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Musiktrends 2023: „Der EDM-Trend setzt sich fort“

edm musiktrend panagiotis falcos sto7xXvfxuI unsplash fbDie große Umfrage zu den aktuellen Musiktrends im Radio

Teil 2

The Trend is your Friend! Wie entwickelt sich die Musik im Radio? RADIOSZENE stellte hierzu Musikverantwortlichen deutscher Hörfunkstationen folgende Fragen:

  1. Welches waren im Radio in 2022 die angesagten Musiktrends in Ihrem Sendegebiet?
  2. Werden sich diese Richtungen fortsetzen oder sind bereits neue Trends in Sicht?
  3. Deutschsprachige Musik hat im Radio zuletzt deutlich an Gewicht verloren. Kennen Sie die Gründe? Ist Besserung der Lage in Sicht?
  4. Radio feiert in 2023 seinen 100sten Geburtstag. Mit welchen Gedanken begleiten Sie als Musikexperte dieses besondere Jubiläum?

MusicMaster – "Music the Queen"

Die Antworten der Entscheider aus den Musikredaktionen lieferten eine Vielzahl interessanter Hinweise auf die aktuellen und kommenden Musikströmungen. Heute setzen wir die Einstiegsübersicht mit den Antworten weiterer Entscheidungsträger fort.


 

„80er und 90er Sounds funktionieren weiterhin prächtig in Pop- und Dance Tracks“

 

Kai Tölke, Bremen Vier, Musikchef

Kai Tölke (Bild © Radio Bremen/Christian Wasenmüller)

01) Aus meiner Sicht hat sich in 2022 nicht so viel zum Vorjahr verändert. 80er und 90er Sounds funktionieren weiterhin prächtig in Pop- und Dance Tracks. EDM grundsätzlich ist immer noch und immer wieder ein Thema, gerne auch mal etwas clubbiger. Rock stagniert weiterhin, zumindest im Mainstream, und wartet weiter auf Wiederbelebung. Und der Deutschpop verliert auch bei unseren Hörern mehr an Bedeutung. Ich bin sehr gespannt, ob es in diesen Jahr mal wieder überraschende Entwicklungen gibt.

02) Auch bei dieser Frage habe ich das Gefühl, eine ähnliche Antwort wie im letzten Jahr geben zu müssen. EDM bleibt stark, Coverversionen oder Sample aus den 80ern und 90ern sind wohl noch nicht komplett ausgereizt. Gilt auch für den Pop. Und natürlich warten noch die 2000er auf die nächste Musiker- und Produzentengeneration. Deutet sich ja schon an, auch im R&B. Einen deutlichen Trend zu Neuem kann ich bisher zumindest in unserem Segment nicht wahrnehmen. Was uns aber sicherlich noch mehr begleiten wird, ist Musik, die über Social Media oder aus Serien hochgespült wird. Ich finde das extrem spannend, weil immer wieder überraschend. Wer hätte gedacht, dass Kate Bush oder Depeche Mode im jüngeren Hörersegment mal wieder so eine Rolle spielen würden.

03) Über die Gründe dieser Entwicklung könnte ich nur mutmaßen. Am Ende ist das ja eine geschmäcklerische Frage und da möchte ich mir nicht anmaßen zu urteilen, warum unsere Hörer gerade bei Deutschpop die Lust am Zuhören verlieren. Ich kann aus meiner Perspektive sagen, dass mir viele deutsche Songs vom Text thematisch zu ähnlich gesetzt sind und sich dadurch ein Eindruck von Wiederholung und Monotonie festgesetzt hat. Da haben es englisch- oder spanischsprachige Nummern sicherlich einfacher, der Text steht eben nicht so weit vorne beim Hören. An Produktion oder Sound jedenfalls liegt es für mich nicht, da ist ein guter Standard vorhanden. Möglicherweise würden neue Soundimpulse aber auch etwas positive Entwicklung bewirken können.

04) Für mich sind 100 Jahre Radio erst mal eine beeindruckende Zahl. Über 30 Jahre davon durfte ich die Entwicklung des Radios begleiten und kann sagen, es war und bleibt immer spannend. Die Reise geht weiter und mein Gefühl als Radiouser sagt mir, Radio wird auch weiter gebraucht. In welcher Form und auf welchen Ausspielkanälen, werden die nächsten Jahre zeigen.

Als Radiomacher oder Musikexperte halte ich mich an dieser Stelle zurück und möchte Thomas D. zitieren, der in einem Interview bei uns zum Thema 100 Jahre Radio kürzlich folgendes gesagt hat: „Heutzutage in dieser Streamingwelt, wo du eigentlich gar nicht mehr weißt, welchen Song du hören wolltest, weil es halt alles überall gibt, da merkt man erst mal, was so eine Redaktion im Radio, die was auswählt, wert ist. Wenn sich jemand vorher damit beschäftigt und dir etwas präsentiert, was dann vielleicht im besten Fall deinem Geschmack entspricht. Da kann man sich einfach entspannen, sich gehen lassen und da eintauchen.“


 

„Auffällig ist, dass deutsche Acts immer internationaler produzieren und damit auch recht erfolgreich sind“

 

Simone Freund-Bergholz, ON AIR PLAY*, Director Of Music

*Musikkompetenzzentrum für nationale Radiomarken wie Radio BOB! und 80s80s sowie regionale Player wie R.SH oder RADIO PSR.

Simone Freund-Bergholz, ON AIR PLAY*, Director Of Music01) EDM und auch der Popbereich haben eine sehr große Rolle bei unseren AC-Sendern, R.SH und Radio PSR, gespielt. Die Songs nationaler sowie internationaler DJ Acts sind nach wie vor sehr beliebt bei unseren Hörer:innen. Gerade Popdance nimmt hier einen Großteil der Stunde ein, doch auch ein leichter Poprock Trend ist zu bemerken. Auffällig ist, dass deutsche Acts immer internationaler produzieren und damit auch recht erfolgreich sind. Deutschpop hat es leider nicht geschafft wieder zur alten Beliebtheit zurückzukehren, obwohl es hier natürlich auch Ausnahmen gibt. Allerdings ist deutscher HipHop bei delta radio immer noch sehr angesagt und Acts, die 2021 noch Newcomer waren, wurden zum festen Bestandteil der Playlisten. Bei Radio BOB! gab es 2022 sehr viele spannende Comeback Alben großer Bands, wie Simple Plan, Placebo, Billy Talent oder den Red Hot Chili Peppers, um nur ein paar zu nennen

02) Der EDM Trend setzt sich auch in 2023 fort. Darüber hinaus wird es eine Vielzahl an spannender Songs und Alben von Newcomer:innen, als auch bekannter Künstler:innen unterschiedlichen Genres geben (…Peter Fox, Rihanna, Miley Cyrus und Ava Max). Der Trend der Kollaborationen und Feature Artists wird, nicht nur im HipHop, sondern auch im Popdance-Genre weiterhin Bestand haben.

2023 wird sicher auch ein Jahr sein, in dem es wieder viele weibliche Acts (Nina Chuba, Raye, LOI….) in die Charts und Playlisten schaffen.

03) Ich vermute, dass es im „Erwachsenen“ Deutschpop Genre nach den Coronajahren höchstwahrscheinlich die Sehnsucht nach frischeren Themen und moderneren Sounds gibt. Für die jüngeren Stationen, wie zum Beispiel delta radio, kann ich das nicht bestätigen, da wir hier gerade mit Peter Fox, Nina Chuba, Kraftclub et cetera sehr beliebte Acts auf der Playlist haben, die die deutsche Sprache in ihren Texten frisch, ehrlich und direkt umsetzen und von den Hörer:innen dafür gefeiert werden.

04) Im Schnelldurchlauf: Achtung Kassettenaufnahme!! (die Charts am Freitag) … AFN nach der Schule …BFBS die Wunschsendungen zu Weihnachten … BR3 Pop nach 8, Fritz with Hits … HR3 Clubnight … Große Chance für mich persönlich, seit 1992 beim Radio … Spannende neue Sounds und Künstler:innen … So viele technische neue Möglichkeiten modernes Radio zu produzieren (Barba Radio, 80s80s, 90s90s…)!


 

„Musikalisch kann man auch für 2022 sagen, dass der Pop in all seinen Facetten unsere Playliste bestimmt hat“

 

Vivian Pickelmann, RTL Audio Center Berlin, Leiter der ACB Musikredaktion

Vivian Pickelmann (Bild: ©RTL Radio Center Berlin)01) Die meistgespielten Interpreten auf 104.6 RTL Berlins und Brandenburgs Hitradio waren 2022 Ed Sheeran, Elton John und Harry Styles. Also haben die „großen Namen des Pop“ weiter das Hitformat bestimmt. Daneben gab es auch Newcomer wie Kamrad, Rosa Lynn und Malik Harris.

Musikalisch kann man auch für 2022 sagen, dass der Pop in all seinen Facetten unsere Playliste bestimmt hat. Eine interessante Entwicklung neben dem Covern und Remixen von alten Songs war, dass Original-Songs ihren Weg ins Programm gefunden haben. Bestes Beispiel ist der 30 Jahre alte Kate Bush-Hit „Running up that Hill“, der es durch den Einsatz in einer Streaming-Serie, über TikTok erfolgreich ins Radio geschafft hat.

02) Ja, diese beiden Trends deuten sich auch für 2023 an. Insofern können wir uns vorstellen, dass aufgrund des vielfältigen Medienkonsums nicht nur neu veröffentliche Songs bei unseren Hörer:innen beliebt sein werden sondern auch Songs wiederentdeckt werden, die schon vor einiger Zeit veröffentlicht wurden. Auch wenn diese seiner Zeit kein Thema für das Hitradio waren. Aktuelles Beispiel: Lady Gaga „Bloody Mary“ aus 2011.

03) Das beobachten wir auch, ja. Wobei wir auch positive Beispiele sehen wie Peter Fox „Zukunft Punk“ oder Nina Chuba.

Am Ende gilt die alte Weisheit: Ist der Song gut – egal ob deutsch, englisch oder spanisch – wird er vom Hörer geliebt und läuft dann natürlich auch bei uns.

04) Über 90% der Deutschen hören auch nach 100 Jahren regelmäßig Radio! Das ist enorm! Radio konnte sich immer an aktuelle Strömungen und an die Bedürfnisse der Menschen anpassen.

Wir sehen eine steigende Nutzung unserer digitalen Angebote. Auf diese Nachfrage reagieren wir, in dem wir schon heute über 175 Musik-Streams im RTL Audio Center Berlin produzieren.


 

„2022 hat keine nennenswerten Trends mit sich gebracht“

 

Henning Pyritz, Radio Fritz, Musikredakteur

Henning Pyritz (Bild: ©rbb/Ben Wolf)

01) 2022 hat keine nennenswerten Trends mit sich gebracht. Rhythmischer Pop bis Dance und Neo-Disco ist weiterhin beliebt. Als ruhigerer Kontrast haben sich immer wieder klassisch instrumentierte Popsongs durchgesetzt. Der aufkeimende härtere Pop-Rock (Olivia Rodrigo, Gayle, Jax, Leah Kate) hat sich 2022 nicht in der Breite festsetzen können. Ebenso haben es deutschsprachige Songs bis auf Ausnahmen wie Nina Chuba, Peter Fox, Domiziana oder Emilio selten auf höchste Rotation geschafft.

2) Die Radiohörer*innen scheinen mit dieser Mischung sehr zufrieden und nicht an großen Änderungen interessiert.

03) Die bekannten Vertreter des klassischen Deutschpops im Radio haben in den letzten Monaten nicht an ihre goldenen Zeiten anknüpfen können oder sich nun teilweise auch wieder auf Englisch probiert. Deutschsprachige Musik ist aber dennoch beliebt und gefragt. Urbaner Pop, besonders von jungen Künstlerinnen (Céline, Ayliva, Aylo, Paula Hartmann etc.), funktioniert auf TikTok oder im Streaming bereits sehr gut und dürfte 2023 dem deutschsprachigen Anteil im Radio wieder zu neuem Aufwind verhelfen. Allerdings sind viele nennenswerte Nummern entweder besonders auf TikTok erfolgreiche Balladen oder dem Deutschrap entwachsene Uptempo-Nummern (Makko, Ion Miles, Ski Aggu et cetera) – beides Stile, die es im Radio weiterhin schwer haben dürften.

04) Als Nebenbei-Medium hat das Radio es schwerer denn je. Apps, Socials, Videos – alles buhlt um aktive Aufmerksamkeit. Algorithmen erstellen personalisierte Musik-Playlists, Podcasts liefern Inhaltliches und News + Verkehr gibt’s jederzeit auf Abruf. Was also hat das Medium Radio zu bieten? Den Faktor Mensch. Ja, ein Algorithmus kann mir präzise Songs vorschlagen, die ich wahrscheinlich auch gut finde – aber überraschen wird er mich nicht. Mir mal etwas stilistisch völlig anderes vorschlagen, einen Classic ausgraben, der Emotionen triggert, Newcomer*innen ins Rampenlicht stellen, die ein Algorithmus nicht berücksichtigen würde – das sind die Stärken des Radios. Meine (Promi)Podcasts liefern mir wöchentlich beliebte Inhalte. Aber jeden Morgen einen Rundumblick auf Augenhöhe von Moderator*innen, die in meiner Stadt leben, Talkabouts aktuell aufnehmen oder im besten Fall sogar generieren, die Hörer*innen zu Wort kommen lassen, das bietet bislang nur Radio.


 

„TikTok hat seine Relevanz der letzten Jahre beibehalten“

 

Henrike Frey, Antenne Niedersachsen, Leiterin Musikredaktion

Henrike Frey (Bild: Antenne Niedersachsen)

01) Viele deutsche, wenn auch nicht deutschsprachige Künstler*innen wie zum Beispiel ClockClock, Glockenbach, Kamrad, Zoe Wees, Loi und Leony konnten sich mit ihren Uptempo-Nummern bei uns im Sendegebiet durchsetzen.

TikTok hat seine Relevanz der letzten Jahre beibehalten. Zum Beispiel mit Newcomer Nicky Youre, der es dank Social Media mit “Sunroof” ins AC geschafft hat. Spannend war für uns auch die „Wiederbelebung“ alter Songs wie „Running Up That Hill”, die vorher in unserem Format gar keine Rolle gespielt haben.

02) Wie bereits im Jahr 2022, wird es auch in diesem Jahr mit Veröffentlichungen der großen Stars weitergehen: nach Harry Styles, Taylor Swift und Beyoncé ziehen beispielsweise Miley Cyrus und vermutlich Rihanna mit neuen Alben nach; Peter Fox auch.

Ältere Songs können durch Social Media und Popkultur jederzeit wieder an Relevanz gewinnen.

03) Der Trend setzt sich im AC leider fort. Allerdings hatten junge Stationen mit “Wildberry Lillet” von Nina Chuba einen deutschsprachigen Sommerhit und auch im Indie-Bereich gibt es weiterhin spannende deutsche Künstler*innen wie Edwin Rosen, Betterov und Dilla.

Im klassischen Deutschpop warten wir 2023 auf Impulse, die frisch klingen und sich gleichzeitig ins AC integrieren lassen. Eine potenzielle Entwicklung könnte die weitere Annäherung von Schlager und Deutschpop sein.

04) Radio hat es geschafft, sich in den 100 Jahren immer wieder an die Transformationsprozesse der Medienlandschaft anzupassen. Die Taktung des technologischen Fortschritts, sowie das Nutzungsverhalten der Hörer*innen haben sich in den letzten 30 Jahren rasant verändert.

Radio ist zwar weiterhin eines der wichtigsten Medien für Musik, doch muss es daran arbeiten, auch in Zukunft für die Musikindustrie und die Nutzer*innen interessant zu bleiben. Deswegen freue ich mich auf viele spannende Entwicklungen in den nächsten Jahren durch mehr nutzer*innenorientierte Angebote.


 

 Im aktuellen Bereich dominieren weiter moderne Dance-Sounds und klassischer Pop

 

Christian Brost, hr3, Musikchef

Christian Brost HR3 c Sebastian Reimold 8000 rund01) Im aktuellen Bereich dominieren weiter moderne Dance-Sounds und klassischer Pop. Wir freuen uns sehr, dass auch 2022 viele Acts aus Deutschland bei den hr3 Hörer*innen extrem beliebt waren, von Purple Disco Machine über Leony und ClockClock bis Alvaro Soler und Michael Schulte. Das beweist, dass es im nationalen Markt sehr gute Musik gibt, die sich vor internationalen Produktionen nicht verstecken muss.

02) Vielleicht wird die Popmusik insgesamt ein bisschen weniger Dance-lastig und entspannter. Das ist ja aktuell schon bei extrem beliebten Hits von Rosa Linn, Taylor Swift, Michael Schulte oder der Mannheimer Sängerin Loi zu beobachten.

03) Bis vor zwei Jahren gab es immer wieder hochwertige deutschsprachige Produktionen, die den Geschmack unseres Publikums genau getroffen haben. Das war in der Kombination zuletzt wesentlich seltener der Fall. Deutschsprachige Musik bleibt aber ein fester Bestandteil der hr3-Playlist, aktuell zum Beispiel mit „Memories & Stories“ von Mark Forster.


 

„Insbesondere beim jungen Publikum scheint das Schubladendenken im Hinblick auf Musikgenres aufzubrechen“

 

Marc Möllmann, N-JOY, Leitung Musik

Marc Möllmann, N-JOY (Bild: privat)01) + 02) Als größter junger Radiosender im Norden haben wir uns letztes Jahr sehr darüber gefreut, dass mit Nina Chuba eine Newcomerin aus unserem Sendegebiet durchgestartet ist. „Wildberry Lillet“ war für unsere Hörer*innen einer DER Songs des Jahres 2022. Und Ninas weitere Tracks wie „Glatteis“ oder „Ich hass‘ dich“ zeigen: Da kommt noch mehr!

Darüber hinaus hat sich 2022 ein Trend fortgesetzt, der sich schon seit Jahren abzeichnet: DJs und Produzent*innen legen „alte Hits“ neu auf. Entweder als Cover, oder sie picken sich prägnante Melodien aus den Originalen und peppen damit ihre Neukompositionen auf. Songs wie „I’m Good“ von David Guetta und Bebe Rexha oder „Samba“ von YouNotUs sind hier die Speerspitze eines wahren Überangebots. Solange einige dieser Neuinterpretationen zu großen Hits werden, werden wir auch weiterhin mit unzähligen Songs nach dieser Formel konfrontiert werden.

Dass es auch anders geht, zeigen Titel wie „Move Your Body“ von Öwnboss oder „The Motto“ von Tiesto und Ava Max: Progressivere Tracks, die bei der Dance-affinen N-JOY Hörer*innenschaft großen Anklang gefunden haben – und die eben keine Coverversionen sind.

Ebenfalls erfreulich: Musik mit Gitarren kommt immer stärker zurück und sorgt für Abwechslung im Pop-Mainstream. Nachdem in den vergangenen Jahren die Kombination aus (Emo-)Rap und Gitarrenklängen bei Acts wie Iann Dior oder 24K Goldn schon als Erfolgsrezept funktioniert hat, haben uns dieses Jahr junge Frauen wie Gayle und Tate McRae mit rotzigem Rock-Sound begeistert. Wenig verwunderlich, dass in deren Fahrwasser sogar Avril Lavigne einen Comeback-Versuch gestartet hat.

Besonders spannend für mich: Insbesondere beim jungen Publikum scheint das Schubladendenken im Hinblick auf Musikgenres aufzubrechen. Die Leute hören, was ihnen gefällt, unabhängig vom Musikstil. Deutschrap, Indie und Klavierballade in der gleichen Playlist. Ein Trend, an dem sicherlich auch die sozialen Netzwerke wie TikTok und Instagram ihren Anteil haben.

03) Ich persönlich finde die Unterscheidung zwischen deutscher und deutschsprachiger Musik unsinnig. Musik aus Deutschland war auch 2022 im Airplay sehr erfolgreich. Neben etablierten Künstler*innen wie Nico Santos, Milky Chance, Felix Jaehn oder Lena, haben sich auch neue Acts wie Loi, ClockClock oder Kamrad in die Hot Rotations der Popwellen gespielt.

Deutsche Musik war 2022 also omnipräsent im Radio. Was jedoch stimmt ist, dass deutschsprachiger Mainstream-Pop derzeit einen schweren Stand hat. Das hängt für mich jedoch nicht mit der deutschen Sprache, sondern dem aktuellen Zeitgeist zusammen. Der Sound, mit dem einige große deutschsprachige Mainstream-Künstler*innen vor ein paar Jahren erfolgreich waren, ist derzeit nicht mehr gefragt.

Dass unser Publikum kein grundsätzliches Problem mit deutschsprachiger Musik hat, beweisen Songs wie „Zukunft Pink“ von Peter Fox und „Wildberry Lillet“ von Nina Chuba. Beide gehören bei N-JOY zu den meistgespielten Songs des abgelaufenen Jahres, weil sie musikalisch und vor allem auch textlich den Nerv der Zeit getroffen haben.

04) Ich wünsche mir, dass wir Radiomacher*innen es weiterhin schaffen, dem Publikum im diversifizierten Markt verschiedenster Medienkonsummöglichkeiten ein sinnstiftendes und konkurrenzfähiges Angebot zu machen. Ich hoffe, dass wir uns weiterentwickeln und neue Formate erfinden – jedoch ohne dabei unsere Stärken wie Nähe, Unmittelbarkeit und starke Persönlichkeiten zu vergessen. Werte, mit denen sich das Publikum identifizieren kann. Und ich wünsche mir, dass wir es als musikalische Begleiter schaffen, unseren Hörer*innen etwas zu bieten, dass ihnen die Konkurrenz in Form von Streaming-Diensten nicht bietet: Ein sorgfältig kuratiertes Musikprogramm mit der richtigen Balance aus neuer Musik und den Lieblingssongs unseres Publikums.


 

„Ähnlich wie im Jahr zuvor polarisiert deutschsprachige Musik im Radio leider sehr, auch wenn sie im Streaming weiterhin sehr gefragt ist.“

 

Sue Deckwerth, planet radio, Leiterin Musikredaktion

Sue Deckwerth, PLANET RADIO, Leiterin Musikredaktion01) Zu den im letzten Jahr meistgespielten Künstler*innen bei planet radio zählen Harry Styles, Tate McRae und Ava Max. Aber auch Newcomer*innen wie Nicky Youre, Rosa Linn und Southstar haben sehr gut funktioniert. Daran kann man erkennen, dass unsere Hörer*innen am klassischen EDM Sound ein wenig das Interesse verloren haben. Erfolgreich im Dance-Genre waren hauptsächlich Songs, die R’n’B Tracks aus den frühen 2000ern gesampelt haben wie „Ferrari“, „Belly Dancer“ oder „Give it to me“ von Matt Sassari. Oder auch Topic, der mit seinen Songs das Technofeeling der 90ies zurückgeholt hat.

02) Ich würde mir wünschen, dass R’n’B und Urban Sounds nicht nur als Sample oder als Coverversion wie von Metro Boomin ft The Weeknd & 21 Savage mit „Creepin‘“ in unserer Playlist stattfinden. Zwar haben Lizzo und Beyoncé mit ihren Songs in 2022 für Abwechslung im Programm gesorgt, aber sie bleiben da leider die Ausnahme.

03) Ähnlich wie im letzten Jahr polarisiert deutschsprachige Musik im Radio leider sehr, auch wenn sie im Streaming weiterhin sehr gefragt ist.

04) Wenn Du über 100 wirst, hast Du es geschafft. Sehr wenige sterben über dieser Altersgrenze (George Burns) In diesem Sinne: Happy Birthday

 

 „In unserem Sendegebiet ist es tatsächlich so, dass wir weiterhin bevorzugt besonders radiotaugliche Nummern spielen, die aktuell vor allem aus den Genres Pop und Dance kommen“

 

Alexander Hoffmann, RADIO SALÜ, Musikredaktion

Alexander Hoffmann RADIO SALUE rund01) In unserem Sendegebiet ist es tatsächlich so, dass wir weiterhin bevorzugt besonders radiotaugliche Nummern spielen, die aktuell vor allem aus den Genres Pop und Dance kommen. Zudem ist unser Programm im letzten Jahr etwas „rockiger“ geworden. Zumindest dahingehend, dass sich auch ein paar mehr Pop-Rock Nummern in unsere Playlist eingeschlichen haben, die – und das zeigt uns die Marktforschung – auch bei den Hörern wirklich gut ankommen. An Bedeutung verloren hat 2022 tatsächlich deutsche Musik, vor allem im Vergleich zu den beiden Jahren davor, ist der Anteil deutlich gesunken.

02) Erfahrungsgemäß würde ich sagen, dass die Trends von 2022 sich 2023 erstmal in diese Richtung fortsetzen werden, beziehungsweise, dass sie sich dann auch nach einer gewissen Zeit auf einem gleichbleibenden Level einpendeln. Sicher ist aber auch, es wird auch in diesem Jahr wieder ein ‚neuer‘ Trend dazukommen, welcher das ist – kann aktuell keiner sicher sagen.

03) In der Radioszene ist es generell eher so, dass vorzugweise Musik bereits etablierter Künstler gespielt wird, da man weiß, dass diese gut ankommen, was auch die Testwerte belegen – bestes Beispiel dafür ist Ed Sheeran. Da ist es für Newcomer nicht immer einfach, Fuß zu fassen, noch weniger im Bereich deutschsprachiger Musik, da die meisten Sender bevorzugt englischsprachige Musik spielen. Das zeigt aktuell auch ein Blick auf die vorderen Plätze der Airplay Charts, da sind ja kaum noch deutsche Songs zu finden. Wir gehen hier bei RADIO SALÜ davon aus, dass das so auch noch eine Weile bleiben wird.

04) Der erste Gedanke, der mir kommt, ist: wie sehen die Menschen aus, die uns in 100 Jahren zum 200. gratulieren? Ansonsten freu ich mich über den runden Geburtstag genauso wie über die Tatsache, dass wir gerade als Branche viel dafür tun, nicht zu schnell in Vergessenheit zu geraten!


 

„Im vergangenen Jahr mussten wir auch in Mitteldeutschland feststellen, dass bezogen auf das Radio die positive Grundhaltung gegenüber deutschsprachiger Musik zurückging“

 

Alexander Schmitz, mdr jump, Musikchef 

MDR JUMP logo2022 fb201) Bei MDR JUMP war 2022 neben elektronisch geprägter Popmusik wie Elektropop und EDM auch klassische Popmusik tragend. Auffällig war der deutliche Akzent hin zur rhythmischen Popmusik. Die Grenzen der Genres werden fließender.

Spannend sind nach wie vor die Farbtupfer im Gesamtbild durch die Hinwendung zu organischen und traditionellen Sounds wie bei Rosa Linn oder Gayle.

02) Es ist davon auszugehen, dass sich diese Trends fortsetzen. Darüber hinaus macht Popmusik, was Popmusik ebenso macht: Sie bedient sich an verschiedenen Stilen und Sounds aus verschiedenen Epochen und transferiert sie in die Gegenwart. Das musikalische Buffet ist ja immer angerichtet. Cover und die Verwendung von Zitaten sprechen da ja schon länger eine deutliche Sprache. Gespannt darf man sein, was nach den Sounds der 1980er demnächst in den Fokus gerät und sich als bündnisfähig erweist.

03) Im vergangenen Jahr mussten wir auch in Mitteldeutschland feststellen, dass bezogen auf das Radio die positive Grundhaltung gegenüber deutschsprachiger Musik zurückging. Die veröffentlichten Titel haben in der Breite nicht mehr den Nerv der Leute getroffen. Über die Ursachen lässt sich trefflich spekulieren. Möglich, dass eine gewisse Ermüdung beim Publikum eingetreten ist (Stichwort zu viele ähnlich klingende Lieder). Möglich auch, dass eine Ermüdung durch die Themen wie Pandemie, Krieg et cetera verstärkt wurde. Ein weiterer Erklärungsversuch schließt die fehlende Präsenz der Acts durch Konzerte mit ein. Was auch immer davon zutrifft, wir werden im Programm von MDR JUMP weiter die deutschsprachigen Produktionen anbieten, von denen wir überzeugt sind.

04) Dass sich die Zeiten und das Nutzungsverhalten geändert haben, muss nicht weiter diskutiert werden. Es bleibt aber auch die Erkenntnis: Musik funktioniert im Radio immer noch. 2022 hat bewiesen, dass durch Radio Künstlerinnen und Künstler wie Loi, Malik Harris und ClockClock bekannt gemacht werden konnten. Darauf lässt sich nach den vielen Abgesängen auf das Radio doch gut aufbauen.


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