Nebenwirkungen

Veröffentlicht am 10. Mai. 2005 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Kürzlich dachte ich, die Sommerferien hätten begonnen. Und das kam so: Es ist Mai. Das Wetter dröppelt ziemlich aprilmäßig dahin. Die MA ist vorüber. Keine Interviewer mehr am Start, die die Hörer vermessen. Die Plakatwände in der Stadt sind trist und grau, so ganz ohne Radiowerbung. Und die erste Garde der Teams macht sich auf in den verdienten ersten Jahresurlaub. Am Mikrofon: Die Urlaubsvertretung.

Wer gelegentlich Zeit außerhalb des Senders verbringt, stellt überraschenderweise fest, daß der Rest der Welt mit Urlaub so gar nichts am Hut hat. Die Straßen sind voll. In Büros und Werkstätten brummt der Betrieb (sofern Aufträge vorhanden), die Flure der Arbeitsagenturbehörde sind voll wie immer. Sommerferien im Mai gibt’s nur für Radiomacher.

Ein Kollege erklärte mir, das sei strategisch bedingt, jedenfalls habe ihm das der Chef so beigebracht. Es komme darauf an, zur wichtigen Umfragesaison mit vollen Kräften zu senden. Jetzt aber, ohne Umfrage, sei es nicht effektiv, Energie zu verschwenden. Diese Aussage enthält gewiß ihre Logik, beschreibt aber keine Strategie, sondern Taktik.

Tatsächlich folgt sie einer selbstbezogenen Sichtweise. Nicht Hörergewohnheiten und –ansprüche führen zu Entscheidungen, sondern eine schnelle Kosten-Nutzen-Abschätzung, die langfristige Folgen außer Acht läßt. Zugegebenermaßen wird die bisweilen auch von knappen Budgets erzwungen. Aber auch die Budgetknappheit ist ein internes Problem der Sender. Dem Hörer ist das egal, für den zählt nur, was aus dem Lautsprecher kommt.

Und das ist ab Mai vielerorts nicht das gewohnte. Die gewohnte Stimme fehlt, manches klingt holpriger, mal hier und da ne kleine Panne mehr als sonst. Einfach ein anderes Hörgefühl als gewöhnlich. Da kündigt die gewohnte Verpackung den gewohnten Jock an, und es meldet sich einer, der dessen Urlaub verkündet und sich als Vertreter vorstellt. Nett haben sie’s beim Radio, wird sich der Hörer sagen, so mit Urlaub im Mai.

Wer das Radiogeschäft als zyklisches Geschäft sieht und die MA-Saison wie den Winter der Skigebiete oder den Sommer der Ostsee, der betrachtet die Branche freilich anders als die Hörer. Anders als Skifahrer im Skigebiet oder Badeurlauber an der See sind Hörer ganzjährig vorhanden. Wenn die Skihütte im Sommer zusperrt, dann schert das niemanden. Kurzfristig mag die Sparflamme der Radios ab Mai keine Probleme schaffen, vorausgesetzt, die Konkurrenz verhält sich ebenso. Langfristig kann das anders aussehen.

Im Radio funktioniert eigentlich alles über subjektive Wahrnehmungen der Hörer. Die zu erforschen ernährt eine ganze Branche. Trotz des Aufwandes, mit dem viele Sender ihren Research betreiben, bleibt immer ein Rest Unsicherheit. Wenn die MA mal nicht so doll gelaufen ist, dann wird immer gern spekuliert, woran es so gelegen haben könnte, vor allem, wenn die eigenen Trackings vielversprechend aussahen. Pech gehabt mit dem Sample, schlechte Tagesform eines studentischen Interviewers, methodische Schwächen, etc.

Die Nebenwirkungen der Nebensaison möchte scheinbar keiner so gern kennenlernen. Sie sind unerforscht. Das ist verständlich, denn die Erkenntnis könnte unbequem sein. Wie den wohlverdienten Urlaub nehmen und die dicken Augenringe abspecken, ohne zu viel Fahrt zu verlieren? Der erste Sender, dem hier ein Rezept einfällt, könnte bei der nächsten MA Überraschungspunkte machen. Natürlich nur dann, wenn auch zur Saison alles stimmt.


PS. Liebe Österreicher, bitte nicht böse sein über die diesmal arg bundesdeutsche Thematik. Dafür habe ich mit Wonne die Fotos Eures Herrn Finanzministers Grasser mit der Frau Svarovski am Strand gesehen. Fescher als unser Herr Eichel ist er ja, erfolgreicher auch.

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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