Es gibt Sätze, die bleiben hängen, weil sie eine Entwicklung auf den Punkt bringen, die viele zwar wahrnehmen, aber selten so klar formulieren. Der Eurovision Song Contest (ESC) gehört inzwischen dazu. Einst als europäisches Schaufenster für Musik gedacht, wirkt er heute wie ein Schaufenster für alles – nur nicht mehr primär für Musik.

Musik, Popmusik, Klassik, Jazz – sie alle kommen im Kern ohne Inszenierung aus. Oder besser gesagt: Sie vertragen Inszenierung, solange sie dienend bleibt. Ein Licht, ein Raum, ein Bühnenbild, das nicht überwältigt, sondern unterstützt. Der Musiker, die Musikerin stehen im Zentrum. Genau das scheint beim ESC zunehmend aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.
Was einmal als Wettbewerb der Lieder begann, ist längst ein Wettbewerb der Bilder geworden. Wer erinnert sich am nächsten Tag noch an eine Melodie – und wer an ein brennendes Klavier, schwebende Plattformen oder pyrotechnische Dauerattacken? Die eigentliche Provokation liegt darin, dass man sich diese Frage ernsthaft stellen muss. Denn offenbar reicht Musik allein nicht mehr aus, um zu bestehen.
Dabei hatte die ursprüngliche Idee des ESC genau das im Blick: die Kraft der Musik, Grenzen zu überwinden, Verständigung zu ermöglichen, Vielfalt hörbar zu machen. Heute hingegen scheint die Musik bedrängt, ja geradezu bekämpft zu werden – von einer Inszenierung, die sich verselbständigt hat. Das Bild frisst den Ton. Und es frisst ihn gründlich.
Man kann es auch anders formulieren: Wer den ESC nur hört, hat ein anderes Erlebnis als derjenige, der ihn sieht. Und wer ihn sieht, hat oft Mühe, ihn noch zu hören. Das ist kein Fortschritt, sondern eine Verschiebung der Prioritäten. Die Frage ist, ob diese Verschiebung wirklich im Sinne eines Musikwettbewerbs ist – oder ob hier nicht längst ein anderes Format entstanden ist, das sich nur noch den Namen bewahrt hat.
Und dann kommt die nächste Ebene: Diese Show-Musik soll anschließend im Radio funktionieren. Im linearen Programm, im Stream, im Podcast. Also in einem Medium, das vom Hören lebt. Was passiert mit Songs, deren Wirkung zu großen Teilen aus visuellen Effekten gespeist wird, wenn genau diese Dimension fehlt? Oft bleibt erstaunlich wenig übrig.
Das ist kein Plädoyer gegen Entwicklung oder gegen Unterhaltung. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass sich der ESC von seinem Kern entfernt hat. Vielleicht nicht abrupt, sondern schleichend. Und vielleicht auch nicht unumkehrbar – aber deutlich genug, um darüber zu sprechen.
ESC oder EVC?
Die ironische Konsequenz liegt nahe: Wenn das Visuelle dominiert, wenn die Show das Entscheidende ist, dann sollte man das Format auch ehrlich benennen. Nicht mehr Eurovision Song Contest – sondern eher ein Eurovision Visual Contest. EVC. Das träfe den aktuellen Zustand vermutlich genauer.
Und es würde zumindest eines leisten: Klarheit.

Über den Autor:
Bernt von zur Mühlen ist Publizist und Coach. Er war Direktor von Radio Luxemburg , Geschäftsführer der RTL Radio Deutschland Holding und von 104.6 RTL Berlin.










