Christian Brenner: Hitwelle Erding auf Expansionskurs

Veröffentlicht am 14. Dez. 2005 von unter Deutschland, News

Hitwelle Erding ist zwar der jüngste Privatsender Bayerns, aber auch einer der Erfolgreichsten. Jetzt expandiert der Lokalsender aus dem Nordosten Münchens auch in die Nachbarstadt Freising. RADIOSZENE im Gespräch mit Geschäftsführer Christian Brenner.

RADIOSZENE: Herr Brenner, Sie sind Gründungsgeschäftsführer der Hitwelle Erding. Wie war es für Sie im Jahr 1999 möglich noch eine Radiolizenz in Bayern zu erhalten, und noch dazu als „Nichtverleger“? Waren die Radiomärkte Bayerns nicht schon aufgeteilt?

Brenner: Es war nicht möglich. Zumindest wurde mir das von allen, die sich in der Branche auskennen, erklärt. Wenn ich damals zur BLM gegangen wäre mit der Bitte „ich hätte gerne in Erding die UKW-Frequenz 87.9“, (87.9 MHz, Erding, 100 Watt war damals seit Jahren koordiniert, Anm. der Red.) wäre die Antwort gewesen „wer sind Sie überhaupt?“.

Wir mussten als No-Name also erst einmal zeigen, dass man sich auf uns verlassen kann. Der damalige Antrag für ein reines Kabelradio in Isen und Dorfen (Landkreis Erding, Anm. der Red.) war dann so klein, dass man wohl aus Mitleid nicht Nein sagen wollte. Ich kann mich noch gut an das Schmunzeln und Raunen in der Medienratssitzung erinnern. Ich glaube die haben alle gedacht: Die armen Irren, ein Kabelradio für 1000 Haushalte. „Die einen gehen halt zum Kegeln, die anderen machen ein lokales Kabelradio auf“, hat mir mal jemand gesagt. Und so falsch war das nicht, es war ein Hobby mit der ganz geringen Chance, dass etwas Größeres draus wird. Und so sendeten wir mit einer selbst entwickelten MP3-Software und 2 Sendungen pro Woche à 2 Stunden ein Lokalradio. Mit 3000 Mark Monatsumsatz waren wir in der Gewinnzone und die Hörer fanden es sensationell, in so einem kleinen Ort ein eigenes Radio zu haben.

Christian Brenner (Hitwelle)

Christian Brenner (Hitwelle)

„Hitwelle Isental“ war auf Sendung. Das ganze war ein Pilotversuch. Nach 2 Jahren wollten wir ins Kabelnetz Erding. Die BLM machte eine Ausschreibung für „BK Netz Markt Schwaben“, da steht nämlich die Kopfstation für Erding. Ein weiteres Mal schüttelte die Branche den Kopf und keiner außer uns und unserem Kabelnetzbetreiber KMS bewarben sich. In Erding war man begeistert. Wenn da nicht das unliebsame Kabel wäre. „Warum sendet ihr denn nicht richtig?“. Mit einem täglichen Nachmittagsmagazin und vielen lokalen Beiträgen war das Programm dann schon fast ein richtiges Radio. Die BLM war positiv überrascht. Es läuft ja doch. Und aufgrund der vielen Anfragen auch der Erdinger Bevölkerung und der Wirtschaft bot man uns an, unser Kabelradio für 2 Jahre auf der UKW-Frequenz in Erding auszustrahlen. Der Pilotversuch sollte zeigen, ob ein Sender mit einer technischen Reichweite von 40.000 Personen wirtschaftlich funktionieren kann.

RADIOSZENE: Wie kann man in einem doch relativ kleinen Markt wie Erding ein gesundes Lokalradio mit über 20 Mitarbeitern betreiben?

Brenner: Bis vor kurzem waren wir 15. Das hat mehrere Gründe. Sicher ist unser Gebiet, Nähe des Münchner Flughafens ein guter Platz für ein Lokalradio. Als positiver Spitzenreiter mit 3% Arbeitslosenquote ist die Wirtschaftsregion Erding/Freising ein optimaler Faktor für den Werbeverkauf. Außerdem nutzen wir viele Synergie-Effekte. 5 Mitarbeiter arbeiten bei der Technik-Firma Satelli-LINE, derzeit 100%-Gesellschafter von Hitwelle. Satelli-LINE betreut eine Reihe großer Unternehmen, wie T-Systems, Kabel BW oder die BLR mit Technik und Software.

Die Konstellation ist so optimal: Viele unserer eigenen Software-Entwicklungen helfen uns das Personal optimal einzusetzen. Wir moderieren zwar 9 Stunden am Tag live, doch eine Reihe von Routineaufgaben sind automatisiert. Die Redaktion kann sich also noch besser um das Programm kümmern. Die Tatsache, dass Satelli-LINE gut im Geschäft ist, machen natürlich Investitionen in die Hitwelle einfacher. Unsere beiden Firmen leben ohne Bankkredit, es ist alles eigen finanziert. Radio Hitwelle schreibt übrigens von Anfang an zumindest eine schwarze Null.

Umgekehrt ist es für Satelli-LINE gut, die Software-Entwicklungen aus der Sicht der Praxis zu machen, weil wir selbst täglich sehen worauf es ankommt. Das hilft mir auch sehr bei meiner Tätigkeit bei der BLR, wo ich eben die Sicht der Kunden als Senderbetreiber genau kenne (Brenner ist seit 2003 technischer Leiter des Radio-Syndicaters BLR & RadioDienst in München, Anm. der Red.).

RADIOSZENE: Wie war das mit der Ausschreibung, wusstet Ihr denn, dass Hitwelle weiter senden darf? Warum wurde überhaupt ausgeschrieben?

Brenner: Unsere Lizenzlage war ja etwas verworren. Die Hitwelle GmbH hatte eine reguläre 8-Jahres-Lizenz im Kabelnetz Erding/Dorfen/Isen. Die beiden Gesellschafter Satelli-LINE GmbH und KTV/KMS GmbH hatten eine Pilotlizenz für die UKW-Frequenz 87.9, die übrigens nie ausgeschrieben wurde. Dann kam im Dezember 2004 die 500-Watt-Frequenz für den östlichen Landkreis Erding hinzu, das war zunächst nur ein Strahlungsversuch. Und wir wollten in Freising senden, da gab es eine seit Jahren koordinierte Frequenz 95,0. Im August 2004 haben wir da einen Strahlungsversuch gemacht. Die Sendeanlage hatten wir damals übrigens selbst aufgebaut und betrieben.

Unser Mitgesellschafter der ersten Stunde, die KTV mit der Mutter KMS war ein reiner Kabelnetzbetreiber. Damals als Kabelradio hat das für die Sinn gemacht, nun mit den neuen Plänen passte es nicht mehr in deren Firmenstrategie. Die Satelli-LINE hatte deshalb die Anteile von 40% der KTV abgekauft und war nun alleiniger Gesellschafter. Und da dort nur ich Gesellschafter bin, war das medienrechtlich auch keine optimale Lösung mehr. Ein Standort, ein Sender, eine Person. Die BLM hat uns gesagt wir müssen das nun neu aufstellen und das geht nur über eine Ausschreibung.

RADIOSZENE: Also eher ein Fake, diese Ausschreibung?

Brenner: Nein, sicher nicht. Natürlich hatten wir sehr gute Chancen, dass wir weiter dabei sind. Ich hatte schon das Vertrauen, dass die BLM uns nicht den Stecker ziehen wird. Noch dazu wo man uns dort als Mustersender sieht. Viele in der Branche erklären ja gebetsmühlenartig, dass kleine Einheiten nicht funktionieren. Da denke ich, sagt man bei der BLM gerne: Schaut doch nach Erding, da geht’s doch sogar extrem klein. Und wir hatten ja wirtschaftlich und bei den Hörern Erfolg. Hitwelle war bereits im 1. Sendejahr die Nummer 1 aller in Erding empfangbarer Privatsender. Und wir sind ja komplett vom Münchner Sendegebiet umschlossen, also Antenne Bayern, Arabella, Gong 96.3, Energy, Charivari usw. sind unsere direkten Mitbewerber.

Nochmal zur Ausschreibung: Als ich dann die Bewerberliste sah, unter anderem Arabella und Charivari München bin ich etwas erschrocken. Was wäre aus der Hitwelle geworden, wenn wir nur noch einen kleinen Anteil an einem Arabella Erding hätten? Die Angst war aber dann unbegründet, die neue Konstellation ist eigentlich unsere Wunschlösung.

RADIOSZENE: Was ändert sich denn alles ab 15. Dezember, was ändert sich nicht?

Brenner: Wir haben in den vergangenen Monaten viel geändert. Das Team wurde bereits zur Jahresmitte aufgestockt. Das war sicher mutig, wo es ja noch keine offizielle Entscheidung gab. Aber nach der ersten Anhörung durch die BLM hatten wir einfach ein gutes Gefühl, dass wir das Rennen machen. Das lag auch daran, dass Arabella und Charivari nur ein kleines Fenster aus München nach Erding senden wollten. Damit wurde schon bei der Anhörung klar, dass das für die BLM die zweitbeste Lösung ist. Aus der Region gab es sonst keine Bewerber, die etwas Eigenes machen wollten, sondern nur Mitmachen. Nachdem Hörfunkauschuss und Medienverein zugestimmt haben, können wir davon ausgehen, dass der Medienrat dies am 15.12. bestätigen wird. Ein Sendestart am gleichen Abend war natürlich ein sportlicher Zeitplan, worüber ich gerade in den letzten Tagen öfter mal gestöhnt habe. Aber wir schaffen es.

Die neue Gesellschafter-Struktur ist dann folgende: Satelli-LINE behält 69,9%, neu dazu kommt die FS Domberg Radio GmbH & Co. KG. In Freising gibt es einen Domberg, daher der Name. Domberg bündelt mehrere Gesellschafter, u.a. die Fa. Imcom. Diese hält ein paar Prozent an Antenne Bayern, aber auch an Radio 106.4, die nun ja Top FM heißen in Fürstenfeldbruck. Incom ist ein finanziell sehr starker Partner. Das ist strategisch für uns durchaus sympathisch. Und 5% geht an die Fa. WildCat Erding. Der Inhaber Thomas Albrecht ist unser Marketing-Chef. Es ist eine schöne Sache, einen wichtigen Partner nun noch enger einzubinden, indem er jetzt selbst Unternehmer bei Hitwelle ist.

Dann gab es nochmal eine Schrecksekunde: Beworben hat sich auch die katholische Kirche, also der Sankt Michaelsbund. Ich hörte schon die Sonntagssendung von 8 bis 12 mit Orgelmusik aus der Kirche. Umso erfreuter war ich über die uns angebotene Lösung: Eine Zulieferung von einem 90-Sekünder pro Woche und bei Bedarf Meldungen für unsere Lokalnews. Das ist sogar eine Bereicherung fürs Programm. Wir müssen zwar dafür bezahlen, der Preis ist aber sehr fair.

Am 15.12. um 18 Uhr starten wir auf der Frequenz 95,0 unser Programm in Freising.

RADIOSZENE: Ist denn das Programm identisch mit Erding? Gibt es ein Studio in Freising?

Brenner: Das war eine lange Überlegung. Es gab ja einige Modelle. Ein Programm einheitlich aus Erding, ein Programm mit Lokalisierung aus Erding, zwei vollkommen getrennte Sender oder eine Zwischenlösung. Die Alles-Aus-Erding wäre natürlich die günstigste Lösung gewesen. Doch wer die Region kennt, weiß: das kann nicht gehen. Erding und Freising sind zwei eigenständige Städte. Ein Erdinger Programm mal eben nach Freising senden hätte dort nicht viel Freude erzeugt. Und da wir im Moment so lokal sind, wäre es auch ganz schwer, den Moderatoren künftig zu verbieten „wenn ich hier am Schrannenplatz aus dem Fenster sehe…“ zu sagen. Wir haben nun zwei Standorte, in Freising also nochmal ein 150-qm-Büro gemietet und ein digitales Sendestudio aufgebaut. Es wird künftig eine Hälfte der Sendungen aus Erding kommen, die andere Hälfte aus Freising, jeweils für beide Gebiete. Und das gesamte Programm wird immer wieder auseinander geschaltet, z.B. für Werbung oder die Lokalnachrichten. Einige wenige Sendungen, wie Sport am Sonntag, werden komplett getrennt laufen.

RADIOSZENE: Wie macht Ihr das mit den Lokalnachrichten? Die sind bei Euch ja nun Bestandteil der Weltnachrichten.

Brenner: Darf ich etwas Werbung für meinen 2. Arbeitgeber die BLR machen? Wir sind nach Kunden, wie Gong München und Jam FM Berlin, der erste kleine Sender, der dieses neue Produkt nutzt. Ich will jetzt nicht zu viel loben, denn die Software wurde bei uns in Erding entwickelt. Es funktioniert so: Wir liefern tagsüber stündlich die Texte für die Lokalmeldungen zur BLR, getrennt nach Sendegebiet Erding und Freising. Der Nachrichtensprecher in der BLR liest neben den Meldungen für alle auch eine Reihe lokaler Meldungen ein, unter anderem die, für die Hitwelle. Immer kurz vor der vollen Stunde. Dann werden per Software für jeden Sender individuell die Nachrichten zusammengesetzt. Bei uns z.B. die Lokalmeldung zuerst, dann Bayern Deutschland und die Welt.

Wir bekommen individuelle Trenner und das Musikbett alles fertig zusammen gesetzt per FTP. Es ist ja selten, dass man viel Lob von Hörern bekommt, aber als wir das Mitte November eingeführt haben, gab es echt viel Echo. „Eure Nachrichten sind ja nun viel besser“. Es waren allerdings fast die gleichen, nur besser verpackt und mit einer lokalen Meldung vorne dran. Da ist viel gefühlte Wahrheit dabei, denn in der Funkanalyse haben wir als kleiner eine schlechte Note für die Weltnachrichten. Arabella liegt da weit vor uns. Und die hatten die exakt gleichen Nachrichten von der BLR. Nach dem Motto, so ein kleiner kann das ja nicht gut machen können. Nachts und bei aktuellen Ereignissen kommen die News live per Satellit. Nachts deshalb, weil wir da auch Wetter und Verkehr von der BLR übernehmen. Ist zwar manchmal etwas merkwürdig, wenn wir in Erding den Stau in Hof melden, aber so haben wir rund um die Uhr auch Verkehr.

Die Lokalnews um halb, die wir früher selbst gemacht haben, gibt’s nun in der Form nicht mehr. Das war auch nicht einfach, denn so extrem viel passiert nun auch nicht in Erding. Wir haben ganze Ausgaben wiederholt und das fällt dann schon auf. Eine Meldung pro Stunde passt besser. Und das hohe Niveau der BLR-Sprecher konnten wir auch nicht bei allen Kollegen in Erding erreichen. Jetzt können eben auch mal Kollegen die News machen, die OnAir dafür noch nicht so weit sind, aber redaktionell es schon drauf haben.

RADIOSZENE: Sehen Sie in Bayern noch Chancen für ähnliche Lokalradiolizenzen wie die von Hitwelle Erding? Welche Ziele haben Sie sich noch für die weitere Entwicklung der Hitwelle gesetzt?

Brenner: Das wird ganz schwierig, denke ich. Wir hatten einfach auch eine große Portion Glück. Denn Erding/Freising hatte ja bisher nichts. Naja stimmt auch nicht ganz, Radio Arabella hat als Versorgungsauftrag München/Erding/Freising/Ebersberg. Die kümmerten sich schon auch um die Region. Aber wer 2 Mio Hörer in München hat, wird diese nicht durch dauernde Lokalmeldungen aus Erding nerven wollen.

Alle anderen Landkreise in Bayern sind fest verteilt an Lokalradios. Das Fehlen eines echten Lokalradios in Erding und Freising hat unser Entstehen überhaupt erst ermöglicht. Für Hitwelle ist aber aus diesem Grund auch das Ende des Wachstums absehbar. Wir wollen in beiden Landkreisen versuchen noch ein paar kleine Füllsender koordiniert zu bekommen. Diese wollen wir dann auch technisch selbst betreiben, anders rechnet sich das nicht. Ideen für neue Projekte gibt es viele, das wird aber dann außerhalb der Hitwelle sein.

Jetzt freuen wir uns erstmal auf den Sendestart. Die letzten Monate war bei uns im Sender eine super Stimmung. Viele Sender denken ja nur noch ans Sparen und Reduzieren. Der Neustart macht allen riesigen Spaß.

RADIOSZENE: Herr Brenner, vielen Dank für das ausführliche Gespräch.

hitwelle_lokalradio

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