Adieu, DW: Ein Rundfunkriese schaltet ab

Veröffentlicht am 29. Okt. 2011 von unter Deutschland

Die Ionosphäre ist die Schicht der Erdatmosphäre, die dafür sorgt, dass Kurzwellensignale reflektiert werden und somit enorme Distanzen rund um den Erdball herum zurücklegen können. Und könnte die Ionosphäre weinen, so würde sie es vermutlich heute tun.

Wobei, seien wir ehrlich, könnte die Ionosphäre weinen, so hätte sie es im Laufe der vergangenen Jahre immer wieder getan – nicht erst heute Nacht, wenn die Deutsche Welle einen Großteil ihrer Kurzwellensendungen und zudem das deutsche Radioprogramm einstellt. Jenes Deutschprogramm, das zu den traditionsreichsten auf Kurzwelle überhaupt gehörte, bestand seit Jahren nur noch aus einer sich dauerhaft wiederholenden Schleife, die kürzlich auf ein Minimum zurückgefahren wurde. Nach 10 Minuten Nachrichten folgen fünfzig Minuten “DW-Magazin” mit Berichten aus dem In- und Ausland. Das mag an eine der ARD-Infowellen erinnern, ist aber nicht damit vergleichbar und schon gar nicht mit dem Deutsche Welle-Vollprogramm, welches etwa 2004 noch geboten wurde. Abgesehen von DW-Klassikern wie der samstäglichen Grußsendung “Was ihr wollt” oder den urigen Frequenzwechselhinweisen kurz vor der halben Stunde hatte DW-Radio eigenständige Wirtschaftsmagazine, den “Reiseservice”, Musiksendungen mit Klängen aus Deutschland und der Welt, “Goethes Erben”, “Funkjournal” oder “Land und Leute”. Nach und nach wurde jedoch das Programm zu einem mehrstündigen Rhythmus umstrukturiert und zahlreiche Einzelprogramme fanden ihr Ende, da für sie kein Platz mehr war.

Nun ist also endgültig Schluss, zumindest was das deutsche Programm angeht. Zahlreiche Sprachdienste werden komplett ins Internet verlagert oder in ihrer Sendezeit gekürzt, das deutsche Programm nur noch als Podcast und Textangebot auf DW-WORLD.de beibehalten. An dieser Stelle stellt sich nun jedoch die Frage, wo genau der Anreiz liegt, für einen deutschsprechenden Hörer im Ausland ausgerechnet auf die Programme der Deutschen Welle zurückzugreifen, wenn sich mit einem Internetzugang doch die ganze Vielfalt der ARD-Radiosender bietet – in Ton und Text. Letztere sind zudem europaweit via Satellit zu empfangen, ein Übertragungsweg, den die DW ebenfalls nicht mehr für ihr deutsches Programm einsetzen wird. Das Ausland wird mit deutschsprachigen Radiosendungen dank World Wide Web schon seit Jahren nicht mehr nur von der “Welle” versorgt, das Alleinstellungsmerkmal Kurzwelle verschwindet und macht die deutschen Sendungen aus dem neuen Funkhaus in Bonn überflüssig. Im Rahmen des Sparprogramms der Deutschen Welle werden ebenfalls die eigenen Sendeanlagen in Sines (Portugal) und Trincomale (Sri Lanka) geschlossen.

DW-Sendeanlage in Sines, Portugal.

Die Kurzwellenausstrahlung war jahrelang die Kernkompetenz der Deutschen Welle, u.a. mit den Sendestationen Nauen bei Berlin, Wertachtal und Jülich. Letztgenannte wurde bereits vor Jahren geschlossen und kürzlich abgerissen, die übrigen beiden werden längst nicht mehr von “der Welle” selbst genutzt, sondern durch die MEDIA BROADCAST an ausländische Programmanbieter oder kleinere Stationen weitervermietet. Regelmäßige Programme in größerem Ausmaß in deutscher Sprache aus Deutschland selbst senden auf Kurzwelle lediglich der Deutschlandfunk (6190 kHz, Sender Berlin-Britz) sowie Radio 700 (6005 kHz, Sender Kall-Krekel).

Das traditionsreiche deutsche Programm der Deutschen Welle, welches am 3. Mai 1953 erstmals auf Sendung ging und über die Jahre hinweg zunächst aus, dann wieder zurückgebaut wurde, wird sich in der Nacht der Zeitumstellung leise verabschieden. Dieser Termin wird regelmäßig von den internationalen Rundfunksendern zum Wechsel auf ihre Winterfrequenzen genutzt – die DW wechselt diesmal nicht, wenn man von 10 Sprachdiensten für Afrika und chinesischen Programmen absieht, welche weiterhin auf Kurzwelle bleiben werden, für wie lange auch immer. Die meisten Kurzwellenprogramme der Deutschen Welle werden am kommenden Wochenende ihren ewigen Winterschlaf antreten.

Der DW-Song: “40 Jahre Deutsche Welle – The Voice of Germany” mit der Integration des Fidelio-Pausenzeichens bei 1:55. Quelle: Deutsche Welle

Antennenpark der Deutschen Welle mit 80m hohen Drehstandantennen in Sines, Portugal

Letzte Sendungen der Deutschen Welle am 29. bzw. 30. Oktober 2011:

Kurzwellenempfang:

Die traditionsreiche Frequenz 6075 kHz im 49-Meterband, die inzwischen aus England betrieben wird, sendet von 2100-2159 UTC zum letzten Mal, dies entspricht 23.00-23.59 Uhr MESZ.

Die allerletzten Kurzwellensendungen der Deutschen Welle auf Deutsch laufen von 2200-2300 UTC (also 00.00-01.00 MESZ) über folgende Sender: 9765 kHz via Trincomale, Sri Lanka für Südostasien; 9895 kHz via Kigali, Ruanda, für Südostasien; 11865 kHz via Sines, Portugal, für Südamerika sowie auf 17820 kHz via Cypress Creek, USA, für Südamerika. 

Tatsächlich sendet das deutsche Programm jedoch noch bis 0000 UTC, also 2 Uhr Nachts, dies jedoch nur via Satellit und Internet. Am Samstag wird im Rahmen von “DW-Magazin” jeweils nach den Nachrichten eine Abschiedssendung ausgestrahlt.

Weiterführende Informationen:

Statement der Deutschen Welle
Details zu den Sparplänen und einzustellenden Sprachdiensten
Geschichte der DW
DW-Sendeplan (pdf)
“Wir waren jung, neugierung und ahnungslos”

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