RADIODAY 2011: Die Morning-Show der Zukunft

Veröffentlicht am 23. Sep. 2011 von unter Deutschland

Expertengespräch mit Dennis Clark (KIIS), Ina Tenz (ffn), Sascha Zeus und Michael Wirbitzky (SWR3). Moderation Martin Liss (Energy) auf dem Radio Day 2011

Michael Wirbitzky, Sascha Zeus, Ina Tenz, Dennis Clark, Martin Liss auf dem Radioday 2011

Michael Wirbitzky, Sascha Zeus, Ina Tenz, Dennis Clark, Martin Liss auf dem Radioday 2011

Welche Kernkompetenzen sind für eine Morningshow unerlässlich? Wie können Radiosender die Gewohnheiten ihrer Hörer für morgendliche Primetime erfolgreich nutzen? Der US-Radiostratege Dennis Clark eröffnete mit einem Impulsvortrag die erste Keynote des RADIO DAY 2011 und gibt einen Ausblick auf die „Morgenshow der Zukunft“.

Ohne „Basics“ keine erfolgreiche Morningshow

Für den amerikanischen Radiostrategen Dennis Clark sind nach wie vor die „Basics“ für den Erfolg einer Morningshow entscheidend: Kennt der Sender seine Zielhörerschaft bzw. gar seinen Zielhörer genau? Passt die Morgensendung zum Gesamtimage des Senders? Ist der Moderator authentisch und gelingt es ihm Nähe zum Hörer aufzubauen? Sind die Themen und die Inhalte für den Hörer stets relevant? Um auch in Zukunft eine erfolgreiche Morningshow zu produzieren und Hörer langfristig zu binden, sollten sich Radiosender ganz bewusst mit ihren „Basics“ auseinandersetzen und diese optimieren.

Eine Morningshow lebt von Persönlichkeiten

Neben einer guten Strategie ist die Persönlichkeit des Moderators besonders ausschlaggebend für ein erfolgreiches Sendeformat. Denn: „Durch sie wird die Schlacht am Morgen gewonnen und dazu brauchen wir echte, anfassbare, glaubwürdige Moderatoren-Persönlichkeiten, die ihr Leben mit den Hörern teilen“ so Clark. Der Sprecher muss zur Zielgruppe passen und die Hörer immer wieder neu für sich gewinnen. Durch ihn wird Nähe zum Hörer transportiert. Das gelingt nur durch echte Emotionen und Menschlichkeit. Der Moderator muss auch etwas von sich preisgeben, Geschichten des Alltags erzählen können. Ohne Authentizität bleibt jedes Programm farblos.

Die Kenntnis des Zielhörers ist entscheidend

Der Lebensstil, die täglichen Gewohnheiten und Wünsche der Hörer haben einen großen Einfluss auf das Hörverhalten und dürfen bei der Senderpositionierung nicht unberücksichtigt bleiben. Um mehr Details über die Kernzielgruppe zu erfahren, nutzen die Vereinigten Staaten die neue, digitale Meßmethode „PeopleMeter“ (PPM). Damit lässt sich das Einschaltverhalten situationsgenau nachverfolgen und Rückschlüsse auf das Hörerverhalten ableiten. Clark setzte diese Methode auch für die Optimierung der US-Morgenshow von Ryan Seacrest (KIIS) ein. „Es ist wichtig, genau verstehen zu lernen, wer die Show wann einschaltet und wie die Show zum Leben der Hörer passt“, appelliert Clark. Der Sender KIIS entwickelte außerdem ein fiktives Profil für seine potenzielle Zielhörerin „Christina“, auf die Programminhalte und Ziele kontinuierlich abgeglichen werden.

Kontinuierliche Impulse fürs Einschalten oder Dranbleiben

Die Erfahrungen aus der Peoplemeter-Messmethode zeigen: Content und Ansprache müssen vorrangig auf die potenzielle Zielhörerschaft und ihren Lifestyle bzw. Tagesablauf zugeschnitten werden. Um dauerhaftes Interesse bei den Hörern zu wecken, gilt es insbesondere schlechten Content zu identifizieren, denn dieser ist eine Hauptursache für den Senderwechsel. Und der zeigt sich bei den PPM-Zahlen exakt für jede Moderation, jeden Song oder Nachricht. Um zur Basisstation des Hörers zu werden, ist Langeweile ein absolutes No Go. Man erreicht Hörer durch Animation und Unterhaltung sowie den richtigen Mix aus Musik und Informationen. Es müssen ständig Gelegenheiten und Impulse angeboten werden dranzubleiben oder wieder einzuschalten. Denn: Kurzhören ist in Ordnung, solange es gelingt, den Hörer zum Zurückkommen zu animieren. Da das Hörerverhalten am brüchigsten bei starren Themenwechseln wie Werbeeinblendungen oder dem Übergang von Nachrichten verläuft, ist ein nahtloser Übergang besonders wichtig. Eine kurze „Einsatz-Zusammenfassung“ der Themen und Inhalte nach Songs oder Unterbrechungen kann Abhilfe schaffen.

Interaktivität zählt heute noch mehr

Interaktivität ist heute noch wichtiger als vor 5 Jahren. Im Zeitalter der YouTube- und Twittermentalität sollte jeder Sender im Hinterkopf haben, welche Sendungsinhalte gleichzeitig auf Social Media Kanälen genutzt werden können und die Kontaktmöglichkeiten zum Sender auf unterschiedlichen Kanälen deutlich machen – und so den Hörer auch ans Programm zu binden bzw. zurück zu holen. Denn wer einmal weg geschaltet hat, braucht im Schnitt eine Stunde, um zurück zu kommen (PPM-Ergebnis) Allerdings sind die klassischen Interaktionsmöglichkeiten nicht zu unterschätzen. So gehört das Telefon für Clark nach wie vor dazu, um persönlichen Kontakt zu den Hörern während der Sendezeit aufzubauen.

Wovon machen deutsche Programmexperten und Morningshosts den Erfolg einer Morningshow abhängig und wie finden sie Talente? Martin Liss diskutierte im Anschlussgespräch zusammen mit Dennis Clark, Ina Tenz (Programmdirektorin ffn), Sascha Zeus und Michael Wirbitzky (Morgenmoderatoren SWR3) Erfolgskonzepte am deutschen Markt:

Was führt eine Morningshow zum Erfolg?

„In der Morningshow der Zukunft ist ein Moderator weit mehr als die Musik, die er spielt, eröffnet Martin Liss. „Kein Erfolg ohne „Kontinuität“ und Emotionalität“, nimmt Ina Tenz die Diskussion um die Personality in Morgenshows auf. Der Erfolg von ffn-Morningman Franky begründe sich auf seinem guten Gespür für Menschen und ihre Emotionen. Gleichzeitig sei es aber auch harte Arbeit. „Man darf nicht aufhören sich neu zu erfinden, die eigene Sendung immer wieder neu zu entdecken, gehört zu den größten Herausforderungen“, so Tenz. „Bei langjährig erfolgreichen Formaten sind Kreativität, Durchhaltevermögen und Unterstützung wichtig, nur so kann es gelingen, eine Persönlichkeit auf lange Sicht mit einem Sendungsformat zu vereinen.“

Die Deutschen Radiopreis-Gewinner Sascha Zeus und Michael Wirbitzky von SWR3 begründen ihren Erfolg mit ihrer Authentizität. „In unserer Show bilden wir tagtäglich das normale Leben ab, dabei nutzen wir gern Anekdoten aus unserem Leben mit der Familie. Natürlich darf es dabei auch mal witzig und fröhlich sein das liegt einfach in unserem Naturell“, sagt Michael Wirbitzky. Doch braucht eine Morningshow tatsächlich in erster Linie Witz und Comedy um erfolgreich zu sein, oder ist das ein überholter Mythos? Ina Tenz ffn „Uns ist es wichtiger, durch Aktionen über die man spricht, Hörer zu erreichen als verkrampft auf Witzigkeit zu setzen. Es muss einfach passen, sonst wirkt es aufgesetzt“ meint Ina Tenz. Auch Dennis Clark teilt die Meinung der Programmdirektorin: „Bei Ryan Seacrast ist Komik eher zweitrangig. Die Hörer schätzen seine Ansichten zu aktuellen Themen. Das Naturell des Moderators steht dabei an erster Stelle.”

Wo findet man heute echte Persönlichkeiten?

Das Finden von Talenten stellt Radiosender immer wieder vor große Herausforderungen. Für Ina Tenz zählt dies zu den anspruchvollsten Aufgaben: „Talente ausfindig zu machen, gelingt meist nicht von heute auf morgen. Ich schaue meist in den eigenen Reihen zum Beispiel bei unseren Volontären. Castings führen in den wenigsten Fällen zum Erfolg und sind in der Regel Glückssache.“

Ohne Coaching und Freiräume keine Personality, meint Michael Wirbitzky. „Coaching ist gut, junge Talente müssen aber auch die Möglichkeit haben, sich auszuprobieren und auszuleben.“ „Zur Personality gehört außerdem Selbstakzeptanz, daher gehört ein gewisses Alter und Reife dazu“ ergänzt Sascha Zeus. Dennis Clark unterstreicht, „es gibt nicht den Weg, man muss die Augen offen halten, Radio hören und kritisch hinterfragen, ob die Persönlichkeit zum Sender passt. Es ist ein unglaublich komplexer Prozess.“

Last but not least: Was sind Wünsche für die Morningshow der Zukunft?

„Mehr Mut zu lebensnahen Themen, die unter Umständen auch kritisch sind und tiefere Emotionen bei den Hörern wecken“, wünscht sich Sascha Zeus. Besonders wichtig wäre ihm, darauf zu achten, keine Angst vor einer Überforderung der Hörer zu haben und „nur an der Oberfläche zu kratzen“ Und außerdem: weniger Bon Jovi im deutschen Radio“.

Michael Wirbitzky bringt seine Wünsche direkt auf den Punkt: „Research ist wichtig, dennoch darf es an Haltung, Herz und Emotionen nicht mangeln! Man kann nicht um jeden Preis gefallen.“ Ina Tenz definiert für die Morningshow der Zukunft folgende Anforderung: „Anerkennung, Respekt und Mut sollten bei keiner Moderation fehlen. Innerhalb der Sender wünsche ich mir Teamgeist und Einfühlungsvermögen für ein produktives miteinander.“ Dennis Clark ergänzt um die rationalen Komponenten, denn ohne die keine Morningshows. „Budget, Budget, Budget“ lautet seine Empfehlung für die morgendliche Primetime.

 

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