchaus ein Wagnis, aber so einer wie Drangsal geht das Risiko eben ein. Auch den ausgelassen Schrammelrock von Gurr kann ich empfehlen. Die beiden jungen Frauen veröffentlichen dieses Jahr ein zweites Album. Das sind jetzt wirklich nur einige, es gäbe noch viel mehr und viel unbekanntere Bands und Musiker zu nennen.

 

„Während Radiosender früher noch oft zu Beginn der Woche eine Radiopremiere feiern durften, heißt es heute oft von Seiten der Plattenfirmen: Tut uns leid, aber das Lied muss erst am Freitag bei den Neuerscheinungen bei Spotify sein, bevor ihr es spielen dürft – sonst wird es dort nicht prominent platziert“

 

RADIOSZENE: Immer wieder haben sich Protagonisten der Alternative Rock-Szene zuletzt in Richtung Mainstream gedreht. Spielen dafür auch die Erwartungen auf vermehrtes Airplay eine Rolle?

Christiane Falk: Man darf sich ja nichts vormachen – wenn eine Band erfolgreich ist, dann möchte die Plattenfirma, dass sie beim nächsten Album idealerweise noch erfolgreicher ist. Und ab einem gewissen Grad des Erfolges wird von außen reingeredet. Ich freue mich natürlich wenn Bands sagen: „Nein, wir haben uns ganz alleine zu einem Richtungswechsel entschieden, keiner hat uns Druck gemacht, dass wir jetzt kommerzieller klingen sollen, wir tun es einfach, weil wir es persönlich mögen“. Solche Antworten bekomme ich immer wieder, aber da glaube ich nur bedingt dran. Erfolg macht sicher Lust macht auf mehr Erfolg. Und so lassen sich viele dann auch mal ein bisschen mehr verbiegen oder überlegen, was könnte denn der breiten Masse gefallen. So schwer das für manche Musikfreunde zu verstehen ist: Niemand muss seinen Fans der ersten Stunde auch weiterhin gefallen!

Airplay spielt natürlich insofern eine Rolle, dass die Plattenfirmen großes Interesse haben, dass ihre Songs möglichst häufig im Radio gespielt werden. Und weil fast alle deutschen Sender Wert auf gleichförmige Musik legen, die keinen stört, möchte eine Plattenfirma, dass die Musiker solche Lieder abliefern. Am besten mindestens zwei, drei Songs pro Album, so dass sich diese Band oder der Musiker eben einige Monate konstant in den Playlisten befindet. Aber es ist sicher heute fast noch wichtiger, dass eine Plattform wie Spotify einen neuen Song prominent platziert. Dass den Usern auffällt: „Oh, da ist ja etwas Neues!“. Während Radiosender früher noch oft zu Beginn der Woche eine Radiopremiere feiern durften, heißt es heute oft von Seiten der Plattenfirmen: „Tut uns leid, aber das Lied muss erst am Freitag bei den Neuerscheinungen bei Spotify sein, bevor ihr es spielen dürft – sonst wird es dort nicht prominent platziert“.

Christian Falk Preisverleihung VUT mit Laudator Nikel Pallat von den Band Ton Steine Scherben (Bild: ©Bernd Jonkmanns)

Christian Falk Preisverleihung VUT mit Laudator Nikel Pallat von den Band Ton Steine Scherben (Bild: ©Bernd Jonkmanns)

RADIOSZENE: Zumindest in den einigen jungen Radioprogrammen sind rückläufige Anteile für Alternative Rock zu verzeichnen. Woran liegt das?<

Christiane Falk: Daran, dass sich die meisten Radiomacher viel zu wenig trauen. Bloß nicht anecken, bloß nichts spielen, was aus dem Einheitsbrei heraussticht. Ein gutes Beispiel sind große Festivals und auch die Berichterstattung darüber. Früher ist man als Fan hauptsächlich zu solchen Festivals gereist, um Musik einer bestimmten Farbe zu erleben. Radiosender haben damals hauptsächlich Interviews und Livemusik von dort gesendet. Ende der 1990er begann dann der Trend, auch genreferne Acts zu buchen, heute ist das normal. Bei Rock am Ring haben mittlerweile auch alle nebeneinander Platz – HipHop-, Rock- und Elektronik-Künstler. Die Berichterstattung dazu heute sieht so aus, dass die meisten Sender lieber Partygeschichten erzählen, es geht ihnen um den Eventcharakter, nicht um die Musik. Lieber zwanzig O-Töne, in denen die Besucher  grölen, wie geil das hier ist, als ein gut geführtes Musikinterview. Dazu zehn Instagram-Stories und sieben Facebook-Posts mit Hipstern und Besoffenen. Berichte über Neuentdeckungen von Künstlern? Meistens Fehlanzeige. Und das zieht sich eben durch komplette Radioprogramme.

 

„Mit Autorensendungen verbinden die Hörer emotionale Erlebnisse, die ihnen das Mainstream-Radio nicht mehr bietet“

 

RADIOSZENE: 2016 wurden Sie vom Verband Unabhängiger Tonträgerunternehmen für Ihr langes Engagement für Indiemusik mit einem Ehrenpreis bedacht. Die Zahl der Spezialsendungen, für die Sie stehen, wird in deutschen UKW-Radio aber immer geringer. Fehlt es am Hörerzuspruch, am moderierenden Fachpersonal oder an der Lobby für das Genre innerhalb der Funkhäuser?

Christiane Falk: Meine Rede bei der Preisverleihung ist weiterhin im Internet zu sehen und zu hören, ich sage da relativ klar, was ich darüber denke. Interessant war, dass mir viele Kollegen darauf hin privat schrieben, dass ich recht habe, sie sich aber nicht trauen, das öffentlich zu äußern – weil das natürlich bei den Entscheidungsträgern nicht gerade für bessere Stimmung sorgt. Dass nur wenige Sender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks noch Platz für Rockmusik machen, nicht mal in Spezialsendungen am Abend, ist traurig. Dennoch gibt es ja weiterhin Gitarrenrock im Radio, eben in Sendern wie radioeins, Fritz, oder auch bei Deutschlandfunk Kultur.

Am Hörerzuspruch kann es nicht liegen. Als bekannt wurde, dass es meine Sendung „Lautstark“ bei DASDING nicht mehr geben würde, gab es enorm viel Feedback seitens der Hörer. Und es waren nicht irgendwelche Mails mit zwei, drei Sätzen à la „finde ich doof, dass es die Sendung nicht gibt“. Es waren seitenlange Abhandlungen, viele davon von Teenagern verfasst, die traurig und erbost waren, dass man ihnen ihre Lieblingsmusikfarbe strich. Ein Grund, warum ich gehen musste, war ja zudem, dass ich zu alt sei. Und darauf haben viele Jugendliche geantwortet, dass dies totaler Blödsinn sei. Den jungen Hörern ist das Alter von Moderatoren herzlich egal, es geht ihnen eher darum, Musik kompetent nahegebracht zu bekommen – was Gleichaltrige in der Regel aufgrund mangelnder Erfahrung nicht leisten können. Mit Autorensendungen verbinden die Hörer emotionale Erlebnisse, die ihnen das Mainstream-Radio nicht mehr bietet. Das erlebe ich auch immer wieder, wenn ich nachts in den Clubs auflege. Da kommen Menschen und bedanken sich mit Worten wie „Du hast meinen musikalischen Geschmack total geprägt, Du bist für meine musikalische Sozialisation verantwortlich, Du hast mich durch Jahrzehnte gebracht und hast mich Bands entdecken lassen, von denen ich sonst nichts mitbekommen hätte“.

Ich glaube, dass es heute auch noch genug Spezialisten gibt, die solche Sendungen gestalten können, man muss sie halt lassen. Würde es in allen ARD-Sendern Spezialsendungen geben, würde mich das sehr freuen. Ich empfände das als Teil des Bildungsauftrags.

 

(Das Interview führte Michael Schmich)

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