Linux-Medien: ARD als Open Source

Veröffentlicht am 30. Jun. 2005 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Possenrepublik Deutschland: Der Kanzler wirbt für eine breite Mißtrauensbasis, um dem Volk zu empfehlen, dieselben Zustände wiederzuwählen, die zur Zeit das Regieren unmöglich machen. Gleichzeitig eröffnet die ARD ihren ersten Privatsender. Warum also sollten die Privaten nicht die volkseigenen ARD-Ressourcen für sich nutzen dürfen?

Die Gebührenregeln sind ja eindeutig: Es kommt nur darauf an, daß der Bundesbürger ein Empfangsgerät besitzt. Besitzt er eines, muß er für ARD und ZDF bezahlen. Was er hört oder sieht, ist unwichtig. Das ist unfair, weil der Bürger möglicherweise niemals staatliches Fernsehen guckt oder staatliches Radio hört. Der Privatmediengenießer zahlt, ohne eine Gegenleistung zu erhalten.

Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten, dieser Ungerechtigkeit abzuhelfen: Entweder zahlt nur noch der Staatshörer an die GEZ, oder aber die bezahlte Leistung ist auch im Privatfunk abrufbar. Ersteres wurde schon tausendfach diskutiert und diverse Male vor Gerichten ausgefochten – immer vergeblich. Letzteres ist meines Wissens neu.

Funktionieren könnte das so: Jeder Sender, Radio wie TV, hätte kostenlosen Zugriff auf alle Ressourcen der staatlichen Anstalten. Deren Töne, Bilder, Texte, Korrespondentenberichte und Webseiten wären öffentliches Eigentum, sie würden quasi vergesellschaftet – eigentlich doppelt vergesellschaftet, sie sind ja auf gewisse Weise ohnehin schon Gesellschaftseigentum. Jeder könnte sich in Open-Source-Manier daraus bedienen und alles nach Wunsch und Laune verändern, kürzen oder ergänzen. Die Privatsender hätten schlagartig Zugriff auf gewaltige Archivbestände, großartige Literaturlesungen, musikalische Aufführrungen aller Art, weltweite Berichterstatter in Ton und Bild, Sportrechte und andere feine teure Spielsachen. Die Mitbenutzung der GEZ-finanzierten Funkhäuser müßte im Grunde auch dazugehören, denn auch dafür wird ja das Hörergeld verwendet.

Damit endlich wäre der unfaire Umgang mit den Gebührenzahlern beendet: Die bekämen auf jeder Welle – privat wie ÖR – Programmteile zu sehen und zu hören, für die sie ja ohnehin bezahlen müssen. Damit ließe sich dann einleuchtend begründen, warum allein der Besitz des Geräts zum Zahlen verpflichtet. Denn dann fänden sich ja auf jedem Kanal Inhalte, die mit dem Gebührengeld erstellt wurden. Was immer der Hörer oder Seher einschaltet – er bekäme eine Gegenleistung für seine Leistung.

Natürlich könnte man die Sache auch umgekehrt angehen. Die ARD könnte die Privatsender übernehmen. Das wäre im Sinne einer wilhelminischen Staatsraison vielleicht die bessere Variante, weil dann ausschließlich nur noch solche Programme zu hören wären, die letztlich von Parteien-dominierten Rundfunkräten und Intendanten überwacht und kontrolliert würden. Wie es scheint, befinden wir uns gerade mitten in einer Restauration, die die Hohenzollern, würden sie wieder zur Macht gelangen, nicht besser in Szene setzen könnten.

Ausgerechnet die normalerweise recht fitte Berliner Medienbehörde hat einer ARD-Tochter eine Radiolizenz erteilt, Radio Teddy. 25,1 Prozent, also eine Sperrminorität, gehört einer gewissen Firma Askania Radio GmbH i.G. Die wiederum gehört zu 100 Prozent der Firma Odeon, und die wiederum den Bavaria Filmstudios. An dieser Stelle beendet die MABB die Aufschlüsselung der Eigentumsverhältnisse. Dabei weiß jeder, daß die Bavaria auch ihre Eigentümer hat, nämlich diverse ARD-Anstalten. Hier waren die Bayern ausnahmsweise fixer, als sie die ARD-Bavaria-Odeon-Schöpfung Loft TV jedenfalls fürs erste abschalteten.

In Zeiten, in denen der deutsche Kanzler sich nach Mißtrauen sehnt, scheint das amtliche Preußen also größere Sehnsucht nach dem ollen Wilhelm zu haben als die Bayern nach ihrem Kinni. Und staunend schauen wir nach England, wo die Queen bekanntlich höchst lebendig ist: Ihrer Majestät öffentliche BBC hat dort unlängst immerhin die Web-Inhalte für jeden Untertanen zur freien Verwendung freigegeben, wenngleich noch mit der Bedingung, daß die Quelle der verwendeten Inhalte zu nennen sei. Das Ganze ist ein befristeter Versuch – an dessen Ende die Open-Source-Variante des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stehen könnte.

Allerdings regiert in England auch ein Premierminister, der wohl im Traum nicht auf die Idee käme, um Mißtrauen seiner Anhänger zu buhlen.


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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