Anthony Gay: Sport im Radio – nach Ihren eigenen Regeln

Veröffentlicht am 25. Aug. 2014 von unter Standpunkte

Fanmeile Berlin. Foto:  Viktor Rosenfeld (cc-by-sa)

Von Anthony Gay

Der Ball rollt wieder, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Aber auch auf Ihrem Sender? Interessieren Sie sich überhaupt für irgendeinen Sport?

Jetzt, wo die neue Fußballsaison beginnt, erinnern wir uns gerne an die Weltmeisterschaft in Brasilien zurück. Und daran, wie emotional man über Sport berichten kann, selbst wenn man sich eigentlich gar nicht als Sportsender versteht.

Ich habe mich nach dem WM-Finale gefragt, was das deutsche Radio wohl aus dem Sieg “ihrer Mannschaft” machen wird und habe am Morgen danach 104.6 RTL aus Berlin eingeschaltet. Und ich wurde nicht enttäuscht. Sie brachten eine fantastische Collage mit Mitschnitten aus der Live-Reportage und Reaktionen der Hörer, dazu ein wohlbekannter deutscher Sommerhit aus diesem Jahr. Ich habe zwar nicht alles verstanden, was sie gesagt haben, aber die Energie habe ich durchaus wahrgenommen. Der Sender ist in diesem Moment wirklich auf der Welle der Emotionen geritten.

Aber das war nicht das einzige, das sie gemacht haben: Auf Facebook wurde auch eine passende Video-Collage gepostet. Darin konnte man den Moderator sehen, der den Fans beim Public Viewing einheizte, die in der ganzen Stadt feierten. Tausende haben den Clip geliked und geteilt. Ich habe bei 104.6 RTL angerufen und der Produzent sagte mir, dass er die ganze Nacht durchgearbeitet hatte und dann um acht Uhr morgens vor seinem Computer eingeschlafen sei.

Ich habe dann darüber nachgedacht, weshalb einige Radiosender nur ungern in Berührung mit Sport in ihrem Programm kommen. Viele Moderatoren und Programmchefs haben mir gesagt, sie wollten nicht als Sportsender empfunden werden. Stimmt natürlich. Aber wollen sie nicht auch, dass man sie als wichtige, relevante Station empfindet?

Anlässe wie die Fußball-WM oder die Olympischen Spiele sind wahrscheinlich sehr einleuchtende Beispiele, die wir alle nachvollziehen können. Aber es gibt meiner Meinung nach auch viele andere Momente, die man als vergebene Chancen betrachten kann, wenn Radiosender nicht die Vorteile so eines Sport-Events nutzen wollen, obwohl hier Emotionen übertragen und Anreize für passende Inhalte gegeben werden.

Man muss wahrlich kein Experte auf diesem Gebiet sein. Vielleicht ist es sogar hilfreich, wenn man das nicht ist. Ich behaupte, dass der Großteil Ihrer Hörer auch gar nicht an genauen Spielanalysen interessiert ist. Aber stecken Sie mal ein Eichhörnchen in ein Kostüm und lassen sie es das Ergebnis vorhersagen, indem es Nüsse aus kleinen Kistchen auswählt. Alle Welt wird begeistert sein.

Und was immer Sie machen, geben Sie nicht vor, Sie wüssten alles. Denn hier geht’s darum, authentisch zu sein. Ich habe schon Moderatoren gesehen, die keine Ahnung von Fußball hatten und dann von den Sponsoring- und Promotion-Leuten in Situationen gebracht wurden, in denen sie Begeisterung und Wissen vorgaukeln sollten. Das kann nicht gut gehen, also versuchen Sie es lieber erst gar nicht. Der Moderator braucht dann immer erst einiges an Zeit, um sein Selbstbewusstsein wiederzufinden.

Die meisten Sportler, die ich überreden konnte vors Mikrofon zu kommen, haben gerade die Morningshows gemocht, bei denen mit ihnen über alles mögliche gesprochen wurde, aber nicht übers Spiel. Sie entspannen sich, echte Gefühle kamen zum Vorschein – und sie sagten nicht das, was sie des Spieles wegen aufsagen mussten. Die Hörer lernen so eine andere Seite von ihrem Sportstar kennen – und das macht gutes Radio aus.

Sie müssen nur den richtigen Blickwinkel finden, der auch zu Ihrem Sender passt. Eine spannende Geschichte von hinter den Kulissen zum Beispiel. Manchmal höre ich aber auch noch ein paar Sendungen, die mit der Frage, welche Spieler denn besonders sexy sind, gerade das weibliche Publikum begeistern wollen – aber das kann doch etwas billig klingen, wenn man es nicht richtig rüberbringt. Authentizität ist entscheidend.

Das DFB-Team mit Jogi Löw auf dem Weg zur Fanmeile in Berlin.Foto: Markus Winkler

Das DFB-Team mit Jogi Löw auf dem Weg zur Fanmeile in Berlin. Foto: Markus Winkler (cc-by-sa)

Ihre Mannschaft hat eigentlich keine Chance zu gewinnen? Macht nichts. Sport sorgt für große Gefühle, bringt Menschen zusammen und inspiriert. Und überrascht immer wieder. Und manchmal eröffnet sich einem so die Gelegenheit richtig groß zu feiern, so wie in Deutschland in diesem Jahr. All das ist die Grundlage für starke Hörerbeteiligung, die Zuhörer dazu zu bringen, mitzumachen, mitzufeiern und darüber zu reden.

Tatsächlich kann man wahrscheinlich mehr in der Vorbereitung auf das Event erreichen als im eigentlichen Wettbewerb. (Die Leute von BBC Radio Five Live hier in Großbritannien taten mir so leid! Die hatten eine wirklich fantastische Vorbereitung und Berichterstattung auf die Beine gestellt – und dann ist ihnen diese lahme Mannschaft aus England in den Rücken gefallen…)

Kommen wir zurück zu 104.6 RTL in Berlin, da hat man sofort gesehen, woran sie gearbeitet haben: Eine riesige Feier mit ihren Moderatoren im Berliner Zentrum, Mannschaftstrikots mit dem Logo ihres Senders, das Jingle als Lufttröte und ein mitreißendes Top-Of-The-Hour-Jingle. Das ein oder andere davon ist vielleicht nicht so bahnbrechend, aber gut aufeinander abgestimmt, wohl dosiert und perfekt ausgeführt führt das alles dann dazu, dass die Hörer Sie lieben werden.

Also: Bei der nächsten wichtigen Sportveranstaltung kommt es nicht darauf an, wie gut Ihre Mannschaft ist – Sie können nämlich trotzdem gewinnen. Erfinden Sie einfach Ihre eigenen Regeln. Dann können Sie gar nicht verlieren.

Anthony Gay

Anthony Gay ist Managing Director von ReelWorld Europe. Dieser Artikel erschien bereits an dieser Stelle, wo sich weitere Artikel vom ReelWorld Team finden.

 

 

 

 

 

Titelfoto: Fanmeile Berlin. Foto: Viktor Rosenfeld (cc-by-sa)

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