ARD-Schlagerradios feiern Geburtstag: „Durchweg positives Echo“

Veröffentlicht am 30. Jun. 2017 von unter Deutschland, Musik

Vor fast einem Jahr starteten die Mehr-Länder-Anstalten Norddeutscher Rundfunk (NDR) und Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) neue Schlagerformate. Zwar senden NDR Plus (in Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern sowie Hamburg) und MDR SCHLAGERWELT (für Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen) terrestrisch „nur“ über den digitalen Verbreitungsweg DAB+, doch scheint sich die Fangemeinde inzwischen mehr und mehr mit den Angeboten und der neuen Technik anzufreunden.

Bayern plusVorbild für die Einführung war offenbar das überarbeitete Konzept von Bayern Plus, das seit dem 2. Februar 2015 mit einer klaren Fokussierung auf Schlager als Vollprogramm des Bayerischen Rundfunks aus dem Studio Franken bayernweit zu hören ist. Und dies mit großem Erfolg beim Publikum: zwar wird das Programm aus methodischen Gründen noch nicht offiziell in der Reichweitenuntersuchung Media-Analyse (ma) gelistet, doch sollen sich laut eigenen Statistiken die Hörerzahlen sehr zur Freude der Verantwortlichen am Münchner Rundfunkplatz prächtig entwickeln. Das Konzept von Bayern Plus ist kein Geheimnis: neben einigen fremdsprachigen Evergreens und Instrumentaltiteln liegt der absolute Schwerpunkt (rund 70 Prozent) bei deutschsprachiger Schlagermusik – vom „Liebesleid“ des Peter Alexander, über Hans Hartz bis zum aktuellen Popschlager der Marke Helene Fischer. Alles fein austariert und mit Bedacht zusammengestellt. Zudem verpackt mit einer guten Anzahl an Titeln aus der Produktion bayerischer beziehungsweise alpenländischer Musikschaffender.

Die Musikausrichtung von NDR Plus ist vergleichsweise strukturiert, beinhaltet neben „dem Besten aus 50 Jahren Schlagergeschichte“ auch einen hörbaren norddeutschen, respektive maritimen Einschlag – und lässt in jeder Stunde mit beliebten Instrumentaltiteln gezielt eine Spezies zum Einsatz kommen, die in den Programmen norddeutscher Radiosender in dieser Mischung zuletzt so nahezu ausgestorben schien.

MDR SCHLAGERWELT geht gar einen Schritt weiter und bietet den Hörern (neben einigen wenigen instrumentalen Stücken) rund 95 Prozent an deutscher Musik – ganz ohne fremdsprachige Titel. Dafür mit zahlreichen beliebten Künstlern aus dem unmittelbaren Sendegebiet Ostdeutschland.

Die neuen DAB+ Angebote geben den ARD-Anstalten die Gelegenheit wieder auf Hörerfang nach zuletzt abtrünnig gewordenen Zielgruppen zu gehen. NDR und MDR hatten deutschsprachige Schlager seit Mitte der 2000er sukzessive aus den Musikabläufen von NDR 1 beziehungsweise MDR 1 gestrichen – und sahen sich hierfür mit teils erboster Kritik der enttäuschten Hörerschaft konfrontiert. Die Sender begründeten die Verbannung der Schlager aus den Regionalprogrammen mit einer rückläufigen Akzeptanz bei ihren regelmäßigen Publikumsbefragungen. Dort sei das Votum für das Genre auf der Beliebtheitsskala über die Jahre immer weiter nach unten gerutscht.

Dennoch scheint der generelle Zuspruch für deutschsprachige Schlager in weiten Kreisen der Bevölkerung noch immer gegeben. Dies  dokumentieren unter anderem die regelmäßigen Top-Platzierungen in den Verkaufs-Charts für die Alben einer ganzen Reihe von Interpreten – wie Helene Fischer, Santiano oder Andrea Berg. Aber auch die weiterhin (vergleichsweise) hohen Einschaltquoten einschlägiger Shows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen und gut besuchte Konzerte für die Protagonisten der Schlagerszene sind Indiz für eine anhaltende Beliebtheit.

In den Airplay-Bestenlisten sucht man unter den Top 100 meist vergeblich nach Schlager-Hits. Was auch dem Gewichtungsverfahren (für manche Programme liegen es noch keine offiziellen MA-Reichweiten vor) sowie der Tatsache geschuldet ist, dass aktuelle Schlager bei den Programmen im Tagesverlauf weit weniger hoch rotieren als ihre „Verwandten“ aus den Bereichen Pop, Rock, HipHop oder Dance bei den hitlastigen AC- und Jugend-Wellen. Die Verantwortlichen der Schlager-Radios setzen bei der Musikplanung weniger auf intensives Powerplay für die Titel ihrer aktuellen Playlisten, eher auf große Vielfalt über umfangreiche Titelpools mit tausenden von Stücken.

Allerdings fehlt es dem Genre seit geraumer Zeit einfach auch an breitenwirksamen Gassenhauern mit dem hohem Wiedererkennungswert früherer Jahre – Hit-Singles wie „Atemlos durch die Nacht“ sind im Schlagersektor derzeit die Ausnahmen. Das Gros der Neuveröffentlichungen klingt musikalisch eher austauschbar und textlich nicht immer gerade wirklich originell.


Bei RADIOSZENE ziehen ein Jahr nach Sendestart der NDR Plus-Musikverantwortliche Klaus-Peter Otto und Matthias Gehler, als Hörfunkchef des MDR-Landesfunkhauses in Thüringen auch zuständig für MDR SCHLAGERWELT, unisono ein durchweg positives Fazit.

RADIOSZENE: NDR Plus ist fast ein Jahr auf Sendung. Wie fallen die Reaktionen der Hörer auf das Programm aus?

Klaus-Peter Otto (Bild: ©NDR/Christian Spielmann)

Klaus-Peter Otto (Bild: ©NDR/Christian Spielmann)

Klaus-Peter Otto: Die Hörerresonanz ist durchweg positiv. Der Mix aus alten und neuen Schlagern, gemischt mit norddeutscher Musik, Instrumentaltiteln und einigen internationalen Evergreens kommt gut an. Konkrete Zahlen – etwa aus einer Media-Analyse – liegen uns noch nicht vor.

RADIOSZENE: Welche Erfahrungen konnten Sie in dieser Zeit mit DAB+ sammeln?

Klaus-Peter Otto: Der Handel meldet, dass immer mehr DAB+ Geräte verkauft werden. Allerdings können wir leider daraus keine Rückschlüsse ziehen, aus welchen Gründen sich die Hörerinnen und Hörer ein DAB+ Radio zulegen. Ob dabei die größere Vielfalt der Programme, die bessere Klangqualität oder NDR Plus eine Rolle spielt, können wir nicht sagen. Da der Umgang mit den Radiogeräten mindestens genau so einfach ist wie mit herkömmlichen Radios, (meistens sind sie sogar einfacher zu bedienen) haben wir auch hier keine negativen Rückmeldungen zur Bedienbarkeit.

RADIOSZENE: NDR Plus beinhaltet überwiegend deutschsprachige Schlager, diverse englische Evergreens sowie einige Instrumentaltitel. Werden Sie dieses Konzept beibehalten?

Klaus-Peter Otto: Momentan sind keine weiteren Veränderungen geplant. Natürlich lebt ein Radioprogramm auch davon, dass das Repertoire ergänzt oder erweitert wird. Aktuelle Titel werden laufend weiter ins Programm integriert, und natürlich werden wir auch immer wieder die eine oder andere musikalische Perle aus der Vergangenheit in den Pool aufnehmen.

RADIOSZENE: Das Musikprogramm beinhaltet ja auch Titel mit einer Nähe zum unmittelbaren Sendegebiet. Wie hoch ist deren Anteil und welche Künstler kommen hierbei zu Gehör?

Klaus-Peter Otto: Diese Titel sind sozusagen eine Beimischung zum Schlagerprogramm. Allein schon wegen der Anzahl der zur Verfügung stehenden Titel dominieren sie das Programm nicht, geben ihm aber einen „norddeutschen Zungenschlag”. Hierbei handelt es sich um Titel von Künstlern, die im norddeutschen Sendegebiet zu Hause sind oder deren Musik einen „norddeutschen Inhalt” hat. Die Themen Meer, Wasser, Wetter, norddeutsche Landschaft und Natur sind es vor allem, die hier eine Rolle spielen. Natürlich auch plattdeutsch gesungene Lieder. Das Künstlertableau reicht von allseits bekannten Interpreten wie Knut Kiesewetter, Godewind, Fiede Kay, Rolf Zuckowski, Ina Müller, Freddy Quinn und Santiano bis hin zu Künstlern wie Horst Köbbert, Willi Freibier oder Gerd Christian, die im Norden der damaligen DDR sehr populär waren.

RADIOSZENE: Welche redaktionellen Inhalte sind im Programm zu hören?

Klaus-Peter Otto: Wir haben eine Serie mit dem Titel “Schlager-ABC” über alle relevanten Künstler aus dem Schlagerbereich der letzten 50 Jahre aufgelegt, in der wir ihr Leben und ihre großen Erfolge beleuchten und – wenn möglich – ein aktuelles Update zum gegenwärtigen Tun dieser Interpreten geben. Außerdem sind Interviews mit aktuellen Schlagerkünstlern zu hören, die im norddeutschen Sendegebiet unterwegs sind. Wir geben Veranstaltungshinweise und haben eine wöchentliche aktuelle Schlagerparade im Programm. NDR Plus sendet ebenfalls ausführliche Nachrichten zur vollen Stunde, mit aktuellen Wetterinformationen und Verkehrshinweisen.

RADIOSZENE: Zwischenzeitlich hat sich auch auf der Internetseite von NDR Plus einiges getan …

Klaus-Peter Otto: Die Internetseite ist für uns nicht nur ein alternativer Livestream des Programms, sondern auch ein Service für Schlagerfans, programmbegleitende Unterhaltung und Information sowie Marketing für NDR Plus.

RADIOSZENE: Mit welchen flankierenden Maßnahmen begleiten Sie das Programm in der Öffentlichkeit?

Klaus-Peter Otto: In erster Linie wird das Programm mit der Programmseite im Internet unterstützt (www.ndr.de/ndrplus). Außerdem präsentieren wir einige wenige Konzerte im norddeutschen Sendegebiet.


RADIOSZENE: MDR SCHLAGERWELT ist nun fast ein Jahr auf Sendung. Wie fallen die Reaktionen der Hörer auf das Programm aus? Gibt es bereits erste Zahlen?

Matthias Gehler (Foto: MDR/Karina Hessland)

Matthias Gehler (Foto: MDR/Karina Hessland)

Matthias Gehler: Die MDR SCHLAGERWELT sendet seit 2. September 2016 im Digitalradio DAB+ in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie weltweit als Livestream im Internet. Wir sind sehr stolz darauf, dass wir es binnen dieser Zeit geschafft haben, uns schon eine Stammhörerschaft aufzubauen. Tendenz steigend. Unsere Hörer sagen uns immer wieder, wie begeistert sie sind, dass es ein Schlagerradio gibt. Die meisten Rückmeldungen erreichen uns dabei aus Sachsen.

RADIOSZENE: Welche Erfahrungen konnten Sie in dieser Zeit mit DAB+ sammeln? Kommen die Hörer mit der neuen Technik zurecht?

Matthias Gehler: Von unseren Hörerinnen und Hörern wissen wir, dass sie sich ein DAB+ Gerät oft als Zweitradio anschaffen. Dabei stellte sich heraus, dass „Ängste“ vor der neuen Technik unbegründet sind.

RADIOSZENE: MDR SCHLAGERWELT beinhaltet deutsche Schlager plus einige Instrumentaltitel. Werden Sie dieses Konzept beibehalten?

Matthias Gehler: Ja. Die MDR SCHLAGERWELT sendet Musik aus allen Jahrzehnten bis heute. Dabei spielen wir ausschließlich deutschen Schlager.

RADIOSZENE: Die Musikausrichtung setzt ja auch auf zahlreiche Titel und Künstler aus dem unmittelbaren Sendegebiet. Wie hoch ist deren Anteil?

Matthias Gehler: Schlagersängerinnen und -sänger aus unserem Sendegebiet spielen im Programm selbstverständlich eine wichtige Rolle. Regelmäßig spielen wir Titel unter anderem von Annemarie Eilfeld, Linda Hesse, Ute Freudenberg, Jörg Hindemith oder Ulli Schwinge – um nur einige zu nennen.

RADIOSZENE: Welche redaktionellen Inhalte sind im Programm zu hören?

Matthias Gehler: Wie der Name schon sagt, sind die Schwerpunkte unseres neuen Digitalradio-Programms Schlagermusik sowie Themen aus der Schlagerwelt.

Die MDR SCHLAGERWELT ist ein klassisches Radioprogramm mit allen Informationsleistungen, die die Hörerinnen und Hörer von einem öffentlich-rechtlichen Programm erwarten: Jeweils zur vollen Stunde übernehmen wir die Drei-Länder-Nachrichten von MDR AKTUELL. Immer zur halben Stunde splitten wir das Programm und senden Landesnachrichten aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die von den drei Landesfunkhäusern zugeliefert werden.

Seit Herbst vergangenen Jahres haben wir außerdem „Das Schlager-ABC“ im Programm. In dieser Sendung stellen wir in Kooperation mit NDR Plus, dem norddeutschen Schlagerradio, Schlagersängerinnen und -sänger vor.

Moderiert werden seit Sendestart die Morgensendung von 7.00 bis 12.00 Uhr sowie die Tagessendung zwischen 12.00 und 19.00 Uhr. Unsere Hauptmoderatoren heißen Andreas Kallwitz und Brigitte Mayer.

Unser neues digitales Radioangebot ist eng vernetzt mit dem MDR-Unterhaltungsportal meine-schlagerwelt.de und der sehr beliebten MDR-Fernsehunterhaltungssendung „Meine Schlagerwelt“ mit Ross Antony.

RADIOSZENE: Mit welchen flankierenden Maßnahmen begleiten Sie das Programm in der Öffentlichkeit?

Matthias Gehler: Wir nutzen in erster Linie die Kraft unserer eigenen Ausspielwege, um das neue MDR-Digitalradio-Angebot bekannt zu machen – also Radio, Fernsehen und Internet. Nicht zuletzt bewerben wir die MDR SCHLAGERWELT – da wo es von der Zielgruppe her passt – im Rahmen von Veranstaltungen.


Die bevölkerungsreiche Schlagerhochburg Nordrhein-Westfalen wartet indes weiter auf ein vergleichbares Angebot. Nachdem bei WDR 4 seit einigen Jahren Schlager praktisch nur noch in der Nacht im Einsatz kommen, plante der Westdeutsche Rundfunk ebenfalls den Sendestart einer Schlagerwelle via DAB+. Dieses Vorhaben wurde im Januar 2016 mit der Modifizierung des sogenannten WDR-Gesetzes durch die gerade abgewählte NRW-Landesregierung vorerst gestoppt.

In Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen wird das Publikum derzeit noch über UKW durch SWR 4 beziehungsweise HR 4 mit reichlichen Schlager-Anteilen versorgt. In Berlin und Brandenburg gleicht ausgerechnet der Privatsender Radio B2 die gering gewordene Zahl an deutschsprachigen Schlagern bei Antenne Brandenburg und Berlin 88.8 mit einem einhundertprozentigen Alternativangebot aus.

Gute Kunde gibt es für die Fans im Norden: noch in diesem Jahr soll mit „Radio Roland“ in Bremen ein weiteres privates Schlagerprogramm aus dem Hause Radio ffn auf Antenne gehen.

Michael Schmich

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