„DAB+ im Handy ist total überschätzt“ (Helmut G. Bauer)

Helmut G. Bauer (Bild: ©Jörg Wagner)
Helmut G. Bauer (Bild: ©Jörg Wagner)

Wie wichtig sind Smartphones für den Radioempfang? Würde sich der Digitalradiostandard DAB+ schneller bei Endkunden durchsetzen, würde er datenvolumensparende, teresstrische DAB+Radioprogramme im Handy empfangen können? Nachdem der Marktführer SAMSUNG seit 2014 auf der IFA kein Smartphone mehr mit UKW oder gar DAB+ präsentiert, ist die Meldung des Herstellers LG interessant, der angekündigt hat, das LG Stylus 2 mit DAB+ auszustatten. Wäre das vielleicht der Marktdurchbruch, wenn andere Hersteller folgten?

Der rbb-Medienredakteur Jörg Wagner interviewte zu diesem Thema am 10.05.2016 auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland den Rechtsanwalt und Digitalradioexperten Helmut G. Bauer für das radioeins-Medienmagazin, das auf seinem Blog World Wide Wagner auch im Originalton als Podcast nachgehört werden kann.

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Wagner: Helmut G. Bauer, wir haben uns das letzte Mal bei den Medientagen in München getroffen. Das war im Oktober letzten Jahres – und auch da war DAB+ als DER Digitalradio-Standard für die terrestrische Verbreitung ein Thema. Auch hier in Leipzig war es wieder ein Thema. Hier hat man jetzt wieder gehört, dass es Handys mit Android-Applikationen geben soll, in denen – perspektivisch gesehen – DAB+ Chips drin sein könnten. Sind wir jetzt vor dem Markt-Durchbruch oder weit davon entfernt?

Bauer: Also ich glaube, das Thema ‚DAB-Chip in einem Handy‘ wird total überschätzt. Das wird es geben, aber es wird viele geben, die Derartiges nicht einbauen werden. Da gibt es ganz, ganz viele Gründe. Ich glaube nicht daran, dass das Handy das Radiogerät der Zukunft sein wird. Die eierlegende Wollmilchsau gibt es nicht – und zwar sage ich dies nicht als Prognose für die Zukunft, sondern mit Blick auf das, was in anderen europäischen Ländern passiert.

Wagner: Es schadet auch nicht, wenn solche ein Chip drin ist – oder?

Bauer: Nein, das ist OK, aber kein Durchbruch. Zur DAB-Entwicklung trägt es nicht bei! Eher trägt es zur politischen Diskussion bei, weil manche in der Politik darin eine Bestätigung ihrer Meinung sehen, aber marktrelevant ist das nicht! Ganz andere Dinge sind für die DAB-Entwicklung marktrelevant – und das ist ein deutlicher Unterschied zu dem, was bei den Medientagen in München passiert ist.

Die ARD hat sich verpflichtet, auf DAB umzusteigen. Dafür hat die ARD die Mittel von der KEF zugesagt bekommen. Die KEF hat die ARD aufgefordert, ihr UKW-Sendernetz abzuschalten. Das kann die ARD aktuell nicht, weil die Frequenzen dann, wie von den Mediengesetzen vorgesehen, an andere Bedarfsträger gehen würden, das heißt, an die Landesmedienanstalten und dann an die Wettbewerber des privaten Rundfunks. Das kann man so nicht machen – das würde die ganze Landschaft durcheinander bringen. Deswegen sind jetzt die Länder gefordert, die Entscheidungen und Bedingungen der KEF ernst zu nehmen. Insbesondere das Deutschlandradio würde heute liebend gerne auf UKW-Frequenzen verzichten, wenn sie wüssten, was sie kriegen.

Ich glaube, das ist der erste massive Unterschied. Der zweite massive Unterschied gegenüber früher ist, das es einen ausgesprochenen Konsens zwischen allen gibt: Ob ich für UKW oder DAB bin – das Internet ist ein weiterer wichtiger Verbreitungsweg als Ergänzung zur Terrestrik. Das Wort ‚weiterer‘ ist in diesem Satz ganz wichtig, weil wir auch auf Dauer eine Terrestrik im Hörfunk brauchen! Jederzeit und überall und ohne Zusatzkosten muss Radio empfangen werden können.

Jetzt gibt es drei Formen der Terrestrik, die wir nutzen können: Das eine ist das Thema Mobiles Internet. Alle Untersuchungen im In- und Ausland und Äußerungen der Mobilfunkbetreiber zeigen, das ist nicht die Zukunft, weil es zusätzliches Geld kostet. Es muss eine Infrastruktur nicht nur einmal aufgebaut werden, sondern jeder Mobilfunkbetreiber muss drei Infrastrukturen aufbauen. Der Mobilfunk baut nach anderen Kriterien aus als Rundfunkveranstalter. Das heißt, auch die Datenkapazität, die dabei für Radio notwendig wäre, funktioniert nicht – und der Mobilfunk sieht selbst kein Geschäftsmodell. Also reduziert es sich auf die Frage nach UKW und DAB. Dort gibt es dann die Kollegen im Bereich UKW, die sagen ‚Mein Markt ist dicht – es gibt keine weiteren Programme im UKW-Markt; warum soll ich das aufgeben?“

Ich verstehe diese Kollegen, weil sie um ihren Markt und ihre Tantiemen kämpfen. Würden sie jetzt in DAB investierten, bekämen sie weniger Tantiemen – und wenn es Frucht trägt, sind sie nicht mehr im Job. Damit ist die andere Frage ‚Will ich im Radio mehr Wettbewerb in der Terrestrik haben?‘ Da bleibt nur der Weg über DAB+, weil das der etablierte Standard ist.

Wenn ich das dann wieder europaweit betrachte, fragen mich die Gerätehersteller ‚Sag mir, welches Gerät Du mit welchem Migrationsszenario haben willst.‘ Das ist auch für die Automobilindustrie das Thema. Sie bieten Internet im Auto, haben aber auch Radio im Auto – und das sind zwei getrennte Systeme. Darauf verweisen sie immer deutlicher. Mit Blick auf Großbritannien, die Schweiz oder die Niederlande, Norwegen stellen sie schlicht und ergreifend fest, dass, wenn DAB eingeführt ist, die Leute schrittweise zu DAB wechseln und damit mehr Wettbewerb vorhanden ist.

Insofern ist es eine Entscheidung der Politik. Ich plädiere dafür, zu sagen, lasst die, die in DAB investieren wollen, in DAB investieren – und die, die in UKW bleiben wollen, in UKW bleiben.

Zu einem Zeitpunkt X in irgendeiner fernen Zukunft beschäftigen wir uns vielleicht mal mit der Frage, ob wir UKW abschalten wollen oder nicht. Aber die Diskussion jetzt vom Ende her zu führen – zu sagen, wir schalten UKW und dann entsprechende Bedingungen wie Simulcast-Betrieb ab – hieße, das Pferd von hinten aufzuzäumen und brächte überhaupt nichts.

Wagner: Aber es gibt natürlich auch ‚Stell Dir vor, es ist DAB+ und keiner hört zu‘. Die Norweger waren uns bereits in der Mobilfunkdurchdringung viele Lichtjahre voraus. Es gibt offenbar kulturelle und nationale Besonderheiten. In Deutschland hält man die UKW-Versorgung für OK – selbst im Auto und in den Bergen ist durch die Super-Versorgung der UKW-Empfang relativ gut, so dass man sich bei Neukauf eines Autos fragen sollte ‚Ich höre doch analog, warum soll ich 150 Euro mehr bezahlen, nur weil mir digitale Übertragung ermöglicht wird?

Bauer: Das ist eine wunderbare Frage! Fakt ist: Wenn Menschen an DAB glauben und da ihr Geld verbrennen wollen – lassen Sie sie es doch verbrennen! Warum müssen sie Unternehmen davor schützen, unnütz Geld auszugeben? Sollen sie es doch einfach machen, wenn sie daran glauben und eine andere Markteinschätzung haben als die, die bei UKW bleiben wollen. Für mich ist das gar kein Gegensatz.

Was Norwegen angeht, muss ich Ihnen widersprechen: Dort wurde DAB promoted; der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat gesagt ‚Ich will das machen!‘. Wir hatten diese Situation in der Schweiz , wo sich auch die Privaten in die DAB-Pläne eingefügt haben. Wenn Sie die Kollegin von Bauer fragen, die in Großbritannien DAB macht, steht diese auf der Bühne und sagt ‚DAB ist ein Geschenk Gottes, wir machen damit mehr Programm und können damit unsere Bedeutung als Radioveranstalter bewahren.'“ Dieser Kollegin können Sie nicht irgendwelche Sonderinteressen vorwerfen, sondern sie hat schlicht und ergreifend Marktverantwortung!

Wagner: Ich versuchs mal anders: Wenn Ihnen Ihr Wasserversorger sagt, Sie kriegen Ihr Wasser jetzt nicht mehr durch Kupferleitungen, sondern Glasleitungen, kann er Sie mit der Tatsache überzeugen, dass Kupfer erstens teuer ist und zweitens auch giftige Elemente enthält. Dann sagen Sie, OK, aus hygienischen Gründen bin ich dafür. Beim UKW- und DAB-Problem aber ist es tatsächlich so, dass normalen Konsumenten nicht nachvollziehbar erklärbar ist, warum sie sich ein neues Radiogerät kaufen sollen. Nur, weil es schick ist? Wenn man ihnen aber versprechen könnte, das der Rundfunkbeitrag zum Beispiel um zwei Euro pro Monat sinken könnte, dann könnte ich mir vorstellen, dass die Akzeptanz, digital Radio zu hören, deutlich höher sein könnte.

Bauer: Also, das glaube ich nicht. Sie haben natürlich recht mit Ihrem Beispiel mit der Wasserleitung. Dem Kunden ist egal, ob das Wasser durch eine Kupferleitung oder Glasleitung kommt. Aber das ist ja nur eine Verkürzung. Das würde ja bedeuten, dass bei DAB nur die alten UKW-Programme verbreitet würden. Dafür brauche ich kein DAB! Ich brauche DAB, um neue Programme auszustrahlen. Das ist der Mehrwert! Dann kann ich das Ganze mit Zusatzdiensten versehen – ob die dann genutzt werden, ist etwas anderes. Das ist der Wert, den DAB bringt! Es gibt Wettbewerb im Markt der Veranstalter und dann um das Ohr der Hörer, dem ich sehr viel differenziertere Programme anbieten kann. Das ist der Wert – und nicht, dass es ein bisschen besser klingt! Ich sage immer: Natürlich kann ich mir ein teures Autoradio kaufen, wenn mir das Innengeräusch zu hoch ist. Dann hilft mir das nichts – also sollte man das nicht überbewerten.

Wagner: Eben! Ich presche da mal rein: Wenn es keinen vernünftigen Grund gibt, sich einen DAB-Empfänger zu kaufen, weil alles gut klingt, warum sollte man der Bevölkerung einreden, dass dies so ist?

Bauer: Nein, das haben Sie falsch zusammengefasst. Ich habe gesagt: Es gibt einen guten Grund für DAB …

Wagner: …Programmvielfalt! Und jetzt grätsche ich wieder dazwischen und sage: Die Privaten sind nicht interessiert, weil das aus ihrer Sicht den Markt kaputt macht und eine Marktvergrößerung heißt eine Reduzierung der Werbeeinnahmen. Für die ARD mit Deutschlandradio dagegen gilt dies nicht. Für die gilt, sie dürfen nur neue Programme anbieten, wenn sie alte einstellen. Dann kann ja auch nicht im Interesse derjenigen sein.

Bauer: Sie beschreiben die Situation derjenigen, die UKW-Frequenzen haben. Die wollen natürlich nicht, dass Wettbewerb dazukommt. Aber es gibt neue Anbieter, die sagen ‚Wir wollen diesen Markt, wir wollen neue Programme machen, die wir bisher nicht machen konnten‘. Die wollen also in Wettbewerb treten und sagen ‚Hier ist wer!‘ Wir haben auch Untersuchungen, die jedes Jahr neu veröffentlicht werden – auf den Medientagen in München und beim Medientreffpunkt Mitteldeutschland – die immer sagen: In den Märkten, wo es besonders viele Radioprogramme gibt, gibt es auch besonders viel Werbeumsatz. Deutschland ist genau der Fall, um zu beschreiben, wie mit wenig Programmen wenig Hörfunkwerbung generiert wird.

Was die öffentliche-rechtlichen Sender angeht, gibt es mehrere Aspekte: Der erste Aspekt ist, dass DAB natürlich auch zu einer Reduzierung der Verbreitungskosten führt. Das ist ein Aspekt, der sich nicht unmittelbar in einer Reduzierung des Rundfunkbeitrags niederschlägt, aber vielleicht steigt er auch nicht so schnell. Das würde aber auch zu kurz gesprungen sein, denn so hoch ist die Differenz nicht. Aber die öffentlich-rechtlichen Kollegen verbinden mit dem Hörfunk die Erwartung, zukünftig weitere Hörfunkprogramme verbreiten zu können. Allein die Programme, die sie mit DAB bereits jetzt schon nach dem Rundfunkstaatsvertrag verbreiten dürfen, sind deutlich mehr, als sie auf UKW verbreiten können.

 

Das Interview ist auch in voller Länge bei World Wide Wagner als Podcast zu hören.