Wie der Lokalfunk in Niedersachsen vorankommt

Veröffentlicht am 15. Feb. 2015 von unter Deutschland, News

Radio Hannover – Die Stimme der Landeshauptstadt

Im November 2013 war es auch in Niedersachsen soweit: Die Ära des Lokalfunks wurde mit Radio Osnabrück eingeläutet. Unser Mitarbeiter Hendrik Leuker besuchte den Lokalsender der Landeshauptstadt Hannover, Radio Hannover 87.6, und erkundigte sich bei der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) nach den gesetzlichen Grundlagen und dem Umfeld, in welchem der Lokalfunk seine ersten Schritte macht.

Gesetzliche Grundlagen

Das Niedersächsische Mediengesetz (NMedienG) in der Fassung vom 01.01.2011 machte Lokalfunk auch in Niedersachsen möglich. In § 6.I NMedienG ist geregelt, dass sich Zeitungen bis zu 24,9% an den sich neu bildenden Lokalsendern beteiligen dürfen; sogar bis zu 49,9 %, wenn zuvor sogenannte „vielfaltssichernde Maßnahmen“ ergriffen wurden. Das können im Einzelnen das Einsetzen eines Programmbeirats, die Einräumung von Sendezeit für unabhängige Dritte oder die Beschränkung der beteiligten Zeitung in Programmfragen sein oder die Einrichtung eines Redaktionsstatuts zur Absicherung der redaktionellen Unabhängigkeit.

„Zwei der genannten vier Maßnahmen müssen in der Regel ergriffen werden, um die Beteiligung einer Zeitung entsprechend zu erhöhen. Es genügt aber eine Maßnahme, wenn an einem Ort schon Bürgerfunk vorhanden ist“, erläutert Andreas Fischer (58) die Rechtslage. Er ist Direktor der Niedersächsischen Landesmedienanstalt (NLM) mit Sitz in Hannover.

NLM-Direktor Andreas Fischer an seinem Arbeitsplatz (Bild: Hendrik Leuker)

NLM-Direktor Andreas Fischer an seinem Arbeitsplatz (Bild: Hendrik Leuker)

Das ist zum Beispiel in Braunschweig der Fall, wo im Januar 2015 mit Radio 38 (die Zahl 38 bezeichnet in diesem Fall das Postleitzahlengebiet) der Lokalsender für Braunschweig und Wolfsburg auf Sendung ging. Die dortige Braunschweiger Zeitung ist mit 46,8 % beteiligt. Die Beteiligung eines Printmediums ist jedoch nicht zwingend. Als Gegenbeispiele ließen sich das inhabergeführte Radio Hannover 87.6 bzw. das von mehreren GmbHs betriebene Radio Osnabrück anführen.

Was Programminhalte angeht, so schreibt § 15.IV NMedienG vor, dass sich 7% der täglichen Sendezeit, mithin 100,8 Minuten am Tag in der Hauptsendezeit (6-13 Uhr), auf das Sendegebiet beziehen müssen. Dazu zählen etwa regionale Nachrichten, Informationen, regionale Sportberichte und Veranstaltungstipps.

Im Vorfeld des Beschlusses des niedersächsischen Landtags, Lokalfunk zuzulassen, haben sich die Verleger lange gegen Änderungen im NMedienG gewehrt. „Nicht so sehr, um z.B. einen landesweiten Anbieter wie radio ffn, sondern um ihre lokalen Werbemärkte zu schützen“, führt Fischer hierzu aus. Schließlich kam es zu einer Gesetzesnovelle, nach der nicht nur kommerzielle Lokalsender zugelassen wurden, sondern auch den landesweiten Anbietern in Niedersachsen ermöglicht wurde, getrennte Werbefenster nach Frequenzen auszustrahlen. Das betraf radio ffn (on Air seit 1986), Antenne Niedersachsen (sendet seit 1989; früher als Antenne. Das Radio und Hitradio Antenne) und Radio 21 (sendet seit 2000). Dieses stellt eine Erschwernis für die neuen Lokalsender dar. Schließlich schafft der Gesetzgeber damit eine Alternative für potentielle Werbekunden, die zielgerecht werben wollen.

Ab einer technischen Reichweite (potentiell erreichbare Hörer) von 300.000 Einwohnern wird vom Gesetzgeber die wirtschaftliche Rentabilität vermutet. „Kapazitäten mit einer kleineren technischen Reichweite können bei positiver wirtschaftlicher Prognose zugewiesen werden“, erläutert NLM-Direktor Fischer.

On Air sind in Niedersachsen Radio Osnabrück (seit November 2013), Radio Mittelweser in Nienburg (seit März 2014), Radio Hannover 87.6 (seit April 2014) und Radio 38 in Braunschweig und Wolfsburg mit regionalen Fenstern (seit Januar 2015). Radio Oldenburg soll im Mai 2015 starten; bei der Nordseewelle, die mehrere Frequenzen auf den ostfriesischen Inseln bekommen soll, verzögert sich der Sendestart auf nunmehr Ostern 2015 (Anfang April).

Als Hauptargumente für die Zulassung von privatem Lokalfunk in Niedersachsen nennt Fischer „mehr Meinungsvielfalt auf lokaler Ebene (das Internet ist nicht so nützlich, um lokale Informationen zu beschaffen), Angebotsvielfalt und die inhaltliche Konkurrenz zum z.T. vorhandenen Bürgerfunk (andere Sichtweisen und Standpunkte).“ Als Hauptkonkurrenten der Lokalsender gelten gemeinhin, was den Werbemarkt und die Berichterstattung angeht, die landesweiten Anbieter mit ihren lokalen Fenstern. An diesen landesweiten Platzhirschen sind auch niedersächsische Lokalzeitungen beteiligt – jene Lokalzeitungen, die sich insgesamt nicht so stark im Hörfunk engagieren wie im Süden Deutschlands. Hinzu kommt, dass die landesweiten Sender besser zu empfangen sind. So meldete der erste Lokalfunk Niedersachsens, Radio Osnabrück, Empfangsprobleme in Melle, dem größten Ort im Landkreis Osnabrück (46.000 Einwohner). Als publizistische Konkurrenz tritt an vielen Orten der Bürgerfunk auf.

Radio Hannover-Funkhaus von aussen (Bild: Hendrik Leuker)

Radio Hannover-Funkhaus von aussen (Bild: Hendrik Leuker)

Radio Hannover 87.6 – Stimme der Stadt

Gesendet wird bei Radio Hannover 87.6 aus einem Studio in der Innenstadt von Hannover in der Münzstraße gegenüber dem Steintorplatz. Im dortigen Konferenzraum empfingen mich zum Interview Fred Dohmen (48), einer von drei Geschäftsführern, und Björn Stack (39), Programmdirektor. Hannover galt bereits 1875 als Großstadt (100.000 Einwohner), verfügt heute über 518.386 Einwohner (Stand: Dezember 2013) und ist darüber hinaus ein gefragter Messestandort (z.B. Hannover-Messe seit 1947; CeBIT und IAA für Nutzfahrzeuge) mit Sitz von acht Hochschulen.

Björn Stack, Programmdirektor von Radio Hannover (Bild: Hendrik Leuker)

Björn Stack, Programmdirektor von Radio Hannover (Bild: Hendrik Leuker)

Was in Hannover lange vermisst wurde, startete mit Radio Hannover 87.6 am 2. April 2014: Lokalfunk, der eigene Stadtsender. Das Datum des Sendestarts wählte Programmdirektor Stack bewusst aus, dem die Idee dazu schon bei der engeren Planung kam: „Wir wollten kein Aprilscherz sein, sondern von Anfang an als glaubwürdige Alternative zum etablierten Medienangebot einer Großstadt gelten.“ Er will aus dem Lokalsender die Stimme von Hannover machen. Der Sender ist inhabergeführt; es ist kein Printmedium beteiligt, wie sonst häufig anzutreffen, mithin steht kein Verlag oder Medienhaus hinter Radio Hannover 87.6. Vielmehr bilden in diesem Fall fünf mittelständische Unternehmen eine GmbH & Co. KG namens KMWS-Media Hannover GmbH & Co. KG.

Klassische Programmschienen und feste Moderatoren sucht man im Programm von Radio Hannover 87.6 vergebens. Bei Radio Hannover 87.6 werden die Moderatoren als „Redakteure vor dem Mikrofon“ definiert, sie sollen mehr als nur bloße Vorleser sein. Die meistgehörte Sendung „Radio Hannover am Morgen“ von 5.30 bis 11 Uhr wird abwechselnd von Claudia Fyrnihs, Dörthe Hanssen und Programmdirektor Björn Stack moderiert. Darin kommen die TopThemen aus Hannover und der Welt vor.

Der Hörer soll wissen, was am Morgen läuft und wird umfangreich mit nützlichem Service in Form von Wetterbericht, Verkehrsinformationen, Sportberichten, u.a. vom Fußball-Bundesligisten Hannover 96 („Hannover 96 in 96 Sekunden“) und Veranstaltungstipps versorgt. Es wird darauf abgezielt, den „Talk of the Town“ abzubilden. Worüber spricht man im Büro? Was sind die aktuellen Themen in Hannover? „Wir sind der Lokalteil der Zeitung im Radio“, erklärt Fred Dohmen. Zur vollen Stunde kommen die Weltnachrichten vom Audiodienst der dpa (Deutsche Presse-Agentur) und zur halben Stunde die eigenen Hannover-News (Lokalnachrichten) von 6.30 bis 20.30 Uhr, für die um kurz vor voll jeweils ein Teaser (wörtlich: Anreißer, Programmhinweis) gesendet wird.

Das Moderatorenteam (Bild: Radio Hannover)

Das Moderatorenteam (Bild: Radio Hannover)

Radio Hannover 87.6 sendet ausschließlich hauseigene, nicht von außen zugekaufte Comedy: Die Comedy-Figur Heike betreibt als „Haake vonne Laane“ (Heike von der Leine) einen Friseursalon und redet mit Kunden im Radio über den neuesten lokalen Klatsch und Tratsch („Waschen, Schneiden, Föhnen – einmal Hannöverisch mit Spitzen“). Ihr Selbstgespräch endet mit einem Kalauer („einen Flachen zum Lachen“). Dabei redet sie im „Hannover-Slang“; entgegen der landläufigen Meinung spricht man vor allem im Süden der Stadt kein reines Hochdeutsch, sondern einen Hannoveraner Dialekt. Am Anfang kam die Comedy-Rubrik werktags um 7.45 Uhr mit Wiederholung um 15.45 Uhr; seit Anfang 2015 widmet sie sich jeden Samstag um 9.45 Uhr im Wochenrückblick den Top-Themen in Hannover.

Lokale Informationen und Beiträge sendet Radio Hannover 87.6 den ganzen Tag. Insgesamt mittlerweile 120 Minuten täglich. Sie bilden neben Musik den Haupteinschaltimpuls. Beiträge werden dabei nicht in ein verbreitetes 1:30 Minuten-Format gepresst. „Der Beitrag ist so lang wie er das Thema trägt“, so Björn Stack.

Radio Hannover-Geschäftsführer Fred Dohmen im Produktionstudio (Bild: Hendrik Leuker)

Radio Hannover-Geschäftsführer Fred Dohmen im Produktionstudio (Bild: Hendrik Leuker)

So lokal wie möglich präsentiert sich Radio Hannover 87.6 als wesentliches Erkennungsmerkmal im Wettbewerb: „Wir buhlen mit Konkurrenten wie den landesweiten Privatsendern radio ffn, Antenne Niedersachsen und Radio 21 sowie den lokalen Zeitungen hier in Hannover, der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ), der Neuen Presse (NP) und BILD Hannover, um den gleichen Werbemarkt“, schildert Dohmen.

„Sunny Mood“ (heitere Stimmung) nennt sich die Musikfarbe des Senders. Es handelt sich dabei um ein Format aus den USA. Dadurch wird ein „positives Lebensgefühl“ vermittelt, so Dohmen. In das Programmformat passen Titel z.B. von Clueso, James Brown, Kool and The Gang, Abba, Frank Zappa, Talk Talk, Duran Duran, Depeche Mode, Madonna, The Cure und von Boygroups aus den 90ern. Heraus kommt dabei ein melodiöses positives AC-Format.”Wir vermeiden aggressive Musik”, bekräftigt Dohmen. Das Musikformat basiert auf Abwechslung, einer viel kleineren Wiederholungsrate und einem größeren Anteil von Titeln in der Rotation als bei anderen Sendern. Um letzteres macht man bei Radio Hannover 87.6 ein kleines Geheimnis; dem Vernehmen nach ist die Rotation aber gut dreistellig.

Der Claim von Radio Hannover 87.6 lautet „die Stimme der Stadt“, was Dohmen für selbsterklärend hält. Er fügt hinzu: „Ich bin von außen gekommen und habe gespürt, was in Hannover fehlt: Hannover hat nicht kommuniziert, was es zu bieten hat. Ich bin in ein Vakuum gestoßen, in dem ich in der Landeshauptstadt einen Sender aufbaue. Das zeigt das Feedback von Hörern über die Wirtschaft bis hin zur Politik.“ Hannover steht dabei für Landeshauptstadt; Messestadt; ist urban; bodenständig und jung geblieben. Insbesondere will man in Hannover und Umgebung eine Zielgruppe von 29-59 Jahren ansprechen, entsprechend werden die Hörer bei Radio Hannover 87.6 gesiezt.

Auffallend ist, dass die Sendungen mit wenigen Ausnahmen keine richtigen Namen haben: „Mit Namen gewinnt man keine Hörer. Namengebung ist zu sehr 90er“, findet Stack. Ausnahmen stellen hiervon folgende Spezialsendungen dar: In „Soundtrack meines Lebens“ (Donnerstag 19-21 Uhr und als Wiederholung am Sonntag von 16-18 Uhr) lässt der aus dem Fernsehen bekannte Musikjournalist Markus Kavka (u.a. VIVA, MTV, ZDF Kultur) exklusiv bei Radio Hannover 87.6 die Hörerschaft an seinem Wissen aus Rock, Pop und Elektro teilhaben. Desweiteren feiert bei Radio Hannover 87.6 nach 17 Jahren Pause die Sendung „Grenzwellen“ (Mittwoch, 21 Uhr bis Mitternacht) mit Kultmoderator Ecki Stieg fröhliche Auferstehung im Äther. Ecki Stieg stellt darin, wie bereits von 1987 bis 1997 auf ffn, spannende und innovative Klänge aus der Elektromusik-Szene vor. Programmdirektor Stack, vorher auch bei ffn als Moderator tätig, gelang es, Stieg zum Comeback zu bewegen.

Weitere Spezialsendungen finden mit Kooperationspartnern des Senders statt. In „Hey Boss!“ kooperiert Radio Hannover 87.6 mit dem Jobcenter der Region Hannover: In „Hannover am Samstag“ werden arbeitsuchende Fachkräfte wöchentlich von 12 bis 13 Uhr im Radio vorgestellt sowie gleichfalls auf der Homepage des Jobcenters. Desweiteren wurden die Rubriken „Klimaschutz aktuell“ und „Radio Aktiv“ (Gesundheitstipps in Zusammenarbeit mit der Krankenkasse KKH Hannover) in das Programm eingegliedert. Seit dem 2. November 2014 kommt am Sonntag von 11 bis 12 Uhr das „Immobilien-Magazin“ in Zusammenarbeit mit zehn Partnern aus der heimischen Immobilienwirtschaft. Die Dauerwerbesendung dreht sich um die Themen Bauen, Kaufen und Wohnen.

Radio Hannover 87.6 führt die Frequenz 87,6 MHz im Sendernamen, um potentiellen Hörern den Weg z.B. auf den linken Rand der analogen Skala zu weisen. Die Frequenzwahl ist eine Lizenzfrage, auf die Radio Hannover 87.6 keinen Einfluss hatte. Man hat sich damit aber arrangiert: „Das halte ich im digitalen Zeitalter nicht mehr für so relevant“, merkt Dohmen an. Entscheidender ist die Empfangspraxis: Die Sendeanlage am Standort Hannover (z.B. auch für den Deutschlandfunk aktiv) sendet auf 187 m Höhe mit einer Leistung von 0,1 kW. Mit bereits großem Erfolg: Bei einer technischen Reichweite von 1.000.000 Hörern schalten 260.000 Hörer täglich Radio Hannover 87.6 ein, wie eine Marktforschungsstudie von Icon Added Value (Nürnberg) im Auftrag des Senders ergab (Juni/Juli 2014). Wie schafft man es, diese (und weitere) Hörer an den Sender zu binden?

Zunächst bekommen Lokalsender wie Radio Hannover 87.6 in der Regel viel Hörer-Feedback in Form von Anrufen und Mails. Bei den Hörern entsteht der Eindruck „man kennt die Schauplätze, über die ihr sprecht“ (Stack). Die unmittelbare Betroffenheit der Hörer über das, was im Radio läuft, macht einen Lokalsender attraktiv. Bei Radio Hannover 87.6 sind die Moderatoren in der Region verwurzelt. Einerseits geht es darum, Claim verpflichtet, die Stimme der Stadt zu sein, zu zeigen wie Hannover klingt – andererseits werden überregionale Themen, sofern für den Hörer und sein tägliches Leben relevant, auf die lokale Ebene „heruntergebrochen“. „Wir fragen dann, was bedeutet das (z.B.: politische Entscheidungen aus Brüssel, Berlin oder vom Landtag) für uns in Hannover?“, so Stack. Letztlich geht es darum mit „Emotion und Augenzwinkern, aber auch sachlich und kompetent“ (Dohmen) abzubilden, was im Sendegebiet passiert. „Unsere Stadt und das Sendegebiet – das sind für uns die Stars“, bekräftigt er.

Ganz ohne Events kommt man auch bei Radio Hannover 87.6 nicht aus: Diese sind auf die oben erwähnte Zielgruppe der 29bis 59-Jährigen zugeschnitten, darunter viele Familien und Bildungsbürgertum. Neben Meinungsumfragen wie zuletzt im Juni/Juli 2014 und Musikresearch durch einen externen Partner in Berlin (Befragen nach Musikwünschen) stellen diese Events wie Veranstaltungen und Konzerte Bindungswirkung her. Events sind z.B. „Der Tag der Regionen“, große Schützenfeste, INFA-Messe, IAA für Nutzfahrzeuge, Maschseefest, Aufführungen auf der Landesbühne und im Schauspielhaus. Konzerte werden oft mit dem Hannover Congress Centrum oder Hannover Concerts zusammen beworben, z.B. von Elton John, Bryan Ferry oder dem Trompeter Till Brönner.

Macher mit Background

Die Macher von Radio Hannover 87.6 sind nicht so neu wie ihr Lokalsender und betreiben nicht ausschließlich learning by doing. Fred Dohmen (48) kam nach Abitur, Volontariat und Studium von Marketing und Neue Medien (abgebrochen) in das Mediengeschäft. Der gebürtige Westfale baute in Baden-Württemberg mit der von ihm gegründeten RTV GmbH (60 Mitarbeiter) im Jahre 1995 das erste Landkreisfernsehen im Landkreis Böblingen auf und expandierte weiter in die Region Stuttgart, Baden und Ulm. Für das Lokalfernsehen erfand er gegen behördliche Widerstände das sogenannte Repeatformat, also Fernsehen mit Sendestrecken von 30 Minuten, die sich wiederholen, was sich als sehr lukrativ herausstellte. Er war zudem Lokalredakteur und Host einer Morningshow im Lokalradio in Sindelfingen. Bei vier baden-württembergischen Privatradios (in Böblingen, Esslingen, Rems-Murr-Kreis und Ludwigsburg) kreierte er die Jugendshow „Powerplay“. Im Jahr 2003 erarbeitete der Medienprofi das Konzept für Lokalteilradio in Böblingen, Calw und Freudenstadt anlässlich der Neuausschreibung der Lizenz.

Geschäftsführer Fred Dohmen von Radio Hannover (Bild: Hendrik Leuker)

Geschäftsführer Fred Dohmen von Radio Hannover (Bild: Hendrik Leuker)

Zusammen mit der Firma Smartcast (Inhaber: Christian Brenner) entwickelte seine Firma RTV Radio 2003 eine Mantelprogramm-Technologie, nachdem der baden-württembergische Lizenzgeber das Auseinanderschalten in Lokalblöcke mit lokaler Werbung erlaubte.

Der im deutschen Sprachraum anerkannte Medienexperte widmete sich bis 2006 in seiner unternehmerischen Tätigkeit der Formatentwicklung und Vertriebsoptimierung in Deutschland und Österreich. Als seine Spezialität gilt seither in der Medienbranche, Sender rasch in schwarze Zahlen zu führen. Sein Wissen hierzu vermittelt er auch in zahlreichen Referaten, Seminaren, Coachings und längerfristigen Beratungsmandaten. Danach zog sich Dohmen aus persönlichen Gründen zwischenzeitlich zurück.

Ende 2009 wurde in Niedersachsen die Lizenzierung von privatem Lokalfunk durch eine Gesetzesänderung möglich. Dohmen wirkte am Lizenzierungsverfahren und Aufbau von Radio Hannover 87.6 mit. Heute ist er einer von drei Geschäftsführern von Radio Hannover 87.6 neben Frank Maass (ehemals Chef von Energy Services & Solutions bei Radio Energy) und Martin Wöbbeking (Inhaber der Hannoveraner Eventagentur paradigma).

Björn Stack (39) ist gebürtiger Hannoveraner. Er hat Abitur und ein abgeschlossenes Studium der Medienwissenschaften aufzuweisen. Der Diplom-Medienwissenschaftler arbeitete parallel zum Studium zunächst als Moderator bei radio ffn (seit 1996), damals noch im Funkhaus in Isernhagen, und als Redakteur bei SAT 1 Niedersachsen. Zuletzt erarbeitete er Kommunikationskonzepte bei der Agentur Bluesky-Media in Hannover, die Messeradio, touristische Veranstaltungen und Filmbeiträge zum Gegenstand hatten. Heute ist er Programmdirektor von Radio Hannover 87.6.

Moderatorin Laura Zacharias neben Hendrik Leuker im Radio Hannover Studio (Foto: Hendrik Leuker).

Moderatorin Laura Zacharias neben Hendrik Leuker im Radio Hannover Studio (Foto: Hendrik Leuker).

 

Mein persönliches Fazit

Aufgrund der verschiedenen Modelle in den einzelnen Bundesländern kann man den noch jungen Lokalfunk in Niedersachsen nicht mit dem in anderen Bundesländern vergleichen. Weder kennt Niedersachsen das in dieser Lokalfunkserie schon ausführlich dargestellte „Zwei-Säulen-Modell“ von Veranstaltergemeinschaften und Betriebsgesellschaften wie in NRW, noch die Subventionierung durch den „Kabelgroschen“ wie in Bayern. Man kann die Systeme sicher „nicht einfach über einen Kamm scheren“, wie Fred Dohmen zusammenfasst.

Was Niedersachsen angeht, so darf ich festhalten, dass es wohl das System ist, das der Marktwirtschaft am meisten Entfaltungsmöglichkeiten gibt, weil inhabergeführte Modelle toleriert werden. Einem Geschäftsführer wie meinem Gesprächspartner Fred Dohmen und seinen zwei weiteren Kompagnons kommt nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht viel Verantwortung zu. Der Inhaber muss auch darauf achten, dass Lokalfunk sich in den Dienst der Gesellschaft stellt und demokratiefördernd wirkt. Das wird er tun. Anders wird auch ein inhabergeführtes Unternehmen keinen Erfolg haben.

Vom journalistischen Anspruch und der Verteilung von lokalen Nachrichten, informativen Beiträgen, Musik und Comedy her ist Niedersachsen am ehesten mit Bayern zu vergleichen; nicht so journalistisch und öffentlich-rechtlich-like wie in NRW aber auch nicht mit lokalen News als Alibi-Funktion, wie oft in Baden-Württemberg anzutreffen.

Hendrik Leuker ist Redakteur des RADIO KURIER.

Weiterführende Informationen:
Niedersächsische Landesmedienanstalt (NLM)
Radio Hannover 87.6

 

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