Das nordrhein-westfälische Radio Ennepe Ruhr feiert am 31. August sein 35-jähriges Bestehen – und blickt auf eine Sendergeschichte zurück, die im deutschen Lokalfunk ihresgleichen sucht. Kaum ein Lokalradio hat in seiner Geschichte so häufig die Adresse gewechselt und dabei so viele unterschiedliche Eigentümer und Betreiber erlebt. 1991 in Gevelsberg als „Radio EN“ gestartet, führte der Weg über Hagen, Oberhausen und Wuppertal schließlich nach Bochum, von wo aus der Sender seit einer Woche für den Ennepe-Ruhr-Kreis produziert. Ein weiterer Umzug steht an.

Auch auf Gesellschafter- und Betreiberseite gab es zahlreiche Veränderungen. 2002 zogen sich die Ruhr-Nachrichten aus dem Sender zurück, anschließend führte die WAZ-Gruppe Radio EN bis 2020 allein weiter. Es folgten zwei Jahre unter der Verantwortung von Radio NRW und drei Jahre bei der PFD Pressefunk, einer Tochter der Rheinische Post Mediengruppe. Erst vor einer Woche kehrte der Sender erneut zur Funke Mediengruppe, dem Nachfolger der WAZ-Gruppe, zurück.
FUNKE Medien NRW GmbH: 73,79 %
MFDS-Holding GmbH: 24,56 %
Ennepe-Ruhr-Kreis: 1,65 %
Quelle: Westfunk
Damit steht Radio Ennepe Ruhr erneut vor einem strategischen Neustart.
Welche Perspektive Westfunk-Geschäftsführer Sebastian Schulte und Chefredakteur Lennart Hemme für den Sender sehen, welche Rolle der Lokalfunk künftig im Ennepe-Ruhr-Kreis spielen soll und wohin die Reise nach dem jüngsten Betreiberwechsel geht, erläutern beide im Interview mit RADIOSZENE.
Drei Sender, ein Chefredakteur: Lennart Hemme setzt auf neue Strukturen und Kontinuität

Mit Lennart Hemme verantwortet erstmals offenbar ein Chefredakteur in Nordrhein-Westfalen gleichzeitig drei Lokalradio-Redaktionen an drei Standorten. Neben seiner bisherigen Funktion als Chefredakteur von Radio Emscher Lippe in Essen hat Hemme die Verantwortung für Radio Ennepe Ruhr in Bochum und Radio Herne in Herne übernommen. Eine vergleichbare Konstellation sei ihm nicht bekannt. „Ich bin mir sicher, ich werde nicht der letzte (Drei-Sender-Chefredakteur) bleiben.“, sagt Hemme mit Blick auf mögliche zukünftige Organisationsmodelle im NRW-Lokalfunk.
Dass die Verantwortung für drei Sender nicht zwangsläufig zu einer permanenten Videokonferenz-Schleife führt, erklärt Hemme vor allem mit den unterschiedlichen Ausgangslagen der Stationen. Radio Emscher Lippe kenne er seit 15 Jahren, seit sechs Jahren leite er dort die Redaktion. Der Sender verfüge über ein eingespieltes Team und funktionierende Strukturen. „Der Sender läuft“, sagt Hemme. Entscheidend sei, dass er nicht jedes einzelne Thema selbst entscheiden müsse.
Mit Beginn des Kooperationsvertrags am 24. August hat Hemme auch in Herne die Verantwortung übernommen. Radio Herne bringe bereits eine funktionierende redaktionelle und wirtschaftliche Struktur mit. Die bisherige Chefredakteurin Christine Schindler bleibe als stellvertretende Chefredakteurin an Bord und führe viele Aufgaben fort. Hemmes Rolle liege dort deshalb stärker bei übergeordneten und strategischen Themen – etwa bei Etatgesprächen oder der Vorbereitung des geplanten neuen Medienhauses in Bochum.
Den größten zeitlichen Aufwand erfordert derzeit Radio Ennepe Ruhr. Der Wechsel des Senders von Wuppertal nach Bochum bedeute zunächst einen organisatorischen und personellen Neuaufbau. Neue Mitarbeiter müssten integriert und Arbeitsstrukturen entwickelt werden. Diese Gewichtung werde sich nach Einschätzung Hemmes jedoch mit der Zeit wieder verschieben. Drei Sender gleichzeitig neu zu übernehmen, wäre seiner Ansicht nach kaum zu bewältigen – drei Redaktionen mit unterschiedlichen Entwicklungsständen dagegen durchaus.
Eine gemeinsame Chefredaktion aller künftig in Bochum ansässigen Lokalradios ist allerdings nicht vorgesehen. Radio Bochum bleibt unter der redaktionellen Verantwortung von Frank Haberstroh, dem Nachfolger von Andrea Donat. Hemme verweist dabei zunächst auf den Kooperationsvertrag, der Grundlage für die Lizenzierung durch die Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen ist.
Darüber hinaus sieht er in der Aufteilung durchaus Vorteile. Die Interessen und Konzepte der verschiedenen Beteiligten müssten beim Aufbau des Medienhauses miteinander abgestimmt werden: zwischen den Lokalradios, der WAZ Bochum und verschiedenen Ebenen der Geschäftsführung. „Ich glaube, da ist diese doppelte Power gar nicht so blöd“, sagt Hemme. Gerade bei der Entwicklung gemeinsamer Strukturen könne ein „Duett“ aus zwei Chefredakteuren produktiver sein als eine alleinige Verantwortung.
Team im Aufbau – Kontinuität aus der Wuppertaler Zeit
Auch die Redaktion von Radio Ennepe Ruhr ist noch nicht vollständig besetzt. Allerdings bleibt ein Teil des bisherigen Teams dem Sender erhalten. Eine der beiden prägenden Morgenmoderatorinnen aus der Wuppertaler Zeit arbeitet weiterhin für Radio Ennepe Ruhr. Chantal Teubert soll künftig sogar häufiger für den Sender tätig sein. Auch Volontär Lukas Brechtefeld bleibt an Bord.

Kira Kosthorst ist die neue Morgenmoderatorin. Hinzu kommen freie Mitarbeiter aus der bisherigen Kooperation mit Radio Wuppertal sowie neue Kollegen aus dem Westfunk-Umfeld und neue Mitarbeiter, die bislang noch nicht für die beteiligten Sender gearbeitet haben.

Der Abschied von Florian Franke, der in der letzten Sendestunde von Radio Ennepe Ruhr aus Wuppertal verabschiedet wurde, sei aus Sicht Hemmes grundsätzlich ein Verlust an Kontinuität. Gleichzeitig betont der neue Chefredakteur, dass er Entscheidungen aus der Zeit vor seinem Amtsantritt nicht kommentieren wolle. Frankes persönliche Entscheidung müsse akzeptiert werden. Gerade in Umbruchphasen sei es jedoch wichtig, möglichst viele vertraute Stimmen und Personen zu halten. Deshalb sei er froh, dass zumindest eine der programmprägenden Stimmen der bisherigen Redaktion weiter für Radio Ennepe Ruhr arbeitet.
Abschied vom klassischen Bild des Chefredakteurs
Hemme ist auch der erste Chefredakteur, der drei Lokalradios an unterschiedlichen Standorten verantwortet. Die räumliche Distanz zwischen den Redaktionen betrachtet er weniger als grundsätzliches Problem. Moderne technische Möglichkeiten ermöglichten einen intensiven Austausch unabhängig vom Standort. Zudem sei er gerade in der ersten Phase regelmäßig in Bochum präsent.
Grundsätzlich müsse sich der Lokalfunk seiner Ansicht nach ohnehin von traditionellen Organisationsbildern lösen. Die bisherigen Strukturen hätten 35 Jahre lang funktioniert, doch neue Modelle könnten ebenso sinnvoll sein. Wenn einzelne Führungskräfte künftig für mehrere Sender und Teams an unterschiedlichen Standorten verantwortlich seien, verändere sich damit auch das Berufsbild.
„Das hat nicht mehr so diesen Charakter wie früher, der Chefredakteur kommt morgens ins Haus und liest erst mal zwei Stunden die Tageszeitung und lässt sich einen Kaffee bringen“, sagt Hemme. Stattdessen gehe es um modernes mittleres Management, die Führung mehrerer Teams und die Abstimmung zahlreicher interner und externer Vorgaben. Gleichzeitig müssten viele übergeordnete Themen – etwa Fragen rund um Radio NRW, die LfM NRW oder Westfunk – nicht für jeden Sender separat bearbeitet werden.
Für die Hörer soll sich möglichst wenig ändern
Aus Sicht des neuen Chefredakteurs ist die entscheidende Frage jedoch nicht, wie die neue Organisationsstruktur intern funktioniert, sondern ob die Hörer den Übergang überhaupt wahrnehmen. „Der Marketingstratege in mir würde sagen, hoffentlich merken sie gar nichts.“, erklärt Hemme.
Das Publikum habe Anspruch auf ein konsistentes Programm, in dem es sich wiederfinde und zu Hause fühle. Ein gelungener Übergang sei deshalb vor allem daran zu erkennen, „dass man’s nicht merkt“.
Kurzfristig seien keine grundlegenden programmlichen Veränderungen geplant. Zunächst habe Radio Ennepe Ruhr sein Team so aufgestellt, dass der Sender unabhängig von der bisherigen engen Kooperation mit Radio Wuppertal arbeiten könne. Perspektivisch sollen Kooperationen innerhalb eines neuen Bochumer Medienhauses jedoch wieder eine wichtige Rolle spielen – insbesondere zur Unterstützung kleinerer Sender.
Die programmliche Handschrift soll dabei zunächst vorsichtig weiterentwickelt werden. „Es gibt keine sofortigen Änderungen“, betont Hemme. Die neue Redaktion verfüge über Mitarbeiter, die das Sendegebiet, die Geschichte des Senders und seine bisherige Ausrichtung kennen.
Seine grundsätzliche Programmphilosophie will Hemme bei allen drei Sendern verfolgen: ein informatives, zugleich unterhaltsames Programm mit einer starken lokalen Verankerung. Gerade die Fähigkeit, das unmittelbare lokale Umfeld abzubilden, sieht er als zentrale Zukunftschance des Lokalfunks. Hinzu komme der Anspruch, möglichst viele Live-Momente und direkte Begegnungen mit den Hörern zu ermöglichen – soweit dies technisch und wirtschaftlich realisierbar sei.
Mehr Lokalität durch Moderation und Reporter vor Ort
Mit dem Start des neuen Kooperationsmodells bei Radio Ennepe Ruhr verändert sich auch die Struktur der lokalen Information im Tagesprogramm. Auffällig ist dabei zunächst, dass in der Morgensendung keine klassischen Lokalnachrichtenblöcke unmittelbar nach den Weltnachrichten und zur halben Stunde ausgestrahlt werden, die es bis jetzt gab.
Chefredakteur Hemme sieht darin jedoch keinen Verzicht auf lokale Information. Vielmehr würden aktuelle lokale Themen in der Morningshow direkt in die Moderation integriert und jeweils monothematisch erzählt. Diese Form könne den Themen sogar mehr journalistische Tiefe geben als ein klassischer Nachrichtenblock.

Ab 10.30 Uhr setzt Radio Ennepe Ruhr dagegen konsequent auf feste lokale Nachrichten. Bis einschließlich 17.30 Uhr soll es zur halben Stunde durchgehend wieder Lokalnachrichten geben. Damit bleiben es insgesamt acht Ausgaben pro Tag. Zusammen mit der lokalen Information in der Morning-Show will der Sender nach Angaben Hemmes über rund zwölf Stunden täglich lokale Inhalte im Programm anbieten.
Hinter der neuen Struktur steht auch eine personelle Überlegung. Würde ein Redakteur gleichzeitig die Frühnachrichten vorbereiten und eine Morning-Show produzieren, bliebe unter Umständen nur noch ein Reporter allein für das gesamte Sendegebiet unterwegs. Dieser hätte dann keinen direkten Ansprechpartner oder journalistischen Sparringspartner mehr in der Redaktion. Deshalb habe man sich zunächst für das jetzige Modell entschieden.
Kooperationen könnten nach seiner Einschätzung möglicherweise bereits vor einem späteren Umzug in ein gemeinsames Funkhaus weiter ausgebaut werden.
Drei Sender, vier Flüsse und neue Sendegebiete
Theoretisch könnte Hemme als Chefredakteur auch selbst wieder vor dem Mikrofon stehen – wenn Personal fehlt oder die Sender bestreikt werden. Dann muss der Chefredakteur dafür sorgen, dass die lizenzrechtlichen Verpflichtungen erfüllen werden. „Es kann passieren, wenn es ganz schlimm kommt, dass ich das dann selber mache.“
Im Alltag rechnet er damit allerdings nicht. Bei Radio Emscher Lippe habe er in den vergangenen Jahren kaum noch regelmäßig moderiert. Von etwa 2011 bis 2020 habe er dort die Morning-Show präsentiert, anschließend habe er sich auf seine Aufgaben als Chefredakteur konzentriert.
Das Gefühl für ein Sendegebiet entwickeln
Die Herausforderung bestehe für einen Chefredakteur nach Ansicht Hemmes allerdings weniger darin, möglichst schnell alle kommunalpolitischen Akteure auswendig zu lernen. Entscheidend sei vielmehr, ein Gefühl für die Menschen und die Mentalität eines Sendegebiets zu entwickeln.
Herne sei ihm aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit im Ruhrgebiet nicht fremd. Der Ennepe-Ruhr-Kreis funktioniere dagegen anders und sei deutlich ländlicher geprägt. Dennoch habe er die Entwicklungen in der Region über die Jahre verfolgt und bereits ein gewisses Verständnis für die Mentalität der Menschen entwickelt.
Zu Beginn gehe es nun vor allem darum, wichtige Ansprechpartner und Stakeholder kennenzulernen. Geplant seien Gespräche mit Pressesprechern der Kommunen und weiterer Institutionen. Auch das persönliche Erfahren des Sendegebiets spiele eine wichtige Rolle.
„Das macht gerade am Anfang sehr viel Sinn, sich da einfach mal so einen halben Tag zu bewegen, sich anzugucken, zu fühlen, mit Leuten zu reden“, sagt Hemme. Wer durch das Sendegebiet fahre, bekomme einen unmittelbaren Eindruck davon, was die Menschen vor Ort beschäftige und wie unterschiedlich einzelne Städte und Gemeinden geprägt seien.
Ein schwieriges Sendegebiet mit unterschiedlichen Identitäten

Welches seiner Sendegebiete langfristig das komplizierteste sein wird, wollte Hemme noch nicht abschließend bewerten. Radio Ennepe Ruhr habe allerdings bereits aufgrund seiner Geschichte den Ruf eines schwierigen Sendegebiets.
Die Problematik zwischen Nord- und Südkreis sei seit Jahren bekannt. Hemme erinnert sich an frühere Kollegen, die berichtet hätten, dass beide Teile des Kreises vergleichsweise wenig miteinander zu tun haben wollten. Auch die zeitweise gesplitteten Lokalnachrichten hätten dieses Problem letztlich nicht gelöst. „Wir müssen uns also mal was Neues ausdenken.“
Ähnliche Herausforderungen sieht Hemme allerdings auch bei Radio Emscher Lippe. Dort bilden drei Städte ein gemeinsames Sendegebiet, ohne selbst eine gemeinsame Gebietskörperschaft zu sein. Es gebe Gemeinsamkeiten, aber zugleich unterschiedliche Lebensgefühle und nur wenige gemeinsame Institutionen.
Das unterscheide solche Konstruktionen deutlich von einem klassischen Stadtsender oder einem Kreisradio mit einer stark ausgeprägten regionalen Identität. Ein Sender wie Radio 91.2 könne beispielsweise wesentlich stärker auf den Stolz auf Dortmund und identitätsstiftende Themen wie den erfolgreichen Bundesligaverein setzen.
Für den Ennepe-Ruhr-Kreis müsse deshalb ein eigenes Modell gefunden werden. Viele Menschen orientierten sich möglicherweise stärker an einzelnen Städten oder benachbarten Oberzentren als an einer gemeinsamen Kreisidentität. „Dem müssen wir Rechnung tragen“, sagt Hemme.
Trotz dieser Voraussetzungen zeigt er sich optimistisch. Das neue Konzept müsse sich wirtschaftlich tragen und gleichzeitig ein attraktives lokales Programm für die Menschen im Ennepe-Ruhr-Kreis schaffen. „Wir versuchen es erstmal und haben – glaube ich – ein Konzept, das sich tragen kann.“
Personal und Geburtstagssendung
Auch der Stellenschlüssel bleibt eine Herausforderung. „Wenn Sie Chefredakteure fragen, dann können Sie mir auch 20 Leute geben, ich hätte schon was zu tun für die“, sagt Hemme. Positiv sei jedoch, dass im Zuge der Neuorganisation niemand entlassen werden musste. Im Gegenteil: Mitarbeitern seien neue Positionen angeboten worden, und es gebe sogar noch Spielraum für eine weitere Stelle.
Zum 35. Geburtstag von Radio Ennepe Ruhr am 31. August soll schließlich auch die Geschichte des Senders selbst im Programm präsent sein. Geplant ist eine spezielle Geburtstagssendung mit Erinnerungen und Anekdoten. Unter anderem soll Thomas Münten zu Wort kommen. Der erste Chefredakteur des Senders sprach die ersten Worte nach den Sendestart des Senders am 31. August 1991.
Ergänzt werden soll die Sendung durch Grüße von Hörern. Parallel ist nach Angaben Hemmes auch ein neues Sound-Update für Radio Ennepe Ruhr geplant.
Westfunk setzt auf Kooperation und einen neuen Medienstandort

Während Radio Ennepe Ruhr am Montag seinen 35. Geburtstag feiert, steht für den Sender gleichzeitig ein grundlegender Neuanfang an. Nach der Rückkehr zur Westfunk und dem kurzfristigen Umzug aus Wuppertal nach Bochum liegt der Fokus zunächst weniger auf Feierlichkeiten als auf der organisatorischen und wirtschaftlichen Stabilisierung des Lokalsenders.
„Korken lassen wir jetzt mal gerade nicht knallen“, sagt Westfunk-Geschäftsführer Sebastian Schulte im Gespräch mit RADIOSZENE. Nach dem erfolgreichen Sendestart aus Bochum stehe nun vor allem Arbeit an. Insbesondere im redaktionellen Bereich sowie bei der Abstimmung zwischen den beteiligten Veranstaltergemeinschaften gebe es erheblichen Koordinierungsbedarf.
Gleichzeitig macht Schulte deutlich, dass die Rückkehr von Radio Ennepe Ruhr zur Westfunk ausdrücklich begrüßt werde. „Radio Ennepe Ruhr gehört zur Familie und ist jetzt wieder mit dabei und darüber freuen wir uns.“ Möglich geworden sei diese Entwicklung nach seiner Einschätzung vor allem durch die strukturellen Veränderungen im NRW-Lokalfunk und neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Sendern und Veranstaltergemeinschaften.
Eine zentrale Rolle spielte dabei die Kooperation zwischen den Betriebs- und Veranstalterstrukturen von Radio Bochum, Radio Herne und Radio Ennepe Ruhr. Die Gespräche seien nicht immer einfach gewesen, räumt Schulte ein. Die jetzt geschlossene Zusammenarbeit habe jedoch „Türen geöffnet“, die es in dieser Form vor einigen Jahren noch nicht gegeben habe. Für die Westfunk sei dies ein Weg, neue Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten für die beteiligten Sender zu schaffen.
900 Tage für die wirtschaftliche Stabilisierung
Eine der größten Herausforderungen bleibt die wirtschaftliche Situation von Radio Ennepe Ruhr. Der Sender verfügt über einen Zeitraum von 900 Tagen, um seine wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen. Schulte verweist darauf, dass die Westfunk bereits zuvor das Vermarktungsmandat für Radio Ennepe Ruhr innehatte. Mit der vollständigen Integration könnten nun jedoch weitere Möglichkeiten genutzt werden.
Dabei setzt das Unternehmen insbesondere auf die Vermarktungsorganisation von Funke Media Sales sowie auf neue Formen gemeinsamer Angebote. Denkbar seien programmbezogene Sonderwerbeformen und Kooperationen über mehrere Verbreitungsgebiete hinweg. Werbekunden aus Bochum oder Herne könnten künftig beispielsweise zusätzlich Angebote für den Ennepe-Ruhr-Kreis erhalten.
Die Vermarktung bleibe allerdings für alle Lokalsender eine Herausforderung. Schulte zeigt sich dennoch optimistisch: „Ich bin recht zuversichtlich, dass wir in 900 Tagen die Möglichkeit haben, Radio Ennepe Ruhr aber auch die Sender Herne und Bochum an der Stelle auf wirtschaftlich gute Füße zu stellen.“
Aus der Übergangslösung soll ein Medienhaus werden
Der aktuelle Sendestandort in Bochum ist ausdrücklich nur als Zwischenlösung gedacht. Eine „Radio-WG“ wie zuvor in Wuppertal solle daraus nicht werden. Stattdessen verfolgt die Westfunk eine deutlich weitergehende Perspektive.
„Ich würde von der Perspektive eines Medienhauses sprechen, was wir planen“, erklärt Schulte. Ziel sei ein gemeinsamer neuer Standort für Radio Bochum, Radio Herne, Radio Ennepe Ruhr und die WAZ Bochum. Der konkrete Standort steht allerdings noch nicht fest. Das Unternehmen befinde sich nach Angaben des Geschäftsführers in einer Sondierungs- und Suchphase.
Entscheidend sei dabei neben einer geeigneten Immobilienlösung vor allem die geografische und logistische Erreichbarkeit der drei Verbreitungsgebiete. Reporterinnen und Reporter müssten sowohl den Ennepe-Ruhr-Kreis als auch Herne schnell erreichen können. Gleichzeitig solle der neue Standort ein attraktiver Arbeitsplatz sein. Schulte betont, dass auch das Arbeitsumfeld für die Redaktionen eine Rolle spielen müsse.
Heterogener Markt im Ennepe-Ruhr-Kreis
Eine besondere Herausforderung sieht Schulte in der Struktur des Ennepe-Ruhr-Kreises selbst. Die Hörerschaft sei deutlich heterogener als in vielen anderen westfälischen Verbreitungsgebieten. Während sich Teile der Bevölkerung eher nach Dortmund orientierten, bestünden zugleich starke Bezüge nach Wuppertal und ins Ruhrgebiet.

Aus Marketingsicht sei dies ein wesentlicher Unterschied zu einem geschlossenen Stadtgebiet. Schulte verweist auf seine Erfahrungen aus der Vermarktung: Während eine Kampagne in einer Stadt wie Hagen innerhalb kurzer Zeit eine hohe Bekanntheit erreichen könne, sei für eine vergleichbare Präsenz im Ennepe-Ruhr-Kreis ein erheblich höherer Aufwand erforderlich.
„Reichweitentechnisch [ist das] eine Herausforderung – das will ich gar nicht verschweigen“, sagt Schulte. Gerade deshalb brauche der Sender eine starke Gemeinschaft und neue Kooperationen. Die Westfunk wolle in den kommenden Monaten nicht nur an der wirtschaftlichen Entwicklung arbeiten, sondern ausdrücklich auch die Reichweite von Radio Ennepe Ruhr verbessern.
Geplant seien unter anderem Maßnahmen zur stärkeren Sichtbarkeit der Marke und Kooperationen, beispielsweise mit Verkehrsunternehmen und anderen Partnern, die zusätzliche Werbe- und Präsentationsflächen ermöglichen könnten. Vorrang habe zunächst jedoch der stabile Aufbau des laufenden Programmbetriebs. Marketingmaßnahmen sollten anschließend folgen.
Lokale Relevanz statt künstlicher Stadtgrenzen
Bei der programmlichen Ausrichtung sieht Schulte keinen grundsätzlichen Bedarf, Radio Ennepe Ruhr künstlich von den benachbarten Ruhrgebietssendern abzugrenzen. Entscheidend sei vielmehr die Frage, welche Themen für die Menschen im gesamten Ennepe-Ruhr-Kreis relevant seien.
Schulte warnt zugleich davor, programmliche Unterschiede allein an kommunalen Grenzen festzumachen. Gerade im Ruhrgebiet seien die Übergänge zwischen den Städten oft fließend. „Ich bin kein großer Fan davon zu sagen, wir machen jetzt an der Stadtgrenze halt und das Programm dort muss anders klingen als nebenan in Bochum.“
Dennoch spielten regionale Mentalitäten eine Rolle. Der gebürtige Sauerländer, der in Münster studierte und inzwischen im Ruhrgebiet arbeitet, sieht durchaus Unterschiede zwischen Westfalen, dem Sauerland und dem Ruhrgebiet. Gerade den Sendern im Revier sei eine direkte Sprache eigen. „Im Ruhrgebiet redet man nicht drum herum.“ Diese Mentalität müsse sich nach seiner Auffassung auch im Programm widerspiegeln.
Erfahrungen aus Essen als Modell für Bochum
Wichtige Erfahrungen für das geplante Medienhaus in Bochum bringt Schulte aus dem Aufbau des Essener Funkhauses mit. Dort wurden mehrere Radiomarken an einem gemeinsamen Standort zusammengeführt. Eine besondere Herausforderung sei die bauliche Gestaltung eines Funkhauses gewesen, das den besonderen Anforderungen von Radioredaktionen gerecht werde.
Radio arbeite anders als viele andere Bereiche eines Medienunternehmens. Redaktionen benötigten offene Räume, direkte Kommunikation und Möglichkeiten zum spontanen Austausch. „Die wollen miteinander sprechen, die wollen laut sein, die wollen miteinander agieren“, beschreibt Schulte die Anforderungen.
Die offene Struktur habe in Essen auch die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Redaktionen verändert. Mitarbeitende könnten sich schneller austauschen, gemeinsam an Themen arbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Ähnliche Vorteile sieht Schulte auch für die Zusammenarbeit zwischen Betriebs- und Veranstaltergemeinschaften.
Ein Medienhaus bedeute dabei ausdrücklich nicht die Aufgabe eigenständiger Marken und Programme. Jedes Medium solle sein eigenes Profil behalten. Der gemeinsame Standort solle jedoch den Austausch erleichtern – nicht nur zwischen Radiosendern, sondern perspektivisch auch zwischen Radio und Verlag.
Radio Herne bleibt bis zur Realisierung eines neuen gemeinsamen Standorts zunächst in Herne. Für Radio Bochum ändert sich zuerst nichts.
Schulte verbindet mit dem Projekt ausdrücklich einen positiven Blick auf die Zukunft des Lokalfunks. Veränderungen würden in der öffentlichen Diskussion häufig zunächst negativ bewertet, sagt er. Er sehe dagegen Perspektiven – trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Audiobranche.
„Ich glaube an das Thema Audio absolut“, betont der Westfunk-Geschäftsführer. Auch innerhalb der Funke Mediengruppe werde weiter auf Audio gesetzt, die Lokalradios hätten für das Unternehmen Bedeutung. Die geplanten Investitionen in einen neuen Medienstandort in Bochum seien deshalb aus seiner Sicht ein wichtiges Signal: „Perspektive für Redaktion in schwierigen Zeiten – keine Frage. Aber dass wir Möglichkeiten haben und dass uns die Power gegeben wird, dort zu investieren mit einem neuen Projekt in Bochum, sollte nicht unerwähnt bleiben.“
Zukunft des Zwei-Säulen-Modells
In Nordrhein-Westfalen ist die Verantwortung für den Erfolg der Lokalradios aufgeteilt auf die für die Redaktion und Inhalte verantwortliche Veranstaltergemeinschaft und die für Technik und Vermarktung zuständige Betriebsgesellschaft. Bleibt das Zwei-Säulen-Modells bis zum Ende der aktuellen Zulassung von Radio Ennepe Ruhr am 23. Februar 2029 bestehen hat RADIOSZENE Hemme und Schulte gefragt.
Für den Chefredakteur Hemme ist die Antwort eindeutig. Das Zwei-Säulen-Modell sei ein „Erfolgsmodell“ und letztlich die Grundlage dafür, dass es den NRW-Lokalfunk in seiner heutigen Form überhaupt gebe. Gerade die programmliche Vielfalt und die starke lokale Verankerung unterschieden die Sender von vergleichbaren Angeboten in anderen Bundesländern. Trotz der wirtschaftlichen Nachteile und der komplexen Struktur überwiegen aus seiner Sicht die demokratischen Vorteile. Diese aufzugeben, sei „nicht opportun“ und nicht sinnvoll.
Anpassungen hält Hemme dennoch für notwendig und teilweise bereits umgesetzt. Als Beispiel verweist er auf die Änderung des Landesmediengesetzes zum 1. April 2026. Dadurch sei es unter anderem möglich geworden, dass ein Chefredakteur nicht mehr zwingend bei jeder einzelnen Veranstaltergemeinschaft angestellt sein müsse, sondern von der jeweiligen VG bestimmt werden könne. Für Hemme ist das eine praktische Erleichterung, die es ihm ermöglicht, mehrere Sender zu verantworten.
An der Grundidee des Systems möchte er jedoch festhalten. Lokalfunk werde in einer Gesellschaft, „die immer weniger miteinander spricht“, eher an Bedeutung gewinnen. Zudem könne seine vergleichsweise große Unabhängigkeit von politischen Entwicklungen für die künftige Medienlandschaft noch wichtiger werden.
Auch BG-Geschäftsführer Schulte erwartet Veränderungen, sieht aber keinen grundlegenden Bruch mit der bestehenden Struktur. Anpassungen seien sowohl auf Seiten der Betriebsgesellschaften als auch der Veranstaltergemeinschaften erforderlich. Die Organisation müsse „schlagkräftiger“ und an einigen Stellen schlanker werden. Insbesondere beim Bürokratieabbau sieht er Handlungsbedarf.
Für den überschaubaren Zeitraum bis 2029 setzt Schulte auf einen konstruktiven Austausch zwischen VG und BG. Seine Prognose lautet daher: Anpassungen sind notwendig, die Grundstruktur dürfte jedoch bestehen bleiben. Eine wichtige Ausgangsbasis bleibt dabei die Reichweite des Lokalfunks: „Wir erreichen 1,2 Millionen Hörer im Ruhrgebiet, UKW ist unser Hauptkontakt zu den Hörern.“










