Scheißspiel

Veröffentlicht am 21. Okt. 2010 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer Logo 2010Bis zum Beginn der Zukunft des Radios, über die deshalb so viele Leute schlau philosophieren, weil sie alle gleichermaßen nicht in die Zukunft sehen können, kehrt vielleicht auch die eine oder andere Erkenntnis ein, die helfen könnte, Fehler der aktuellen UKW-Radiowelt zu vermeiden. Einer der schlimmsten Fehler war es, konkurrierende Anbieter auf eine Frequenz zu packen. In den meisten Fällen haben die Medienbehörden diesen Fehler (dessen Kosten andere zu tragen hatten) korrigiert, aber nicht in allen. Hätten die Regulierungsanstalten von der Spieltheorie gehört, wäre das nicht passiert (möglicherweise hätte auch schon gesunder Menschenverstand ausgereicht).

Eine der skurrilsten Konstellationen findet sich seit bald 20 Jahren in Hof auf der Frequenz 88,0 MHz. Die Morning-Show kommt von Radio Euroherz, der Nachmittags-Drive von Extraradio. Der eine gehört mehr oder weniger ins Verlegerlager, der andere ist ein kleiner Familiensender. Der eine spielt ein etwas jüngeres, der andere ein etwas älteres AC. Um 12 Uhr endet die Sendezeit von Euroherz, was on air auch so kommuniziert wird. Ebenso verkündet dann Extraradio sechs Stunden später Sendeschluss, wenn Euroherz wieder an der Reihe ist.

Zwischen beiden herrscht, was zwischen echten Wettbewerbern nicht ungewöhnlich und normalerweise auch nicht schädlich ist: Nämlich erbitterte Konkurrenz und tiefes Misstrauen. Wie oft die Frequenzsituation in Hof bis heute vor Gericht verhandelt wurde, darauf wollte sich keiner der Beteiligten auf Nachfrage festlegen, auch nicht die BLM (“Das kann ich nicht mehr präzise nachvollziehen”, sagte der Justitiar). Der Fall schrieb sogar Justizgeschichte, weil Extraradio gegen einen Bescheid der BLM bis vor das Bundesverfassungsgericht zog. Alle bayerischen Gerichte einschließlich des bayerischen Verfassungsgerichtshofs ließen das Nachmittagsradio abblitzen, aber in Karlsruhe bekam es Recht und alles blieb, wie es war. Was eben auch bedeutet: Abkommen oder Kooperationen jeglicher Art sind nicht möglich.

Schuld ist die Medienanstalt BLM, was ihr Justitiar Roland Bornemann in gewisser Weise sogar einräumt, wenn er sagt, dass das Dilemma “mit einer Entscheidung der BLM” begann. Nämlich der Entscheidung, die Frequenz zu splitten. Dass diese Entscheidung nicht besonders schlau war, bemerkte die Medienanstalt schnell. “Die haben sich offen auf dem Äther bekriegt”, erinnert sich Bornemann. Es gab Versuche, die Streithähne zu versöhnen. Ein einheitliches Programm zu konzipieren. Ein gemeinsames Studio einzurichten. Mal mit Zureden, mal mit Druck. Dann habe Extraradio mehr Sendezeit verlangt, die nächste Konfliktlinie. Und jedes Mal, wenn die Lizenzen neu zu vergeben waren, bewarben sich – natürlich – jedes Mal wieder Euroherz und Extraradio.

Man möchte der Behörde zurufen: Ja bitte, was erwartet Ihr denn? Dass urplötzlich einer der beiden vom Schlag der Erkenntnis getroffen wird und einsieht, dass das Leben der BLM einiges bequemer werde, wenn er seine Ansprüche, die er in jahrelanger Klagerei und mit ungezählten Tausendern sowohl Mark als auch Euro für die Anwälte erstritten hat, mir nichts dir nichts in der Isar versenkt?

“Extraradio ist für mich ein Wettbewerber”, sagt Euroherz-Chef Mischa Salzmann – als er mir dann endlich glaubt, dass ich nicht von seiner Konkurrenz mit einem Spionageanruf beauftragt wurde. Mit dem Dauerzoff will er sich möglichst nicht beschäftigen. Er konzentriere sich auf seine Stärken, vor allem die Morning-Show. Ob ihm da nicht etwas fehle, wenn er niemals vom Morgen in den Nachmittag und zurück crossteasen könne? Klar, aber das sei nun mal nicht zu ändern. Und auf der anderen Seite der Extraradio-Eigentümer Gerhard Prokscha. “Darüber könnte man ein Buch schreiben”, sagt er über den Endlos-Streit auf der 88,0. Während der eine die Eigenbrötlerei des anderen zur Ursache erklärt, sieht der andere den Grund darin, “dass der Verleger immer das Sagen haben will”.

Womit die Spieltheorie ins Spiel kommt, die sich nämlich mit der Frage beschäftigt, was rationales Verhalten ist, warum es manchmal schwer zu bestimmen ist und warum Marktteilnehmer häufig irrational agieren. Ein klassischer Fall dafür ist das sogenannte Gefangenendilemma. Hier ein Beispiel, das dank der Cleverness eines der Mitgefangenen am Ende für beide profitabel ausging. Im Sommer 1994 erhöhte die New York Post aus dem Verlag von Rupert Murdoch den Kiosk-Preis von 40 auf 50 Cent. Der Konkurrent von der Daily News blieb bei 40 Cent. Die Konsequenz: Die Auflage der New York Post stürzte ab. Damit wäre die Ausgangsbasis für einen Preiskampf geschaffen, wie wir ihn in Deutschland immer wieder im Lebensmittelhandel erleben. Murdoch war schlauer. Er senkte den Preis nur in einem Stadtteil von New York, dafür aber radikal auf 25 Cent. Die Folge: Dort explodierte die Auflage, während die Daily News verlor. Seine Botschaft an die Konkurrenz lautete: Entweder zieht ihr mit, oder ich ziehe in den Krieg. Die Daily News reagierte, erhöhte den Preis ebenfalls auf 50 Cent und beide hatten gewonnen.

Freilich sind nicht nur die Städte Hof und New York schwer vergleichbar, sondern auch die Lage der Mitspieler ist es. Die sind in Hof nämlich nicht nur mitgefangen, sondern zudem aneinander gefesselt. Wettbewerb gegeneinander zu führen bedeutet für sie ja nicht, um Hörer zu konkurrieren, sondern am Morgen so zu tun, als habe der Tag keinen Nachmittag und Nachmittags, als gebe es kein Morgen. Das einfachste wäre es gewesen, die BLM hätte jedem eine eigene Frequenz gegeben. Darüber, sagen beide, Salzmann wie Prokscha, könne man auch heute noch reden, wenn – ja wenn! – die BLM die zweite Hofer Frequenz nicht an Radio Galaxy vergeben hätte, das Jugendradio der Verleger, womit die einen eine neue Position haben, die sie verständlicherweise nicht räumen möchten, während der andere ebenso verständlicherweise schon wieder eine Ungerechtigkeit sieht.

Märkte sind eben rationaler als Ämter.  Was für die Zukunft des (DAB-) Radios wenig Gutes verheißt, die ja allein von Ämtern getrieben ist und zu Nullkommanichts vom Markt. Außer, die Ämter und Politiker lesen noch ein bisschen über die Spieltheorie (oder gebrauchen den gesunden Menschenverstand).

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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