“Radio Heuschrecke”

Veröffentlicht am 06. Mrz. 2006 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Wer hätte nicht schon einmal davon geträumt, seinen eigenen Radiosender zu gründen. Und wer wäre nicht nach den ersten Überlegungen schnell auf dem Boden der Tatsachen gelandet – daß z.B. Frequenzen für Normalbürger kaum zu haben sind, daß der Medienmarkt in Deutschland ziemlich komplett aufgeteilt ist, daß – wenn überhaupt – nur noch Nischenplätze mit ungewissen Perspektiven zu besetzen sind. Ein deutscher Anbieter hat jetzt über den großen Teich geschaut und versucht, das einigermaßen neue und in Nordamerika erfolgreiche Modell “Satellitenradio” hierzulande zu etablieren.

Das Fürther Truckradio der starlet media AG hat sich an private Geldanleger gewandt und bietet “Genussrechte” ab einer Investitionssumme von 3.000 Euro an. Truckradio verfüge “über alle notwendigen Lizenzen, um europaweit senden zu können”, heißt es in dem Angebot, das auf der Seite www.geldwelt.de veröffentlicht ist. Je nach Laufzeit verspricht starlet media eine “Zielrendite” zwischen 11 und 14 Prozent jährlich. Der Vorstand verfüge über langjährige Branchenerfahrung, womit vor allem Gründer und Vorstandschef Michael Meister gemeint sein dürfte. Der Online-Prospekt beschreibt die Branche als überaus profitabel. “Große Radiostationen erreichen nicht selten Umsatzrenditen von 50% und mehr”, heißt es da. Auf landesweite Stationen dürfte das vielleicht sogar zutreffen, aber derart profitable Frequenzen stehen für Truckradio nicht zur Debatte.

Der Newsletter “Capital Vertraulich” hat das Angebot vor wenigen Tagen als “dubiose Offerte des grauen Kapitalmarktes” bewertet. Der Anbieter entlarve sich “mit der dürftigen Darstellung seines unternehmerischen Konzepts” als “wenig kompetent”.

So leicht, wie das Anleger-Angebot glauben machen will, ist die Sache wohl wirklich nicht. Zunächst sendet Truckradio heute auf einer Vielzahl unterschiedlicher Frequenzen auf der Mittelwelle und diversen digitalen Angeboten. Die Chancen auf Popularität dürften gering sein, weil Radio auf diesem Kontinent auf UKW stattfindet und nicht erkennbar ist, warum sich daran in nächster Zeit etwas ändern sollte. Truckradio macht geltend, es sei auf Vielfahrer spezialisiert, für die es auch spezielle “Mehrwertdienste” gebe. Die potentielle Zielgruppe betrage deshalb mehrere Millionen Menschen. Fraglich ist, ob Vielfahrer beim Besteigen des Dienstwagens ihre Musikpräferenz von Pop (oder sonstwas) auf Country verändern werden oder nicht doch lieber dasselbe Hitradio (oder seine entfernten Verwandten anderswo) einschalten, das sie auch zu Hause unter der Dusche hören.

Das größte Problem für ein Angebot wie Truckradio dürfte aber darin liegen, daß es zu klein ist und nicht die Macht am Markt entfalten kann, die die amerikanischen Anbieter Sirius und XM auf die Straße bringen. Truckradio muß mit den vorhandenen Autoradios leben, die halt nichts anderes können als FM und MW. Sirius und XM lassen Trucks und Privatautos mit speziellen Satellitenempfängern ausrüsten, die tatsächlich kontinentweit die Programme digital empfangen. Beide Anbieter verfügen über gewaltige Ressourcen für Programm und Promotion. Sirius machte z.B. weltweit Schlagzeilen, als es Howard Stern verpflichtete. XM hat nach eigenen Angaben mehr als eine Million zahlender Hörer. Im Angebot sind mehr als 100 unterschiedliche Kanäle für praktisch jeden Musik- und sonstigen Geschmack. XM und Sirius sind Bezahlradios, bei denen die Hörer dafür bezahlen, daß sie die Programme hören können. Truckradio sagt nicht so genau, wovon es leben will, verweist aber auf kommende Hörerzahlen, was auf Werbefinanzierung schließen läßt. Truckradio mag einwenden, auch Sirius und XM hätten ihre Marktmacht mit Kapitalmarktgeldern erworben, was richtig ist. Allerdings haben die Amerikaner den Weg einer “richtigen” öffentlichen Aktiengesellschaft gewählt. Ihre Anteile sind echte Aktien und keine “Genußrechte”. starlet media scheint dagegen eine “kleine AG” zu sein. Die “kleine AG” wird nicht an der Börse gehandelt und ist nicht publizitätspflichtig. Sirius und XM hatten außerdem schon zum Start gigantische Unterstützung z.B. der Ford-Werke.

Im Prinzip mag es sein, daß digitale Satellitenprogramme oder sonstige neue Sendewege und -konzepte auch in Europa eine Zukunft haben können. Entscheidend ist aber, daß die Hörer einen wirklichen Grund sehen, solche Programme einzuschalten. Mehr als 100 unterschiedliche Musikkanäle – das ist ein Grund. Irgendwelche “Mehrwertdienste” – das ist kein Grund, wie z.B. das längst gescheiterte DAB-Projekt (für das unsere Politiker trotz angeblich knapper Kassen immer noch Millionenbeträge verbrennen) höchst eindrucksvoll gezeigt hat.

Elektronische Medien wie das Radio gelten hierzulande leider als Kulturgut – wie lächerlich diese Definition angesichts der Praxis auch sein mag. Daß sich Radiosender auf dem freien Kapitalmarkt mit Geld versorgen, ist im deutschen Radiowesen einfach nicht vorgesehen. Auch abseits der Grauzonen hat es immer wieder Versuche seriöser Investoren (hierzulande als Heuschrecken diffamiert) gegeben, im deutschen Radio Fuß zu fassen. Sie sind allesamt daran gescheitert, daß der Markt politisch abgeschottet ist. Radiosender sind schlicht nicht kauf- und verkaufbar, weil z.B. die Lizenzen nicht verkaufbar sind. Wann immer ein Sender in der Vergangenheit den Besitzer wechselte, war das mit wechselnden Konstellationen aus Strohleuten und Zitterpartien beim Umgang mit den Medienbehörden verbunden. Das tut sich nicht jeder an. Man mag über die Niedlichkeit der Truckradio-Vorgehensweise lachen, aber letztlich ist es der politisch gewünschte Rahmen, der jeden in die Grauzone treibt, der nicht “dazu” gehört.

Schade – aber wir werden wohl nur als Zaungäste erleben, wie die Zukunft des Radios aussieht.

Link:
www.geldwelt.de


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

Kommentar hinterlassen