Nach dem Bericht der Süddeutsche Zeitung vom 20. April über eine Kündigungswelle bei 95.5 Charivari steht der Münchner Privatsender vor einer strategischen Neuausrichtung. (RADIOSZENE berichtete).
Die Entwicklungen gelten in der Branche als exemplarisch: Viele Anbieter stehen unter wirtschaftlichem Druck und überprüfen derzeit ihre Strukturen und Geschäftsmodelle. Entsprechend wird das Thema intensiv diskutiert – auch, weil jetzt strategische Weichenstellungen anstehen und sich praktisch jeder Sender aktuell intensiv mit vergleichbaren Fragen beschäftigt.
Über Hintergründe, Ziele und die künftige Ausrichtung spricht 95.5 Charivari-Geschäftsführer Till Coenen mit RADIOSZENE.
RADIOSZENE: Was waren die ausschlaggebenden Gründe für die Kündigungswelle?
Till Coenen: Der lokale Radiomarkt steht vor einer strukturellen Anpassung. Das ist keine Krisendiagnose. Es ist die nüchterne Beschreibung eines Marktes, der historisch aus einer anderen Logik heraus gewachsen ist, als sie heute wirtschaftlich trägt.

Viele Diskussionen in der Branche drehen sich aktuell um gesellschaftliche Bedeutung und politische Relevanz. Die entscheidende Frage ist eine größere: Unter welchen wirtschaftlichen, strukturellen und organisatorischen Bedingungen kann lokales Radio dauerhaft betrieben werden und damit seinen publizistischen Auftrag tatsächlich erfüllen? 95.5 Charivari hat diese Frage beantwortet und handelt entsprechend.
Radiosender wurden über Jahrzehnte aus einer Produktionslogik heraus gebaut: viele Menschen im Haus, eigene Studios, eigene Redaktionen, eigene Techniker, gewachsene Abläufe. Diese Logik hatte Gründe – und sie hatte kulturellen Wert. Aber sie entscheidet heute nicht mehr über wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Was heute über Zukunftsfähigkeit entscheidet, ist die Frage, ob ein System stabile Reichweite erzeugen, diese verlässlich vermarkten und beides wirtschaftlich zusammenführen kann. Diese Frage lässt sich mit historisch gewachsener Komplexität schwerer beantworten als mit einem klaren, effizienten, technologisch gestützten Betriebsmodell.
Wie gesagt: diese Entwicklung betrifft den gesamten lokalen Radiomarkt. Andere Anbieter stehen vor denselben strukturellen Fragen – auch wenn viele von ihnen diese Fragen noch nicht beantwortet haben.
RADIOSZENE: Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind tatsächlich von den Kündigungen betroffen? Der Bayerischer Journalisten-Verband spricht von rund 20 – trifft das zu?
Till Coenen: Über arbeitsrechtliche Internas kann und darf ich keine Auskunft geben, das werden Sie verstehen. Solche Entscheidungen betreffen immer Menschen, deshalb wurden sie sorgfältig abgewogen und nicht leichtfertig getroffen. Im Grundsatz ist es so: Die Struktur wurde konsequent auf wirtschaftliche Tragfähigkeit ausgerichtet. Das hatte personelle Auswirkungen. Das Ergebnis ist ein System, das dauerhaft stabil arbeitet.
RADIOSZENE: Sie sprechen im SZ-Interview im Zusammenhang mit der derzeitigen Kündigungswelle bei 95.5 Charivari von einem neuen „Arbeitsmodell“. Wie sieht dieses Modell konkret organisatorisch, redaktionell und technisch aus?
Till Coenen: Die Radiobranche erlebt keinen Sonderfall. Sie erlebt ein Muster, das andere reife Branchen vor ihr schon durchlaufen haben. Ein Vergleich dazu:

In vielen Branchen wie z.B. der Telekommunikation oder der Automobilindustrie verlief die Entwicklung nach demselben Schema: Historisch gewachsene Strukturen wurden lange als Qualitätsmerkmal behandelt. Komplexität galt als Ausdruck von Stärke. Dann kippte das Verhältnis – Aufwand und Wirkung passten nicht mehr zusammen.
Die Autoindustrie hat dabei über Jahrzehnte aus einer Produktionslogik heraus funktioniert: viele Modelle, hohe Fertigungstiefe, starke Identität über handwerklichen Stolz. Irgendwann fraß Komplexität die Marge. Plattformen wurden wichtiger als einzelne Modelle. Standardisierung, Skaleneffekte, modulare Systeme und Technologie rückten ins Zentrum. Das System dahinter entschied über wirtschaftliche Überlebensfähigkeit – das einzelne Produkt allein nicht mehr.
Radio erlebt denselben Übergang: vom Manufakturdenken zur Plattformlogik. Der Hörer nimmt das fertige Produkt wahr. Die eigentliche Entscheidung über den Erfolg findet in Prozessen, Technologie und Kostenarchitektur statt.
Wir haben diese Anpassung bei 95.5 Charivari frühzeitig, klar und konsequent vollzogen. Das Betriebsmodell wurde grundlegend neu aufgesetzt: ein vertriebszentriertes System mit externem Content-Einkauf, Cloud-Playout und einer schlanken, steuerungsfähigen Organisation. Das hatte strukturelle Konsequenzen für Prozesse, Technologien, Raumbedarfe und Personal. Diese Konsequenzen waren der Inhalt der Entscheidung.
RADIOSZENE: Kritiker befürchten, dass durch den Abbau redaktioneller Strukturen die inhaltliche Qualität leidet. Wie stellen Sie sicher, dass das Programm weiterhin journalistische Substanz behält?
Till Coenen: Ein Programm ist dann stark, wenn es genutzt und geliebt wird. Genau darauf ist die Struktur ausgerichtet. Journalistische Kompetenz und redaktionelles Wissen sind im System zentral gesteuert, dezentral organisiert und von spezialisierten Partnern geliefert. Was sich verändert hat, ist die Organisationsform. Inhalte entstehen heute in einem Netzwerkmodell: Nachrichtenversorgung, Moderation, redaktionelle Zuarbeit, Musikplanung und On-Air-Design werden von Spezialisten geliefert, die genau das als Kernkompetenz betreiben. Intern gesteuert werden Markenpassung, Qualität und strategische Ausrichtung.
Das Modell ist effizienter und inhaltlich flexibler als ein ausschließlich intern vorgehaltener Festapparat. Das Ergebnis für unsere Hörer ist ein vollständiges, verlässliches, regionales Programm.
RADIOSZENE: Wird es künftig keine eigenständige lokale Redaktion mehr in München geben, oder sollen alle Inhalte extern z.B. von der BLR zugeliefert werden?
Till Coenen: Entscheidend ist nicht die Größe einer internen Redaktion, sondern die verlässliche Qualität lokaler Inhalte für unser Publikum. Inhalte müssen funktionieren und Reichweite stabil halten. Dafür ist die Netzwerk-Struktur ausgerichtet.
RADIOSZENE: Für wann ist der Start der Zusammenarbeit mit Radio Arabella München geplant – und betrifft diese Kooperation nur Inhalte oder auch Moderation und Programmgestaltung?
Till Coenen: Aktuell prüfen wir unterschiedliche Modelle der Zusammenarbeit mit verschiedenen Marktpartnern, wie sie in vielen Branchen üblich sind. Konkrete Entscheidungen, Zeitpläne oder operative Ausgestaltungen gibt es derzeit nicht zu kommunizieren. Maßgeblich ist für uns allein, wie wir Programmqualität, Wirtschaftlichkeit und Zukunftsfähigkeit bestmöglich sichern.
RADIOSZENE: Besteht aus Ihrer Sicht die Gefahr, dass sich Programme durch solche Pool- und Kooperationsmodelle stärker angleichen?
Till Coenen: Programm und starke Marke bleiben auch in Zukunft die Grundlage für Reichweite und Bindung. Das ist angesichts der extremen Segmentierung in der Mediennutzung elementar. Wie dies organisiert wird, folgt heute schlicht anderen Logiken als früher. Und nicht die Quelle der Information ist entscheidend, sondern die Qualität der Aufbereitung für ihren ganz eigenen Markt sowie der Präsentation.
RADIOSZENE: Welche Einsparungen wollen Sie mit den Maßnahmen erreichen – können Sie eine Größenordnung nennen (in Prozent)?
Till Coenen: Ohne hier in Details zu gehen: Ein wirtschaftlich instabiles Medium kann keinen publizistischen Beitrag leisten. Ein wirtschaftlich tragfähiges kann es. Unsere Entscheidung sichert beides: den Betrieb und den Auftrag.
RADIOSZENE: Da sicher noch weitere Lokalradios in einer ähnlichen Situation sind: wo sehen Sie noch weitere Einsparungspotenziale bei Lokalradios in Bayern, mehr Einsatz von KI oder das klassische Funkhausmodell?
Till Coenen: Das Funkhaus als geschlossenes System, in dem alles als Manufaktur unter einem Dach produziert wird, ist ein Modell des vergangenen Jahrhunderts. Das Netzwerkmodell, in dem Kompetenzen gezielt eingekauft und gesteuert werden, ist das Modell der Gegenwart. Für Hörer und Werbekunden bleibt das Ergebnis stabil. Das System dahinter wird effizienter. Wir führen diese Diskussion auf der Ebene, auf der sie entschieden wird: Strukturen, Wirtschaftlichkeit, Betriebslogik. Das ist die Ebene, auf der Zukunftsfähigkeit entsteht als Grundlage für Relevanz im Markt.
RADIOSZENE: Wie könnten die Privatradios noch weitere Einnahmequellen erschließen?
Till Coenen: Vor allem, indem sich Radiosender nicht mehr primär als Programmproduzenten verstehen, deren Reichweite dann „auch noch“ vermarktet werden muss, sondern als regionaler Vermarkter mit starken, glaubwürdigen Marken und entsprechender Reichweite als Kernprodukt.
Die vertraute Marke steht im Zentrum. Darum herum entstehen zahlreiche starke Monetarisierungs-Kanäle: neben relevanter linearer und IP-Audio-Reichweite, welche konvergent vermarktet wird, Audio-Angebote wie Corporate Podcast-Produktionen und auch Off-Air-Events.
Weiter muss sich Radio für datengetriebene, programmatische Buchungsmodelle öffnen um Zielgruppen kontaktbasiert zu planen und Kampagnen mit kurzer Vorlaufzeit datengetrieben und automatisiert auszusteuern.
RADIOSZENE: Was muss sich aus Ihrer Sicht auch auf regulatorischer Ebene ändern, damit lokaler Hörfunk wirtschaftlich tragfähig bleibt?
Till Coenen: In Bayern wurden im Rahmen der Audiostrategie 2025 der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) u.a. Leitplanken zu regionalen Kooperationen, Programmsharing und Synergien festgelegt. Das ist hilfreich.

Die Regulierung sollte so weiterentwickelt werden, dass lokaler Hörfunk im digitalen Wettbewerb nicht länger strukturell benachteiligt wird. Entscheidend sind dabei eben mehr Kooperationsspielräume für private Sender, der Abbau überholter bürokratischer Vorgaben und vor allem ein echtes Level Playing Field gegenüber Big Tech: Radioangebote müssen auf digitalen Endgeräten, Sprachassistenten, Plattformen und im Auto diskriminierungsfrei auffindbar und zugänglich sein, während globale Plattformen, die Werbeerlöse aus den lokalen Märkten abziehen, stärker reguliert und fairer besteuert werden müssen.
Ergänzend braucht es verlässliche Förderinstrumente für Leistungen von öffentlichem Wert sowie eine klar abgegrenzte, marktunterstützende Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, damit lokale private Anbieter wirtschaftlich bestehen und Medienvielfalt erhalten bleibt.
RADIOSZENE: Woran werden Sie in einem Jahr messen, ob der Umbau von Charivari 95.5 erfolgreich war?
Till Coenen: Der Markt bewertet heute, wie stabil und wirtschaftlich ein System Reichweite erzeugt und in Wirkung übersetzt. Die Größe des internen Apparats ist dabei kein Maßstab. Diese Entwicklung betrifft nicht einzelne Anbieter. Sie betrifft den gesamten Markt. Wir haben entschieden.
RADIOSZENE: Herr Coenen, wir danken Ihnen für das Gespräch.










