Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) will sich bis 2030 deutlich stärker auf digitale Angebote ausrichten. Dafür sollen Programm, Produktion, Technik und Verwaltung neu organisiert, Angebote reduziert und Ressourcen ins Digitale verlagert werden. Gleichzeitig plant der Sender einen Abbau von Stellen. Für den Hörfunk bedeutet dies unter anderem Veränderungen bei WDR 4 und eine stärkere Ausrichtung regionaler Inhalte auf digitale Ausspielwege. Der DJV-NRW warnt vor möglichen Folgen für die Beschäftigten und die journalistische Qualität.

WDR-Intendantin Dr. Katrin Vernau begründet den geplanten Umbau mit dem veränderten Mediennutzungsverhalten und der finanziellen Situation des Senders: „Die Mediennutzung verändert sich rasant, unsere Finanzierung ist ungewiss, unsere Kosten steigen. Gleichzeitig benötigen wir mehr Mittel für digitale Angebote – während derzeit noch gut drei Viertel unserer Ressourcen im klassischen linearen Programm gebunden sind. Deshalb müssen wir jetzt handeln und Tempo machen. Unser Ziel: Wir wollen die digitale Heimat aller Menschen im Westen sein.“

Nach einer aktuellen Prognose des WDR steht der sogenannte Kipppunkt unmittelbar bevor, an dem die Nutzung nonlinearer Video-Inhalte erstmals höher ausfallen soll als die lineare Nutzung. Der Sender erwartet deshalb, mit seinen klassischen linearen Angeboten künftig immer weniger Menschen zu erreichen.
Gleichzeitig verweist Vernau auf die weiterhin hohe gesellschaftliche Bedeutung des WDR: „Unsere Reichweite sinkt zwar, aber gleichzeitig halten uns die Menschen laut der ARD-Akzeptanzstudie für wichtig – und für immer wichtiger. Denn diese Werte steigen. Und das auch bei den Jüngeren: 78 Prozent der 14- bis 29-Jährigen finden uns „wichtig für die Gesellschaft“. Das ist ein Zuwachs von zehn Prozentpunkten in drei Jahren. Für mich zeigt das deutlich: Die Menschen wollen einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Demokratie und Gesellschaft stärkt und schützt”, so Dr. Katrin Vernau.
Die Konsequenz sei, die Menschen mit den Inhalten künftig stärker auf digitalen Wegen zu erreichen. „Aber wir müssen die Menschen mit unseren Inhalten besser erreichen, und dafür müssen wir uns im Digitalen noch besser aufstellen.“
Radioprogramme und regionale Angebote im Fokus
Bereits im Frühjahr hatte der WDR angekündigt, sein Programmportfolio bis 2030 von derzeit rund 600 auf 300 Angebote zu reduzieren. Bis zu 100 neue Angebote sollen dabei entstehen. Im Mittelpunkt stehen digitale Inhalte für Nordrhein-Westfalen sowie dokumentarische und unterhaltende Formate. Auch ARD Sounds und die ARD Mediathek sollen gestärkt werden.
Für die Radioprogramme bedeutet die Neuausrichtung insbesondere eine stärkere Konzentration auf digitale Ausspielwege. Zu den bereits konkret genannten Streichungen gehört die WDR4-Sendung „Satire am Sonntag“. Gleichzeitig sollen digitale Audioangebote und neue Formate entwickelt werden, darunter beispielsweise ein Geschichtspodcast.
Die regionale Berichterstattung soll auf digitalen Kanälen ausgebaut werden. Inhalte aus den Regionen sollen vorrangig für Web, App und Social Media konzipiert und produziert werden. Auch der Regionalsport auf wdr.de und in der WDR App soll ausgebaut werden. Der WDR verweist dabei unter anderem auf die Fußballberichterstattung, aber auch auf Regionalsport abseits des Fußballs.
Für den DJV-NRW stellt sich dabei insbesondere die Frage, wie der Ausbau regionaler Inhalte mit dem angekündigten Stellenabbau zusammenpassen soll. Stefan Lenz, stellvertretender Vorsitzender des DJV-NRW, erklärt: „Ein Weg, der einer derzeit schon hoch belasteten Belegschaft – fest wie frei – in den nächsten Jahren eine Menge abverlangen wird. Daher ist es gut und richtig, dass zu Beginn eines solchen Prozesses eine klare Aussage bezüglich Zielsetzung, Zeithorizont und Art der anstehenden Veränderungen erfolgt. Das hat der WDR in der Vergangenheit nicht immer so gemacht“.
Der DJV-NRW verweist insbesondere auf die Auswirkungen des Stellenabbaus in der Produktion und den Regionalstudios. Nach Angaben der Gewerkschaft sollen allein in den Regionalstudios rund 100 Stellen in der Produktion wegfallen; in der Produktion insgesamt sei jede fünfte Stelle betroffen.
„Wie insbesondere der Abbau in der Region mit der bereits angelaufenen Infostrategie und der richtigen Fokussierung des Senders auf regionale Inhalte zusammenpassen soll, ist zumindest fraglich“, so Lenz weiter. „Wir werden als DJV, Seite an Seite mit dem Personalrat darauf achten, dass das nicht auf dem Rücken der verbleibenden Belegschaft und auf Kosten der journalistischen Qualität ausgetragen wird.“

Besonders betroffen sieht der DJV-NRW die mehr als 2.300 arbeitnehmerähnlichen Freien beim WDR. Der Sender habe hierzu lediglich angekündigt, künftig weniger Beauftragungen vorzunehmen. „Hier geht es nicht um freie Dienstleister, sondern um Kolleg:innen, die teilweise seit Jahrzehnten mit großer Loyalität zum Haus das Programm gestalten“, sagt Lenz.
Der DJV-NRW fordert deshalb konkrete Antworten für die betroffenen freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Nach Darstellung der Gewerkschaft hat der WDR im Zuge der Infostrategie in den Regionen zuletzt zunehmend inhaltliche Verantwortung auf freie Mitarbeiter übertragen. Auch der geplante Abbau in der Produktion solle teilweise durch einen höheren Anteil selbst produzierender Freier kompensiert werden.
„Wenn der sicher notwendige Veränderungsprozess gelingen soll, muss insbesondere die operative Führungsebene diesen für feste wie frei Mitarbeitende transparent und mitnehmend gestalten“, fordert Stefan Lenz. Der DJV-NRW werde den Prozess „konstruktiv im Interesse der Kolleg:innen begleiten“.
Veränderungen auch bei TV und digitalen Angeboten
Parallel zur Neuausrichtung des Hörfunks verändert der WDR auch sein Fernseh- und Digitalportfolio. Als Beispiele für neue digitale Formate nennt der Sender unter anderem „Deutschland, ich küss‘ dein Herz – mit Tahsim Durgun“, „Draußenpolitik“ mit Louis Klamroth und die Dokusoap „Motsi & Oti – Meet the Mabuses“. Hinzu kommen geplante neue digitale Auslandsangebote.
Mit dem angepassten Programmportfolio will der WDR unter anderem Doppelungen im ARD-Angebot vermeiden, mit Dokumentationen die ARD Mediathek stärken und sich im Linearen auf die Primetime konzentrieren.
Parallel beginnt bereits die Reduzierung des Portfolios. In einem ersten Schritt werden 76 Angebote eingestellt. Dazu gehören neben der WDR4-Sendung „Satire am Sonntag“ unter anderem das WDR-Fernsehmagazin „Frau tv“ und mehrere digitale Begleitangebote. „Erlebnis Erde“ soll dagegen künftig ausschließlich digital stattfinden.
Weitere eingestellte Angebote sind laut WDR unter anderem „studio M“, „Lisas Paarschitt“ sowie „Doc Esser“ als Podcast, Website und Facebook-Angebot. Welche Angebote in einem weiteren Schritt entfallen, soll im Frühjahr 2027 entschieden werden.
„Die Bedürfnisse der Menschen, ihr Nutzungsverhalten und unser Programmauftrag bestimmen den Wandel in allen Bereichen“, so Dr. Katrin Vernau. „Im Programm setzen wir Prioritäten und schaffen damit Raum für Neues. Wir geben mehr Kraft in weniger und dafür stärkere Angebote. Angebote, die die Menschen so nur bei uns finden.“
Veränderungen bei Produktion und Technik
Auch die Produktionsstrukturen sollen verändert werden. Bis 2030 will der WDR rund 20 Prozent der Stellen aus klassischen Produktionsbereichen in technologieorientierte Aufgabenfelder verlagern. Gleichzeitig sollen Produktionsprozesse innerhalb der ARD stärker standardisiert, gebündelt und zentralisiert werden.
Der Sender kündigt zudem an, in den Bereichen Dokumentation und Unterhaltung stärker mit externen Produktionsfirmen und Dienstleistern zusammenzuarbeiten.
Der Technologiebereich soll dagegen ausgebaut werden. Der WDR will innerhalb der ARD unter anderem eine führende Rolle bei Distribution und Künstlicher Intelligenz übernehmen und an der Entwicklung des gemeinsamen technologischen Plattformsystems der ARD mitwirken.
Auch bei den Büro- und Produktionsflächen sind Einsparungen vorgesehen. Bis Ende 2028 sollen rund 100.000 Quadratmeter gegenüber 2017 eingespart werden. Bei Verwaltungsleistungen sollen Prozesse automatisiert und innerhalb der ARD stärker arbeitsteilig organisiert werden. Bis 2036 sollen dadurch 20 Prozent des bisherigen Aufwands eingespart werden.
Stellenabbau und weniger Beauftragungen
Auch die Personalkosten sollen sinken. Jede dritte Stelle, die durch Verrentung bis 2030 frei wird, soll nicht neu besetzt werden. Zudem kündigt der WDR an, weniger freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu beauftragen. Qualifizierungsmaßnahmen sollen die Beschäftigten beim digitalen Wandel unterstützen.
Der WDR teilt mit, dass die Aufsichtsgremien und der Personalrat fortlaufend über die geplanten Veränderungen informiert und im Rahmen ihrer Zuständigkeiten beteiligt werden sollen.











