“Es ist die letzte Möglichkeit, in diesem Markt mitzuspielen”

Veröffentlicht am 04. Feb. 2015 von unter Standpunkte

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Von Jörg Fingerhut

Der Radioplayer ist seit Januar 2015 in einer Testphase online und als App verfügbar. Die Betreibergesellschaft, bestehend aus nahezu allen deutschen Privatradios, beschreibt ihn im App-Store überraschend beliebig.

Als Radio und Internet sich annäherten

Um Konzept und Ansatz des neuen Radioplayers zu verstehen, muss man etwas weiter ausholen: 1998 haben die Menschen, die das World Wide Web schon kannten, sich meist noch mit einem knarzenden Modem in das damals noch recht neue Internet eingewählt. Trotzdem gab es Leute wie z. B. Uwe Roselius, die sich nicht scheuten, aus Interesse und Begeisterung für das alte Medium Radio eine Art internationales Senderverzeichnis aufzubauen. Gleichgesinnte hatten so einen leichteren Zugang und konnten so Sender entdeckten, die sie vorher vielleicht noch nicht kannten. Das entscheidende an diesem Ansatz – und darauf geh ich gerne später noch genauer ein – ist der Fokus: Der Zusatznutzen für den Radiofreund. Der Hörer konnte nämlich vor Surfmusik, wie er sein Baby nannte, eben nicht auf einer bereits bekannten Internetseite so viele vorsortierte Sender finden. Man hätte sie aufwändig einzeln suchen müssen, ohne Google. Gut, seitdem hat sich auf der Seite optisch nicht viel getan, und sie wirkt heute ein bisschen wie ein Relikt aus sehr frühen Internet-Tagen, aber dafür ist sie via Google bemerkenswert gut zu finden. Und die wegweisende Bedeutung, die sie damals unzweifelhaft hatte, bleibt sowieso unbenommen.

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Ungefähr drei Jahre später, also im Herbst 2001, saßen in Hamburg ein paar Nerds zusammen – obwohl es diesen Begriff damals eigentlich noch gar nicht gab – und brachten ein Projekt auf den Weg, an dem sie bereits ein Jahr hart gearbeitet hatten: Eine Software, mit der künftig jeder kostenlos und so einfach wie möglich Radio im Internet finden, hören und auch aufnehmen können sollte – der phonostar-Player. Der Ansatz war etwas anders als der von Uwe, denn hier saß eine Gruppe zusammen, der es nicht primär darum ging, irgendwelche speziellen Musik-Channels zu hören. Im Fokus standen ganz klar wertige Inhalte, wie Lesungen, Hörspiele, Reportagen, Features und Konzerte sowie deren Verfügbarkeit. Unterstützt wurde dieser Ansatz deshalb bald durch ein Radiomagazin, dass, ähnlich einer digitalen Hörzu, Empfehlungen für Sendungen bereit hielt, die man dann ab 2003 auch einfach mit einem Klick aufnehmen konnte. Dieses Projekt ist vielleicht nicht massenkompatibel, aber dennoch wurde die Software bis heute weit über 10 Millionen mal heruntergeladen. Das Angebot gibt es inzwischen natürlich auch für Smartphones – inklusive einer neuen Aufnahmefunktion, die Sendungen in der Radio-Cloud speichert.

Radio-de

2007 wurde ein nächster Aggregator geboren. Radio.de erblickte als Verlagstochter das helle Licht der Internetradio-Welt. Und anders als phonostar, dass eher eine deutsche Nische besetzte, konzentrierte radio.de sein Angebot darauf, Sender mit einem Klick einfach direkt im Browser hören zu können. Das hatte einen großen Vorteil, denn das Angebot war so mit wenigen Handgriffen internationalisierbar, die generische Domain tat ihr übriges. Damit hat radio.de sehr früh einen europäischen Roll-out gestartet und früh voll auf das Thema Mobile gesetzt. Eine gute Kombination, wenn man heute die IVW-Daten von phonostar und radio.de vergleicht.

TuneIn Radio

Wie attraktiv dieser Markt heute ist, verdeutlicht vielleicht am besten der derzeit größte Player: TuneIn. Die Amerikaner haben allein zwischen Ende 2012 und Mitte 2013, während Surfmusik, radio.de und phonostar monetär in eher überschaubaren Dimensionen geplant haben, in zwei Finanzierungsrunden einen hohen zweistelligen Millionendollarbetrag eingesammelt und das Angebot richtig ausgebaut. Man kann sich jetzt, wenn die Inhalte und Sendungen der Sender hinterlegt sind, eine schöne Timeline seiner Lieblingssender anzeigen lassen. Man kann, wie man das z. B. von Twitter gewohnt ist, ein Profil anlegen und verschiedenen Sendern folgen. Das ist nicht nur nett für den Nutzer, sondern offensichtlich auch von großem Interesse für Investoren.

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Gehversuche der ARD

In den vergangenen Jahren gab es in Deutschland zudem einige verblüffende Nebenschauplätze zum Thema Radio und Internet. So hat etwa die Firma Tobit mehr nebenbei einen Rekorder für Radiostreams entwickelt. In Zeiten und Nachwehen von Napster & Co. kam da mit ClipInc ein Radiorekorder auf den Markt, der wie ein leiser Staubsauger parallel mehrere Radiosender mitschneiden und die gesendeten Tracks in fein säuberlich geschnittene MP3-Häppchenauf die Festplatte gespuckt hat. Auch das ist ein toller Service, den viele Musikfans gerne genutzt haben und noch nutzen. Fast interessanter ist eigentlich nur, dass die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten der ARD eben dieses Angebot von Tobit lizensiert haben, um den Hörern der ARD-Hörfunkprogramme eine Aufnahmemöglichkeit zu bieten. Eine überraschende Kooperation, denn den Service von Tobit haben nicht primär die an Radio Interessierten genutzt, sondern die, die auf der Suche nach kostenlosen Musikdateien waren. Das kann man gut, schlecht oder sonst wie finden – es ist halt technisch möglich. Ausnahme bei der Kooperation der Öffentlich-rechtlichen mit Tobit ist das Deutschlandradio, das für die Aufnahmefunktion seit 2008 mit phonostar arbeitet und offensichtlich auch keine Angst davor hat, dass im DRadio-Rekorder rund 8.000 andere Sender aus aller Welt verfügbar sind. Anders übrigens als die ARD, die in ihren Rekordern nur die Sender der jeweiligen Sendeanstalt abspielen lässt.

Die BBC ist das Thema Internet und Radio vor rund drei Jahren anders angegangen: Sie hat alle privaten und öffentlich-rechtlichen Sender unter das Dach des BBC Radioplayers bekommen und fast schon einen Radioboom im Königreich ausgelöst. Weil sich ausnahmslos alle britischen Sender geschlossen vor den Karren Radio haben spannen lassen, hat das Thema in UK richtig Fahrt aufgenommen. Professioneller und benutzerfreundlicher war es bis dato kaum möglich, in England Radio zu hören. Zudem entwickeln die Briten das Thema ständig weiter, indem sie aktuelle Trends (wie z. B. Spotify & Co.) fürs Radio adaptieren – zuletzt mit dem in Deutschland kaum beachteten Playlister.

Der Hörer ist da eigentlich ganz schlicht

Das alles (und noch viel, viel mehr) hat sich in den letzten rund 15 Jahren in der Schnittmenge zwischen Radio und Internet auf Seite der Aggregatoren getan. Und davon hat zu jedem Zeitpunkt vor allem auch der Hörer profitiert. Denn durch das Internet haben sich z. B. bereits einige Marginalien im Hörverhalten geändert, denen die Aggregatoren besonders gerecht werden. So wechselt der Durchschnittshörer im Netz zwischen sieben bis zehn Sendern (bei UKW werden weniger als zwei Sender im Schnitt gehört). Und dafür möchte er nicht zwischen sieben bis zehn Seiten (oder Apps) wechseln müssen. Die Schweizer haben diesen Umstand kürzlich weitergedacht und mit diy.fm ein spannendes Projekt aufgesetzt – in das übrigens auch der SRF federführend involviert ist. Dort können sich Hörer Sendungen verschiedener Sender in einem individuellen Stream zusammenstellen und linear hören, ohne aktiv den Sender wechseln zu müssen.

Die Hörer haben gelernt, dass Radio jetzt eigentlich immer und überall verfügbar ist, man kann es auf nahezu allen Devices hören, live, als Aufnahme oder On Demand. Ich kann meine Radio-Interessen mit Freunden teilen, kann mich als Hörer aktiv bei verschiedenen Formaten einbringen. Ich habe gelernt, dass es in Deutschland und der ganzen Welt eine sehr kreative und hochwertige Riege von Radiomachern gibt, die ich nur eben oftmals nicht über UKW (oder DAB+) finde. Bei all dem ist dem Hörer der Übertragungsweg eigentlich herzlich egal – solange er einen Mehrwert bietet. Wenn das alles mit DAB+ (oder UKW) möglich wäre, würde der Hörer über DAB+ Radio hören. Da DAB+ aber eben vieles nicht kann und auch (noch) nicht in den aktuellen Smartphones integriert ist, wird es eben auch noch nicht genutzt. Der Hörer ist da eigentlich ganz schlicht.

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Warum zur Hölle?

So, und jetzt sind wir im Jahre 2015. In Deutschland haben die Sender die Lage eineinhalb Jahrzehnte, in denen Unternehmen wie Google und Facebook gegründet wurden, ganz genau sondiert und für sich festgestellt, dass die BBC das ganz gut hinbekommen hat. Na, dann kaufen wir uns das Ding und machen das auch hier! Hat man sich gedacht. Nach längerer Vorbereitungszeit geht man jetzt mit dem Radioplayer der BBC also online. Einen kleinen Unterschied zum Angebot der BBC in UK gibt es dann doch: Es sind zum Start in Deutschland lediglich die meisten Privatradios dabei – also genau die Inhalte, die gemeinhin mehr oder weniger liebevoll als Dudelfunk bezeichnet werden. Gut, ARD und Deutschlandradio sind nicht über den neuen Radioplayer verfügbar… na ja … und viele Webradios sind jetzt auch nicht am Start … also eigentlich nur die Privatradios. Wenn man aber ein Blick auf das Hörerverhalten im Internet wirft, dann gibt es Belege dafür, dass die Sender öfter gewechselt werden. Aber kein Hörer wechselt doch bei einem Aggregator zwischen dem Privatradio aus Bayern und dem Privatradio aus Hamburg! Wenn Sender gewechselt werden, dann möchte der Hörer des Hamburger Privatradios zwischendurch vielleicht ein Konzert eines öffentlich-rechtlichen Jugendkanals hören. Oder das Hörspiel eines Kulturradios. Oder ein hippes Campusradio aus den USA. Oder eine spezielle Musiksendung eines Webradios. Oder ein ungewöhnliches Feature eines Webradios. Aber niemand wechselt zwischen zwei regionalen Privatradios! Es wäre an dieser Stelle interessant zu erfahren, welche Bedenken die ARD, die immerhin keine Berührungsängste bei Tobit hatte, beim Projekt Radioplayer so hegt.

Und mehr als deutlich wird bei diesem Projekt, dass sich die Verantwortlichen eine Frage offensichtlich nicht gestellt haben: Welchen Mehrwert bietet unser Radioplayer dem Hörer? Ich als Hörer kann diese Frage jedenfalls nicht beantworten. Wenn ich einfach irgendwo einen bestimmten Sender hören möchte, nutze ich radio.de oder TuneIn. Beim Thema Aufnahmen vertraue ich phonostar und wenn ich an Neuerungen interessiert bin, schaue ich auch gern mal auf das Angebot der BBC. Aber den deutschen Radioplayer? Warum zur Hölle? Mit eineinhalb Jahrzehnten Anlauf hätte sich diese Marktmacht der wichtigsten deutschen Radiomarken das Beste aus allen bisherigen Ideen nehmen können. Sie hätten sich gemeinsam auf eine Radio-Vision für Deutschland einschwören können. Und was machen sie (für mich als Hörer)? Nichts. Einfach nichts!

Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer der Radioplayer Deutschland GmbH, im Interview mit RADIOSZENE (Foto: Björn Czieslik)

Hans-Dieter Hillmoth, Radioplayer Deutschland GmbH (Foto: Björn Czieslik)

So liest sich die Aussage vom Geschäftsführer der Radioplayer Deutschland GmbH, Hans-Dieter Hillmoth, in der Radioszene im Juli 2014 heute anders als sie vor einem halben Jahr vielleicht gemeint war. “Es ist die letzte Möglichkeit, in diesem Markt mitzuspielen”, sagte Hillmoth da über den Radioplayer. Zu diesem Zeitpunkt ging er noch davon aus,dass die Zusage der ARD nur eine Frage der Zeit sei. Er wollte den Aggregatoren den Wind aus den Segeln nehmen. Aber dafür wäre mindestens Zweierlei nötig gewesen: 1. Zu wissen, wie deren Erlösmodelle aufgebaut sind. 2. Den Nutzen des jeweiligen Angebotes für die Hörer genau zu kennen. Dann hätte die Allianz der Deutschen Radios ganz sicher auch die Power gehabt, den Markt in Wallung zu bringen. Gebetsmühlenartig darauf hinzuweisen, dass die bösen Aggregatoren ja an den Inhalten der Sender verdienen, ist etwas kurzsichtig und sicherlich nicht zielführend – weder für die Sender, noch für die Hörer.

Zuletzt wollen wir einen Blick in den Google Playstore werfen. Zwei Wochen nach dem Start der App sind dort bescheidene 1.000 Downloads verzeichnet, die Bewertung pendelt sich bei 3,3 Sternen ein – das ist noch weniger als bescheiden. Auch wenn es noch eine Testphase ist. Hätten wenigstens alle Angestellten der 17 beteiligten Gesellschafter die App auf ihren Smartphones, müsste die Zahl der Downloads schon deutlich über 1.000 liegen. Spontane Akzeptanz sieht anders aus.

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(Titelbild: ©Frank Peters/Fotolia)

Jörg Fingerhut (Bild: XING)

Jörg Fingerhut (Bild: XING)

 

Disclaimer: Der Autor hat von 2010 bis 2014 für die phonostar GmbH gearbeitet und verfolgt das Thema Internetradio seitdem lediglich als interessierter Hörer.

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