Die Nazis und wir

Veröffentlicht am 21. Sep. 2004 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Spinnen die? Im ZDF läuft die Wahlberichterstattung nach dem Wahlsonntag in Brandenburg und Sachsen. Soeben verläßt die Truppe der Demokraten plus Postkommunist Porsch moralisch entrüstet das Studio. Neonazi Apfel hatte das Wort ergriffen. Eine blonde Moderatorin, ein Rechtsextremist, der auch so aussieht und sich ein bißchen so benimmt, eine Truppe selbstgerechter Verlierer – peinlicher Abschluß einer peinlichen Dramaturgie.

Rechtsextremismus und die Beschäftigung damit ist für deutsches Establishment noch igittiger als die tiefgreifende Erforschung der Motivlage islamistischer Terroristen oder die detaillierte Schilderung von Folterungen in diversen Weltgegenden, anschauliches Fotomaterial inkludiert. Das Thema wird moralisch abgehandelt, nicht wissenschaftlich oder journalistisch. Wir begründen das immer damit, daß wir „denen“ kein Forum bieten wollen. Was wir damit aussagen, heißt in Wahrheit: Wir halten unsere Hörer für zu blöd und glauben, die würden wie die Affen sofort ins nächste Wahllokal rennen, um den nächstbesten Stimmzettel mit einem Hakenkreuz zu versehen. Wieso rennen die Leute nicht in die nächste Moschee, um in den Dschihad zu ziehen, wenn wir darüber reden?

Jetzt sitzen sie im Landtag – auch ohne unser Forum. Weil wir uns geweigert haben, zu lernen, wie man mit Rechtsextremisten fertig wird, führen uns diese Burschen jetzt vor. Tatsächlich sind wir derart hinter dem Mond, daß uns schon die schlichte Bezeichnung dieser Spezies schwerfällt. Mal sind sie „Rechtsextremisten“ (zutreffend), mal „Rechte“ (wird gern von Linken benützt, um der CDU auch gleich eines überzubürsten), mal „Neonazis“ (stimmt vermutlich fallweise). Der Rest ist Mysterium. Die Figuren dahinter kennt niemand. Die Ideen, die auf ihren konspirativen Treffen diskutiert werden, ebenfalls nicht. Die Medien in Deutschland besorgen das Geschäft der Extremisten, indem sie kaum über sie informieren, dafür aber ständig über sie moralisieren.

Zum Moralisieren gehört die von den „Guten“ angeordnete Gebetsmühle vor jeder Wahl, die lieben Hörer mögen doch bitte bitte wählen gehen. Egal was – gehen Sie wählen. Gern und ungeprüft übernehmen wir die Begründung, eine niedrige Wahlbeteiligung stärke nur die Extremisten. Verzeihung – aber diese Begründung ist Blödsinn.

Im Saarland sank die Wahlbeteiligung bei der letzten Wahl von 68 auf 55 Prozent. Wer „Protest“ wählte, wählte nicht. Die Rechtsextremen strandeten mit vier Prozent. Der „Gewinner“ Peter Müller von der CDU holte sich seine absolute Mehrheit zurück, obwohl er eigentlich ein grandioser Verlierer war: Die CDU verlor 42.000 Wähler, die meisten – 31.000 – an die Nichtwähler. 10.000 Wähler konnten die Schwarzen von den Roten erobern. Macht per saldo ein Minus von 31.000.

Noch krasser sieht es bei der SPD aus. Sie verlor im Saarland 94.000 Wähler. Die weitaus meisten – mehr als 60.000 – erklärten symbolisch ihren Austritt aus dem System und verweigerten die Wahl.

Aber immerhin – im Landtag sitzen weder Neonazis noch Postkommunisten. Protest im Saarland hieß: Nichtwählen.

Anders in Brandenburg und Sachsen. Die Wahlbeteiligungen veränderten sich im Vergleich zu den letzten Wahlen fast nicht. Vermutlich feiern das diejenigen als Erfolg, die medial alles daransetzten, bloß jeden an die Urne zu treiben. Da waren ja durchaus auch Radiosender beteiligt (z.B. solche, die problemlos die absurden Werbespots der DVU sendeten und sich dafür gut bezahlen ließen). Im Ergebnis kam heraus: Wir wählen Protest. Wenn schon nicht durch Nichtwählen, werden sich Herr und Frau Protestwähler gesagt haben, dann eben dadurch, daß wir die Unwählbaren wählen. Ha! Das wird ein feiner Zirkus! Besser kann man es denen da oben nicht zeigen! Ist Demokratie nicht Klasse? Ein Kreuzlein bei der NPD – und das ganze Politikergesocks hoppst im Dreieck.

Wie das enden kann, demonstrierte also am Wahlabend das ZDF. Die blonde Moderatorin war ja zunächst nicht zu beneiden. Da war also die Runde aller Spitzenkandidaten angesetzt, und die NPD konnte man angesichts ihres Ergebnisses nicht einfach vor der Tür lassen, die gleich starke SPD jedoch dazubitten. Ernsthaft zu Wort kommen sollte der NPD-Mann natürlich auch nicht (denen kein Forum bieten, und so…). Also tut die Moderatorin das, was klein Fritzchen ihr auch geraten hätte: Sie geht ihn wahnsinnig investigativ an, zeigt’s ihm mal so richtig, voll auf die Glocke: Geben Sie doch zu, daß sie ein Neonazi sind. Alle Achtung. Das hat gesessen.

Der Herr NPD-Chef, der wirklich ein bißchen klischeemäßig rechtsradikal aussah, hielt sich leider nicht an die Dramaturgie, die das ZDF ihm zugedacht hatte. Er sprach von deutschen Gefühlen und asozialer Politik, was für sich genommen vielleicht populistisch, aber eigentlich nicht weiter schlimm war (kennt man ähnlich auch von der PDS). Weil es aber sagte, wer es eben sagte, zogen die anderen aus Protest von dannen – auch der gebürtige Wiener und heutige sächsische PDS-Chef Porsch, der den Kommunismus der SED so toll fand, daß er die vielleicht schönste Stadt im deutschsprachigen Raum gegen die eingemauerte DDR vertauscht hatte. Die blonde Moderatorin fand die eher harmlosen Worte des vielleicht gar nicht so harmlosen Herrn von der NPD dann auf einmal auch sehr bedenklich und zog zögerlich das Mikrofon von ihm weg. Der Rest war unsägliche Peinlichkeit.

Was – liebes ZDF – hast Du denn erwartet? Daß dem Herrn Neonazi angesichts der ach so harten, investigativen Attacke der blonden Moderatorin der Angstschweiß ausbreche? Daß sein Widerstand auf das entschiedendste gebrochen werde? Er unverzüglich gestehe: Ja, ich armer Tropf, ich bin ein Neonazi? Das er am hellen Schein der Jupiterleuchten gestehe: Ja, ich habe nach Kräften alle Wähler getäuscht. Ja, ich weiß, daß das alles Leute sind, die nur der CDU und der SPD eins auswischen wollten. Natürlich ist denen unser nationaler Zirkus vollkommen wurscht. Und so weiter. Ja bitte – haben die im ZDF etwa wirklich geglaubt, daß der so etwas sagen könnte?

Realismus ist in Deutschland derzeit nicht besonders gefragt. In der Politik nicht, in den Medien auch nicht. Die einen zimmern sich zurecht, was ihnen als gefühlte Realität in den Kram passen könnte. Die anderen denken gar nicht, sondern reden den Politikern nach dem Munde. Das geht immer so lange gut, bis die Realität sich zu penetrant in den Vordergrund spielt. So, wie der Herr von der NPD plötzlich vor den Fernsehkameras stand, weil der Sender, der ihm kein Forum verschaffen wollte, ihn dort hingestellt hatte.

Wenn die Wähler von NPD und DVU überwiegend Protestwähler sind (wie die Wahlforscher meinen), dann wäre es angebracht, denen zu sagen, wen sie gewählt haben. Das könnte dazu führen, daß der eine oder andere Satz on Air ginge, den wir am liebsten nie senden würden. Aber wenn wir das so empfinden – warum sollten Hörer das anders empfinden? Haben wir Angst vor dem Volk? Muß der Hörer dumm gehalten werden? Sind wir moralisch gefestigter als die, für die wir senden? Bloß, weil wir täglich in ein Mikrofon hineinreden?

Übrigens wäre auch nicht von Schaden, wenn die akzeptablen Parteien ernsthaft darüber nachdächten, ob sie nicht ein kleines bißchen Mitschuld am mittlerweile massenhaften Protest an der Wahlurne tragen. Und die Medien, ob sie da nicht auch so manchen Beitrag geleistet haben, uns eingeschlossen.


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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