Brauchen Webradios eine eigene Währung?

Veröffentlicht am 16. Jun. 2011 von unter Deutschland

Währung

Von Inge Seibel-Müller

Audioangebote per Smartphone und im Web werden immer beliebter. Doch keiner kann bisher mit Sicherheit sagen, wie und in welchem Wechselspiel Radio und weitere Audioangebote via Internet, Mobile und UKW/DAB im Tagesverlauf von den Hörern genutzt werden.

Einheitliche Leistungswerte zur Beschreibung von Webradio-Reichweiten gibt es nicht. Das soll sich demnächst ändern. Ein erster Schritt: Der Webradiovermarkter RBC GmbH, die Medienanstalt Hamburg/Schleswig-Holstein (MA HSH), die Sächsische Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) und die Radiozentrale haben eine bundesweite Marktstudie zur Mediennutzung von Audioangeboten im Web in Auftrag gegeben.

Erste Ergebnisse werden im Juli erwartet. Die Daten sollen ähnlich wie bei der Media Analyse Radio (ma Radio) computergestützt und per Telefon erhoben werden. Neben Festnetzrufnummern werden dafür erstmals auch Handynummern genutzt. Denn, so die These: Insbesondere „Handy-Onlys“ gehören zu den Hauptnutzern der neuen Ausspielwege.

Thomas Fuchs, Direktor der MA HSH, ist vor allem daran interessiert, was die User beim Radiohören machen: wann sie hören und vor allem mit welchem Endgerät. Ein wichtiges Ziel der Studie sei jedoch, so RBC-Geschäftsführer Klaus Gräff, herauszufinden, wer überhaupt zuhört und welche Angebote online genutzt werden: „Sind es die Live-Streams der etablierten UKW-Sender, singuläre Webradios oder beispielsweise auch personalisierbare Audio- und Musikprogramme?“, will Gräff wissen.

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Auch auf dem Radiocamp, das im Mai zum dritten Mal in Hamburg stattfand, wurde die Frage nach einer gemeinsamen Währung und Reichweitenmessung für Onlineradios intensiv diskutiert. Rund 400 Radiomacher unterschiedlichster Couleur – vom öffentlich-rechtlichen über die Privaten bis zu alternativen Webradios – versuchten sich an einer Definition des (Online-)Radiohörers im Jahr 2011, informierten sich über technische Messoptionen und die Wünsche und Anforderungen der Werbekunden und Mediaagenturen.

Unter den Teilnehmern war auch Moritz Metz, der bei DeutschlandradioKultur als Chef vom Dienst für das Medienmagazin „Breitband“ arbeitet. Gleichzeitig analysiert er für das Deutschlandradio die Streamingzahlen und Podcastdownloads im Internet. Das hört sich leichter an als es ist. Überall lauern Fehlerquellen: Streams, die gar nicht zustande kommen, Downloads, die eigentlich nur „Requests“ sind. Obwohl die technische Messbarkeit von Internet-Radios eine viel größere Genauigkeit als die bisherige MA-Radioanalyse erlaubt, die sich allein auf das Erinnerungsvermögen der Hörer stützt, ergeben sich bei der technischen Messung noch ganz andere Fragen: „Es ist nicht definiert, ab wann man eigentlich ein Hörer ist“, erklärt Metz die Problematik, „nach 10 Sekunden oder 20 Sekunden Zuhören? Wie lange muss die Pause beim Anhören eines Streams sein, um vielleicht wieder als neuer Hörer zu gelten?“

Standardisierungsversuche gibt es, doch die sind noch nicht besonders weit. „Manchmal“, so Metz, „habe ich das Gefühl, dass eigentlich keiner seine Hörerzahlen im Netz so genau kennen möchte.“ Die Branche lebt bei der Vermarktung noch ganz gut mit Zahlen, die viele Möglichkeiten zur Interpretation offen lassen, vermutet Metz.

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Das erklärt vielleicht die eher ablehnende Reaktion von Mike Nöcker, Programmchef von Quu.FM, dessen Redaktion auch für die Inhalte der Fußballsenders St.Pauli.fm zuständig ist, das erste offizielle Webradio eines Bundesligavereins: „Ich brauche keine neue Währung. Unsere gemeinsame Währung ist der Euro“, sagt Nöcker.

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hörfunker.de
radiocamp 2011

 

 

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Archivierte Kommentare

  1. Timo Mauter

    17. Jun. 2011

    Das ist so nicht ganz korrekt. Selbstverständlich lassen sich über telefonische Befragungen Rückschlüsse wie Vorlieben, Demographien & Co. schließen. Bei einer Online-Befragung der Hörer wirst du überdurchschnittlich viele Heavy-User als Teilnehmer haben, also eine ganz spezielle Zielgruppe, die das Webradio deutlich intensiver hören als der Durchschnitts-Nutzer. Das Ergebnis wäre alles andere als repräsentativ. Außerdem kann man eine „freiwillige“ Online-Umfrage nicht kontrollieren, sprich Manipulation völlig ausschließen.

  2. Benjamin Hartwich

    16. Jun. 2011

    „Doch kei­ner kann bis­her mit Sicherheit sagen, wie und in wel­chem Wechselspiel Radio und wei­tere Audioangebote via Internet, Mobile und UKW/DAB im Tagesverlauf von den Hörern genutzt werden.“

    Nein? Komisch, wie schafft es dann Google Analytics, die auch nur mit der IP der Seitenbesucher arbeiten, mir volle Informationen liefern. Das Internet zeigt mir tausend Mal besser, wer sich da auf meinen Seiten bewegt, gerade wenn sie interaktiv ist. Denn im Gegensatz zu klassischen Massenmedien, merkt man auf Plattformen sofort, in welche Kategorie sich interaktive Benutzer von der Zielgruppe her einordnen lassen (=> Stefan Münker: Emergenz digitaler Öffentlichkeiten). Richtig von der blosen Tune-IP erfahre ich nicht die Vorlieben, aber bei einer Telefonbefragung erfahre ich die auch nicht.

    Also was muss man machen? Den Leuten eine interaktive Plattform geben, auf der sie Dinge über sich preisgeben. Das kann eine simple Shoutbox sein, aber wenn ich die Inhalte dort lesen, weiß ich sofort einiges und damit wesentlich mehr als die meisten UKW-Sender.
    Der Geheimtipp heisst also: Erkenne die Regeln des Web 2.0 an oder werde mit Ignoranz bestraft.