
Zwischen Polen und Tschechien kommt es derzeit zu erheblichen Spannungen im Bereich des digitalen Hörfunks. Im Zentrum steht der polnische Sendestandort Schneegruben (Śnieżne Kotły) im Riesengebirge. Auf der ehemaligen Jugendherberge, auf 1490 m Höhe, wurden Antenne für UKW, DVB-T und -T2 und das Digitalradio DAB+ montiert, die eigentlich nur die polnische Seite mit Radio und Fernsehen versorgen sollten. Doch immer wieder stört die Sendeanlage des Netzbetreibers Emitel das tschechische DAB+-Netz in Prag, Mittelböhmen und sogar 180 Kilometer vom Senderstandort entfernt – behaupten tschechische Netzbetreiber. RADIOSZENE hat nachgefragt.
Öffentlich angeprangert
Auf der Konferenz Digimedia 2026 Anfang Juni wurde der Fall öffentlich scharf adressiert. Wie Lukáš Polák vom öffentlich-rechtlichen Portal des Tschechisches Radio berichtet, warf Miroslav Pýcha, Inhaber von Color DAB+, der polnischen Seite vor: „Die polnische Seite reagiert nicht auf unsere Beschwerden.“
Der Vorwurf wiegt schwer – und verweist auf einen aus tschechischer Sicht bislang ungelösten Konflikt zwischen den Regulierungsbehörden beider Länder. Auf Nachfrage wurde die Situation sowohl von tschechischer als auch von polnischer Seite kommentiert.
Erste Beschwerden bereits Anfang 2025
Bereits Anfang 2025 ging beim tschechischen Telekommunikationsbehörde (ČTÚ) eine formelle Beschwerde über Störungen im DAB+-Kanal 6A ein, der vom Netzbetreiber Color DAB+ genutzt wird.

Noch weiter geht die Einschätzung von Jakub Melín von Color DAB+, der RADIOSZENE erklärt, die Störungen träten „praktisch überall dort auf, wo direkte Sicht auf das Riesengebirge besteht – teils über 180 km Entfernung“.
Ein besonders betroffener Bereich sei laut Melín auch Bošov bei Vrbice u Valče an der Autobahn D6 im Bezirk Karlsbad – nahe der Grenze zu Bayern.
Messungen zeigen starke Überlagerung durch polnisches Signal
Im Zuge der technischen Untersuchungen stellte das ČTÚ fest, dass in mehreren Regionen ein DVB-T-Signal auf Kanal 6 messbar war, das eindeutig vom polnischen Sender Schneegruben stammt.
Besonders kritisch: In einzelnen Messpunkten in Prag war das polnische Signal stärker als das ebenfalls in Prag ausgestrahlte DAB+ Signal auf Kanal 6A. In mehreren Stadtteilen überlagerte das polnische Signal das tschechische Signal vollkommen und machte den Empfang dadurch unmöglich.
Als mögliche Ursachen nennt die Behörde zwei Szenarien: zu geringe Feldstärke des tschechischen DAB+-Netzes oder Überlagerung durch das polnische DVB-T-Signal aus Śnieżne Kotły.
Geplant war anschließend eine Prüfung der Schutzabstände zwischen DVB-T- und DAB+-Signalen sowie eine Kontrolle, ob die polnischen Sendeparameter eingehalten werden.
Zwischen Entwarnung und neuer Eskalation
Am 9. Juni 2025 meldete der Beschwerdeführer, dass die Störungen bereits am 6. Juni beendet worden seien. Das tschechische Amt bestätigte daraufhin, dass der Sender Śnieżne Kotły seine Sendeleistung in Richtung Tschechien zeitweise reduziert habe und in Prag nicht mehr nachweisbar gewesen sei.
Die Entspannung hielt nicht lange
Anfang 2026 tauchte das Problem erneut auf. Am 9. Februar 2026 erhielt das ČTÚ erneut eine Störungsmeldung aus Prag.
Melín von COLOR DAB+ spricht von deutlichen Grenzwertüberschreitungen:
„Wir verfügen über eigene Messungen, die darauf hinweisen, dass die polnischen Ausstrahlungen das zulässige Strahlungsdiagramm in Richtung Tschechien um 20 bis 30 dB überschreiten.“ Er ergänzt, dass dies einer mehr als hundertfachen Leistungsüberschreitung entspreche und keineswegs nur eine geringe Abweichung darstelle.
Offizielle Messkampagnen bestätigen Abweichungen
Diese Ergebnisse seien auch durch Messungen des ČTÚ bestätigt worden. Am 20. April 2026 führte das Amt schließlich eine groß angelegte Messkampagne durch. Dabei wurden zehn Messpunkte entlang der Strecke zwischen dem DAB+-Sendernetz und dem polnischen DVB-T-Standort eingerichtet. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: Die geforderte Richtungsdämpfung des polnischen Senders wird nicht eingehalten – im Durchschnitt wurden die zulässigen Werte um rund 20 dB überschritten, bestätigt ČTÚ.
Daraufhin wurde ein internationales Störungsdokument an Polen übermittelt.
Kein offizielles Feedback aus Polen
Der tschechische Regulator kontaktierte die polnische Seite mehrfach:
- 9. April 2026: erste Anfrage an die Frequenzkoordination (nur automatische Empfangsbestätigung)
- 13. Mai 2026: Übermittlung eines detaillierten Messberichts „Measurement Report On Harmful Interference DVB-T_Śnieżne Kotły“
- 27. Mai 2026: direkte Kontaktaufnahme mit einer zuständigen Person, mit der ČTÚ bei früheren Frequenzkoordinierungen Kontakt hatte.
Bis zum 9. Juni 2026 lag laut ČTÚ keine inhaltliche Antwort vor.
UKE widerspricht tschechischer Darstellung
Die polnische Seite sieht die Situation deutlich differenzierter. Die Behörde für elektronische Kommunikation (UKE) bestätigt den Eingang der tschechischen E-Mails im April und Mai 2026. Gleichzeitig verweist die Behörde darauf, dass sie den Netzbetreiber EmiTel um Stellungnahme gebeten habe und parallel eigene Messungen durchführe.
Die Bewertung der Zusammenarbeit fällt in Warschau allerdings deutlich positiver aus: Die Kooperation mit der tschechischen Seite sei „sehr effektiv“, und personelle Veränderungen bei UKE hätten keinen Einfluss auf die Frequenzkoordination gehabt, antwortet die polnische Behörde auf RADIOSZENE-Anfrage.
Technischer Kern des Konflikts bleibt ungeklärt
Während die tschechische Seite klar den polnischen Sender als alleinige Ursache identifiziert, hält Polen die Bewertung offenbar noch offen. Für das ČTÚ hingegen ist die Lage eindeutig: Andere Ursachen für die DAB+-Störungen in Prag seien ausgeschlossen worden.
Wirtschaftliche Folgen für das DAB+-Netz
Besonders gravierend sind laut Betreiber die wirtschaftlichen Auswirkungen. Jakub Melín berichtet von massiven Empfangsproblemen nicht nur in Prag. Praktisch sind alle Netz auf den Kanälen 6A (Color DAB+), 6B (ČRa Region) und 6C (GG Omikron) gestört oder in ihrer Reichweite eingeschränkt. Programme in diesen Multiplexen seien zeitweise nicht nutzbar, Beschwerden von Hörern und Geschäftskunden häuften sich.
Die Folge: Ein Vertrauensverlust in die Empfangsqualität – gerade in urbanen Gebieten, in denen DAB+ eigentlich stabil funktionieren sollte. Melín betont, dass viele Pendler die Programme auf dem Weg zur Arbeit hören wollen – durch die Störungen sei dies jedoch kaum möglich.
Technische Ursachen: Antennensysteme im Fokus
Am Standort Schneegruben sind laut Melín zwei Antennensysteme installiert. Das obere System auf dem Turm und ein darunterliegendes System am Gebäude. Während das untere System keine Probleme verursacht, führt der Betrieb des oberen Systems laut Messungen zu deutlich stärkeren Abstrahlungen Richtung Tschechien.
Als mögliche Ursache wird eine Verzerrung der Richtcharakteristik durch benachbarte UHF-Antennenanlagen diskutiert. Ob dieser Effekt dem Betreiber EmiTel bekannt ist, bleibt offen.
RADIOSZENE hat dem polnischen Netzbetreiber Emitel um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten. Trotz einer Zusage und erneuter Nachfrage, blieben unsere Fragen unbeantwortet.
Update vom 18. Juni 2026
Stellungnahme von polnischem Netzbetreiber Emitel
Nach Veröffentlichung des Artikels hat der zuständige Netzbetreiber Emitel eine Stellungnahme an RADIOSZENE übermittelt. Zur Wahrung der Vollständigkeit und Ausgewogenheit der Berichterstattung wird diese nachfolgend im Wortlaut wiedergegeben.
„Die Ausstrahlung über den Sender Schneegruben erfolgt gemäß den Parametern, die in der am 31. März 2025 vom Amt für elektronische Kommunikation erteilten Rundfunklizenz festgelegt wurden. Emitel hält die Kompatibilitätsauflagen ein, die im Bescheid zur Frequenzreservierung für MUX-8 vom 2. Oktober 2015 festgelegt wurden – sowohl in Bezug auf den betreffenden Sender als auch hinsichtlich der Gruppe von Übertragungen, die auf dem gemeinsamen Kanal 6 betrieben werden.
Wir stehen in ständigem Kontakt mit dem Amt für elektronische Kommunikation, das den Rundfunkbetrieb in Polen beaufsichtigt und sich direkt mit den entsprechenden Behörden anderer Länder abstimmt. Der Behörde wurden bereits Erläuterungen zu dem Sachverhalt übermittelt. Das Unternehmen hält die geltenden Gesetze sowie die von den Aufsichtsbehörden erlassenen Richtlinien ein.“













