Eifeler Radiotage: Hörfunkleidenschaft aus dem Bunker 

Veröffentlicht am 13. Nov. 2019 von unter Deutschland

Ruhe-Leuchtschild (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

„Wir geben Ihnen die genaue Zeit: In acht Sekunden ist es achtzehn Uhr!“ Nachrichtensprecher Jürgen Kolb schlägt auf einen kleinen Gong, der am Studiotisch angebracht ist. „Achtzehn Uhr! Hier sind die Eifeler Radiotage, wir bringen Nachrichten“ kündigt er an – und fährt mit den Meldungen des Tages fort. Im Regieraum auf der anderen Seite der Studio-Glasscheibe grinsen Techniker, Redakteure und Moderatorinnen und Moderatoren dem ehemaligen HR-Nachrichtensprecher entgegen. Kolb bekommt die aktuellen Fußballergebnisse reingereicht und liest Staumeldungen vor, nachdem der schrille Hinztriller die Verkehrsmeldungen ankündigt.

Verkehrsfunk-Signal "Zonendödel" (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Verkehrsfunk-Signal “Zonendödel” (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Plötzlich ist die analoge Radiozeit wieder ganz real, während parallel das nächste Tonband mit der Musik für die folgende Sendestunde vorbereitet wird. Denn die Musik kommt ausschließlich von Schallplatte oder Tonband.

Jürgen Kolb im Studio, Andreas Knedlik in Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Jürgen Kolb im Studio, Andreas Knedlik in Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Rund 20 Radiomacherinnen und Radiomacher aus ganz Deutschland sind am 9. und 10. November in den kleinen Ort Kall-Urft in der Eifel gekommen. Denn Kall hat ein Geheimnis, gelegen in einem Berg: Hier befindet sich der ehemalige „Ausweichsitz“ der Landesregierung Nordrhein-Westfalens.

Bunkereingang (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Bunkereingang (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Im Falle eines Angriffs im Kalten Krieg hätten sich hier die damaligen Top-Beamten des Landes in Sicherheit gebracht – zusammen mit einer Hand voll Hörfunkkollegen. Denn neben Schlaf-, Konferenz- und Kommunikationsräumen ist hier auch ein kleines, damals ebenfalls geheimes Radiostudio untergebracht. Von hier aus sollte die Bevölkerung über den Stand der Lage informiert werden.

Radiotechnik aus den 1960ern (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Radiotechnik aus den 1960ern (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Mit hochwertigen Mikrofonen, Tonbandmaschinen und Röhrentechnik – eben im Stil der 50er und 60er-Jahre. Doch das Studio ging glücklicherweise nie auf Sendung und geriet in Vergessenheit. 

Über 30 Stunden Liveprogramm

Mit den „Eifeler Radiotagen“ änderte sich das. Schon im Sommer gab es ein erstes Radiowochenende von hier, nun sind noch mehr Radiobegeisterte in die Eifel gekommen. Über 30 Stunden Programm sind entstanden, bis auf einzelne Feature-Stunden komplett live, um das Jubiläum des Mauerfalls zu feiern. Etwa mit der Sendung von Dagmar Fulle, Moderatorin und Autorin beim Hessischen Rundfunk. Sie präsentierte vier Stunden lang ihre Musiksendung „die warmen Seiten des Kalten Krieges“ und lieferte damit den Soundtrack zum Abend des Mauerfall-Jubiläums. 

Hörerfeedback aus der ganzen Welt 

Zu hören war das Programm im Kreis Euskirchen über die Veranstaltungsfunk-Frequenz 95.5 MHz, weltweit im Internet und in weiten Teilen Europas auf Kurzwelle 6030 kHz, ausgestrahlt über den ehemaligen Sendestandort Junglinster in Luxemburg, der einst grenzüberschreitend junge Menschen mit moderner Popmusik versorgte. 

Susan Zare am Mikrofon, Stefan Eberthaeuser in Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Susan Zare am Mikrofon, Stephan Ebertshäuser in Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Euphorisch übergibt Dagmar Fulle nach Ende ihrer Sendung an die Nachtschicht – denn das Team von „Radio Grenzenlos“ hat schließlich ein Vollprogramm geplant. Auch zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens laufen Beiträge, werden Hörerkommentare vorgelesen (die aus ganz Deutschland, vielen europäischen Ländern und sogar Kanada eintreffen) sowie Wende- und Radioanekdoten erzählt, bis dann der Moderator des Morgenmagazins und Initiator des Projektes Christian Milling ins Studio kommt.

Stefan Ebertshäuser, Ulrich Bessler und Christian Milling in der Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Stephan Ebertshäuser, Ulrich Bessler und Christian Milling in der Regie (Bild: ©Eifeler Radiotage / Daniel Kähler)

Weitere Sendungen gestalteten inhaltlich und technisch Werner Reinke, Hans Neuhaus, Birgit Lechtermann, Frank Schomber, Volker-Andreas Thieme, Markus Fischer, Sylvia Rohr, Ulrich Bessler, Martin Schlabs, Susan Zare, Andreas Knedlik, Daniel Kähler, Rudi Kauls, Burkhard Baumgartner, Philipp Witt, Wolfgang Müller, Stephan Ebertshäuser und Erich Wartusch. Schlaf, frische Luft und Tageslicht gibt es für alle Beteiligte nur wenig an diesem Wochenende. Dafür aber das Gefühl, für zwei Tage ganz großes Radio gemacht zu haben – aus dem wohl ungewöhnlichsten Studio in Deutschland. 

Ein Beitrag des Teams der „Eifeler Radiotage 2019“.  

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