Nazi-Dämonen

Veröffentlicht am 10. Okt. 2007 von unter Bitter Lemmer

Bitter Lemmer

Wir sind von Nazi-Zeug scheinbar besessen. Will einer besonders sarkastisch sein, greift er in die Nazi-Kiste. Will er (oder sie) besondere Traditionsverbundenheit zeigen, ebenfalls. Nur Wochen, nachdem Eva Herman für ihre merkwürdige Bewertung der Nazi-Familienpolitik gefeuert wurde, wünschte sich der Düsseldorfer Radiomoderator Manes Meckenstock für die VIVA-Moderatorin Gülcan die Nürnberger Rassengesetze herbei.

Warum nur tun die das? Wieso ständig dieses Nazi-Zeug? Finden die anders keine Worte für das, was sie mitzuteilen haben?

Fangen wir bei Eva Herman an. Was sie eigentlich sagen wollte, war wohl, dass sie das traditionelle christlich-abendländische Familienbild bevorzuge. Außerdem vertrat sie die Ansicht, dass dieses Familienbild von den 68ern kulturell zerstört wurde. Hätte sie es auch so ausgedrückt, hätte man darüber diskutieren können, und es hätten sich vermutlich viele gefunden, die ihr zugestimmt hätten.

Noch schlimmer finde ich den misslungenen Scherz des Herrn Meckenstock. Der wollte einfach nur maximal auf Gülcan einschlagen, und das Maximalste, was ihm einfiel, waren eben die Nürnberger Rassengesetze. Im Kontext der demokratischen Bundesrepublik war wohl nichts Gleichwertiges zu finden.

Herr Meckenstock wusste wohl, was er tat. In politisch korrekter Sprache hätte er seinen hasstriefenden Sarkasmus nicht ausdrücken können. Darum orientierte er sich an den Maßstäben einer Verbrechergesellschaft. Frau Herman wusste vermutlich weniger, was sie tat. Sie pickte sich ein Detail heraus und glaubte vermutlich, so etwas sei harmlos. Viele denken so. Manch einer beklagt „Denkverbote“ und meint damit, es dürfe doch nicht „pauschal“ alles für schlecht erklärt werden, nur, weil es unter den Nazis stattfand. Übrigens gibt es so etwas auch in Bezug auf die DDR-Geschichte. Die Kinderbetreuung, die Vollbeschäftigung etc.: Anders als bei Nazi-Kram sind schön geredete Ost-Details quer durch alle Medien satisfaktionsfähig.

Das ist aber falsch, hier wie da. Die „gute Famile“ war unter Nazi-Vorzeichen Mittel der Rassenpolitik, in diesem Kontext also verwerflich. Der Satz: „Es war nicht alles schlecht.“ stimmt einfach nicht. Es war sehr wohl allles schlecht, weil es dem verbrecherischen Zweck diente. Für die DDR gilt dasselbe. Etwa das viel gelobte „menschliche Miteinander“ – eine Flucht in die letzten Privatecken, die die SED ließ. Der Umgang mit der DDR-Geschichte zeigt die Unfähigkeit, private Wahrnehmungen und politischen Kontext zu trennen. Der Umgang mit der Nazi-Geschichte zeigt die noch schlimmere Unfähigkeit, historische Ziele und Methoden zu unterscheiden. Beides zeigt, dass sogar Medienleute echte Probleme haben, Diktatur und Demokratie zu unterscheiden.

Die Entgleisung von Herrn Meckenstock zeigt noch etwas anderes: Selbst ernannte Gutmenschen, „Antifaschisten“ oder Modelinke dürfen eigentlich alles, sogar mal Nazi-Rassenhass bemühen, um andere zu dissen. Wie man hört, hat der WDR ihn ja nur heruntergefahren, nicht aber, was richtig gewesen wäre, gefeuert.


Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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