Die drei Lokalradios im Mittleren Ruhrgebiet – Radio Bochum, Radio Herne und Radio Ennepe Ruhr – stehen vor einer richtungsweisenden Entscheidung: Noch in diesem Jahr sollen sie in eine gemeinsame „Wohngemeinschaft“ in Bochum ziehen.
Die verantwortlichen Veranstaltergemeinschaften haben sich gemeinsam mit der Funke Mediengruppe auf den Fortbestand dreier eigenständiger Programme verständigt – und damit bewusst gegen eine Fusion der Verbreitungsgebiete entschieden.
Der Zeitdruck ist erheblich. Die Zulassung von Radio Ennepe Ruhr endet am 23. August 2026. Ohne eine Verlängerung müsste der Sendebetrieb eingestellt werden. Üblicherweise beantragen NRW-Lokalradios etwa ein halbes Jahr vor Ablauf die Verlängerung ihrer Lizenz. „Dies gilt auch für Neuzulassungen bei Fusionen,“ teilt die LfM NRW mit und geht davon aus, dass bei Fusionen die „Zeit ausgeschöpft wird. Zulassungsverlängerungen benötigen in der Regel weniger Zeit, schreibt die Medienanstalt NRW auf RADIOSZENE-Anfrage.

Radio Ennepe Ruhr – ein Sorgenkind mit bewegter Geschichte
Tatsächlich blickt Radio Ennepe Ruhr auf eine wechselhafte Vergangenheit zurück. Unter dem Namen „Radio EN“ sendete der Sender bis Ende 2002 aus Gevelsberg. Gesellschafter waren damals die Ruhr-Nachrichten, die WAZ-Gruppe (heute Funke Mediengruppe) und der Ennepe-Ruhr-Kreis.

Anschließend übernahm die Rheinische Post Mediengruppe, Radio Ennepe Ruhr zog in die Räume von Radio Wuppertal im Wuppertaler Arrenberg. Die dort entstandene „Radio-WG“ galt als Modellprojekt: Zwei Redaktionen arbeiteten in einem Großraumbüro unter gemeinsamer Leitung.
Doch dieses Modell steht nun vor dem Aus. Im Februar 2026 kündigte die Rheinische Post Mediengruppe an, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Thomas Kroemer, Vorsitzender der VG von Radio Wuppertal, hatte zunächst noch gehofft: „Wir kämpfen weiterhin dafür, dass die erfolgreiche Kooperation Wuppertal – Ennepe Ruhr bestehen bleibt und fortgesetzt wird.“
Zwei Monate später ist klar: Die Zusammenarbeit endet. „Die Veranstaltergemeinschaft Radio Wuppertal möchte den Standort Wuppertal für Radio Wuppertal unbedingt erhalten. Es wird sich in den kommenden Wochen zeigen, ob dies auf lange Sicht gelingen kann. Die Gespräche mit der Betriebsgesellschaft dazu laufen noch“, so Kroemer.
Wirtschaftlicher Druck und Fusionsdebatten im NRW-Lokalfunk
Die strukturellen Probleme reichen jedoch weit über einzelne Standorte hinaus. Ein Gutachten der Goldmedia GmbH aus dem Jahr 2024 im Auftrag der LfM NRW analysierte die wirtschaftliche Lage des NRW-Lokalfunks und skizzierte mehrere Fusionsszenarien. Diskutiert wurden unter anderem Zusammenschlüsse zwischen Radio Ennepe Ruhr und Radio Wuppertal oder eine größere Lösung mit Bochum, Hagen und Herne.

Maximilian Krone, Sprecher der Rheinischen Post Mediengruppe, beschreibt die Verhandlungen der vergangenen Monate als intensiv: „Viele verschiedene Lösungsansätze sind denkbar – auch, dass der auslaufende Vertrag nicht verlängert wird.“ Selbst ein „Supergau“ – eine Vermarktungslücke mitten in NRW – sei nicht ausgeschlossen gewesen.
Die wirtschaftlichen Herausforderungen sind systemisch: „Das vergangene, wie auch das aktuelle Jahr sind für die NRW-Lokalradios durchaus herausfordernd. Zunehmend wird es daher schwierig, selbst mit Kooperationen zwischen mehreren Sendern, wirtschaftlich zu senden“, so Krone. Werbeerlöse wandern verstärkt zu globalen Plattformen, während lokale Anbieter unter Druck geraten.
Rechtliche Hürden für Fusionen
Fusionen von Verbreitungsgebieten sind rechtlich kompliziert. Das Landesmediengesetz bietet keine Grundlage für eine eigenständige Zusammenlegung durch die Veranstaltergemeinschaften; diese erfolgt ausschließlich durch die LfM NRW per Satzung.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass solche Prozesse möglich, aber selten sind: Am 21. Oktober 2009 wurden Stadt und Kreis Aachen zur Städteregion zusammengelegt (Aachen-Gesetz). In der Folge wurde „Radio Aachen“ am 26. Februar 2010 eingestellt, während „Antenne AC“ das gesamte Gebiet übernahm.
Ein ähnlicher Versuch zwischen Radio Ennepe Ruhr und Radio Hagen scheiterte 2019 an den gesetzlichen Rahmenbedingungen. Krone ordnet ein: „Der Sinn der Gespräche in Fusionsgebieten ergibt sich rein faktisch daraus, dass die verantwortlichen VGen und BGen auch in einem zukünftigen Fusionsgebiet zusammenfinden müssen. Es ist zumindest sehr wahrscheinlich, dass die neue VG sich aus den bisherigen VGen zusammensetzen wird und bei den BGen ist es ebenso.“
Die Medienkommission hat im November 2025 festgelegt, dass Fusionen nur dann erfolgen sollen, wenn die betroffenen Sender keinen tragfähigen Alternativvorschlag vorlegen. „Die Landesanstalt für Medien NRW begrüßt ausdrücklich jede Initiative, die aus dem System des Lokalfunks heraus an uns herangetragen wird“, erklärte ein LfM-Sprecher auf RADIOSZENE-Anfrage.
Druckmittel Fusion – und eine fragile Einigung
Im aktuellen Fall begleitete die LfM Gespräche zwischen der Funke Mediengruppe und den Veranstaltergemeinschaften der drei Sender. Dabei stand auch im Raum, Radio Ennepe Ruhr wieder unter das Dach von Funke zu holen und ein gemeinsames Funkhaus in Bochum zu schaffen.
Die Idee einer Fusion stieß jedoch auf „übersichtliche Begeisterung“, wie Schmid es formulierte. Hinter den Kulissen erhöhte die Medienanstalt den Druck: Hätte eine der beteiligten VGs die Kooperation abgelehnt, hätte die LfM das gesamte Verbreitungsgebiet neu zuschneiden und ausschreiben können – mit weitreichenden Konsequenzen.
Redaktionen hätten aufgelöst, Mitarbeiter gekündigt und neue Strukturen aufgebaut werden müssen. Städte und Kreis hätten eine neue Veranstaltergemeinschaft gründen müssen – ein Verfahren, das es seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.
Kommunen als Unsicherheitsfaktor
Die wirtschaftliche Lage der Kommunen erschwert solche Szenarien zusätzlich. Während in den 1990er-Jahren großes Interesse bestand, sich am Lokalfunk zu beteiligen, stehen heute viele Städte und Kreise unter finanziellem Druck und verfügen über eigene Kommunikationskanäle.
Unsicher ist, ob sich die Räte der Städte Bochum und Herne, sowie der Kreistag des Ennepe-Ruhr-Kreises auf eine erneute Beteiligung am Lokalfunk einigen würden. Die Stadt Herne befindet sich im Haushaltssicherungskonzept – ihren Ausgaben genehmigt die Bezirksregierung Arnsberg – der Ennepe-Ruhr-Kreis hat gerade erst die Sanierung seines asbestbelasteten Kreishauses für 80 Mio. beschlossen und der „Stadt Bochum geht das Geld aus“, titelte kürzlich die WAZ.
Mit wachsendem Verbreitungsgebiet sinkt zudem die Bereitschaft, sich finanziell zu engagieren. Gleichzeitig müssten Verlage als Gesellschafter neuer Betriebsgesellschaften hohe Investitionen tätigen – ohne sichere Refinanzierung.
Neue Kooperation – alte Konflikte
Die nun vereinbarte Lösung sieht eine Kooperation für zunächst 2,5 Jahre vor – beginnend mit dem Ende der Zulassung von Radio Ennepe Ruhr. Die Sender sollen in ein gemeinsames Funkhaus in Bochum ziehen. Radio Ennepe Ruhr und Radio Herne würden eine gemeinsame Chefredaktion erhalten, während Radio Bochum eigenständig bleibt. Die VG-en Ennepe Ruhr und Herne begrüßten die Lösung zum Erhalt ihrer Lokalradios.
Doch selbst diese Lösung ist nicht konfliktfrei. Bereits im Februar machte die Bochumer Ratsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen Streitigkeiten um die Besetzung der Chefredaktion öffentlich.
„Die Betriebsgesellschaft macht eigene Personalvorschläge“, kritisierte die Fraktionsvorsitzende Vicki Marschall und warnte: „Dies käme einer Entmachtung der inhaltlichen Verantwortlichen gleich.“ Die Auswahl der Chefredaktion obliegt der VG, die BG muss zustimmen.
Die Position der Chefredaktion bei Radio Bochum ist seit dem Weggang von Andrea Donat vakant, interimistisch führt Frank Haberstroh die Redaktion.
Entscheidung mit Signalwirkung
Die Zustimmung der Bochumer VG gilt als entscheidend. Eine Ablehnung hätte weitreichende Folgen – nicht nur für Bochum, sondern für das gesamte Gefüge der Lokalradios im Mittleren Ruhrgebiet.
Für Radio Ennepe Ruhr könnte dies das Aus bedeuten. Radio Herne müsste möglicherweise in das Essener Funkhaus der Funke Mediengruppe umziehen. Dabei liegen die aktuellen Standorte nur rund 6,3 Kilometer auseinander – ein gemeinsames Studio wäre geografisch naheliegend.
Im Falle eines Scheiterns hätte die LfM kurzfristig neue Fusionspläne auf Basis des Goldmedia-Gutachtens prüfen lassen. Ein komplexer und riskanter Prozess wäre in Gang gesetzt worden, dessen Ausgang offen ist.
LfM-Direktor Schmid äußerte Zweifel, ob sich überhaupt neue Bewerber für ein Lokalradio finden würden.
Branche warnt vor Zwangsfusionen

Auch der Verband Lokaler Rundfunk NRW (VLR) sieht die Entwicklung kritisch: „Wir sehen diese Problemstellung ähnlich und erkennen sie auch für den Bereich der VGs. Bereits 2024 hat der VLR davor gewarnt, dass bei einer erzwungenen Fusion von Sendegebieten es an den beteiligten VGs und BGs scheitern könnte, die nicht schnell genug oder gar unwillig sind, sich neu zu formieren. Der Worst-Case wäre es, wenn in der guten Absicht, den Lokalfunk flächendeckend zu erhalten, am Ende zwangsweise fusionierte aber brach liegende Sendegebiete stehen würden“, erklärte Geschäftsführer Timo Naumann.
Der Verband unterstützt daher die jetzige Kooperationslösung: „Wie auch die LfM, ziehen wir eine Kooperation auf Basis einer Vereinbarung der Beteiligten einer Fusion klar vor.“
Politischer Ausblick
Viele Fragen bleiben offen. Die Zustimmung der Medienkommission steht noch aus, ebenso laufen Personalgespräche.
Zugleich hat sich der regulatorische Rahmen zuletzt kaum verändert: Das novellierte Landesmediengesetz, das im März 2026 in Kraft trat, brachte keine grundlegenden Neuerungen für den Hörfunk.
Mit Blick auf die Landtagswahl im kommenden Jahr gewinnt die Entwicklung zusätzliche politische Dimension. Der Ausgang der Wahl dürfte maßgeblich beeinflussen, wie sich die Medienlandschaft in Nordrhein-Westfalen künftig strukturiert – und ob Modelle wie die „Radio-WG“ im Revier eine Zukunft haben.












