Lateinischer Jungbrunnen

Veröffentlicht am 15. Jan. 2010 von unter Bitter Lemmer

bitterlemmer(Aktualisiert am 18.01.2010) Wie man denn ein digitales Radioprogramm überhaupt empfangen könne, fragte die Moderatorin den Experten vom Computermagazin c’t und fügte stolz kichernd hinzu, “was wir ja unter anderem sind, also Deutschlandradio Wissen”. Die Frage ist schon mal irgendwie grenzdebil, denn diejenigen, die zugehört haben, werden allesamt schon ihre Antwort darauf gefunden haben. Im Weiteren erweckte die Dame den Eindruck, dass sie den Unterschied zwischen DAB und Internetradio schlicht nicht kapiert hat. Aber von WLAN, da hatte sie schon gehört und fragte sinngemäß, ob das wegen seiner Funkstrahlen nicht zu gefährlich sei. Wer, bitte, soll einen derartigen Schwachsinn ernst nehmen, der entweder böse manipuliert oder völlig ahnungslos oder entmündigend infantil ist oder alles davon?

“Wir machen ein Programm für junge Erwachsene”, behauptete Deutschlandradio-Intendant Willi Steul (58) vor wenigen Tagen bei der Vorstellungs-Pressekonferenz in Berlin und nannte sein gefühltes Alter gleich dazu: 27. Er fand das so toll, dass er es mehrmals wiederholte: Er fühle sich wie 27. Demnach dürfte er ein Amt wie das des Intendanten einer so wichtigen Anstalt eigentlich gar nicht haben. “Ich bin wirklich sehr für die Jungen zu haben”, holte er aus, um dann aber klarzustellen: “Ich würde niemals einem 25-Jährigen die Verantwortung für ein solches Programm überantworten”, womit er das neue Programm DWissen meinte, das ab Montag online, in den meisten DAB-Netzen und mit einer iPhone-App zu empfangen sein wird.

Offensichtlich waren die Funk-Funktionäre auf dem Podium auf maximalen Fremdschämeffekt aus, denn Steul lieferte dann auch noch eine Begründung für seine Entmündigungserklärung gegenüber den nicht gefühlten, sondern realen Mittzwanzigern. Die hätten einfach noch nicht das Standing, sich gegenüber der Verwaltung, der Technik oder der Honorarabteilung durchzusetzen. Diese Begründung ist insofern aufschlussreich, als Steul hier die echten Machtverhältnisse nicht nur in seinem Haus treffend beschrieben hat. Nachrichtenkoordinatorin Christiane Abelein sprang ihm eilig bei, indem Sie zunächst erklärte, sie sei 28 und heilfroh, erfahrene Kollegen mit 30, 40 Jahren auf dem Buckel neben sich zu wissen, die – das hat sie jetzt wirklich so gesagt – “verhindern, dass wir Quatsch erzählen.” Da konnte Projektleiter Dietmar Timm dann auch nicht mehr an sich halten und verkündete, er sei 60 und dank der Arbeit an DWissen wisse er jetzt, was ein Jungbrunnen sei.

Diesen Jungbrunnen werden elf Feste und 60 bis 70 Freie sprudeln lassen, wie die Senderverantwortlichen bekanntgaben. Dafür dürfen sie 6,9 Millionen Euro ausgeben. Wie der Name sagt, soll es um Wissensthemen gehen. Dazu fielen den Deutschlandradioleuten so originelle Ideen ein wie die Ausstrahlung von Radionachrichten aus Neuseeland. Das sei doch mal interessant, zu hören, wie dort der Tag beginnt, wenn er hier zu Ende geht, meinte Programmdirektor Günter Müchler ganz ernst. Nachrichtenfrau Abeleit erklärte, bei DWissen gebe es nicht diesen “Aktualitätszwang” bei den Nachrichten. Man könne und wolle auch mal was erklären. Sie nannte als Beispiel das Erdbeben in Haiti, da könne man ja mal erklären, wie Erdbeben so entstehen, da müsse man die Hörer “an der Hand nehmen”, weil das ja manchmal sehr komplizierte Vorgänge seien. Die mit Abstand originellste Programmidee lautete, zwischendurch immer mal wieder lateinische Nachrichten auszustrahlen.

Dann bedauerte Steul noch, dass er skandalöserweise kein großes Werbebudget für sein neues Programm zur Verfügung habe. “Eigentlich müssten wir ja in die Vollen gehen.” Das Geld für die Einführungskampagne komme aus den vorhandenen Budgets im Haus, die dafür mühsam umgeschichtet werden müssten. Um welchen Betrag es sich handelt, verriet er auch nach ausdrücklicher Nachfrage nicht.

Wäre ja auch noch schöner, dem Gebührenzahler solches Detailwissen zuzumuten.

PS. Frau Abelein bat um Richtigstellung ihrer Namensschreibweise und ihres Alters (28 statt der von mir zunächst verstandenen 29).

Lemmer
Christoph Lemmer arbeitet als freier Journalist in Berlin.

E-Mail: christoph@radioszene.de

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