Dieses Jahr hatte der Radiotag in Erkrath mit rückläufiger Teilnehmerzahl zu kämpfen. Dabei versprach das Programm am 13. September nicht nur für Seesender-Nostalgiker vorgerückten Alters interessant zu werden.

Daraus wurde nichts, und auch die Mannen von Radio Marabu, die als ersten Programmpunkt ihr Alternativmusik-Konzept vorstellten, mussten ohne Stationsgründer Reiner Palma auskommen. Eloquent erläuterte dafür Programmchef Marcel Fischer seine Musik-Philosophie. Gleich drei US-Formate habe Marabu kombiniert: Modern AC à la Virgin, Alternative (wie es von X-FM in London oder Kink FM bekannt sei) und World Class Rock. Letzteres sei in Europa gänzlich unbekannt und zeichne sich besonders dadurch aus, dass es ältere und neue Titel miteinander verbinde.

Wer Radio Marabu noch aus den Anfängen seiner fast 20-jährigen Geschichte als „schrägen Vogel“ mit Punk und Experimentellem kennt, dem mag das heutige Formatprogramm recht brav vorkommen. „Wir sind vielleicht langweiliger und bürgerlicher geworden“, räumt Marcel Fischer ein. Womit die Station gewiss die gewandelte gesellschaftliche Realität spiegelt. Wie Marabu Programm macht, konnten Besucher in Erkrath vor Ort erleben: Einige Interviews und Ansagen wurden für ein 6-stündiges Programm aufgezeichnet, das über Radio Caroline in der Nacht zum 1. Oktober ausgestrahlt werden soll und schon jetzt zum Download im Internet auf www.radiomarabu.de bereitsteht.
Trotz aller modernen Übertragungstechniken, auch die Seesender und die Mittelwelle spielten beim Radiotag eine gewichtige Rolle. Allerdings brachte Sietse Brouwer von der niederländischen Radio-Caroline-Organisation keine guten Nachrichten. Denn bei der Neuverteilung der Mittelwellen-Frequenzen in seinem Heimatland konnte sich Caroline nicht die gewünschte 828 kHz sichern. Auch der Hoffnung, in Nordrhein-Westfalen die Lizenz für zwei Schwachsender (Jülich 702 kHz und Nordkirchen/Münsterland 855 kHz, je 5 kW) zu erhalten, müsse man sich nicht hingeben. Die an Viva-Radio vergebene, aber bis zum heutigen Tag ungenutzte Lizenz sei noch nicht zurückgegeben worden. Und dies erzwingen könne man nicht, da ein solcher Passus in der bei der Zuteilung gültigen Fassung des Landesmediengesetzes gefehlt hätte.
Den holländischen Offshore-Fan mag es allenfalls trösten, dass Radio Veronica wieder landesweit auf UKW zu hören ist. Das niederländische Radio Caroline werde sich künftig darauf konzentrieren, das englische Mutterhaus in Maidstone zu unterstützen. Sietse Brouwer: „Es gibt jetzt nur noch ein Radio Caroline.“ Neue Perspektiven böte das im August mit einem „Progressive Rock“-Programm gestartete Web-Radio Seagull, das am 20. September auch einen Abend lang über einen 100-kW-Sender aus Lettland auf Kurzwelle 9290 kHz u.a. mit Ex-Caroline-DJ Stevie Gordon lief.
Meistenteils blieb der Seesendergemeinde in Erkrath die melancholische Rückschau, unter anderem mit dem von Chet Reuter produzierten Video eines Boottrips zu den Forts in der Themsemündung. Von den im Zweiten Weltkrieg für die englische Luftabwehr errichteten Festungen, die auf Stelzen aus dem Meer ragen, sind nicht viel mehr als traurig vor sich hin rostende, bizarre Ungetüme übrig. Kaum vorstellbar, dass vor knapp 40 Jahren von dort Offshore-Stationen fröhlich den Rundfunk revolutionierten. Übrigens nicht nur mit jugendlicher Pop-Kultur, sondern wie im Fall von Radio 390 auch mit einem Musikprogramm, das die englische Hausfrau am Herd ansprach. Erst recht wenn Graham Gill, der zum zweiten Mal in Erkrath anwesend war, mit sonorer Stimme Mummys Knie weich werden ließ.

Heute mag Armin Mothes diesen Zeiten ein wenig hinterher seufzen. Denn die Freiheit, die er damals in Italien genoss, Radio nach seinen Vorstellungen zu machen, hat er in Deutschland nicht mehr gefunden. Dies ist auch einer der Gründe, weshalb er inzwischen wieder in seinem angestammten Beruf arbeitet: als Lateinlehrer.
Vielleicht wäre alles ja ganz anders gekommen, wenn das deutsche Seesender-Projekt Radio Nordsee International nicht so kläglich gescheitert wäre. Ulf Posé, der als 21-Jähriger 1968 bei den Vorbereitungen mit dabei war, ließ diese Zeit auf dem Radiotag sehr anschaulich Revue passieren. Der deutsche DJ-Verband DDO hatte damals unter seinen Mitgliedern ganz offiziell Moderatorenstellen ausgeschrieben. „100 bis 150 Leute hatten sich beworben“, erinnerte sich Ulf. Fünf wurden genommen, er war einer davon. Discotheken-DJs legten damals nicht nur Scheiben auf, sondern moderierten und animierten und machten Spiele mit dem Publikum, waren also eher Live-Entertainer als Musikteppichknüpfer.
Die „Galaxy“, das ehemalige Sendeschiff von Radio London („Big L“), sollte vor der deutschen Nordseeküste vor Anker gehen. Doch die Howald-Werft, die den Kahn zuvor ausrüsten sollte, schien das Projekt zu verschleppen. Denn mit viel Medienrummel lange vor der ersten Sendung war RNI in aller Öffentlichkeit. „Ein schwerer strategischer Fehler“, kommentiert Posé die frühe, zu frühe Publicity.
Während die „Galaxy“ in Hamburg am Kai lag, gingen die DJs schon an Bord und fanden dort nicht nur sendefähige Studios, sondern auch haufenweise Tonbänder und Cartridges vor, bespielt mit den Radio-London-Jingles. „Aus heutiger Sicht ist es unvorstellbar, aber wir haben alles gelöscht“, so Posé. Schließlich brauchte das deutsche RNI das Bandmaterial für seine eigenen Zwecke. Dachte er damals, um fünf Wochen nach dem Anheuern eines Besseren belehrt zu werden. Denn es war offenkundig nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die von den Zeitungsberichten aufgeschreckte Bundesregierung nach britischem Vorbild das Unterstützen eines Seesenders illegalisieren würde. Darum wurde das Projekt wieder abgeblasen. Und eine Station, die niemals auf Sendung ging, wurde der Startpunkt für Ulf Posés Radiokarriere, die ihn dann zum holländischen RNI und später zu Radio Luxemburg und zur WDR-„Radiothek“ führte.
Laut Teilnehmerliste hatten sich am Ende des Tages 34 Besucher auf diese Radio-Tour begeben. Im rustikalen Seminarraum der Sternwarte blieben diesmal einige Plätze frei. Und wer trotz derart gesteigerter Gewinnchancen bei der Tombola keine CDs oder T-Shirts abbekam, war nach diesem Radiotag mindestens um einige nostalgische Anekdoten reicher.
Björn Quäck
Links:
Fotoseite zum Radiotag von Martin van der Ven
Peter Messingfelds Bericht über den Radiotag
Radio Marabu
Radio Seagull
Vogelfreies Radio









