DAB+ vs. Internet: “Es gibt gute Gründe für klassische Rundfunknetze”

Veröffentlicht am 12. Apr. 2013 von unter Deutschland

Digitalradio

Ende Februar überraschte General Motors mit der Nachricht, künftig möglicherweise keine klassischen UKW-Autoradios mehr in die Multimediasysteme seiner auf dem US-Markt verkauften Fahrzeuge zu integrieren. Auch andere Autobauer warten, auch in Europa, inzwischen mit Technikpaketen auf, die eine Nutzung von Apps und Netzradio im fahrenden PKW ermöglichen sollen. Wo steht hier DAB+? Seit einigen Jahren wird bereits mit Internetdiensten im Auto experimentiert bzw. erste Lösungen den Kunden verkauft. In dieser Zeit startete der digital-terrestrische Hörfunk DAB+ in Deutschland. Die Anzahl und Vielfalt der angebotenen Programme ist in einigen Regionen des Landes größer als über UKW, muss sich jedoch den tausenden Internetradiostationen geschlagen geben.

Was die Stärken von Digitalradio DAB+ über Antenne gegenüber dem allmächtig scheinenden Internet sind, erläutert Thomas Wächter, Leiter Productmanagement Business Unit Hörfunk der Media Broadcast GmbH, die u.a. das bundesweite Digitalradio-Sendernetz betreibt.

Der nationale DAB-Multiplex wird in diesem Sommer zwei Jahre alt, dann wird das Millionste Digitalradio-Gerät offiziell über die Ladentheke gehen. Hat diese Zahl eine Signalwirkung, auch wenn im Vorfeld eine schnellere Verbreitung von Digitalradios beabsichtigt war?

Thomas Wächter

Thomas Wächter, Leiter Productmanagement Business Unit Hörfunk, Media Broadcast.

Die Einführung des neuen Digitalradios ist schon jetzt eine Erfolgsgeschichte. Dies belegt nicht zuletzt der jüngst verkündete Ausbau des Netzes in 2013, getragen von allen Marktpartnern, die Auslastung unserer Kapazitäten uvm. Gewiss, Zahlen mögen eine überschaubare Symbolkraft haben. Neben der Signalwirkung von kontinuierlich steigenden Abverkaufszahlen überzeugt unseres Erachtens indes die Qualität bei Empfang und Klang, das teils exklusive Programmangebot und die attraktiven Zusatzdienste des neuen Digitalradios.

 

Zeigt sich Media Broadcast denn zufrieden mit der bisherigen Resonanz auf Digitalradio von Hörern, Sendern und Industrie?

Wir haben in den vergangenen Monaten eine wichtige Basis gelegt, um die Zukunftsfähigkeit des Hörfunks zu sichern. Der Einstieg in den Digitalumstieg beim Radio ist längst vollzogen. Das Feedback aus allen Marktbereichen bestätigt die Strategie aller Partner zur Digitalisierung des Hörfunks äußerst eindrucksvoll. Und damit sind auch wir als Netzbetreiber hoch zufrieden.

 

Wie bewerten Sie generell Aussage von General Motors, teils auf klassische Radiogeräte zu verzichten und auf LTE-Empfänger zu setzen? Was sind Ihrer Meinung nach die klaren Vorteile von DAB+ gegenüber Radio per Internet und Handynetz?

Es ist eine altbekannte Tatsache: Datennetze sind für den Rundfunk weniger gut geeignet als klassische Broadcastnetze. Vor diesem Hintergrund ist auch die Entscheidung von GM zu werten.

Übertragen auf das neue Digitalradio in Deutschland bedeutet dies: Das DAB+ Netz bietet hinsichtlich Netzabdeckung, Empfangsqualität und Signalgüte eine wesentlich verlässlichere und qualitativ hochwertigere Radioversorgung als der mobile Datenempfang. Hinzu kommen die positiven Effekte des Gleichwellennetzbetriebes. Zudem ist die Versorgung über ein Radionetz für den Radiobetreiber viel wirtschaftlicher: Statt mit zig Streams pro Hörer wird das Programm beim Digitalradio effizient nach dem one-to-many Prinzip zum Hörer transportiert. Ein aktuelles Beispiel ist das Zusammenbrechen des Internetradioservers von 90elf zum Ende des Fußballspiels zwischen Dortmund und Malaga.

Last but not least: Der tägliche Medienkonsum ist mit heutigen mobilen Datennetzen schlichtweg zu teuer für den Verbraucher. Alleine der Radiokonsum liegt im täglichen Durchschnitt bei knapp 150 Minuten. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis der LTE-Radio-Hörer an die Grenze seiner Flatrate stößt. Es gibt also gute Gründe, warum massenattraktive Inhalte – wie das Radio – über Rundfunknetze verbreitet werden.

 

Wäre eine Entscheidung, wie sie möglicherweise von GM in Amerika getroffen wurde, auch in Deutschland denkbar?

Angesichts der erwähnten Fakten zu den Vorteilen, die ein Rundfunknetz im Vergleich zu Netzen für den mobilen Datenempfang mit sich bringt, müsste eine solche Entscheidung mit Blick auf die effiziente und ökonomische Verbreitung von Radio sehr kritisch hinterfragt werden. Gleichwohl steht sie derzeit nach unserer Kenntnis nicht zur Debatte. Die Realität ist: Autofahrer in Deutschland können sich seit dem Start des neuen Digitalradios mit einer Vielzahl von deutschlandweit empfangbaren Digitalradio-Programmen von den enormen Vorteilen dieser zukunftsweisenden Rundfunktechnologie hinsichtlich Verfügbarkeit und Empfangssicherheit überzeugen.

 

Wie wichtig ist die Integration von DAB+-Empfangsteilen in Multimediasysteme in PKWs und LKWs für den Erfolg von Digitalradio in Deutschland?

Wie erwähnt ist der Automotive-Sektor auch – aber nicht nur – wichtig für den nachhaltigen Erfolg des Digitalradios. Das Radio ist und bleibt das wichtigste Informationsmedium für die hochmobile Informationsgesellschaft. Meldungen über die serienmäßige Ausstattung von Fahrzeugen mit Digitalradio-Empfängern sind ein wichtiges Signal und geben dem Markt weitere Impulse in Richtung Penetration mit Endgeräten. Gerade in Deutschland bietet das Digitalradio im Auto den Vorteil, endlich Programme ungestört auf längeren Strecken hören zu können. Über UKW können sie primär nur regionale Programme empfangen. Desweiteren bietet das Digitalradio gegenüber UKW wesentlich detailliertere Verkehrsinformationen im TPEG-Format.

 

Wie stehen Sie zu einem Misch- bzw. Hybridbetrieb von UKW und DAB+ zusammen mit Internetradio?

Hybridempfänger sind grundsätzlich ein praktikables Modell, um die Einführung neuer Standards zu erleichtern. Da die analoge Radiowelt noch eine Weile bestehen bleibt macht es also Sinn, den Hörer über günstige Kombigeräte auch von der exklusiven Programmvielfalt des Digitalradios zu überzeugen. Der Übergang von der analogen in digitale Radiowelt wird damit einfacher. Internet bzw. der mobile Datenempfang als zusätzlicher Empfangsweg hat wie erwähnt seine Tücken. Als nette Ergänzung für exotische Programme mag er seine Berechtigung haben. Darüber hinaus schätzt unserer Auffassung nach der Hörer die Kontinuität im Senderangebot und dem Programmschema, die Qualität und Zuverlässigkeit beim Empfang, wie sie nur der Rundfunk bietet.

 

Und was sind Ihre nächsten Planungen, um den digital-terrestrischen Hörfunk 2013 weiter zu unterstützen?

Zwei Themen stehen in 2013 ganz oben auf unserer Agenda: Zum einen treiben wir den Netzausbau mit der Aufschaltung sieben weiterer Senderstandorte voran. Ende 2013 werden dann bereits 53 Senderstandorte in Betrieb sein. Dann erreichen wir eine Autobahnversorgung von 73 Prozent. Neben der Stärkung der Mobilversorgung wächst die Reichweite zudem durch den Ausbau im urbanen Raum mit der Versorgung von Chemnitz und Würzburg.

Zudem wollen wir in punkto Mehrwertdienste neue Akzente setzen und arbeiten mit Hochdruck am offiziellen Marktstart von TPEG-basierten Verkehrsinformationsdiensten, die über die eigens entwickelte Datacast-Plattform der Media Broadcast verbreitet werden. Die intelligenten Verkehrsinformationen werden künftig im gesamten nationalen Multiplex bereitstehen und der Symbiose von Radio und Verkehrsfunk eine völlig neue Dimension verleihen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Weiterführende Informationen:

Homepage Digitalradio mit Informationen zu Programmen und Empfang
Homepage Media Broadcast
Video: Digitalradio DAB+ mit Rückkanal
Titelfoto: Grundig Intermedia GmbH, Portraitfoto: Media Broadcast

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