Marc Behrenbeck: “Warum Formatradio bunt sein muss…”

Veröffentlicht am 01. Sep. 2006 von unter Deutschland, News

“…und das auch gut so ist!”

von Marc Behrenbeck

Das moderne aus den Vereinigten Staaten stammende Formatradio hat im deutschsprachigen Raum einen schlechten Ruf. Alleine die verwendeten Synonyme geben Aufschluss über die negative Konnotation, mit der formatiertes, durchhörbares Radio behaftet ist. Dudelfunk, Einheitsbrei, akustische Umweltverschmutzung. Die taz (Berlin) schrieb gar einmal Formatradio sei „global justierter, geldgeiler Dudelfunk“.

Man kann die derzeitige Radiolandschaft in Deutschland mit Sicherheit in vielen Punkten kritisieren – aber konstruktiv. Die vorgefertigte Meinung, dass Formatradio anspruchsloser, boulevardesker, einfach gestrickter, austauschbarer und niveauloser Dudelfunk ist, ist mitnichten haltbar. Gerade Medienwissenschaftler, Publizisten oder Medienschaffende sollten sich mit dem Phänomen des populären Musik-Rundfunks seit Mitte der Achtziger Jahre kritisch, aber objektiv auseinandersetzen. Damit ist nicht nur die Entwicklung der privaten Stationen gemeint, sondern ebenfalls die Evolution der öffentlich-rechtlichen Popwellen. Zentraler Inhalt der folgenden Ausführungen ist demnach modernes musikorientiertes Popradio mit Format im Allgemeinen.

Today`s modern format radio, the origin of which can be traced back to the United States, is very often discredited in the German-speaking world. Indeed, the synonyms used for this type of radio are an insinuation of the negative connotation which is associated with format radio: a uniform, caterwauling polyphony of sounds or even acoustic pollution. The “TAZ” (daily newspaper published in Berlin) even wrote in one of their issues on radio that format radio is nothing else but “globally influenced, money-grubbing harping”.

In actual fact, one could criticize many aspects of the current radio scene in Germany, however, this criticism should be of a constructive nature. The biased opinion that format radio is a mediocre type of unpretentious, boulevardesque, ingenuous and substitional broadcasting is definitely not sustainable. Media experts as well as members of the publishing and broadcasting trade should engage in a fair debate on the phenomenal development of private radio broadcasting during the past 20 years. There are three fundamental prejudices held by media experts and society with regard to format radio which I would like to put into the right perspective or even refute as follows.

Die Erfolgsgeschichte des Formatradios der letzten 15 bis 20 Jahre sucht ihresgleichen. In Deutschland existieren derzeit mehr als 300 Radiostationen davon circa 60 öffentlich-rechtliche Wellen. Die meisten der 300 Sender sind Formatradios mit populärer Musik– privat UND öffentlich-rechtlich. Ingesamt hören in Deutschland in einer Durchschnittsstunde 10,721 Millionen Hörer Privatradio, 10,258 Millionen öffentlich rechtliche Programme. (in der Ø-Std. Mo-Sa, 6-18 Uhr – laut Media Analyse I, 2005).

Um Formatradios genauestens von anderen Programmen unterscheiden zu können, bedarf es einer klaren Definition. In vielen Lehrbüchern existieren unterschiedliche Beschreibungen eines Formatradios. Eine all umfassende, klare Definition stammt aus der Feder von Prof. Dr. Klaus Goldhammer. Goldhammer ist Inhaber des Medienunternehmens GoldMedia. Seine Firma berät Radiosender, ferner befasst sie sich mit Hörfunkforschung. Seine Definition von Formatradio lautet: „Ein Formatradioprogramm verfolgt das Ziel, im Hörfunkmarkt auf der Grundlage von Marktforschungsinformationen und einer daraus entwickelten Marketingstrategie ein unverwechselbares Radioprogramm als Markenprodukt zu etablieren, das genau auf die Bedürfnisse einer klar definierten Zielgruppe abgestimmt ist.“

Formatradio ist also ein Programm, das in allen seinen Bestandteilen auf eine klar definierte Zielgruppe zugeschnitten ist. Musik, Sound-Verpackung, Moderation, Nachrichten, Inhalte und Beiträge, Gewinnspiele und die Werbung werden als Einheit verstanden, die als homogenes, durchhörbares Einheitsbild harmonieren sollen.

Die Kritiker von Formatradio beschweren sich genau über diesen Aspekt. Viele Sender ähneln sich in der Radiolandschaft, es werde zu viel kopiert und nachgeahmt. Ein anonymer Medienwissenschaftler versuchte zuletzt die Radioszene Deutschland in einem knackigen Zitat auf den Punkt zu bringen: „Die deutschen Privatsender sind so eine Art George W. Bush: Von sämtlichen Meinungsführern verachtet, aber mit irrsinnig hohen Quoten immer wieder gewählt.“ Nicht nur deshalb, wegen des durchschlagenden Erfolgs der Sender nämlich, muss man vorsichtig mit Vorverurteilungen gegenüber Formatradio sein. Der Erfolg gibt den Stationen bis dato einen Freifahrtsschein, das richtige Programm zu machen. Denn vor allem die privaten Rundfunkstationen haben nun einmal nur ein rein kapitalistisches Ziel:

DIE GEWINNMAXIMIERUNG!

Diese lässt sich vornehmlich durch steigende Hörerzahlen bewältigen. Deshalb versuchen die Sender, soviel Hörer wie möglich an die jeweilige Station zu binden und vor allem neue zu generieren. Diesem Ziel wird alles untergeordnet, wie in jedem gut strukturierten und erfolgreichen Wirtschaftsunternehmen. Hans-Dieter Hillmoth, Programmdirektor bei Hit Radio FFH in Frankfurt brachte die Maxime der Privatradiostationen in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ auf den Punkt: „Wenn wir mit Kirchen-Choralen mehr Quote machen würden, würden wir Kirchen-Chorale senden“. Sein Amtskollege Marzel Becker von Radio Hamburg meint in „Die Zeit“: „Unseren Geschmack geben wir an der Garderobe ab“. Auch die öffentlich-rechtlichen Popwellen haben den Programmauftrag vor allem den Unterhaltungsanspruch der GEZ-Zahler zu decken, demnach wird versucht Massen zu erreichen und keine Minderheiten.

Formatradio hat also das Ziel, genau den Nerv der Hörer zu treffen. Das zu senden, was den Hörer interessiert, was auch immer das ist. Genau dazu gehört eben auch die neueste Affäre von Britney Spears, der erste Millionengewinner bei Günther Jauchs „Wer wird Millionär“ über den am nächsten Morgen in jeder Kaffeeküche gesprochen wurde, und das geklaute Sexvideo von Paris Hilton, das millionenfach aus dem Internet downgeloaded wurde.

Aus medienwissenschaftlicher Sicht gibt es drei Kernvorurteile gegen modernes Formatradio, die ich im Folgenden widerlegen bzw. relativieren möchte:

1.) Einheitsbrei und Dudelfunk – „Im Radio wird immer dieselbe Musik gespielt“

2.) Es wird nur kopiert – „Alle Radiostationen machen dasselbe“

3.) Es gibt keine Alternativen – „Was soll ich denn sonst hören? Es gibt ja nichts anderes.“

Zunächst zum ersten Vorwurf, im Radio werde immer die gleiche Musik gespielt. Im musikorientierten Radio wird das gespielt, was die Hörer wollen. Mann will als oberste Priorität den Hörer zufrieden stellen. Deshalb wird bei allen music-based-radiostations sehr viel Geld und Aufwand in Musik-Research gesteckt. In Hörerumfragen am Telefon soll die perfekte Playlist für die jeweilige Station gefunden werden. Aus diesem Grunde unterscheiden sich Paylists in Schleswig-Holstein gegenüber denen aus Bayern. In Bayern wurde die neue Single von Anastacia beispielsweise nicht so gut getestet, wie im Norden. Im Großen und Ganzen geht jedoch die Beliebtheit im Durchschnitt meist einher mit den Air-Plays in den Stationen. (siehe Grafik)

beliebtheit_airplay_grafik

Seit Langem macht sich selbst unter den Mitarbeitern der formatieren Popprogramme ein Groll gegen die hohe Frequenz der Titelwiederholungen an einem Tag breit. Rotationen, die teilweise einen Titel alle zwei Stunden wiederholen, langweilen die Macher. Allerdings kann sich ein Maler auch nicht beschweren, wenn er die Hundertste Wand weiß streichen soll, weil es der Kunde so will. Ginge es nach seinen Vorliebe würde jede Wand wahrscheinlich bunte Punkte trage, aber das bringt weder Kunden noch Geld.

Laut des Leitsatzes „Wir machen keine Hits! Wir spielen sie!“ orientieren sich die Sender an den aktuellen Media Control Single Charts und ihrer regionalabhängigen Musikforschung. Verallgemeinert kann man sagen: „Die Masse der Hörer entscheidet, was gespielt wird“. Natürlich fällt der Geschmack, wie der von Trance- und Metallica-Fans (siehe Grafik), oft durch das Raster, sodass diese Musik keine Beachtung in massenkompatiblen Programmen findet, jedoch ist dies eine Minderheit. Für Special Interests-Programme besteht gerade in diesem Fakt die Marktlücke. In Deutschland wurde diese bisher jedoch selten ausgenutzt. Der Markt der „Durchschnittshörer“ wirft noch genug Quote für alle Sender/Hitradios ab.

Zur nächsten Vorverurteilung von Formatradio: Es werde nur kopiert – „Alle Radiostationen machen dasselbe“. Ich möchte nicht bestreiten, dass sich viele Stationen annähern, dass man Unterschiede manchmal nur nuancenhaft erkennen kann. Aber ist das wirklich so schlimm?

In jedem anderen Markt wird die Übersättigung des Marktes nicht kritisiert. Ob es 20, 30 oder 40 Waschmittel gibt….. Der Kunde freut sich eher, ob der großen Auswahl. Warum soll dieser kapitalistische Grundsatz in Radio-Deutschland nicht gelten. Qualität wird sich durchsetzen, man muss den Gesetzen der freien Märkte vertrauen. Als Beispiel möchte ich Ihnen kurz einen Einblick in die Softdrink-Industrie Amerikas geben. Seit der Erfolgswelle von Coca Cola Anfang des letzten Jahrhunderts haben sich unzählige „Nachahmer“ am Markt versucht. Nur wenige sind übrig geblieben. Hier eine Auswahl der Cola-Konkurrenten:

Afri-Cola, Ameri-Cola, Ala-Cola, Bolama-Cola, Cafede-Cola, Carbo-Cola, Candy-Cola, Capa-Cola, Chero-Cola, Christo-Cola, Co-Cola, Coke-Ola, Coo-EE-Cola, Curo-Cola, Grap-O-Cola, Its-a-Cola, Kaffir-Cola, Kaw-Ola, Kiss-Kola, Co-Ca-Ama, Koco-Nola, Ko-Co-Lem, Kokola, KluKolo, Loco-Cola, Luna-Cola, Mitch-O-Cola, Mo-Cola, My Cola, Pepsi Cola, Roco-Cola, Toca-Cola, Qua-Kola, Uneeda-Cola, Vivi-Kola, Zero-Cola, Zippi-Cola

Wenn ein Produkt erfolgreich ist und am Markt überleben kann, liefert es bereits eine eigene Daseinsberechtigung. Eine Kritik in obiger Form ist also unangebracht. Ferner ist jeder Markt different: Ein bayerisches Radioprogramm würde in Mecklenburg-Vorpommern auf taube Ohren stoßen, weil die Beschaffenheit der Menschen ganz anders ist. Jeder Sender hat andere Hörer, an denen er sich orientieren kann, muss und vor allem sollte.

Und schließlich final das allseits bekannte Vorurteil gegenüber dem bundesdeutschen Radiomarkt, es gäbe keine Alternativen zu der Vielzahl der Formatradios. Man müsse also zwangsläufig das „Dudelradio“ einschalten. Anhand des Beispiels am Radiomarkt Rhein-Main Region möchte ich verdeutlichen, dass diese Behauptung unwahr ist. Auf den unzähligen Ätherwellen tummeln sich massenhaft Sender, die jeden Geschmack in irgendeiner Form treffen. Dies verdeutlicht die Auflistung aller auf UKW empfangbaren Sender im Großraum Rhein-Main geordnet nach Zielgruppe:

Bild 1

Des Weiteren besteht natürlich die Möglichkeit eine Vielzahl weitere Sender über Astra-Satellit, einen digitalen Radioempfänger oder per Internetradio zu hören.

In anderen Ballungsräumen Deutschlands sieht die Radiomarktlage sehr ähnlich aus. Die Großräume Hamburg, Berlin, München oder Stuttgart beheimaten auf UKW-Frequenzen sogar noch mehr Sender. Den Erfolg privater Radiostationen kann man demnach auf keinen Fall mit der einfachen Aussage abtun: „Privater Rundfunk hat nur aus Mangel an Alternativen Erfolg.“ Ebenso ist die Aussage falsch, „Es gibt nur noch Dudelfunk, der sämtliche Frequenzen zumüllt.“

Ich hoffe ich konnte einige Vorverurteilungen oder Pauschalurteile gegenüber formatierten Radio in Deutschland relativieren. Natürlich kann man die Szene und den Markt kritisieren bzw. verbessern. Auch dafür gibt es einige Leitsätze, an denen sich Programmmacher zukünftig orientieren können.

Sicherlich würde sich das Gros der Hörer wünschen, wenn der Trend demnächst dazu ginge, mehr Einschaltimpulsen zu setzen, anstatt zu versuchen Ausschaltimpulse lediglich zu eliminieren.

Gleichwohl kann man in diesem Zusammenhang mehr Mut zeigen, Neues auszuprobieren, Ideen auch einmal Zeit zugeben und Misserfolg ins Positive zuwenden. Der Hörfunkfisch stinkt allerdings auch ein stückweit vom Kopf her. Zukünftig sollte man der Frage nachgehen, ob die Erhebungsmethode der Media Analyse die einzig wahre ist. Die Zuhörermessung, die durch eine ungenaue Methode teilweise zum Glücksspiel wird, ist die Währung der privaten Stationen, ihr Leitbild. Alleine die zwei Erhebungsphasen im Frühjahr und Herbst jedes Jahres lassen ein weites Feld der Kritik zu. Die Radiosender werden durch diese unkonstante Reichweitenmessung gezwungen, genau in der Phase der Reichweitenmessung am besten zu sein, ihr Pulver an Events, Aktionen, Gewinnspielen während dieser Zeit zu verschießen. Eine langfristig aufbauende kontinuierliche Hörerbindung leidet bei manchen Sendern darunter.

Doch wie sich der Radiomarkt zukünftig auch entwickeln wird. Eins ist sicher: „RADIO WIRD NIE OUT SEIN“. Radio ist wundervoll: ein lebhaftes, originelles, schnelles und emotionales Medium – und vor allem – Radio verbindet. Gerade im Zeitalter der Individualisierung gibt uns massenkompatibles Radio Talk-abouts für unseren Alltag und begleitet uns als Freund, Helfer, Familie und manchmal auch als Anwalt.

Zum Autor:

Marc_BehrenbeckMarc B. Behrenbeck studierte an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Politologie und Germanistik, bevor er an die Hochschule Darmstadt wechselte, wo er in Journalistik und Public Relations diplomierte.

Seit seinem 12. Lebensjahr hat ihn der Radiovirus gepackt. Nach Kinderradio und diversen Lokalradios, arbeitet der 24-jährige nun seit vier Jahren bei Hit Radio FFH und dem Jugendableger Planet More Music Radio. Im Rahmen der Studentischen Medientage in Chemnitz hielt er einen einleitenden Vortrag „Pro-Formatradio“.

Auf den Medientagen wurde das Thema „Medien zwischen Boulevard und Journalismus“ diskutiert. Die schriftliche Ausarbeitung ist in einem Sammelband im Wissenschaftsverlag Dr. Kovac, Hamburg erschienen.

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