Telekom-Drossel versus Webradio

Veröffentlicht am 23. Mai. 2013 von unter Standpunkte

Marcus Engert DrosselkomDie Telekom sorgt mit Drossel-Plänen bei DSL-Anschlüssen für Diskussionen. Ein Thema, dass auch die Zukunft der Radionutzung betrifft. Denn die Webradionutzung wird immer interessanter. Ist sorgenfreies Netzradio-Hören bald nicht mehr möglich? Doch, sagt Marcus Engert von detektor.fm – das eigentliche Problem aber ist viel größer. Ein Gastbeitrag.

Als ob die skurillen Telekom-Pläne schon Realität wären, erhielt ich statt einer Mail oder Chat-Nachricht eine SMS: ob man „uns“ denn demnächst nicht mehr online hören könne, fragte mich eine gute Freundin. Mit dieser Frage ist sie nicht allein. Von vielen Seiten wurden solche Bedenken geäußert, in Kommentaren, Foren, auf Podien und Fachgesprächen.

Die kurzfristig gute Nachricht: Was man sich beim Magenta-Riesen da ausgedacht hat, gefährdet Radiohören im Netz nicht. Es gefährdet viel mehr! Und es passt nicht in eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen selbst entscheiden wollen, wo, wann und wie sie ihre Medien konsumieren wollen. All das zeigt, wie wenig der Telekom-Konzern, der seine Geschäftsgrundlage nicht aus eigenen Mitteln erarbeiten musste, das digitale Zeitalter verstanden hat.

 

Christian Bollert und Marcus Engert

Christian Bollert und Marcus Engert sind verantwortlich für das Webradio detektor.fm (Foto: detektor.fm)

Wir erteilen der Telekom vorzeitig die Absolution

Viele Anbieter von Inhalten im Netz haben sich beeilt, vorzurechnen, dass ihr Angebot nicht „in Gefahr“ ist. Auch wir. Die Datenmenge für Audiostreams ist, verglichen mit der durchschnittlichen Netznutzung in deutschen Wohnzimmern, verhältnismäßig irrelevant. Selbst wenn sie einen Monat lang, rund um die Uhr, ohne Unterbrechung den Stream von detektor.fm hören würden: Sie kämen auf ein Volumen von ca. 40GB – was auch nach den lancierten Plänen der Telekom noch keine Drosselung verursachen würde. Selbst, wenn Sie gedrosselt werden (weil zum Beispiel ihre Kinder mit auf ihrem Anschluss surfen oder Sie gern mal einige Filme schauen, kurzum: weil sie nach der PR der Telekom ein unsozialer Heavy-User sind), will die Telekom auf 384 kbit/s drosseln: für einen klanglich sehr ordentlichen Stream genügen bereits 128 kbit/s. Neue Komprimierungsverfahren und Audio-Codecs (wie AAC oder Opus) werden mit noch geringerer Bandbreite noch besser klingen. Mission Beruhigung: erfüllt. Doch haben wir uns damit einen Gefallen getan? Ich fürchte, nein. Denn wir erteilten voreilig einer noch nicht begangenen Sünde die Absolution. Zahlenspielereien helfen niemandem – sie verschleiern, was die Telekom hier tut.

 

Die PR der Telekom funktioniert zu gut – und wir alle tragen Mitschuld daran

Die Telekom hat in den letzten Jahren visionslos gehandelt und wirtschaftlich Chancen vertan. Sie hat es versäumt, wichtigste technologische Entwicklungen mitzugehen. Sie hat den Netzausbau sträflich vernachlässigt. Sie hat es, als das Geschäft mit Neuanschlüssen einbrach, Google, Youtube, Amazon, Apple und Co. überlassen, die neuen, heißen Geschäftsmodelle zu entwickeln. Und sie hat all das getan, obwohl sie nicht aus eigener Kraft, sondern mit dem Vorsprung eines Monopolisten in den Wettbewerb startete. Und wir Journalisten haben ihr das zu oft durchgehen lassen. Wir haben Statements des Konzerns verbreitet, statt zu hinterfragen, ob da vielleicht jemand auf Kosten seiner Kunden und, viel schlimmer, der gesamten Gesellschaft, eigenes Missmanagement versilbern will.

 

Die verpassten Chancen lassen sich nicht mehr einholen. Eigentlich könnte man meinen, der Konzern agiere wenigstens jetzt visionär, progressiv und mutig. Nun gut – er ahmt stattdessen lieber die „Fasse dich kurz“-Mentalität der alten Bundespost nach. Da eine verknappbare Ressource fehlt, wird bildgewaltig der Datenverkehr verknappt: „Auf der einen Seite wächst das Datenvolumen exponentiell. Die Netze müssen also massiv ausgebaut werden“, so die Telekom. Ein Zusammenhang, der so willkürlich ist, dass man ihn schon fast als blanke Lüge bezeichnen könnte. Mitnichten sind hier irgendwelche Netze voll (neben großen Routerherstellern konnte auch die Internet-Enquete des Bundestages hierfür keinerlei Anzeichen finden) – im Gegenteil: wir sehen enorme Überkapazitäten und einen Datenverkehr, so billig wie nie. Die Kosten der Telekom entstehen bei Personal, Hardware, Strom, Support – die Rechnung ist einfach: ob viel oder wenig Daten durch die Leitung gehen, macht mit dem Geschäftsergebnis faktisch nichts.

Dennoch verbreiten sich die Argumente der Telekom wie ein Lauffeuer. Das Bild ist ja auch so schön einfach: wie eine Wasserleitung, die irgendwann voll ist. Dass dieser Vergleich vollkommen unzulässig ist, das haben wir Medien nicht gut genug erklärt. Und damit eines zugelassen: dass die Telekom mit zugegeben recht kluger PR einen marktfähigen Zustand herstellt. Angst.

 

Lesen Sie auf Seite 2 u.a.: “Enorme gesellschaftliche und wirtschaftliche Schäden durch Drosselung” -> Seite 2

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