DAB+ oder LTE: „Die Menschen wollen einfach gutes Radio hören“

Veröffentlicht am 23. Apr. 2013 von unter Deutschland

Logos RMN Radio und Detektor.fm

In den vergangenen Monaten wurde häufig und heftig über die Zukunft des Hörfunks debattiert. Während die einen diese im Internet sehen, teils einzig als Häppchenradio, das aus personalisierten Playlists und eingefügten Podcasts besteht, sehen die anderen in ihrer Glaskugel einen Hybridbetrieb aus WWW und terrestrischem Betrieb – etwa DAB+. Zwei Meinungen aus dem Webradio-Sektor.

Viele Internetsender träumen davon, eines Tages über terrestrische Empfangswege gehört werden zu können. Beim saarländischen „RMN Radio“ ist dieser Traum mit dem Programm „RMN Schlagerhölle“ Wirklichkeit geworden; vor einigen Monaten startete der Sendebetrieb über die Digitalradio-Netze im Rhein-Main-Gebiet und in Berlin. Frank Brach, Leiter von RMN Radio, zeigt sich zufrieden. „Das Feedback in den ersten Monaten aus Hessen und Berlin/Brandenburg ist bemerkenswert. Obwohl wir erst am Beginn unserer Marketingkampagnen sind, hat sich die Interaktivität unser Hörer, wie z.B. Anrufer und Hörerwünsche, mehr als verdoppelt.“ Die Verbreitung im Onlinebereich bleibt natürlich ein wichtiger Weg, um die Hörer zu erreichen: „Im Moment verzeichnet die Schlagerhölle ca. 1.400.000 Einschaltungen im Monat, also am Tag im Schnitt etwa 45.000“, freut sich Bahr. Auf Facebook haben rund 10.600 Menschen ihr „Gefällt mir“ auf der Fanpage des Senders geklickt, der sich durch Werbung über den Vermarkter audimark (seit Januar 2013) und Investoren finanziert.

DAB-Empfangsprognose Kanal 7 Berlin

Ausbreitungsprognose für den mit privaten Programmen belegten DAB-Multiplex in Berlin. Quelle: Media Broadcast

Zu den beliebtesten Internetsendern darf sich auch detektor.fm zählen, das im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet wurde. Marcus Engert, Redaktionsleiter, befürwortet eher eine Verbreitung über das World Wide Web anstatt via Digitalradio und sieht die bisherige Entwicklung kritisch:

Marcus Engert (Bild: privat)

Marcus Engert (Bild: privat)

„Das Hickhack um DAB hat vieles kaputt gemacht. Man kann solche Schritte nicht ein bisschen gehen. Entweder man will DAB+ etablieren – dann muss man den Hörern erklären, warum sie die neuen Geräte kaufen sollen. Es müssen also programmliche Mehrwerte her. Und: erschwingliche Geräte. Man wird also darüber nachdenken müssen, wie man für beides Fördermaßnahmen etablieren kann. Ohne ausreichend Hörer ist für Sender die Verbreitung über DAB+ nicht refinanzierbar. Ohne gute Programme und Mehrwerte, die über das, was man bisher im UKW-Bukett empfangen kann, hinausgehen, werden die Hörer die Geräte nicht kaufen. Noch immer sind viele Radioanbieter (und Autohersteller!) von DAB+ nicht überzeugt. Massive Lobby-Aufwendungen sind nötig, um das Thema am Kochen zu halten. Dabei ist die Rechnung eigentlich simpel: Programmmehrwert muss her – dann werden auch Hörer folgen – und dann entsteht auch ein Werbemarkt. Sollte es bei einer UKW-Abschaltung 2025 bleiben, bin ich mir aber nicht sicher, ob man eine Brückentechnologie – und nichts anderes ist DAB+ – überhaupt braucht. Die Menschen wollen einfach gutes Radio hören.“

Die ganze Debatte um die Zukunft des Hörfunks dürfe nicht allein an der Technik festgemacht werden. „Ob ein Audiosignal über UKW, DAB+, LTE etc. oder was auch immer ins Radio kommt, ist doch den allermeisten Menschen ganz egal. Nicht egal ist ihnen, ob sie plötzlich ein Hörbuch-Radio, ein Sport-Radio, ein Popkulturradio etc. empfangen können“, so Engert.

„Man muss sich meiner Meinung nach vom Formatradio der UKW-Sender abheben, also Personalityradio betreiben“, meint Frank Brach, für den ebenfalls die Inhalte zählen, um sich in der digitalisierten Welt als Radiosender behaupten zu können. „Desweiteren dürften nur die Webradios langfristig eine Chance haben, die viele unabhängige Musikfarben ihren Hörern anbieten. Reine Mainstreamradios werden sich nicht etablieren, die gibt es wie Sand am Meer. Mit dem Strom schwimmen mag zwar für Fische sicher sein, aber man bleibt dabei als Individuum unentdeckt.“

Digitalradio-LogoDie „Schlagerhölle“ sorgt mit ihrer Musikauswahl auch auf DAB+ für ein deutlich breiteres Spektrum an Genres im Radio. Zusammen mit Programmen, die sich ebenfalls vom aktuellen UKW-Angebot abheben, wie etwa LoungeFM, Absolut Radio oder DRadio Wissen, wird so bewiesen, dass auch terrestrisches Radio mehr zu bieten hat, als die häufig kritisierten AC- bzw. CHR-Stationen. Frank Brach und sein Team beabsichtigen deshalb, das Empfangsgebiet ihres Senders zu erweitern:

„Nach der Aufschaltung auf dem Satelliten Astra im Februar dieses Jahres erhielten wir am 17.04. von der Medienanstalt Sachsen-Anhalt die Zulassung eines landesweiten Radioprogramms auf Kanal 11 C auf DAB+. Für dieses Jahr sind noch 2 weitere landesweite Starts auf DAB+ geplant, bei einem läuft im Augenblick das Zulassungsverfahren.“

„Die Fische sind online“

Der eine Internetsender glaubt auch an einen Betrieb auf DAB+, der Redaktionsleiter des anderen zweifelt daran. Während Befürworter von terrestrischem Digitalfunk häufig argumentieren, DSL und LTE seien letztlich nicht für die (mobile) Verbreitung von Radio- und Fernsehinhalten an tausende Zuhörer und Zuschauer vorgesehen, zeigt sich Engert optimistisch:

„Technik-Skepsis ist kein guter Ratgeber – sonst hätten wir heute keine Telefone, keine Autos und keinen Tonfilm. Bandbreite und technische Infrastruktur wachsen mit enormer Geschwindigkeit. Ich kann mich noch an Diskussionen erinnern, in denen es hieß: Video und Fernsehen im Netz, das wird nie gehen. Und heute schauen 8 Millionen Menschen zu, wie jemand aus der Stratosphäre springt! Streaminggebühren sinken rasant, bald wird es vielleicht immer mehr Pauschaltarife geben. Die Provider werden ihre Netze ausbauen. Und Wissenschaftler forschen an weiterentwickelten Peer-2-Peer-Netzwerken, die für die IP-basierte Medienverbreitung nichts weniger als einen Paradigmenwechsel bringen könnten: wenn jeder, der hört, auch einen minimalen Bruchteil seiner Kapazitäten bereitstellt, entsteht ein extrem leistungsfähiges Netz. Schon heute wird das beim Eurovision Song Contest praktiziert: wollen Sie den im Netz anschauen, müssen Sie ein kleines Plugin installieren. ‘Fish where the fish are’, sagen die Briten. Nun, die Fische sind online.“

Studio von RMN Radio

Studio von RMN Radio (Quelle: RMN)

„Sehen in DAB+ die Zukunft des Radios“

„DAB+ wird im Endausbau eine deutlich stabiliere Übertragung bieten als DSL – zumindestens im mobilen Bereich“, ist sich dagegen Brach sicher. „Zwar sind bei DAB+ die Grundkosten zu Beginn höher als bei der Verbreitung über Internet, dafür bleiben die Betreiberkosten aber konstant, unabhängig von der Anzahl der Zuhörer. Das Ziel, das größte Schlagerradio im deutschsprachigen Raum zu werden, können wir nur erreichen, wenn die Übertragungskosten kalkulierbar und finanzierbar sind. Und irgendwann wird es zur Abschaltung von UKW kommen, zwar nicht kurzfristig, aber der Tag wird kommen – und der frühe Vogel fängt den Wurm!“ Ergänzen will man das Audio-Programm, ähnlich wie im Internet, mit begleitenden Multimediadiensten:

„Wir können viele technische Dienste für den Hörer, welche wir in den letzten 10 Jahren für das Internet entwickelt haben, auch auf DAB+ nutzen, vor allem die dynamischen Daten. Wir haben starke Partner gefunden, die das selbe Ziel wie wir verfolgen: den deutschen Schlager in diesem Land zu fördern und nach vorne zu bringen.“ Und: „Wir sehen in DAB+ die Zukunft des Radios.“

DAB-Ausbau Ende 2013

Ausbreitungsprognose des bundesweiten Digitalradio-Multiplexes. Hinzu kommen je nach Bundesland regionale Bedeckungen.

„Content is King – und Leidenschaft ist Queen“

Markus Engert vom interaktiven detektor.fm sieht für kleinere Hörfunkprojekte deutlich bessere finanzielle Voraussetzungen im Internet, was auch auf die genaue Bestimmung der Hörerzahlen zurückzuführen sei – und den Wegfall von Regulierungen und Lizenzzuteilungen. Über DAB+ ist eine exaktere Reichweitenmessung nur über Umfragen und Geräte mit Rückkanal, sprich Internetanbindung, möglich, es bedarf zum Senden eines entsprechenden Papiers der Landesmedienanstalt. Im kommenden Sommer soll der 1.000.000 Empfänger für das „Radio der Zukunft“ über die Ladentheke gehen.

Jedoch kann die mobile Onlineversorgung durch HSDPA oder LTE derzeit noch nicht mit klassischen, terrestrischen Rundfunknetzen mithalten. Auch per stationärer DSL-Anbindung ist nicht immer reibungsloser Multimediaempfang gewährleistet (vgl. „90elf: Server bei CL-Spiel überlastet“ und „Drohende Telekom-DSL-Drossel“).

Die Entwicklung des digitalen Hörfunks DAB+ in den kommenden Monaten und Jahren wird den Weg in die Zukunft des Radiohörens weisen: Bei Nichterfolg möglicherweise in eine Web-Basierte „Hör-Zukunft“ – oder zu einem sinnvollen Mischbetrieb aus DAB+ und Internet. Klar ist auch, dass die Inhalte entscheiden werden, über welche Techniken künftig der Rundfunk ans Ohr seiner Hörer gelangen wird. Marcus Engert:  „Wir halten uns an folgende Maxime: Es geht nicht darum, keine Abschaltimpulse zu schaffen. Hörer und Nutzer haben Augenhöhe und offene Kommunikation verdient. Algorithmen können Journalisten nicht ersetzen. Content is King – und Leidenschaft ist Queen.“

Und Leidenschaft lässt sich sowohl über UKW, als auch DAB+ und Internet transportieren.

 

Weiterführende Informationen

Teltarif: DAB+ Schnäppchen und fallende Gerätepreise
Empfangsgebiet von Digitalradio DAB+ (auch regionale Angebote)
detektor.fm wird von A&S Radio vermarktet
Zahlen zum Internetradio im Goldmedia-Webradio-Monitor 2012 

Titelfoto Quelle: PURE [M]

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